Der tell-Mitarbeiter Herwig Finkeldey ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.

Nun schließt Deutschland – Stand 15.03.2020, 18:00 – die Grenzen zu vier Nachbarstaaten. Die Grenze zu Polen und zu Tschechien haben die jeweiligen Länder ja selbst schon geschlossen. Damit ist Deutschland de facto ein abgeriegelter Nationalstaat. Das ist, zusammen mit der Schließung von Schulen, Sport- und Gaststätten auf kommunaler Ebene, der vorläufige Höhepunkt sich überstürzender staatlicher Maßnahmen, die die Pandemie durch das SARS-Cov-2 eindämmen sollen.

Was ist von solch drastischen Maßnahmen zu halten? Ist das durch epidemiologisch-infektiologische Erkenntnisse abgedeckt, oder liegt das jenseits einer rationalen Gesundheitspolitik? Dient dies mehr der Beruhigung der Bevölkerung als der Lösung des Problems? Es scheint zumindest so, dass die öffentliche Stimmung eher in die Richtung drastischer Maßnahmen geht als in deren Abwehr. Dies beeiflusst die Politiker, die solche Entscheidungen treffen müssen, durchaus, es gibt ein Getriebensein im schwierigen Prozess der Entscheidungsfindung. Jedenfalls beklagt dies die Medizinerin Ursula Nonnemacher, Gesundheitsministerin des Landes Brandenburg, in einer Rundfunkdiskussion des Inforadio rbb vom 15. März 2020.

Zwischen Panik und falscher Beschwichtigung

Seuchen waren immer Auslöser von Angst und Schuldzuweisungen. In Zeiten, in denen man noch keinerlei Wissen über deren Ursachen hatte, während der Pestepidemie des Mittelalters etwa, ohnehin, doch mit dem Aufkommen der naturwissenschaftlichen Erklärungen wurde die Sicht auf die Infektionskrankheiten keineswegs rationaler. Zwar wissen nun alle, dass Viren oder Bakterien die Auslöser sind. Dennoch sieht man vielerorts als Ursache das Eindringen des Fremden in die eigene Bevölkerung.

Demnach überträgt sich das Coronavirus in unserer globalen Welt nicht von Mensch zu Mensch: Zu Anfang hieß es, es „kommt aus China“, und Präsident Trump erklärt es schlicht als „foreign“. Aus anderen Ecken trudeln Verschwörungstheorien ein. George Soros soll hinter dem Virus stecken, sogar von einem vorsätzlich freigesetzten biologischen Kampfstoff ist die Rede.

In einer solchen Situation, die beständig zwischen Panik und falscher Beschwichtigung pendelt, müssen Politiker nun handeln. Da kann man nur verlieren. Wer Angehörige hat, die zu den Risikogruppen gehören, macht sich berechtigte Sorgen – diesen Menschen tut man mit Hysterievorwürfen Unrecht.

Egal, was man tut, immer wird es nach dem Ende der Seuche wohlfeile Urteile ex post geben – vor allem von denjenigen, die keine Verantwortung übernehmen mussten.

Aber man kann diese Situation auch als existenzielle Herausforderung sehen und sie annehmen. Alle wissen, dass Nichtstun fatal wäre. Die gespenstische Situation in Norditalien spricht für sich.

Die Populisten warten

Doch Handeln trägt immer auch die Möglichkeit des Irrtums, des Scheiterns in sich. Egal, wie gut die Politiker von den Virologen jetzt beraten werden – niemand kann den Verlauf der Pandemie abschätzen. Jede Entscheidung kann falsch sein. Das lehrt Bertolt Brechts Erzählung „Safety first“, die in der DDR unter dem Titel „Die Rache des Kapitän Mitchell“ verfilmt wurde. Mitchell ist Kapitän des Kreuzfahrtschiffs Astoria, das nach einer Kollision mit einem Fischkutter kurz vor Schottland leck schlägt. Im Navigationsraum kommt man, nach Begutachtung des Schadens, zum Schluss, dass das Schiff binnen einer Stunde sinken werde. Mitchell entscheidet sich für den Notruf SOS. Zwei Schiffe eilen herbei und nehmen die Passagiere auf. Mitchell bleibt mit der Mannschaft an Bord, doch wider Erwarten lässt sich das Schiff in den nächsten Hafen steuern. Dass es nicht gesunken ist, erweist sich für Mitchell als fatal: Weil er unnötigerweise SOS gerufen und damit hohe Kosten verursacht habe, wird er von seiner Reederei entlassen.

Genau so könnte es Politikern gehen, wenn die Pandemie überstanden ist und die Rechnung für das Saftey first-Denken präsentiert wird. Derzeit schweigen die Populisten. Gut möglich, dass sie auf diesen Moment warten, um dann mit Verspätung doch noch politisches Kapital aus der Katastrophe zu schlagen.

Trotzdem sind wir zum Handeln verdammt.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Michel Serre: Die Pest in Marseille 1720.
Public Domain, via Wikimedia Commons

Bertolt Brecht
Die unwürdige Greisin und andere Geschichten
Zusammengestellt und mit Anmerkungen versehen von Wolfgang Jeske
Suhrkamp 2008 · 220 Seiten · 9 Euro
ISBN: 978-3-518-38246-2

Bei Mojoreads oder im lokalen Buchhandel

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Von Herwig Finkeldey

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