„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)
Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.
(Warnung: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)
Diesmal durchbreche ich die selbstgesetzten Regeln des Page-99-Tests. Ich habe nämlich Lázár bereits gelesen – und mich über den Hype gewundert, wie so oft. Allerdings hatte ich, als die Wellen ein erstes Mal hochschlugen, keine Zeit für einen Page-99-Test. Und danach dachte ich, der Drops sei gelutscht.
Ist er offenbar nicht: Blumenumrankt findet sich Nelio Biedermanns Gesicht letzte Woche auf dem Cover des ZEIT-Magazins („Alle wollen Nelio“). Dies, nachdem ihm die Zeit bereits eine ausführliche Rezension („Der neue Zauberer“), ein Interview und einen Podcast gewidmet hatte, nebst einem Video des Gesprächs auf der Frankfurter Buchmesse sowie der Erwähnung auf sämtlichen Empfehlungslisten: die 25 besten Familienromane der letzten 25 Jahre, Buchempfehlungen für den Herbst, Buchempfehlungen zu Weihnachten.
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Ich kann nicht behaupten, dass ich vorurteilslos an diese Seite 99 herangegangen sei. Full disclosure: Ich gehöre zu der Minderheit, die das Wunderkind für überschätzt hält.
Den Stil eines Autors erkennt man am leichtesten an den Adjektiven. Auf dieser Seite 99 finden sich:
- komatöse Nacht
- erschlagender Morgen
- unwürdige milchhäutige Missgeburt
- bodenlose Traurigkeit (gefolgt von einem Adverb ähnlicher Prägung: „und er weinte hemmungslos“)
- schweißnasse gelbe Hände
Die Qualität der Adjektive scheint mir durchwachsen: Eine komatöse Nacht ist noch okay, ein „erschlagender Morgen“ eher nicht. Die „unwürdige“ Missgeburt lasse ich gelten, wenn es auch ein bisschen redundant ist, die Abwertung steckt bereits in „Missgeburt“. Statt „milchhäutig“ hätte man auch einfach „blass“ sagen können, doch im Kontext des Romans ist milchhäutig eine Anspielung: Im ersten Kapitel „Glaskind“ wird Lajos mit „durchsichtiger Haut“ geboren. Die „bodenlose Traurigkeit“ allerdings ist eine Phrase, ebenso das hemmungslose Weinen. Gegen die „schweißnassen gelben Hände“ habe ich nichts einzuwenden.
Schauen wir uns den Satzbau an. Im folgenden Satz geht es um Sándor (Lajos‘ Vater) und seine Alkoholkrankheit.
Manchmal, meist am späten Vormittag, wenn sein kranker Körper nach einer komatösen Nacht und einem erschlagenden Morgen voller Übelkeit und Leberschmerzen langsam in Schwung kam und sein Alkoholpegel zwar hoch war, aber noch nicht an der Grenze zur Bewusstlosigkeit lag, war er fast wie früher.
Dröseln wir diesen Satz mal auf. Der Hauptsatz, der die Nebensatzkonstruktion umklammert, lautet schlicht:
Manchmal war er fast wie früher.
Die nächste Stufe:
Manchmal, meist am späten Vormittag, wenn sein kranker Körper langsam in Schwung kam, war er fast wie früher.
Dann:
Manchmal, meist am späten Vormittag, wenn sein kranker Körper langsam in Schwung kam und sein Alkoholpegel zwar hoch war, aber noch nicht an der Grenze zur Bewusstlosigkeit lag, war er fast wie früher.
(Kann ein Alkoholpegel an der Grenze zur Bewusstlosigkeit liegen, oder ist es nicht eher der Mensch, der sich an dieser Grenze befindet? Eine beckmesserische Frage, zugegeben – angesichts des Hypes darf man allerdings schon genauer hinschauen.)
Von der Syntax her ist der Satz in dieser Form noch knapp in Ordnung (abgesehen von der unschönen Wiederholung von „war“).
Leider stopft der Autor nun noch Folgendes hinein:
Manchmal, meist am späten Vormittag, wenn sein kranker Körper nach einer komatösen Nacht und einem erschlagenden Morgen voller Übelkeit und Leberschmerzen langsam in Schwung kam und sein Alkoholpegel zwar hoch war, aber noch nicht an der Grenze zur Bewusstlosigkeit lag, war er fast wie früher.
