„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)
Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.
(Warnung: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)
Diesmal durchbreche ich die selbstgesetzten Regeln des Page-99-Tests. Ich habe nämlich Lázár bereits gelesen – und mich über den Hype gewundert, wie so oft. Allerdings hatte ich, als die Wellen ein erstes Mal hochschlugen, keine Zeit für einen Page-99-Test. Und danach dachte ich, der Drops sei gelutscht.
Ist er offenbar nicht: Blumenumrankt findet sich Nelio Biedermanns Gesicht letzte Woche auf dem Cover des ZEIT-Magazins („Alle wollen Nelio“). Dies, nachdem ihm die Zeit bereits eine ausführliche Rezension („Der neue Zauberer“), ein Interview und einen Podcast gewidmet hatte, nebst einem Video des Gesprächs auf der Frankfurter Buchmesse sowie der Erwähnung auf sämtlichen Empfehlungslisten: die 25 besten Familienromane der letzten 25 Jahre, Buchempfehlungen für den Herbst, Buchempfehlungen zu Weihnachten.
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Ich kann nicht behaupten, dass ich vorurteilslos an diese Seite 99 herangegangen sei. Full disclosure: Ich gehöre zu der Minderheit, die das Wunderkind für überschätzt hält.
Den Stil eines Autors erkennt man am leichtesten an den Adjektiven. Auf dieser Seite 99 finden sich:
- komatöse Nacht
- erschlagender Morgen
- unwürdige milchhäutige Missgeburt
- bodenlose Traurigkeit (gefolgt von einem Adverb ähnlicher Prägung: „und er weinte hemmungslos“)
- schweißnasse gelbe Hände
Die Qualität der Adjektive scheint mir durchwachsen: Eine komatöse Nacht ist noch okay, ein „erschlagender Morgen“ eher nicht. Die „unwürdige“ Missgeburt lasse ich gelten, wenn es auch ein bisschen redundant ist, die Abwertung steckt bereits in „Missgeburt“. Statt „milchhäutig“ hätte man auch einfach „blass“ sagen können, doch im Kontext des Romans ist milchhäutig eine Anspielung: Im ersten Kapitel „Glaskind“ wird Lajos mit „durchsichtiger Haut“ geboren. Die „bodenlose Traurigkeit“ allerdings ist eine Phrase, ebenso das hemmungslose Weinen. Gegen die „schweißnassen gelben Hände“ habe ich nichts einzuwenden.
Schauen wir uns den Satzbau an. Im folgenden Satz geht es um Sándor (Lajos‘ Vater) und seine Alkoholkrankheit.
Manchmal, meist am späten Vormittag, wenn sein kranker Körper nach einer komatösen Nacht und einem erschlagenden Morgen voller Übelkeit und Leberschmerzen langsam in Schwung kam und sein Alkoholpegel zwar hoch war, aber noch nicht an der Grenze zur Bewusstlosigkeit lag, war er fast wie früher.
Dröseln wir diesen Satz mal auf. Der Hauptsatz, der die Nebensatzkonstruktion umklammert, lautet schlicht:
Manchmal war er fast wie früher.
Die nächste Stufe:
Manchmal, meist am späten Vormittag, wenn sein kranker Körper langsam in Schwung kam, war er fast wie früher.
Dann:
Manchmal, meist am späten Vormittag, wenn sein kranker Körper langsam in Schwung kam und sein Alkoholpegel zwar hoch war, aber noch nicht an der Grenze zur Bewusstlosigkeit lag, war er fast wie früher.
(Kann ein Alkoholpegel an der Grenze zur Bewusstlosigkeit liegen, oder ist es nicht eher der Mensch, der sich an dieser Grenze befindet? Eine beckmesserische Frage, zugegeben – angesichts des Hypes darf man allerdings schon genauer hinschauen.)
Von der Syntax her ist der Satz in dieser Form noch knapp in Ordnung (abgesehen von der unschönen Wiederholung von „war“).
