Brancusis Skulpturen sind glatt, gewölbt und glänzend. Oder glatt, steinern, rau. Oder aus Holz. Immer kompakt. Einige zeigen Spuren handwerklicher Schwerstarbeit. Alle haben klare Konturen, und sie sind so still, dass sie, lägen sie am Straßenrand, leicht übersehen werden könnten.

„Ist denn das Kunst?“, fragten Brancusis Zeitgenossen und verdächtigten ihn, einfach Kieselsteine zu kopieren. „Kann das weg?“, mögen heutige Skeptiker:innen fragen, weil die elementaren Formen am Ende vielleicht doch nur gefällig sind. Brancusi polarisiert. Und gehört gerade damit in den Kanon der Avandgardist:innen des 20. Jahrhunderts.

Duchamp, Satie, Hemingway

Über das Leben des Bildhauers, der 1876 in dem rumänischen Dorf Hobița am Rand der Karpaten geboren wird und 1904 als Kunststudent in Paris ankommt, ist wenig bekannt. Brancusi war zeitlebens ein verschlossener Mensch, jedoch keiner, der als Kauz oder Außenseiter galt. Im Gegenteil: Er hatte Freunde, Liebschaften und eine ansteckende Lebenslust. Mit Avantgardisten wie Marcel Duchamp, Amedeo Modigliani, Erik Satie diskutierte er Ideen, mit Ezra Pound, Ernest Hemingway und Gertrude Stein trank er Rotwein. Auch die griechische Prinzessin Marie Bonaparte kam in sein Atelier, ebenso wie amerikanische Millionäre und Straßenmaler aus den benachbarten Werkstätten.

Wo genau Brancusis Stil seinen Anfang nimmt, bleibt vage. Er lernt an der Kunstakademie in Bukarest das, was damals im Fach Bildhauerei unterrichtet wird. 1907 arbeitet er kurz im Atelier von Auguste Rodin, verlässt es jedoch bald wieder. Brancusi sucht nicht die Nähe eines Vorbilds, er will eigenen Impulsen folgen.

Klärende Reduktion

In der Neuen Nationalgalerie sind frühe Werke von 1908 zu sehen – dem vielleicht entscheidenden Jahr seiner Verwandlung in einen modernen Bildhauer. In diesem Jahr setzte er mit dem Kopf eines schlafenden Kindes aus Marmor und zwei Jahre später mit seiner weltweit vielleicht bekanntesten Arbeit, der „Schlafenden Muse“ aus polierter Bronze, den Maßstab für alle folgenden Werke. Allein dass sie mit geschlossenen Augen vor uns liegen, befreit sie aus ihrer starrenden Blicklosigkeit, gibt ihnen menschliche Verwundbarkeit und eine zarte Poesie.

Von hier aus geht Brancusi nie wieder hinter die klärende Reduktion einer Form zurück. Oder doch nur so weit, um einen neuen Anlauf zu nehmen, wie bei zwei weiteren Köpfen von schlafenden Kindern von 1921. In Berlin sind die beiden gleich neben der frühen Form von 1908 zu sehen. Während der frühe Kopf vor allem das Weiche des Gesichts zeigt – Lippen, das Kinngrübchen, die gewölbte Stirn, zwei unendlich zarte geschlossene Augenlider –, ist der spätere Marmorkopf noch körnig von der Bearbeitung mit dem Stichel. Nur der Mund ist ein blankpoliertes kleines o, es verwandelt den Stein in den Kopf eines schutzlosen Kindes. Der zweite Kopf von 1921 ist schwarz und spiegelblank poliert. Brancusi hat das kleine o des Mundes diesmal zu einer Tropfenform vergrößert, eine zur Nasenspitze hin gewölbte Fläche, die Kinn und Mundpartie vereinfacht – und die an die Schnäbel von Brancusis Vögeln erinnert.

Arbeitsfuror in der Werkstatt

Hier, wie bei allen weiteren Exponaten, kommt die Weite der Neuen Nationalgalerie ins Spiel. Sie bietet genug Platz für jede einzelne Arbeit, und so stehen alle Variationen als komplette Formulierung für sich. Und das ist entscheidend: Wir sehen keine Abstraktion per se, die, einmal gefunden, zum Repertoire einer abstrakten Bildwelt wird. Denn Brancusi beginnt für jedes Porträt, jede Tierskulptur von vorne. Seine Abstraktionen sind deshalb nicht allgemeingültig, sondern einzig. Besonders schön zu sehen ist das in der Ausstellung an den zahlreichen Frauenköpfen, die hier beieinander stehen, sie zeigen seine Freundinnen Nancy Cunard, Mademoiselle Pogany, Eileen Lane oder andere, anonyme Musen.

Dabei ging Brancusi das Material direkt an. Keine Skizzen, keine in Ton modellierte Vorarbeiten: Brancusi zog seine weiße Bildhauermontur an, dazu schwere Schuhe, und machte sich mit Säge, Hammer, Meißel, Stecheisen direkt am Stein oder Holzklotz zu schaffen. Dieses Vorgehen war zu seiner Zeit ungewöhnlich, es zeigt seine Lust und sein Vermögen, direkt mit den Rohstoffen zu ringen; er ließ sich in seinem Arbeitsfuror gerne fotografieren und filmen. Diese kleine Episoden sind in der Neuen Nationalgalerie ebenfalls zu sehen, sie verleihen der Ausstellung eine luftige Lebendigkeit. Ernest Hemingway nannte den Bildhauer einmal einen „modernen Stierkämpfer“: Wie bei einem guten Torero ging es Brancusi nicht um die Beherrschung des Gegenübers, sondern um einer Art Tanz, um einen Austausch.

Nachbau von Brancusis Werkstatt

Liebe zum Einfachen

Die Berliner Ausstellung zeigt das Glänzende, das Glückliche auch von Brancusis Leben. Das Herzstück der Schau, der originalgetreue Nachbau von Brancusis Werkstatt, legt davon Zeugnis ab. In dieser Werkstatt schuf er mit grob gezimmerten Werkzeugen seine Welt stiller Eleganz. „Mein Leben ist eine Abfolge wundervoller Ereignisse“, soll er über sich gesagt haben. Von außen, mit Blick auf einen Mann mit struppigem Bart, der mit seiner Kunst im Atelier lebte und am offenen Kamin Hühnersuppe für seine Gäste kochte, mag das überraschend klingen.

Schon zu Lebzeiten sicherte ihm seine Liebe zum Einfachen eine singuläre Stellung im Stilwirrwarr der Avantgarde: Wo andere Futuristen, Bauhäusler, Dadaisten oder Kubisten waren, blieb er schlicht Brancusi. Und wo andere die Öffentlichkeit suchten, arbeitete er in seinem Atelier und öffnete einfach nur die Türe.


Information zur Ausstellung

Neue Nationalgalerie, Stiftung Preußischer Kulturbesitzt: Brancusi. 20. März bis 9. August 2026. Der Katalog zur Ausstellung kostet 44,00 Euro.

Bildnachweis:
Alle Bilder von Stephanie Jaeckel


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Von Stephanie Jaeckel

Kunsthistorikerin und Kulturjournalistin, Autorin von Sach-Hörbüchern für Kinder.

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