„Der neue Thomas Mann“ – echt jetzt?
Sándor war also „fast wie früher“: Im nächsten Satz verwünscht und beschimpft er Lajos – bis seine Stimmung kippt. Es folgen die bodenlose Traurigkeit und das hemmungslose Weinen.
Das Schluchzen hallte durch das Schloss, bis es dämmerte, und begegnete der Baron [Sándor, S.G.] während dieser Stunden seinem Sohn [Lajos, S.G.], fiel er auf die Knie, ergriff mit seinen schweißnassen gelben Händen die von Lajos und flehte ihn an, ihm die Schuld an Márias Selbstmord und die Verweigerung jeder väterlichen Liebe zu vergeben.
Das durchs Schloss hallende Schluchzen kratzt am Trivialen. Sonst eine anschauliche Szene.
Der letzte vollständige Satz dieser Seite fängt rasant an:
Er trank zielstrebig auf den Moment der erlösenden Ohnmacht zu, gab die Schuld an Márias Tod plötzlich Ilona und Lajos
um dann leider so zu enden:
und konnte die Abfallstoffe seines Körpers nicht mehr bei sich behalten.
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Da in den Rezensionen nebst den vielen literarischen Verweisen (vielleicht habe ich auf dieser Seite welche übersehen) vor allem die Sexszenen gelobt wurden, erlaube ich mir einen Blick auf die nächste Seite.
Auf Seite 100 nämlich geht es zur Sache: Wir erleben die Hochzeitsnacht von Lilly und Lajos, eine Nacht, die Lilly zuerst gefürchtet hatte, bis sie merkte, dass Lajos genauso verunsichert war wie sie und „anfangs nicht mal eine Erektion“ bekommt.
Erst als Lilly aus Mitleid, Zuneigung und Erleichterung darüber, dass Sex offenbar nichts mit den Folterszenen zu tun hatte, die ihr unter dem Begriff [Hochzeitsnacht, S.G.] in den Sinn gekommen waren, seine schwammigweiche Eichel zu küssen begonnen hatte, war Lajos’ Penis hart und überaus groß geworden. Doch nun, da sie sich mit ihm angefreundet hatte, hatte sie auch seine Größe nicht mehr erschreckt. Furchtlos hatte sie die Beine gespreizt und ihn bis zum Anschlag in sich aufgenommen. – Seither konnte sie nicht genug von ihm [Penis, S.G.] bekommen.
Auch hier lässt die Syntax jede Thomas Mannsche Eleganz vermissen, nicht nur wegen der vielen „hatte“: Der erste Satz ist auf ähnliche Weise überladen wie schon der Satz mit Sándors Alkoholexzess. Was die Wortwahl angeht: Dass Lilly Folterszenen „unter dem Begriff“ der Hochzeitsnacht einfallen, ist keine besonders sinnliche Wendung, und dass sie sich mit dem Penis ihres Mannes „anfreundet“, wirkt furchtbar bieder. Dann wird dieser zuerst „überaus groß“, infolge des Anfreundens wird sie von dieser „Größe“ jedoch nicht mehr „erschreckt“ – auch das hätte sich raffinierter sagen lassen.
Unter diesen Umständen ist es nur folgerichtig, dass Lilly „furchtlos“ die Beide spreizt. Dass sie den Penis nun „bis zum Anschlag in sich aufnimmt“ und danach nicht mehr genug von ihm bekommen kann, geht allerdings doch sehr in Richtung Billigporno.
Fazit:
Nelio Biedermanns Prosa ist stilistisch nichts Besonderes, zumindest auf dieser Seite. Hätte diesen Roman nicht ein 23-jähriger, sondern ein 40-jähriger Autor verfasst, würde wohl kein Hahn danach krähen.
Nelio Biedermann
Lázár
Roman
Rowohlt Berlin 2025 · 336 Seiten · 24 Euro
ISBN: 978-3-7371-0226-1
Bei Eichendorff21 oder im lokalen Buchhandel