Leider stopft der Autor nun noch Folgendes hinein:
Manchmal, meist am späten Vormittag, wenn sein kranker Körper nach einer komatösen Nacht und einem erschlagenden Morgen voller Übelkeit und Leberschmerzen langsam in Schwung kam und sein Alkoholpegel zwar hoch war, aber noch nicht an der Grenze zur Bewusstlosigkeit lag, war er fast wie früher.
„Der neue Thomas Mann“ – echt jetzt?
Sándor war also „fast wie früher“: Im nächsten Satz verwünscht und beschimpft er Lajos – bis seine Stimmung kippt. Es folgen die bodenlose Traurigkeit und das hemmungslose Weinen.
Das Schluchzen hallte durch das Schloss, bis es dämmerte, und begegnete der Baron [Sándor, S.G.] während dieser Stunden seinem Sohn [Lajos, S.G.], fiel er auf die Knie, ergriff mit seinen schweißnassen gelben Händen die von Lajos und flehte ihn an, ihm die Schuld an Márias Selbstmord und die Verweigerung jeder väterlichen Liebe zu vergeben.
Das durchs Schloss hallende Schluchzen kratzt am Trivialen. Sonst eine anschauliche Szene.
Der letzte vollständige Satz dieser Seite fängt rasant an:
Er trank zielstrebig auf den Moment der erlösenden Ohnmacht zu, gab die Schuld an Márias Tod plötzlich Ilona und Lajos
um dann leider so zu enden:
und konnte die Abfallstoffe seines Körpers nicht mehr bei sich behalten.
***
Da in den Rezensionen nebst den vielen literarischen Verweisen (vielleicht habe ich auf dieser Seite welche übersehen) vor allem die Sexszenen gelobt wurden, erlaube ich mir einen Blick auf die nächste Seite.
Auf Seite 100 nämlich geht es zur Sache: Wir erleben die Hochzeitsnacht von Lilly und Lajos, eine Nacht, die Lilly zuerst gefürchtet hatte, bis sie merkte, dass Lajos genauso verunsichert war wie sie und „anfangs nicht mal eine Erektion“ bekommt.
Erst als Lilly aus Mitleid, Zuneigung und Erleichterung darüber, dass Sex offenbar nichts mit den Folterszenen zu tun hatte, die ihr unter dem Begriff [Hochzeitsnacht, S.G.] in den Sinn gekommen waren, seine schwammigweiche Eichel zu küssen begonnen hatte, war Lajos’ Penis hart und überaus groß geworden. Doch nun, da sie sich mit ihm angefreundet hatte, hatte sie auch seine Größe nicht mehr erschreckt. Furchtlos hatte sie die Beine gespreizt und ihn bis zum Anschlag in sich aufgenommen. – Seither konnte sie nicht genug von ihm [Penis, S.G.] bekommen.
Auch hier lässt die Syntax jede Thomas Mannsche Eleganz vermissen, nicht nur wegen der vielen „hatte“: Der erste Satz ist auf ähnliche Weise überladen wie schon der Satz mit Sándors Alkoholexzess. Was die Wortwahl angeht: Dass Lilly Folterszenen „unter dem Begriff“ der Hochzeitsnacht einfallen, ist keine besonders sinnliche Wendung, und dass sie sich mit dem Penis ihres Mannes „anfreundet“, wirkt furchtbar bieder. Dann wird dieser zuerst „überaus groß“, infolge des Anfreundens wird sie von dieser „Größe“ jedoch nicht mehr „erschreckt“ – auch das hätte sich raffinierter sagen lassen.
Unter diesen Umständen ist es nur folgerichtig, dass Lilly „furchtlos“ die Beide spreizt. Dass sie den Penis nun „bis zum Anschlag in sich aufnimmt“ und danach nicht mehr genug von ihm bekommen kann, geht allerdings doch sehr in Richtung Billigporno.
