Putins Angriffskrieg, Trumps Schockstrategie, der globale Angriff auf die Demokratie – bis vor wenigen Jahren hätte man sich das im Traum nicht ausdenken können.
In unregelmäßigen Abständen lesen wir auf tell klassische Texte vor dieser Folie und fragen: Haben die Klassiker Antworten auf die derzeitigen Verwerfungen des politischen und gesellschaftlichen Raums?
1. März 2025: Die Tyrannei der Freiheit. Herwig Finkeldey über Fernando Pessoas „Ein anarchistischer Bankier“
19. April 2025: Die Freiheit, zu ziehen oder nicht zu ziehen. Herwig Finkeldey über Thomas Manns „Mario, der Zauberer“
21. Oktober 2025: Der Fluch der Rache. Herwig Finkeldey über Friedrich Torbergs KZ-Erzählung „Mein ist die Rache“
In Anna Seghers Roman Transit ist von einem Schriftsteller mit Namen Weidel die Rede, der sich in Paris nach der Einnahme durch die Wehrmacht 1940 das Leben nimmt und einen Koffer mit Manuskripten hinterlässt. In diesem Koffer befindet sich auch ein Romanmanuskript, das der Ich-Erzähler in Seghers Roman lesen wird. Frühzeitig schon wurde bekannt, dass Anna Seghers hier an den Schriftsteller Ernst Weiß denkt und dass das Manuskript auf Weiß’ nachgelassenen Roman Der Augenzeuge hinweist.
Ernst Weiß, der sich 1940 in Paris das Leben nahm, hatte diesen Roman 1938 für einen Wettbewerb des „American Guild for German Cultural Freedom“ in den USA verfasst und abgeschickt. Dieses unredigierte Typoskript hat sich erhalten. Eine weitere Abschrift der ersten Fassung ging an Stefan Zweig – offenkundig mit der Bitte um Korrekturen. Von Zweig kamen Vorschläge, auf die Ernst Weiß zum Teil auch einging. Diese zweite Fassung allerdings ist, bis auf einige Anfangskapitel, verschollen. Dieser Anfang ist 1939 in der Exilzeitschrift „Maß und Wert“ in Zürich erschienen.
Judenkaiser vs. Narrenkaiser
Im Roman Der Augenzeuge schildert ein namenloser Ich-Erzähler seine Ausbildung zum Arzt. Das Leben dieses Erzählers beginnt mit der Kindheit in einem Abstiegshaushalt – der Vater hatte als Brückenbauingenieur unlauter gehandelt und war entlassen worden. Ein Leitmotiv des Romans ist das, was der Erzähler „das Zermalmende“ nennt. Das erste Mal erlebt er es als Kind, als ihn ein Pferd, das er füttern möchte, in die Rippen tritt. Seitdem beschreibt er alles, was er ohnmächtig erdulden muss, als „das Zermalmende“: Nach dem Pferdetritt ist es das Moor, in dem er beinahe versinkt. Dann der Krieg und später das Hochkommen Adolf Hitlers.
Ein weiteres Motiv, das den Roman durchzieht, ist der Antisemitismus. Der Arzt, der sich nach dem Pferdetritt um das Kind kümmert, ist der jüdische Hausarzt Dr. Kaiser, fortan „Judenkaiser“ genannt. Der Erzähler schildert die Ablehnung, die der Arzt durch die Mutter erfährt, obwohl er einzig die Gesundung ihres Sohnes im Auge hat. Der Judenkaiser bleibt als Mahnung und ständiger Stachel eine wichtige Nebenfigur im Roman.
Der medizinische Werdegang des Ich-Erzählers wird breit geschildert. Hierbei spielt die gerade aufgekommene Psychoanalyse eine entscheidende Rolle. Der Mentor des Erzählers, ein Psychiater, heißt ebenfalls Dr. Kaiser, genannt „Narrenkaiser“, im Kontrast zum Judenkaiser. Der Erzähler arbeitet beim Narrenkaiser, einem wissenschaftlich tätigen Psychiater, und er promoviert bei ihm über psychogene Störungen.
Der Patient A. H.
Als der Erste Weltkrieg ausbricht, befindet sich der Ich-Erzähler mitten in dieser Ausbildung. Den geistigen Zustand Europas im Jahr 1914 schildert er wie ein psychiatrisches Symptom:
Mit einem Schlag gab es kein Europa mehr. […] Die bestialischen Triebe, die Unterseele waren erwacht.
Die zentrale Erzählung des Romans – und Ursache für die spätere „zermalmende“ Verfolgung des Ich-Erzählers durch die Nationalsozialisten – ist die Behandlung eines Patienten 1918 in einem Lazarett in Pasewalk. Dieser Patient, Opfer einer Senfgasverletzung, wird nur mit seinen Initialen, A.H., genannt. Gemeint ist eindeutig Adolf Hitler, der im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs nach einem Senfgasangriff vorübergehend erblindete.
Diese Krankengeschichte wird zu einem Politikum, im Roman wie auch in der Realität. Hier wie dort spielt der Verbleib der Krankenakte eine entscheidende Rolle: In dieser Krankenakte wird Hitlers Blindheit, der medizinischen Mode der Zeit entsprechend, als „hysterisch“ gedeutet. Im Roman therapiert der Ich-Erzähler den Patienten A. H. gemäß seiner Ausbildung tiefenpsychologisch. Ein Affront gegen die harte NS-Welt, in der dies als Schwäche Hitlers erscheinen muss.
