Der tell-Mitarbeiter Herwig Finkeldey ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.

Die Pandemie grundiert nun schon lange das alltägliche Leben. Aus der akuten Bedrohung durch ein Virus ist im Verlauf eines Jahres ein chronischer Zustand geworden. Mit der Chronifizierung hat sich auch die Wahrnehmung dieser Pandemie verschoben: Am Beginn stand ein Schreck, den man fast als akute Todesangst beschreiben kann, und dieser Schreck förderte Solidarität und Einsicht in die Pandemie-Maßnahmen. Doch mit der Dauer der Pandemie hat sich die Angst verändert: Die andauernde Angst motiviert nicht, sondern sie lähmt und vergiftet die Gesellschaft. Dies umso mehr, als die Furcht vor dem Virus inzwischen für viele in ökonomische Existenzangst umgeschlagen ist.

Angst vor den Querdenkern

Auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor die Pandemie-Maßnahmen befürwortet: Die Einsicht bröckelt. Dass nicht die Maßnahmen die Ursache der ökonomischen Verwerfungen sind, sondern das Virus, ist vielen Menschen nicht bewusst: Ein ungebremstes Durchlaufen der Pandemie durch die Bevölkerung würde einen ökonomischen Schaden anrichten, der den Schaden des Lockdowns um ein Vielfaches übersteigen würde, von den zusätzlichen Toten ganz zu schweigen. In Schweden kann man die Folgen dieser Taktik sehen. Aber es scheint zunehmend schwieriger, mit dieser Argumentation durchzudringen. Die Angst ist stärker. Und die Populisten und ihr „Corona-Arm“ der Querdenker befeuern diese Angst mit allen Mitteln. Denn Angst ist das Benzin, das den Motor des Populismus antreibt.

Folglich überrascht es nicht, dass dieses Klima der Angst auch die politischen Entscheidungsträger erreicht. Sie haben Angst vor falschen Entscheidungen (selbst wenn diese nur vermeintlich falsch sind), und sie müssen befürchten, von den Populisten am Ende der Pandemie die Rechnung präsentiert zu bekommen. Die Angst vor den Querdenkern schwingt bei den Verlautbarungen der Politiker immer mit: Wer nur einmal in seiner Prognose „falsch“ liegt, liefert damit einen „Beweis“ für die Inkompetenz der Eliten.

Profiteure der Angst

In keiner einzigen Sachfrage haben die Verharmloser der Pandemie die besseren Argumente, und doch bestimmen sie durch diese Angstkommunikation die Richtung. Denn im öffentlichen Diskurs geht es nicht um Argumente, sondern um das Auslösen starker Gefühle, und Angst ist im politischen Leben das wirkungsvollste Gefühl, vor allem wenn sie die ökonomische Existenz betrifft. Als Profiteure der Angst halten die Populisten diese Angst ständig am Köcheln.

Wie geht man gegen diesen perfiden Mechanismus vor? Und was lief falsch, nachdem die öffentlichen Diskussionen am Beginn der Corona-Pandemie so gut funktionierten? Damals kamen die Populisten kaum zu Wort, sie konnten ja nichts Substantielles zur Problemlösung beitragen.

Gewöhnung ans Risiko

Ich glaube, dass die zunehmenden Kommunikationsschwierigkeiten beim Fortschreiten der Pandemie gerade mit dem anfänglichen Erfolg der Pandemie-Kommunikation zu tun haben.

Die beiden Philosophen Nikil Mukerji und Adriano Mannino, die ich im vorherigen Corona-Beitrag bereits zitiert habe, sagten am 24.12.2020 in einem Interview mit der taz:

Der Philosoph David Hume hat schon im 18. Jahrhundert den psychologischen Mechanismus analysiert: Wir reagieren auf Gefahren anfangs sehr alarmiert, vernachlässigen diese Risiken mit zunehmender Gewöhnung aber wieder. So hat auch bei uns die Pandemie im Laufe der ersten Welle eine starke Alarmbereitschaft hervorgerufen, die aber offensichtlich nicht einmal bis zum gegenwärtigen Herbst und Winter angehalten hat.
Hätten wir uns weniger von psychologischen Effekten leiten lassen, sondern vernünftig agiert, dann hätten wir uns stärker auf die wissenschaftliche Evidenz bezogen und dadurch die zweite Welle vorhersehen und besser abwenden können.

Lähmung und Abwehr

Auch Mukerji/Mannino sehen also den offenkundigen Widerspruch zwischen den ersten Kommunikations-Erfolgen zu Beginn der Pandemie einerseits, als große Einschnitte in die persönliche Freiheit willig hingenommen wurden – und andererseits der zähen, beinahe kleinlichen Herumdiskutiererei um jede Maßnahme, die man am Beginn der zweiten Welle beobachten konnte. 

Die Mobilisation der Gegenöffentlichkeit durch die Querdenker hat die akute Angst in eine chronische verwandelt, und so verwandelten sich Einsicht und Motivation in Gleichgültigkeit, Lähmung oder gar aggressive Abwehr. Dieser veränderten gesellschaftlichen Konstellation musste auch die Politik ihren Tribut zollen. Die zögerlichen und halbherzigen Maßnahmen zu Beginn der zweiten Welle sind so zu erklären.

Erfahrungen aus der Flüchtlingskrise

Wahrscheinlich spielen hier auch die Erfahrungen während der sogenannten Flüchtlingskrise 2015/16 mit hinein: Auch damals ließen sich die Verantwortlichen zunächst von Einsicht und humanen Aspekten leiten – und erlebten dann den Aufstieg einer Partei, die gnadenlos gegen Migranten hetzte, indem sie Existenzängste auf die Flüchtlinge umlenkte. Wenn man sieht, wie schwer es heute ist, trotz der unwürdigen Zustände in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln humanes Handeln zu erwirken, dann ahnt man, wie tief die Angst bereits im politischen Getriebe hockt.

Dieselbe diffuse, chronifizierte Angst verhindert nun entschlossenes Handeln gegen die Pandemie.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Herwig Finkeldey (Selbstporträt)

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Von Herwig Finkeldey

14 Kommentare

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    Offensichtlich klaffen da ziemliche Lücken bezüglich Statistik, Emotionen und Realität.

    Siehe auch: http://www.deliberationdaily.de/2021/01/corona-schweden-deutschland-2/

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      Thomas Grabka 2. Februar 2021 um 10:11

      Ich finde auch das der Autor des verlinkten Textes in seinem Vergleich Schweden / Deutschland einiges durcheinander wirft, unzulässig verallgemeinert bzw. wahllos da präsentiert, wo es ihm in den Kram passt. Zum Frage wie Politik sich unter Covid19 Bedingungen klüger verhalten könnte, sei dieses kurze Interview mit dem Rostocker Bürgermeister vom 01.02.2021 empfohlen: https://www.radioeins.de/programm/sendungen/mofr1013/_/rostock-und-seine-geringen-inzidenzen.html

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      Vielen Dank für Ihren Kommentar und den klugen und aufwendig zusammengestellten Link. Leider reicht das vielen aufgeklärten deutschen Bürgern nicht mehr. Sie halten lieber an ihrem Glauben und ihrer Furcht vor Selbstbestimmung fest und klammern sich an einen kontrollierenden Staat, der ihnen vorgibt, wie sie sich zu verhalten haben. Dass es in Schweden und Japan reicht, mit Empfehlungen Politik für und mit den Bürgern zu machen, um eine mehr oder weniger medial angestachelte Krise souverän zu meistern, anstatt mit Kontrolle und Strafe wie im Rest-Europa zu regieren, scheint die gebildete deutsche Mittelschicht mehrheitlich zu verunsichern.