Fazit:
Nelio Biedermanns Prosa ist stilistisch nichts Besonderes, zumindest auf dieser Seite. Hätte diesen Roman nicht ein 23-jähriger, sondern ein 40-jähriger Autor verfasst, würde wohl kein Hahn danach krähen.
Nelio Biedermann
Lázár
Roman
Rowohlt Berlin 2025 · 336 Seiten · 24 Euro
ISBN: 978-3-7371-0226-1
Bei Eichendorff21 oder im lokalen Buchhandel



Ich bin Literatur- (und Musik-)Wissenschaftler und habe LAZAR mit Hochgenuss und Hochachtung gelesen. Ich habe einigen Respekt vor einem 22jährigen, so ein Debüt vorzulegen. Das ist in meinen Augen fulminant! Es mag hier und da kleine Schwächen haben und es will ja kein literarisches Meisterwerk bzw. “Weltliteratur“ sein. Muss es ja auch gar nicht! Wer erwartet denn bitte bei jeder Lektüre Meisterwerke?! Es ist das Debüt eines 22jährigen Autors. Und dafür lüpfe ich innerlich meinen Hut. Ich bin gespannt, was Herr Biedermann künftig noch schreiben/veröffentlichen wird. Ich freue mich mit und für ihn für seinen Erfolg! Zum Glück haben sehr renommierte Literaturkritiker es sehr ähnlich wie ich gesehen. Und einen sog. “Seite 99 Test“ halte ich für abstrus, peinlich und komplett unangemessen! Unsäglich, so ein Vorgehen! Und einfach nur zum Schämen, wie dort einzelne Sätze und Worte auseinandergenommen werden! Von so etwas distanziere ich mich. Das ist keine qualifizierte Auseinandersetzung mit Literatur!
Sie sagen, ganz pauschal, der Page-99-Test sei keine qualifizierte Auseinandersetzung mit Literatur. Wo beginnt denn diese Auseinandersetzung? Was haben Sie gegen das genaue Hinschauen? Ich praktiziere dieses Verfahren der stilkritischen Gewebeprobe schon länger, und ich bin immer wieder erstaunt darüber, was ich bei diesem close reading alles entdecke, was mir beim großflächigen Lesen nie aufgefallen wäre.
Ein Page-99-Test ersetzt keine Rezension, aber eine Rezension ersetzt auch keinen Page-99-Test. Über die Grenzen des Page-99-Tests habe ich vor Jahren mit dem Übersetzer Frank Heibert auf tell eine kleine Debatte geführt: https://tell-review.de/wo-stoesst-der-page-99-test-an-seine-grenzen/
Was mich etwas erstaunt, gerade angesichts der Tatsache, dass Sie Literaturwissenschaftler sind: Sie gehen mit keinem Wort auf den Befund meiner Analyse ein, sondern belassen es dabei, den Autor (auch wieder pauschal) zu verteidigen. Dabei richtet sich meine Kritik (oder besser: Verwunderung) gar nicht primär gegen den Autor, sondern gegen die Literaturkritik. Natürlich ist dieser Roman, bei allen Schwächen, für einen 22-jährigen eine beachtliche Leistung, aber es gibt keinen Anlass, ihn gleich auf der Flughöhe von Thomas Mann zu verorten.
Guten Tag, Frau Geisel!
