Der Titel „Der Mann ohne Eigenschaften” ist vielleicht die meistzitierte und dabei am häufigsten falsch zitierte Wendung in der deutschen Literatur. Was ist ein Mann ohne Eigenschaften?


Über diese Frage gibt Kapitel 39 von Robert Musils Roman Aufschluss. Es trägt den Titel: „Ein Mann ohne Eigenschaften besteht aus Eigenschaften ohne Mann“. Ein Paradoxon: Wie kann ein Mann, der keine Eigenschaften hat, aus Eigenschaften bestehen, die wiederum kein Subjekt haben? Und inwiefern könnte er damit unser Zeitgenosse sein?

Der Schlüssel findet sich ebenfalls in diesem Kapitel.

Es ist eine Welt von Eigenschaften ohne Mann entstanden, von Erlebnissen ohne den, der sie erlebt, und es sieht beinahe aus, als ob im Idealfall der Mensch überhaupt nichts mehr privat erleben werde und die freundliche Schwere der persönlichen Verantwortung sich in ein Formelsystem von möglichen Bedeutungen auflösen solle.

Diese Diagnose trifft auch auf heutige Verhaltensweisen zu: Vielen Menschen ist es wichtiger zu zeigen, was sie erleben, als es zu erleben. Es ist wichtiger, ein Selfie vor einem Kunstwerk zu machen, als es zu betrachten.

Musil schreibt:

Denn der Glaube, am Erleben sei das Wichtigste, dass man es erlebe, und am Tun, dass man es tue, fängt an, den meisten Menschen als eine Naivität zu erscheinen!

Was Musil hier beschreibt, ist die Auflösung des Ichs. Das entspricht dem Verlust dessen, was er „die freundliche Schwere der persönlichen Verantwortung“ nennt. Die persönliche Verantwortung hat sich in einem „Formelsystem von möglichen Bedeutungen“ aufgelöst.

Es geht nicht nur um den Einfluss von Psychologie, Psychoanalyse und Soziologie auf die Interpretation unserer Handlungen und deren Beweggründe. Musil verweist auch auf die Tatsache, dass das moderne Denken die Welt in Begriffen und Kategorien einfängt. Diese reduzieren die Besonderheit und Einzigartigkeit einer Erfahrung auf allgemeine Gesetze und Kategorien. Damit wird die Erfahrung in etwas verwandelt, was weder besonders noch einzigartig ist.

Denken wir zum Beispiel an die – auch von Minderheiten – empfundene Notwendigkeit, sich in fast genetischen Kategorien zu identifizieren. Eingeschlossen in diese allgemeinen Kategorien verliert der Mensch seine persönliche Identität im eigentlichen Sinne. Nicht wir sind es, die einer Erfahrung eine Bedeutung verleihen. Stattdessen ordnen wir die Erfahrung in eine Kategorie ein, die ihr einen Sinn gibt.

Von Ulrich, dem Mann ohne Eigenschaften, heißt es im Roman:

Auf A war immer B gefolgt, ob das nun im Kampf oder in der Liebe geschah. Und so musste er wohl auch glauben, dass die persönlichen Eigenschaften, die er dabei erwarb, mehr zueinander als zu ihm gehörten, ja jede einzelne von ihnen hatte, wenn er sich genau prüfte, mit ihm nicht inniger zu tun als mit anderen Menschen, die sie auch besitzen mochten.

Auch in diesem Fall bietet uns Musil zwei Lesarten unserer Gegenwart. Generell können wir von einer ‚Globalisierung‘ des Individuums sprechen, einer Massifizierung der Wünsche und Erfahrungen jedes Einzelnen von uns. Denken wir nur an den Tourismus, bei dem der Besuch einer historischen Stadt nicht mehr Teil eines Prozesses der persönlichen Entdeckung ist, sondern Teil eines Pflichtprogramms: Man tut es, weil es alle tun und weil es im Reiseführer empfohlen wird.

Es gibt jedoch noch eine tiefere Ebene, die einen radikaleren kulturellen Wandel mit sich bringt. Verhaltensmuster, die von sozialen Medien wie TikTok in Videos verbreitet werden, prägen mittlerweile den spirituellen und physischen Alltag vieler Jugendlicher. Die Suche nach etwas, das die perfekte Nachahmung von etwas außerhalb von uns ist und das nicht zu uns gehört. Oder, im Erwachsenenalter, die perfekt abgestimmten Lebensentscheidungen, die der Welt um uns herum entsprechen. Hier geht es um das Verschwinden des Ichs, seine Auflösung, wie Musil es beschreibt.

Die Folge all dessen ist die Unfähigkeit, ja die Unmöglichkeit, die Welt zu verändern. Denn wenn man nur eine Wiederholung sein möchte von etwas, was schon besteht, kann man nichts ändern, dann gibt man nur weiter, was man gefunden hat. Statt sich der Welt zu widersetzen oder sie zu beeinflussen, trägt man sie wie eine Rüstung aus Eigenschaften, aus denen der Mensch verschwunden ist.

Einer der berühmtesten Sätze in Der Mann ohne Eigenschaften lautet:

Wenn es den Sinn für die Realität gibt, muss es auch den Sinn für die Möglichkeit geben.

Vielleicht finden wir gerade in diesem Möglichkeitssinn das Menschliche wieder.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Niklaus Bächli

Unterstützen Sie uns auf Steady

Teilen über:

Von Agnese Franceschini

Deutsch-italienische Journalistin und Autorin, u.a. für den WDR.

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert