Zum ersten Todestag von Gertrud Leutenegger (1948-2025) bringen wir einen kleinen Schwerpunkt zu ihrem Werk.
– 20.6.2026: Page-99-Test Gertrud Leutenegger von Sieglinde Geisel
– 22.6.2026: Der Zitronenfalter. Laudatio zum Zolliker Kunstpreis 2021 von Bernhard Echte
– 22.6.2026: Eine Geschichte von Gertud Leutenegger. Auszug aus Gertrud Leuteneggers Roman Späte Gäste
Ob unser Dorf auch einmal so aussterben wird wie Modica? Weißt du noch, wie der Wirt in jener Juninacht, als wir alle wegen der Schwüle nicht einschliefen und hinunter in die Loggia kamen, uns von seiner Mutter erzählte, die nie verstanden hatte, wie man Modica verlassen konnte? Modica war ihr die Welt! Und ohne Modica existierte die Welt nicht.
Vielleicht rührte alles nur von dem beschrifteten Klosettpapier her, sagte der Wirt, während Serafina und ich uns damals in der Loggia in unseren Rattansesseln einrichteten, aufatmend über einzelne Wellen kühleren Nachtwindes. Im Dunkel des Gartens, zwischen den Ginstersträuchern, blinkte hie und da ein schwebendes Glühwürmchen. Meine Mutter, fuhr der Wirt fort, muß in den jungen Mann verliebt gewesen sein, der ihr eines Tages erklärte, daß er in Modica geboren und der Sohn des früheren Stationsvorstandes war, der nach dem Erdbeben von Messina dorthin in die Ruinenstadt versetzt wurde. Nie habe er es verwunden, daß man ihn als Kind aus Modica herausgerissen und in das aufgewühlte Messina verpflanzt hatte! Jetzt studierte er am Technikum, er wollte Ingenieur werden, aber von Zeit zu Zeit mußte er an den Bahnhof von Modica. Versunken stand er dann lange dort in der Sonnenglut, nie stellte er sich unter das schützende Vordach des safrangelben Stationsgebäudes, als wolle er eins werden mit der flimmernden Hitze über den Geleisen und dem betäubenden Geruch des wilden Thymians. Die Mutter des Wirts, noch sehr jung, saß im Schatten vor dem Toilettenhäuschen auf ihrem Klappsessel, neben sich auf einem verrosteten kleinen Gartentisch den Blechteller mit den spärlichen Münzen, und betrachtete die seltene Erscheinung. Der Mann trug meist eine karierte Jacke, die ihr sehr englisch vorkam, und immer eine Krawatte. Als er sich dem Toilettenhäuschen näherte, bemerkte sie unter den auffallend buschigen Brauen das Verhaltene in seinen großen dunklen Augen. Irgendwie davon gebannt, rührte sie keinen Finger, um das Klosettpapier abzuzählen. Vielleicht lag etwas Fragendes in ihrem Blick, denn der junge Mann begann, als müsse er sein stummes Dastehen vor dem Bahnhofsgebäude erklären, davon zu erzählen, warum es ihn immer wieder verlange, nach Modica zurückzukehren. Wenn er nur lange genug in der kochenden Hitze vor den Geleisen ausharre, sehe er seinen Vater vor sich, wie er bei Ankunft oder Abfahrt eines Zuges in Galauniform vor das Stationsgebäude trat, auch eine bloße Durchfahrt versäumte er nie. Aufrecht, würdevoll, unbeweglich stand er dann im Fahrtwind und hob grüßend die Hand an die rote Schirmmütze, auf der die Flügel des Hermes glänzten, und sein Vater erschien ihm wie der Gott der Reise selbst, dieses bittersüßen Erdengeschenks, das er noch so oft verfluchen würde. Die junge Frau zählte nun doch aufmerksam das üblich bemessene Klosettpapier ab und gab ihm drei Blätter dazu. Sie glaubte, ein Lächeln in den Augenwinkeln des jungen Mannes zu entdecken. Er zog einen Stift aus seiner Jackentasche, beugte sich hinunter auf den wackeligen Gartentisch, beschrieb eines der Blätter mit wenigen Zeilen und gab es ihr zurück. Sie nahm am Abend das Blatt nach Hause und las es wieder und wieder. Von einem weißen Kleid war die Rede, nackten Armen, Wind, gewissen Nächten im März, es schien ein Gedicht zu sein, obwohl es sich nicht reimte. Aber ja, sie hatte an diesem Tag ein weißes Sommerkleid getragen!
