Wie kann man einen Roman schreiben über einen Flugzeugabsturz, den niemand überlebt hat? Die Fakten – über die gefundenen Trümmer, die mögliche Ursachen des Absturzes und die technischen Daten – sind schnell erzählt. Auf Wikipedia finden sich diese gerade mal auf einer halben Seite, wenn man nach dem Flugzeugabsturz einer Air France Maschine über der algerischen Wüste sucht, der sich dort im Mai 1961 ereignet hat. Das Flugzeug befand sich auf dem Weg von Brazzaville nach Paris, und die Katastrophe geschah nach Zwischenlandungen in Bangui und Fort Lamy.
Literatur entfaltet sich jenseits von Fakten. Cécile Wajsbrot gelingt es in ihrem Roman Offener Himmel, sich diesem Flugzeugabsturz literarisch zu nähern. Sie tut dies aus der Sicht einer „alterslosen Frau“, die als Kind durch das Unglück eine ganz besondere Freundin verloren hat, nämlich die von ihr so genannte Reisefee, die als Stewardess auf dem Unglücksflug dabei war. Diese Fee hatte dem Leben der Protagonistin damals einen „Hauch von Abenteuer verliehen“. Von jeder Reise hatte sie ihr etwas mitgebracht, einen grünen Esel aus Mexiko etwa oder eine Radiopuppe aus Japan.
Vier Textebenen
Auf einer ersten Ebene des Romans sucht die Protagonistin nach den Ursachen des Unglücks. Sie betreibt Recherchen, wendet sich an die Luftfahrtbehörde und erfährt dabei, dass es offenbar zu einer Explosion des Flugzeugs in der Luft gekommen war. An Bord waren zwei Minister aus dem Tschad und der Zentralafrikanischen Republik, auf die eventuell ein Attentat verübt werden sollte. Es war aber auch die Zeit des Algerienkrieges, so dass Frankreich in dem Gebiet militärisch aktiv war. Eine endgültige Antwort auf die Unglücksursache bleibt aus.
Der Roman gewinnt seine Kraft daraus, dass er das Geschehen auf drei weitere Erzählebenen hinüberspielt. Da ist zum einen die Ich-Erzählerin, die zunächst im Ensemble eines Chores (dem antiken Tragödienchor nachempfunden) mitwirkt und sich dann aus diesem Chor löst. Eine weitere Ebene besteht in Chorstimmen, die das Erzählte kommentierend, teilweise beschwörend, begleiten. Und schließlich wird der Erzählfluss mannigfach angehalten und sogar unterbrochen, um auf einer vierten Ebene Zitaten und Textfragmenten aus Mythen und Literaturen der ganzen Welt Raum zu geben.
Präludium und Chor
Geheimnisvoll ist bereits die Stimme der Ich-Erzählerin aus dem Chor. Bevor das Thema der Erzählung sich deutlicher herausschält, entfaltet sich über 25 Seiten hinweg eine Art Präludium, ein geheimnisvolles Selbstgespräch der Ich-Erzählerin, die den Chor verlassen hat. Sie sucht dabei ihre Rolle zwischen der eigenen Stimme und der des Chores und taucht in das Leben einer großen Stadt ein. Dabei trifft sie auf die alterslose Frau und folgt ihr, als diese eine Ausstellung mit dem Titel „I Will Survive“ und „After the Crash“ besucht. Hier wird das Thema des Romans – der Flugzeugabsturz – zwar angedeutet, aber so kryptisch, dass der Leser sich ähnlich im Rätselhaften bewegt wie die Ich-Erzählerin. Es empfiehlt sich daher, dieses Präludium der Hinführung auf das Thema nach der Lektüre des ganzen Romans noch einmal zu lesen.
Es dauert, bis die Ich-Erzählerin sich von der ausschließlich erzählenden und kommentierenden Rolle als Chorsängerin befreien und die alterslose Frau fragen kann, wonach sie sucht. Ab hier entwickelt sich zaghaft ein Gespräch zwischen den beiden Protagonistinnen, endlich kann die alterslose Frau ihre Geschichte von der Reisefee erzählen. Denn bisher hat niemand sie nach ihren Erinnerungen gefragt.
Bedingungen des Erzählens
Ohne ein wohlwollend fragendes Gegenüber lässt sich bekanntlich nur schwer erzählen, und dies ist ein Grundthema des Romans: die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit des Erzählens. Dabei nimmt der Text immer wieder Bezug auf die großen Erzählungen der Menschheit.
Wer hat zum Beispiel die Rückkehr Eurydikes in den Hades beschrieben? Diese Frage taucht im Roman sehr früh auf. Orpheus hat lediglich gesehen, wie Eurydike sich verflüchtigte, er kann also nur ihr Verschwinden bezeugen. Zeigt sich hier so etwas wie ein Subtext des ganzen Buches? Denn genauso verhält es sich mit dem Flugzeugabsturz: Das Verschwinden des Flugzeugs wurde bemerkt, doch da niemand das Unglück überlebt hat, kann auch niemand Zeugnis ablegen vom tatsächlichen Hergang. Niemand ist Eurydike gefolgt, niemand den Passagieren auf ihrem Todesflug.