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      Liebe Sieglinde Geisel, ich konnte bisher wirklich nicht glauben, dass eine freischaffende Journalistin eine Politikerin zitiert und als Refferenz nimmt, die für die grösste Krise der Bundesrepublik verantwortlich ist, anstatt sich auf dem Markt der Wissenschaft und sozialen Künste zu bedienen. Allein die von unzähligen Wissenschaftlern, sowie einigen Gerichten bestätigte Erkenntnis, dass Fallzahlen nichts mit Infektionen gemein haben, scheint bei Ihnen noch nicht angekommen zu sein. Ein positiver PCR-Test sagt nichts aus über eine Erkrankung oder klinische Infektion aus (dafür braucht es einen klinischen Test), sondern nur, dass Virusschnipsel vorhanden sind, für die zum überwiegenden Teil das körpereigene Abwehrsystem die Verantwortung übernimmt. Es sind unseriöse Test-Fallzahlen die auch noch permanent addiert, statt korrigiert werden, mit denen die Politik Angst und Furcht verbreitet. Und bitte erzählen Sie mir nichts über diffuse Gefühle von Ängsten. Diese Ängste sind in meiner Praxis sehr konkret und fordern die Menschen aufs Äusserste.

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    Dass sich die Zahlen zwischen Schweden und Deutschland langsam angleichen (ganz angeglichen sind sie noch nicht), hat v.a. mit den sich angleichenden Maßnahmen zu tun. Deutschland hat zu Beginn der zweiten Welle, deren Entwicklung von den Corona-Leugnern im Sommer ja massenhaft bestritten worden ist (nun sind die diesbezüglich kleinlaut geworden), eben zu spät reagiert. Schweden hingegen verschärft. Die jeweiligen Auswirkungen sehen wir übrigens immer erst Wochen später, so auch in der zweiten Welle. Deutschland hat die Trendumkehr aktuell geschafft, was die Mutante macht, bleibt abzuwarten. Auch in Schweden scheint die Maßnahmen-Verschärfung zu greifen.
    Was ein zu spätes Reagieren anrichten kann, erfährt gerade leidvoll Portugal.

    Eines noch zum verlinkten Artikel: Todesfallstatistiken über Jahrhunderte zu vergleichen, wie er es tut, führt nicht zu validen Erkenntnissen über eine neue Erkrankung. Das ist eher ein Beispiel für das Vernebeln von Argumenten.

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    Für einen so voreingenommenen Text reichen eigentlich die Berichte in den Tageszeitungen die von Anfang an Angst und Panikszenarien der Politik und bestimmter Experten verbreiteten, bevor die Bundesregierung ihre übertriebenen Demokratie schädigenden Massnahmen verordneten, die Menschen auf die Strasse und in die Empörung brachten. Von einem literarisch schreibenden Mediziner erhoffe ich mir einen offeneren Geist und eine andere Perspektive als, die Angsttreiber jetzt bei selbst und nachdenkenden Menschen zu finden. Welche Ignoranz! So wird die Spaltung der Gesellschaft weiter gezogen, anstatt für Lösungen, seiner Feder einen Beitrag zu entlocken.

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    Torsten Ziesche: Sigmund Freud unterscheidet zwischen Furcht und Angst. Furcht bezieht sich auf eine konkrete Gefahr, der man mit Maßnahmen begegnen kann im Hinblick auf eine Lösung des Problems. Angst dagegen ist ein diffuses Gefühl, für das es keine Lösungen gibt.
    Wo sehen Sie in der gegenwärtigen Corona-Politik “Angsttreiber”? Angela Merkel hatte im Herbst davor gewarnt, dass wir an Weihnachten 19 000 Infektionen am Tag haben, wenn die Maßnahmen nicht verschärft werden. Es waren dann schon vor Weihnachten über 30 000 Infektionen, die entsprechende Todeszahlen nach sich zogen.
    Die Regierung nimmt die Gefahr ernst und versucht ihr, durch Maßnahmen zu begegnen. Das ist klassisches Furcht-Management und das Gegenteil von Angsttreiberei.

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    Nachdem ich die vergangenen Beiträge von Herwig Finkeldey zur Sars2-Pandemie auf Grund ihrer abwägenden Art sehr geschätzt habe, bin ich nun etwas enttäuscht. Mir scheint Finkeldey befeuert hier selbst das Phänomen, das er beklagt, indem er eine Dichotomie aufmacht zwischen den Vernünftigen, die die Gefahr erkannt hätten und den Unvernünftigen, die die Pandemie ungebremst durchlaufen lassen wollten. Als wenn die Sache so einfach wäre, als wüsste man so unglaublich gut Bescheid, was im Einzelfall das Vernünftige wäre, obwohl selbst in Schweden, was als abschreckendes Beispiel herhalten muss, die Pandemie nie ungebremst gelaufen ist.