Sie wartete vor ihrem Toilettenhäuschen nur noch auf die Rückkehr des Mannes mit den buschigen schwarzen Augenbrauen. Kaum setzte sich das Läutewerk einer Stationsglocke in Bewegung, erfüllte sie das grelle Bimmeln mit nie gekannter Aufregung. Der helle Ton kündigte die Ankunft eines Zuges aus Siracusa an, beim dunkleren würde einer aus Caltanissetta eintreffen. Manchmal kreuzten sich die Züge beinahe, und dann erscholl in der glutheißen Stille der kleinen Bahnstation ein frenetisches Klingelkonzert. In genau einem solchen Augenblick tauchte nach Monaten zwischen den wenigen Reisenden endlich die karierte Jacke auf. Die junge Frau begann sofort Klosettpapier abzuzählen, und als der Mann auf das Toilettenhäuschen zukam, muß sie gestrahlt haben, als hätte sie das vorherige vielstimmige Empfangsgebimmel eigens für ihn in Gang gesetzt. Sie überreichte ihm unverzüglich die üblichen zwei Blätter und dann, nicht ohne zarte Feierlichkeit, sechs weitere dazu. Der Mann schaute sie nachdenklich an. Sie fühlte, wie sie errötete, und stand von ihrem Klappsessel auf, damit er sich setzen konnte. Er hielt öfters inne während des Schreibens, aber schließlich hinterließ er ihr drei vollgekritzelte Blätter. Als der Mann gegangen war, las sie die Zeilen noch vor dem Toilettenhäuschen. Eine unbestimmbare Traurigkeit fraß sich aus den Worten in sie hinein, begrabene Stimmen und tote Engel kamen darin vor, Sümpfe, staubige Straßen, Betrug. Beinahe ein Jahr sollte verstreichen, ehe sie den jungen Mann mit den buschigen schwarzen Augenbrauen in einer warmen Abenddämmerung nochmals aus dem Zug steigen sah. Die karierte Jacke mußte ziemlich abgetragen sein, aber im Grunde hatte sie keine Augen dafür. Eine jähe Melancholie, die sie nicht niederzukämpfen wußte, überwältigte sie. Ihr war, sie sähe den jungen Mann zum letzten Mal. Und ohne sich von ihrem Klappsessel zu erheben und auch nur ein einziges Papier abzuzählen, begann sie langsam und vorsichtig, in vollkommener Stille, die ganze Klosettrolle abzuwickeln. Unaufhaltsam fielen die breiten weißen Papierstreifen aus ihrer Hand zu Boden, bauschten sich kurz, warfen bizarre Falten und blieben ruhig liegen. Reglos saß sie am Ende inmitten ihrer so verschwenderisch dargebotenen Verehrung. Der Sohn des einstigen Stationsvorstandes, sagte der Wirt, begann erst nach einer langen Pause die Klosettrolle sorgfältig aufzuwickeln und nahm sie mit sich. Meine Mutter sah ihn nie wieder. Hie und da traf mit der Post ein Couvert für sie ein, und darin lag ein beschriftetes Klosettpapier. Der Aufgabestempel war Rom, danach Genua, Mailand, und die Entfernung wuchs für sie ins Unermeßliche. Sie heiratete spät, auf ihrem Nachttischchen bündelte sie weiter die vollgekritzelten Klosettblätter, in denen sie ihre Welt, ihr Modica beschrieben fand, die Hitze, die Schatten der Toten, die verdurstenden Tiere, die gleißenden Steine und unstillbare Traurigkeit. Vielleicht ließ mein Vater, sagte der Wirt, sie Eifersucht auf diese Blätter spüren, durch die sie unablässig mit einer ihm unbekannten inneren Stimme verbunden war, jedenfalls muß sie nach meiner Geburt das Nachttischchen geräumt haben. Mit dünnen Klebestreifen heftete sie die beschrifteten Klosettblätter auf die grüne Tapete über meinem Kinderbett. In meinen frühesten Erinnerungen schaukeln diese Blätter über mir im Wind, der den Fensterflügel aufgestoßen hat, oder sind es die Zweige der weißblühenden Tamariske nahe der Hausmauer, die sich hereinneigen?
Serafina gab unüberhörbare Zeichen der Schläfrigkeit von sich. So wie der Sohn des Stationsvorstandes damals, sagte der Wirt leiser, im Flimmern über den Bahngeleisen seinen Vater gesucht hat, in der roten Schirmmütze mit den glänzenden Hermesflügeln, so sehe ich bei jeder Ankunft in Modica meine Mutter noch immer als junge Frau in der Abenddämmerung vor dem Toilettenhäuschen sitzen, umgeben von den in langsamen Wellen niederfallenden Klosettpapierstreifen, die sich still in bauschige Falten legen und rund um sie liegenbleiben wie Schnee.
Gertrud Leutenegger: Späte Gäste, S. 152-157
Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags
Gertrud Leutenegger
Späte Gäste
Roman
Suhrkamp Verlag 2020 · 174 Seiten · 22 Euro
ISBN: 978-3518429587
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