Geht es der alterslosen Frau also ähnlich wie Orpheus? Wozu betreibt sie ihre Recherchen nach dem Hergang der Katastrophe? Um eine Verbindung zu ihrer „Reisefee“ herzustellen? Fragen, die sich erst in der Begegnung mit der Chorsängerin klären werden. Diese scheint als mythische Figur besonders geeignet, den Erzählfluss der Protagonistin in Gang zu setzen. Plötzlich hört sie nämlich die Stimmen eines anderen Chores, zu dem sie früher einmal gehört haben mag, bevor ihr, wie sie sagt, die Individualität genommen wurde.
Es ist der Chor derjenigen, die das Unglück nicht überlebt haben:
Wir sind leise verschwunden, wir haben das Geheimnis bewahrt.
Doch in jeder Katastrophenszene kehrt die vergangene Szene wieder.
Wir sind für immer mit allen Unfällen verbunden.
Jedes Mal bringen wir jede Etappe erneut hinter uns, folgen demselben Weg.
Jeder Flug ist die Summe aller vorangegangenen Flüge und legt, bevor das Flugzeug landet – die Gegenwart –, die früher zurückgelegten Kilometer aufs Neue zurück.
Wir, die wir in wenigen Sekunden – von unermesslicher Dauer – ums Leben gekommen sind, reichen an die längsten und ältesten Leben einander überlagernder Epochen heran.
Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft.
Und weiter:
Wir befanden uns außerhalb der Zeit.
Hingen in der Ewigkeit – vielmehr einer Form von Ewigkeit – fest.
Die Chorsängerin kommt also von außerhalb der Zeit, eine Entsprechung zur Alterslosigkeit der Protagonistin. Es ist für sie als mythische Figur nicht selbstverständlich, mit der alterslosen Frau zu reden.
Ich werde zu ihr gehen, mit ihr sprechen, über den Abgrund springen, der uns trennt, die Zeitschranke überqueren.
Damit wird sie zur „Fährfrau, die einen ans andere Ufer der Erzählung bringt“. Das Erzählen wird durch eine Art Rollentausch möglich: Die Erzählerin aus dem Chor wird zur Fragenden, und die Fragen stellende Protagonistin wird zur Erzählerin. Sie erzählt von ihrem Schmerz, ihrer Suche nach Ursachen und von der Unmöglichkeit, Abschied zu nehmen. Es geht also hier um die Themen Verlust, Trauer und Nicht-Begreifen des eigenen Schicksals.
Von den Vögeln lernen
Vor diesem Hintergrund erschließt sich die Bedeutung der mythologischen und literarischen Bezüge. So viel wir auch über die technischen oder politischen Details dieses Flugzeugabsturzes räsonieren mögen, ein solches Unglück ereignet sich – wie auch die im Text erwähnten weiteren Flugzeugkatastrophen – zudem in einem historischen und mythologischen Umfeld: Der Traum vom Fliegen ist seit jeher Teil des menschlichen Lebens, die Mythen des Ikarus und des Phaeton künden davon.
Die Menschen wollten von den Vögeln lernen, die einst als gefallene Engel galten, wie es in einer im Roman zitierten Heiligenlegende aus dem 12. Jahrhundert heißt. Und so spielen auch diverse berühmte Vogelerzählungen in den Text hinein, von der Vogelpredigt des Franz von Assisi bis zu den Vogelgesprächen des persischen Dichters Fariduddin Attar. Auch die moderne Literatur kommt zu Wort: Proust, Kafka und Virginia Woolf werden zitiert mit Textbeispielen für die Faszination, welche die ersten Flugzeuge am Himmel auslösten.
Der Preis dieser Faszination erscheint in Gestalt einer Fülle an Katastrophen, von denen nur wenige uns im Gedächtnis geblieben sind. Die menschliche Hybris, das wird hier deutlich, bringt uns immer wieder in eine Spannung zwischen der Überwindung von Grenzen und der damit oft einhergehenden Tragödien. „Wir haben von Ikarus und Phaeton gelernt“, heißt es im Text. Beide sind mit ihrem Flugversuch gescheitert, und auch wir sind verwundbar geblieben, vielleicht sogar noch verwundbarer geworden.
Dass all diese Bezüge Raum finden in einem Werk, das nicht einmal zweihundert Seiten umfasst, liegt an der geschmeidigen Verschränkung der vier Ebenen des Romans. Die Zitate aus den Weltliteraturen erscheinen auf diese Weise nicht als Zutat, vielmehr blitzt in ihnen die Präsenz des Mythischen und bisweilen Numinosen auf inmitten einer Welt der modernen Technik. Und sie lassen sich lesen als eine großzügige Geste der Autorin gegenüber ihren literarischen Vorgängern, eine Geste des Danks und des Eingedenkens im eigenen Schreiben.
Bildnachweis:
Beitragsbild: Flugzeugwrack auf Island via rawpixel
Cécile Wajsbrot
Offener Himmel
Roman
Aus dem Französischen von Holger Fock
Wallstein Verlag 2026 · 176 Seiten · 23 Euro
ISBN: 978-3835359826
Bei Eichendorff21 oder im lokalen Buchhandel



Ein Buch, das ich mir nie gekauft hätte, weil für mich persönlich (vermeintlich) völlig uninteressant.
Die Rezension von Frank Hahn hat mich gebannt, überrascht, neugierig gemacht – und mir schon vorab verschiedene Ebenen aufgeschlossen. Großartig, ich danke sehr! Nun mach ich mich auf Entdeckungsreise.