Im Jahr 1922 veröffentlicht Thomas Mann eine Rezension über Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes, zunächst auf Englisch in der New Yorker Tageszeitung „The Dial“, später auch auf Deutsch. Er versagt diesem Werk seine Anerkennung nicht. Aber er erkennt hinter dem Werk eine „fatale“ geschichtsphilosophische Geisteshaltung des Verfassers, die weder einer pessimistischen noch einer optimistischen Sicht auf den Geschichtsverlauf entspricht. Thomas Mann beschreibt Spenglers Haltung vielmehr als schicksalsergeben, eben fatalistisch, und zugleich als bescheidwisserisch. Die Geschichte großer Kulturen, so Spengler, laufe unweigerlich auf ein Ende zu: Das Ende sei das Nomadendasein in den Ruinen einstiger Größe; Spengler spricht von „Fellachentum“, ein damals üblicher Begriff. 

Unvereinbarkeit der Kulturen

Snobistisch ist für Mann vor allem, dass Spengler zwar die Unvereinbarkeit und Unüberwindlichkeit kultureller Grenzen lehre, zugleich aber insinuiere, dass er – und nur er allein – den Überblick über alle Kulturen habe.

Thomas Mann schreibt, Spengler paraphrasierend:

Obwohl aber „gleich“ nach ihrer allgemeinen Struktur und ihrem allgemeinen Schicksal, sind die Kulturen streng in sich geschlossene Lebewesen, unverbrüchlich gebunden eine jede an die ihr eigenen Stilgesetze des Denkens, Schauens, Empfindens, Erlebens, und eine versteht nicht ein Wort von dem, was die andere sagt und meint. Nur Herr Spengler versteht sie samt und sonders und weiß von einer jeden zu sagen und zu singen, dass es eine Lust ist.

Thomas Mann hat bei Oswald Spengler einen fundamentalen Widerspruch erkannt: Wie kann ein Vertreter der europäischen Kultur so lückenlos über alle anderen Kulturen Bescheid wissen, wenn es einen Austausch und damit ein Wissen über die anderen Kulturen doch gar nicht geben kann?

Etikettenschwindel „Pluralismus“

Manns Fazit: Spengler, dieser „eiserne Gelehrte“, sei eben ein „Snob“, der unangenehmerweise lehre, was ihm gemäß seiner eigenen Analyse eigentlich gar nicht zustehe.

Solche rechtsintellektuellen Snobs bevölkern unsere Diskurse auch heute wieder. Wie Oswald Spengler vor gut einhundert Jahren, erklären sie heute sich und ihrer Gemeinde die Welt. Und wie Spengler vertreten sie eine „ethno-pluralistische“ Sicht auf die unterschiedlichen menschlichen Kulturen. Allerdings wollen sie die eigene Kultur vor dem Schicksal bewahren, das Spengler an die Wand malt.

Dabei ist ihr Begriff „pluralistisch“ ein Etikettenschwindel: Der „Pluralismus“ der Neuen Rechte besteht gerade nicht im toleranten Miteinander der Kulturen, sondern in der Forderung, die unterschiedlichen Kulturen müssten „rein“ nebeneinander bestehen, ganz im Spenglerschen Sinn. Ein kultureller Austausch dürfe keinesfalls zu einer Vermischung führen. Im Angesicht der bisherigen Weltgeschichte, die ohne Austausch und ‚Vermischung‘ ja nicht zu denken ist, eine absurde oder, um mit Thomas Mann zu sprechen, eine snobistische Forderung.

Pappkamerad Gutmensch

Ihr Endgegner in diesem als heroisch empfundenen Kampf ist dabei jener Typus, der wahlweise „linker Gutmensch“, „grüner Besserbürger“, „Kinderbuchautor“ etc. genannt, immer aber eindeutig attribuiert wird: nämlich als dumm und naiv im Kampf gegen rechts, darüber hinaus insgeheim selbstzerstörerisch bemüht, der eigenen Kultur Schaden zuzufügen. Das Motiv? Das schlechte Gewissen, das den Deutschen angeblich nach dem zweiten Weltkrieg von den Siegermächten eingeimpft worden ist und sie in den Selbsthass treibt. Außerdem gehört dieser linke „Gutmensch“ der gesellschaftlichen Elite an, und gegen die Elite laufen die rechten Snobs ohnehin Sturm.