Ich habe mich 15 Jahre sehr intensiv mit (zumeist) jüngerer, deutschsprachiger Gegenwartsliteratur auseinandergesetzt. Ich fand es spannend zu sehen, wie junge Leute schreiben, welche Sujets sie aufgreifen, wie sie erzählen und gestalten. Ich war 13 Jahre lang jedes Jahr beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt und habe von morgens bis spätnachmittags alle Lesungen und Jury-Diskussionen mitverfolgt. Ich habe für mich mehr und mehr festgestellt, was es für Ansätze in der Kritik geben kann. Es gab Kritiker/Juroren, deren Betrachtungen und Ansätze ich sehr interessant fand und andere, bei denen ich so dermaßen vor den Kopf gestoßen war, deren Äußerungen und kritischen Ansatzpunkte ich hanebüchen und – ja: idiotisch fand. Was ich dabei letztlich für mich gelernt habe: Es gibt wohl nicht “die“ objektive Kritik und Maßstäbe für “gute“, “gelungene“ Literatur. Wenn ich Kritiker erlebe, die sich an einzelnen Sätzen und Formulierungen abarbeiten, gehe ich auf Distanz. Sorry, ist nicht mein Ding. Ich lese gern den gesamten Text in seinem Stil, in seiner Form und Gestaltung und beiße mich erstmal nicht an einzelnen Sätzen fest. Obwohl ich hauptsächlich von der (sog. “klassischen“) Musik herkomme und in dem Feld auch lange berufstätig war – ich bin heute 67 – habe ich dennoch 13 Jahre lang eine Literaturveranstaltungsreihe in einem Hamburger Theater gemacht. Sie hieß “SEITENSTURM – Texte & Dialog / Junge Autoren im Gespräch“. Ich habe sie gegründet, Idee und Konzept stammte von mir und ich habe jeden einzelnen Termin selber vorbereitet und als Moderator die Leitung gehabt. Bei mir war Kritik verboten! Zwei von mir ausgesuchte und eingeladene Autoren haben nacheinander in sich geschlossenen Erzählungen gelesen und nach einer Pause saßen wir zu fünft auf dem Podium: Die beiden Autoren, zwei von mir ausgesuchte und eingeladene Literaturfachleute und ich. Die beiden Literaturfachleute hatten sich die Wochen zuvor mit den Texten auseinandergesetzt und dann gab es auf dem Podium eine rein konstruktive Auseinandersetzung mit den Texten, Inhalten, Stil, Interpretation etc. Wie gesagt: Kritik war verboten. Ich wollte zunächst die Auseinandersetzung. Dabei konnte sich jeder eine eigene Meinung bilden und hinterher konnte jeder für sich herausfinden, ob er die Texte mochte oder nicht. Das mag ich. Immer noch. Und eine Zerpflückung einzelner, rausgepickter Seiten, Stellen, Sätze, Formulierungen etc. mag ich nicht – ist nicht mein Ding! Zuletzt noch dies: Wer will denn bitte Biedermann “auf gleicher Flughöhe mit Thomas Mann verorten“?! Ich nicht! Das ist doch wahrlich kein Maßstab und darum geht oder ging es doch gar nicht! Ich hab ein höchst beachtliches Debüt eines 22jährigen gelesen, das mir so einige Bewunderung abgerungen hat. Nicht mehr, nicht weniger. Und das muss nicht gleich kein Meisterwerk sein. Aber es ist in meinen Augen immens gut und mit Stärken, die viele jüngere/gleichaltrige Autoren absolut nicht draufhaben! Ich bin gespannt, was da noch von Biedermann kommt – die Spannung auf den sog. “zweiten Roman“, von dem ja viel behauptet wird, er wäre fast “wichtiger“ als der erste. Zuletzt noch dies: Wenn Sie die hohe, hehre Literatur (ja, auch die von Mann) hernehmen und sich akribisch auf einzelne Sätze, Formulierungen etc. stürzen, werden Sie – wenn man es denn so nennen will – die schlimmsten Stellen finden. Bei jedem. Überall. Aber wie ich schon sagte: Ist nicht mein Ding! Und daher gehe ich auch gar nicht erst auf Ihren “Befund“ ein. Haben Sie ein schönes Wochenende, mit besten Grüßen, Jochen Brachmann
Lieber Herr Brachmann,
vielen Dank für Ihre Antwort. Nun verstehe ich Ihren Ärger besser. Einerseits ist eine konstruktive Haltung gegenüber der Literatur natürlich richtig – Elke Erb hat einmal zu einer Lektorin gesagt: „Du musst wollen, dass es gelingt.“ Das bezog sich allerdings auf die Situation des Lektorierens: die Entwicklung eines Texts, der gelingen soll.