Psychopathen an der Macht
Der Ich-Erzähler – und mit ihm der Autor Ernst Weiß – analysiert im weiteren Verlauf mit Hilfe der Psychoanalyse die Gesellschaft, und er diagnostiziert die Zeit als psychotisch schwer gestört. Weiß‘ Kronzeuge ist dabei der Psychiater und Psychoanalytiker Ernst Kretschmer. Auch Kretschmer überträgt die psychoanalytische Methode, die ja zunächst nur innerpsychische, individuelle Konflikte therapieren sollte, auf gesellschaftliche Prozesse.
In seinem Buch Geniale Menschen (1929) schreibt Kretschmer, dass „Psychopathen und Geisteskranke“ in Krisenzeiten, in denen die „Temperatur eines Zeitalters“ ansteigt, mächtig werden können: Menschen, die sonst unter dem Radar geflogen wären, steigen nun auf. Der Autor Ernst Weiß und mit ihm sein alter ego, der namenlose Ich-Erzähler in Der Augenzeuge, übernimmt diese Sicht. Er baut wörtliche Textpassagen aus Kretschmers Buch in die analytischen Passagen des Romans ein.
Eine fatale Heilung
Allerdings erkennt der Ich-Erzähler, dass eine korrekte Diagnose noch lange keinen therapeutischen Erfolg garantiert. In M. (gemeint ist München) wird der Ich-Erzähler schließlich Zeuge einer Rede von A.H., und er muss erkennen, dass er ihn letztlich mit dem Ergebnis geheilt hat, dass dieser A.H. nun Unheil anrichtet.
Er fragt sich zunächst folgerichtig:
War er nicht mein Werk?
Um dann entsetzt festzustellen:
Ich wußte wohl, dass ich ihn zwar für immer von seiner hysterischen Blindheit, eine Zeitlang von seiner hysterischen Schlaflosigkeit, aber nicht eine Sekunde von dem Judenhaß geheilt hatte.
Es kommt so weit, dass die Rollen getauscht werden: Nicht der Therapeut beeinflusst den Kranken, sondern der Kranke den Therapeuten. Das Machtverhältnis ist gekippt.
Konnten wir auf der anderen Seite etwas Gleiches entgegensetzen? Wir konnten es nicht. Wir hatten uns in den Gegner zu sehr hineingelebt. Das war unsere tödliche Schwäche. Es fehlte uns die naive Brutalität ebenso wie die naive Sentimentalität, die Faust und die Träne. Und die Lüge.
Alte Methoden
Konsequenterweise trägt die zweite, verschollene Fassung von Der Augenzeuge (in Anna Seghers Roman das Manuskript im verschwundenen Koffer) den Titel Der Narrenkaiser, als Chiffre für einen Analytiker einer aus allen Fugen geratenen Zeit.
Über diesen Narrenkaiser, seinen Mentor während der Ausbildung, schreibt der Ich-Erzähler zum Schluss:
Längst hatte er es aufgegeben, Menschen heilen zu wollen. […] Statt der anatomischen Gehirnschnitte studierte er einen Querschnitt durch das Europa am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.
Der Ich-Erzähler kommt zu dem Ergebnis:
Viel klarer als ich hatte es mein Meister erfasst, dass die wahrhaft aufrüttelnden und siegreichen Führer der Menschen immer Irre gewesen sind. Ihr Haß war nicht ohnmächtig, sondern zeugte. Ihre Lüge fiel nicht in sich zusammen, sondern formte alles Leben ringsum, wie es der Glaube formt.
Doch sind nur die Patienten des Narrenkaisers Narren? Oder ist er selbst einer? Weiß‘ Ich-Erzähler stellt treffend fest:
Wir wollten mit den alten Methoden in einer neuen Zeit wirken.
Das konnte nicht funktionieren, das „Zermalmende“ lässt sich nicht psychoanalytisch aufarbeiten.
Ein pikantes Detail ist dabei die Tatsache, dass Ernst Kretschmer, Weiß‘ Kronzeuge, schließlich selbst als psychiatrischer Gutachter im Rahmen der „Euthanasie“ schuldig wurde.
***
Jede Zeit hat ihre autoritäre Verlockung, gewissermaßen ‚ihren‘ Faschismus, und sie hat auch ihre Methoden, diesen Faschismus zu analysieren. Das zeigt dieser Roman. Vielleicht liegt hier ein Grund für die anhaltende kommunikative Erfolglosigkeit gegen den Rechtspopulismus. Wir machen denselben Fehler wie Weiß‘ Erzähler: Wir beschreiben mit alten Vokabeln neue Phänomene.
Vielleicht wäre es besser, auf den Begriff Faschismus ganz zu verzichten, wenn man vor der Neuen Rechten warnen will. Er ist von ihnen zu leicht zu unterlaufen.
Bildnachweis:
Beitragsbild: Jeremy Johaness Johnson Her eyes are locked on mine via C BY-NC-ND 3.0
Ernst Weiß
Der Augenzeuge
Roman
Hofenberg · 200 Seiten · 9,80 Euro (Taschenbuch)
ISBN: 978-3843033114
Bei Eichendorff21 oder im lokalen Buchhandel


