„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)
Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.
(Warnung: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)
Zum ersten Todestag von Gertrud Leutenegger (1948-2025) bringen wir einen kleinen Schwerpunkt zu ihrem Werk.
Der Page-99-Test ist dazu der Auftakt.
Dieser Page-99-Test beruht auf einem leap of faith. Ich nehme den ersten Todestag von Gertrud Leutenegger zum Anlass für einen Page-99-Test, aber das geht natürlich nur, wenn der Test gut ausfällt. Da ich beim Page-99-Test nicht schummeln darf, indem ich mir aus einem der 17 Bücher von Gertrud Leutenegger eine besonders gelungene Seite 99 aussuche, könnte das Experiment auch schiefgehen.
Ich greife in meinem Bücherregal zu ihrem Debütroman Vorabend, der 1975 bei Suhrkamp erschienen ist, ein Exemplar der ersten Auflage. Schlägt man das Buch auf der Seite 99 auf, öffnet sich eine Doppelseite, und weil auf der Seite 98 die Erzählung neu einsetzt, erlaube mir eine kleine Änderung der Spielregeln: Ich nehme die Seite 98 mit dazu (das ist nicht Schummeln).
Durch ein Dorf im Veltlin laufen.
Dieser Satz versetzt uns an den Ort des Geschehens. Die Ich-Erzählerin (oder ist es ein Erzähler?) betrachtet die Szenerie. Auf dem Dorfplatz steht ein „monumentaler hässlicher Stein mit den Namen der Kriegsgefallenen, ein erratischer Block in diesen Nachmittagen“ (sehr exquisit, die Formulierung mit den Nachmittagen). Die Ich-Erzählerin denkt über die Bewohner nach, eine kleine Bar fällt ihr auf, „die ein schwaches grünliches Licht erhellt“, sobald die Nacht einfällt. Sie sieht einen alten Mann auf einer Steintreppe sitzen, der die Lappen um sein aufgedunsenes schwarzes Bein aufwickelt; wie man später erfährt, heißt er Vittorio.
Diese Doppelseite ist durch einen überraschend wirkungsstarken Kunstgriff rhythmisch grundiert: durch Fragen ohne Fragezeichen.
Was versteckt sich hinter den Gewohnheiten dieser Menschen, die wortkarg in den abschüssigen Gassen verschwinden, unter den Hauseingängen zusammenstehen oder an die Friedhofmauer gelehnt warten.
Was war das: der Krieg, ein unsichtbarer Flammenherd unten in den Tälern, der gierig bis in diese Abgelegenheit seine Flammenspitzen streckte.
Was sitzt der Mann dort auf der Steintreppe.
Ist das Altersbrand.
Eine bückt sich jetzt nach ihrem Häufchen Wäsche und grüßt, eh Vittorio, sagt sie, du machst es wohl auch nicht mehr lange.
tut es weh
wo krümmen sich die Namen der Gefallenen
Durch diese Art des Nicht-Fragens entsteht ein eigener sprachlicher Kosmos. Es ist eine Form der Anschauung, des Innehaltens. Ein Stilmittel, das zeigt, was Sprache kann – was die Autorin kann.
Auch dort, wo sie die Regel bricht. Denn auf die Nicht-Frage „Ist das Altersbrand“ folgt eine Frage und ein Ausruf:
Sieht fortgeschrittenster Altersbrand so aus? Geht denn hier niemand zu einem Arzt!
Eine virtuos gesetzte Lücke: Wir wissen jetzt, wie schrecklich das Bein aussieht, ohne dass die Autorin es beschreiben muss. Der Ausruf, samt Ausrufezeichen, schreckt die Lethargie der Szenerie auf, aber nur für einen Moment.
***
Wie gezielt Gertrud Leutenegger in ihrer Prosa mit dem Rhythmus arbeitet, zeigt der letzte Satz dieser Doppelseite. Sieben Zeilen zuvor wird das Motiv ein erstes Mal ausgesprochen:
Il male sta con le persone
Das Böse steckt in den Menschen, sagt eine Frau, sie schaut die Ich-Erzählerin an „mit bewegungslosen ernsten Augen“. Der Satz, in dem der Krieg nachhallt, wird selbst zum Echo:
il male, Vittorio, il male sta con le persone con le persone con le persone
So verhallt das Echo des Bösen am Ende der Seite, das Böse, das durch den erratischen Block mit den Namen der Gefallenen im Dorf präsent ist und jede Idylle verhindert.
***
Auch in der Wortwahl gibt es nichts Zufälliges. Wie immer erkennt man die stilistische Brillanz an den Adjektiven und Adverbien. Der Stein mit den Namen der Gefallenen wird von den Bewohnern „in Erbitterung und frömmlerischer Verehrung“ umkreist. Der Krieg erscheint als „unsichtbarer Flammenherd“, der „seine Flammenspitzen“ gierig ausstreckt bis in diese „Abgelegenheit“. In der kleinen Bar „blüht für kurze Stunden ein leichtsinniger Dorftratsch auf“. Dann jedoch kreisen die Gespräche wieder „unabwendbar um die Monotonie von Tod und Geburt und Hochzeit und Krieg“ (Rhythmus!). Vittorios Hände, Kleider, Schläfen, Haar sind „gleichermaßen durchfurcht und vergraut“. Ein paar Frauen bleiben stehen, „gelassen und verschwiegen“.
Ich könnte diese beiden Seiten abschreiben, Wort für Wort. Jedes Wort lohnt die Mühe.
Wenn auch unten auf der Seite ein Gemeinplatz aus der Serie „irgendwo bellte ein Hund“ auftaucht, der einzige Schönheitsfehler auf dieser Doppelseite:
irgendwo gackerte ein aufgeschrecktes Huhn
Gertrud Leutenegger
Vorabend
Roman
Suhrkamp Verlag 1984 · 208 Seiten · 15 Euro
ISBN: 978-3518371428
Bei Eichendorff21 oder im lokalen Buchhandel