Als Kritikerin habe ich eine andere Rolle. Wenn ich mir da Kritik verbieten würde, wären wir bei Elisabeth Hardwicks „our old faithful, the eternally ‚favorable review'“ (in einem Text „The Decline of Book Reviewing“ von 1959). Dass Sie bei Ihrer Veranstaltung SEITENSTURM (toller Name!) Kritik von vornherein verboten haben, ist Ihr gutes Recht. Doch zugleich schreiben Sie, dass jeder sich seine eigene Meinung bilden solle. Wie soll das gehen ohne Kritik?
Das Wort Kritik heißt im ursprünglichen Sinn bekanntlich „Unterscheiden“. Mir geht es ums genaue Hinschauen. Und Stilkritik entscheidet sich nun einmal am einzelnen Satz. Es geht mir dabei nicht um das Haar in der Suppe (da gebe ich Ihnen recht: Das findet man bei jedem Autor), sondern um stilbildende sprachliche Verfahren. Die müssen den Autoren nicht bewusst sein, aber sie stehen nun einmal da.
Was selbstverständlich nicht heißt, dass mich die ganzen anderen Ebenen (Stoff, Dramaturgie, Atmosphäre, Milieu, Gesellschaftskritik etc.) nicht interessieren würden, bei einer Rezension gehe ich selbstverständlich auch darauf ein. Aber diese Dinge stehen beim Page-99-Test nicht im Fokus.
Ich finde es immer noch schade, dass sie auf meinen Befund nicht eingehen wollen. (Und ich gestehe, ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass Sie darauf keine Lust haben, weil er Ihr Urteil nicht bestätigt…)
Liebe Frau Geisel, Stilkritik entscheidet sich für mich eben nicht am einzelnen Satz! Ich mag diesen, Ihren Ansatz einfach nicht. Und ich halte ihn auch nicht nur für problematisch, sondern auch für inakzeptabel. Sie ziehen aus isolierten Textstellen weitreichende Schlüsse über ein ganzes Werk. Das lehne ich gänzlich ab. Und Sie wissen genau: Diese Einwände tauchen in Diskussionen über Ihre „Methode“ immer wieder auf. Und in dieser Haltung finde auch ich mich wieder. Und ja: ich habe in der Tat keine Lust (und auch meine Zeit ist mir dafür zu schade) mich mit Ihrem so genannten Befund auseinander zusetzen, weil es eben, wie ich schon sagte, einfach nicht mein Ding ist. Nochmals viele Grüße, Jochen Brachmann 😎
P.S.: Mir wird (wirklich!) speiübel und ich bekomme wahre Ohnmachtsanfälle und eine Vollkrise, wenn ich in der Oper „Die Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss sitze und auf der Übertitelungsanlage den Text von Hugo von Hofmannsthal mitlese. Was dieser Mann da für ein schreckliches, abartiges Zeug verzapft/geschrieben hat, ist unfassbar und einfach nur elendig-grottenschlecht! Und dennoch gilt das Werk (Musik+Text) bei vielen als Meisterwerk. Und daher – nochmals: wenn Sie einzelne Sätze bei Autoren der Weltliteratur auseinandernehmen, werden Sie mit ihrer „Methode“ unendlich viele Beispiele finden. Und dennoch gelten diese Autoren als heilige, unantastbare Schöpfer von Meisterwerken.
Sehr geehrter Herr Brachmann
Genau so rückt man einem Text zu Leibe, mit einer genauen Analyse. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich „tell“ mag und die Beiträge jeweils richtiggehend ersehne. Leider sind Frau Geisel und die anderen Rezensent*innen im „tell“, wie ich meine, immer noch Rufer und Ruferinnen in der Wüste, weil auch in Rezensionen achtbarer Feuilletons häufig inhaltliche und biographische Aspekte überwiegen und solche sprachlich-stilistischer Art eher vernachlässigt werden.
Ich muss zugeben, dass ich den Roman nicht gelesen habe (ausser die erste Seite, die für mich immer eine „Visitenkarte“ eines Textes ist, und die hat mich nicht veranlasst, weiterzulesen), und ich habe auch nicht vor, dies zu tun. Ich war allerdings erschüttert über das grosse Medienecho, das der Roman erhielt, noch bevor er überhaupt erschienen war (ein geschickter Coup des Verlags, und das erst noch kurz vor Weihnachten… überhaupt habe ich den Eindruck, dass da ein junger Mann vermarktet wird – sogar in New York. Hoffen wir, dass er den Hype unbeschadet übersteht), und noch mehr über die vielen Menschen in meiner Umgebung, darunter Freunde und Bekannte, auch Germanist*innen, deren literarisches Urteil ich zum Teil sehr schätze, die den Roman gut fanden und finden.
Ich musste lange suchen, um im Netz eine kritische Rezension zu finden. (wurde aber fündig). Nach der Lektüre der Rezension Frau Geisel wusste ich wieder, weshalb ich einen grossen Bogen um den Roman mache: Ich finde Inhalt und Sprache schlicht unerträglich, und es wäre zum Lachen (zum Beispiel die Sache mit dem Penis), wenn es nicht so ernst wäre.
Übrigens kümmert es mich herzlich wenig, ob der Autor oder die Autorin 22 oder 82 Jahre alt ist. Das tönt etwas hart, ich weiss, aber das sind zwei verschiedene paar Schuhe. Meines Erachtens dürfen auch an einen Jungautor bzw. dessen Erstling (oder Zweitling) dieselben Massstäbe angelegt werden wie an das Werk eines gestandenen Autors bzw. einer bereits etablierten Autorin. Da dürfen wir ja auch kritisch hinschauen und müssen das neue Werk nicht einfach durchwinken, nur weil der Autor oder die Autorin bereits Beachtliches geleistet hat. Es gibt Beispiele von berühmten Autoren, die auch mal danebengegriffen haben (Rilke, Hesse), was ihren Ruhm und ihre Bedeutung in keiner Weise schmälert.
Ich schliesse mich Frau Geisel an in Bezug auf die Bedeutung von „Kritik“, und die nimmt eben, gerade im „Seite 99-Test“ (man könnte irgendeine andere Seite nehmen), jedes Wort, jeden Satz, jede richtige oder falsche Metapher, jeden schiefen oder geraden Vergleich etc. unter die Lupe. Das nennt man übrigens „Handwerk“ (des Autors und des Kritikers) oder, einfacher: „genau Hinschauen“. Das ist es, was mich interessiert: Ob da jemand das Vehikel für eine spannende Handlung gefunden hat, das trägt und die Leserin nicht bei jeder Kurve aus der Fahrbahn wirft. Man kann den besten Plot mit einer missglückten Sprache, einem kruden Stil etc. verschenken – und man kann aus einer kargen Handlung Weltliteratur schaffen, zum Beispiel: „Mann erwacht als Käfer, dämmert vor sich hin und stirbt am Ende.“ So ungefähr. Oder: „Frau begeht Ehebruch und schluckt Arsen“ (Variante: „Wirft sich unter die Eisenbahn).
Es gäbe Tausende von Beispielen.
Mit freundlichen Grüssen
Marianne Wille
„Genauso rückt man einem Text zu Leibe.“
Wow! Na danke, aber ich habe wahrlich keinen Bedarf, mich hier belehren zu lassen und wusste auch nicht, dass ich hier in einer Lehranstalt für „korrekte Literaturkritik“ gelandet bin.