Ob schon in Ulf Poschardts Shitbürgertum (kein Neuer Rechter, aber dieses Buch spielt mit den snobistischen Klischees), in Sommerfeld/Lichtmesz’ Mit Linken leben oder sonst wo: Der Pappkamerad Gutmensch ist in Dauerschleife präsent. In Mit Linken leben wird ihm die kulturelle Auslöschung als „wahnhaft betriebenes Projekt“ unterstellt:

Wir sehen zum Beispiel partout nicht ein, was die wahnhafte Auflösung unserer Kultur, unserer Völker und unserer Heimatländer durch offene Grenzen, Islamisierung und den Import von immer größer werdenden Menschenmassen aus der Dritten Welt sowie die Verleugnung der menschlichen Natur im Namen einer ideologischen, illusorischen Vorstellung von „Gleichheit“ mit „Weltoffenheit“ und „Toleranz“ zu tun haben soll. […]
In der Tat erscheinen uns unsere Länder und Gesellschaften zunehmend als wahre Klapsmühlen im Banne eines Kollektivwahns, in denen die letzten vernünftigen und normalen Menschen als gefährliche Irre gebrandmarkt werden.

Von links nach rechts außen

Dem rechten Snob geht es nicht um produktive Kritik, sondern ums Rechthaben. Deshalb schlägt er oft einen hämischen, ja schadenfrohen Ton an, von keinerlei Selbstzweifel getrübt. Es geht um den billigen Triumph über den Klassendümmsten der anderen Seite. Dass zum Denken das Starkmachen der Gegenthese gehört, interessiert den rechten Snob nicht. Ihm geht es nicht ums Argumentieren, sondern darum, Urteile zu fällen und dabei möglichst originell zu erscheinen.

Interessanterweise passt politischer Snobismus nicht wirklich zu einer konservativen Geisteshaltung. Solche Snobs werden dort eher argwöhnisch beäugt. Das Phänomen des politischen Snobs ist ja keineswegs nur rechts verortet. Linker politischer Snobismus hängt sehr offensichtlich mit einer revolutionären, oft auch gewaltbereiten Grundhaltung zusammen, wie man sie beispielsweise bei Andreas Baader sehen konnte.

Deswegen treibt es ehemalige Linke auch selten zu den Konservativen, sondern meistens gleich zu den Neuen Rechten. Als Vorbild sehen sie dabei heute nicht die alten Nazis, sondern die Protagonisten der sogenannten Konservativen Revolution der Weimarer Republik, also Carl Schmitt, Ernst Jünger oder Oswald Spengler.

Der Brecht-Freund Arnold Bronnen wäre ein historisches Beispiel für eine solche Wandlung. In unseren Tagen könnte man Matthias Matussek oder Caroline Sommerfeld-Lethen nennen. Ihnen allen ist weiterhin die Revolution ein Bedürfnis – oder sollte man besser von Disruption sprechen? Nach enttäuschenden Erfahrungen links sehen sie sich mit dem revolutionären Bedürfnis rechts außen weitaus besser aufgehoben.

Humorlosigkeit

Wie soll eine Konservative Revolution von rechts heute aussehen? Da versagt die Vorstellungskraft. Das liegt daran, dass die gegenwärtigen Snobs, wie ihre Vorgänger, nur eine Vorstellung von dem haben, was sie NICHT wollen: zum Beispiel eine freie, plurale, manchmal auch quälend offene Gesellschaft. Ihr gesellschaftspolitisches Ziel ist die geschlossene Gesellschaft, die sie mit ihrem einzigen „positiven“ Ziel erreichen wollen: der Remigration. Könnte man das nicht nachgerade einfältig nennen?

Und noch ein letztes fällt auf: Die völlige Humorlosigkeit dieser Szene. Diese Snobs schreiben, wie ihr Säulenheiliger Ernst Jünger, ohne jeglichen ironischen Zugriff auf die Welt, die ihnen nur aus Freund und Feind besteht.

Das kann man in der Summe lächerlich und belanglos finden. Leider sind solche humorlosen revolutionären Snobs ebenso gefährlich wie lächerlich.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Albe Hakan via flickr
Lizenz CC BY-NC-ND 2.0

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Von Herwig Finkeldey

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