Sie machen einen „erste Seite Test“ (wie dürftig!) und beschließen daraufhin, den Roman nicht lesen zu wollen. Ihr gutes Recht. Und dann liefern Sie hier so einen unglaublichen Ausstoß ab. Und ohne das Werk gelesen zu haben, erlauben Sie sich die Äußerung „Inhalt und Sprache schlicht unerträglich“ zu finden, „und es wäre zum Lachen (zum Beispiel die Sache mit dem Penis), wenn es nicht so ernst wäre.“ Noch dürftiger!
Oh my god, Ihren ganzen Salmon, den Sie hier von sich geben, muss ich mir echt nicht antun. Zumindest künftig nicht mehr. Denn hiermit bin ich hier raus. Ich werde dieses Forum nun verlassen und auch nicht mehr öffnen, keine weiteren Kommentare mehr lesen und auch selber keine weiteren mehr hier posten.
Bleiben Sie hier gern unter ihresgleichen.
Ich finde mich derweil bestens aufgehoben unter meinesgleichen wieder (wie z.B. in Bezug auf LAZAR bei FR, FAZ, SZ, Zeit, 2 x Deutschlandfunk Kultur, u.a.). Vor allem auch bei meiner hochgeschätzten Ursula März. Das ist dann doch schon ein anderes Kaliber, als das, was Sie hier absondern.
Ihnen weiterhin viel gute und erbauliche Literatur und Lektüren, die Ihren Vorgaben standhalten.
Danke sehr für die Sichtung – ich hatte es mit der Leseprobe versucht und fand sie so platten hollywoodesken Schund ( trotz eigener grosser k.u.k -Themenaffinität;), dass mir fast übel wurde. . Dass seriöse Feuilletons diesen Reisser als literarischen Text behandeln, anstatt ihn eben genau so scharf zu kritisieren, wie es sich gehört, wenn’s denn selber gar kein Schmöker sein will. Aber wer weiss, vielleicht soll’s gar nicht mehr sein.:) Aber wieso dann sowas Langweiliges im LIT.feuilleron? Weilceiner 22 ist & das Buch dick & längere Zeit umspannt? Hm. die Markeringabteilung hat geschickt lanciert, und alle springen drauf an. (DasZeit Magazin Cover ist grauenhaft, visuell platt, also dumm, sogar, wenn man wie ich ungarische Volkstracht Stickereien schätzt.:) – Aber nichteinmal Rainald Goetz, der sonst so wache, hat gemerkt wie öde das Zeit-Cover ist, geschweigedenn, wie vorhersagbar der Roman, den hat er nur unter Novität verbucht, dabei ists gar keine. … So geht (und wirkt) Hype…:/ (..Wenigstens Denis Scheck sagte mal kurz & klar, wie öd es ist.. Kitsch halt… – Genre kann gut sein, und Vergbügen ms hen, Pulp Fiction eben. aber leider ist nichtmal das gegeben, also interessant nicht.). – Also Danke:)
Ich bin jedes Mal neugierig, wenn ein Seite-99-Test erscheint. Und dieses Mal habe ich mich besonders gefreut, denn er hat die Punkte aufgenommen, die mich auch gestört haben. Ich habe den undifferenzierten Hype der Literaturkrtik nicht verstanden. Im SRF-Literaturclub stiess Lukas Bärfuss mit seiner fundierten Kritik, immerhin, bei den anderen Teilnehmern auf kein Verständnis. Allerdings darf man schon im Kopf behalten, in welchem Alter Biedermann den umfrangreichen Roman geschrieben hat. Und inhaltlich war er für mich schon eine ganz interessante Unterhaltung. Was nicht zur Literaturkritik gehört, aber gesagt werden darf: Ich war an einer Lesung dabei, die von Nora Zukker moderiert wurde. Der Autor war erschien meiner Frau und mir überaus sympathisch, bescheiden und unprätentios. Soviel noch zur subjektiven Seite des Ganzen…