    Als Ursache für die ganze Unvernunft hat Finkeldey eine diffuse Angst ausgemacht. Zunächst einmal gibt es nicht die eine Angst. Juli Zeh hat treffend darauf hingewiesen, dass die Pandemie “konkurrierende Fundamtalängste” auslöst: vor Krankheit und Tod, ökonomische Existenzängste, Angst vor Autonomieverlust, Angst vor Errosion freiheitlicher und demokratischer Standards. Die Debatte verläuft unter anderem deshalb so leidig und unfruchtbar, weil darum gestritten wird, welche Ängste berechtigter sind.
    Allein die “Querdenker” als Quelle der Angst auszumachen, ist absurd. Was legitimiert den die ganzen Maßnahmen, wenn nicht die Angst vor den Folgen einer ungebremsten Pandemie? Wie viel Angst wurde durch die alltägliche Berichterstattung mit dramatischen Bildern gemacht. Vernünftig ist, so scheint hier das implizite Argument zu sein, wer sich mit der “richtigen” Angst verbündet.

    Wer stellt eigentlich fest, ob Rationalität vorliegt? Wir sollten nicht übersehen, schreibt Markus Gabriel in einem lesenswerten Beitrag, “dass viele Menschen sich einfach deswegen nicht noch einmal wie im März oder April 2020 verhalten werden, weil sie inzwischen wissen, dass für sie nur ein geringes persönliches Risiko von der Präsenz des Virus ausgeht”.
    https://www.nzz.ch/feuilleton/markus-gabriel-ueber-coronaleugner-und-lockdownfanatiker-ld.1598379

    Es gibt offensichtlich nicht die eine freischwebende Rationalität. Was aus der Perspektive eines Einzelnen vernünftig erscheinen mag, muss es aus einer anderen z.B. epidemiologischen Sicht noch lange nicht sein. Unvernünftig sind immer nur die anderen?

    Welche ernstzunehmende Stimme fordert tatsächlich ein ungebremstes Durchlaufen? Doch jenseits davon scheint überhaupt nicht so klar zu sein, was zu tun ist. Wir wissen nicht genau, welchen Maßnahmen unter welchen Umständen, welchen Effekt haben, von den langfristigen Folgekosten ganz zu schweigen. Selbst die Experten der einschlägigen Disziplinen sind sich uneins über die richtige Strategie und dabei kommt meistens die soziale und psychologische Expertise nur am Rande vor.

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    Lieber Torsten Ziesche, inwiefern hat Merkel “die größte Krise der Bundesrepublik” verursacht? Sie hat das Virus nicht erfunden. Und warum gehen Sie nicht auf das Zitat ein?
    Und welche “unzähligen Wissenschaftler” behaupten, die Infektionen hätten nichts mit den Fallzahlen zu tun? Das Problem bei Corona ist ja gerade, dass die Infektion nicht immer eine Erkrankung auslöst, doch auch asymptomatisch Infizierte ansteckend sind.
    Das ist etwas, was man inzwischen einfach weiß. Es ist wie beim Klimawandel: Die seriöse Wissenschaft ist sich einig, was die Grundproblematik angeht. Dass man immer wieder darüber diskutieren muss, ob 2 plus 2 vielleicht doch 5 ist, hat etwas Zermürbendes. Es verhindert/verzögert die Bekämpfung der Not – und führt schließlich dazu, dass nicht nur die Ängste wachsen, sondern auch die berechtigte Furcht.
    Ganz abgesehen von der Frustration unter Wissenschaftlern wie Christian Drosten, Isabella Eckerle, Viola Priesemann, Melanie Brinkmann, die sich alle Mühe geben, die jeweils aktuellen Stand des Wissens der Öffentlichkeit zu erklären.

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      Liebe Frau Geisel, wenn eine Journalistin nicht mehr erkennt, dass seit März 2020 kein offener Diskurs mehr unter Wissenschaftlern in den Mainstream-Medien stattfindet, wenn eine Journalistin nicht mitbekommt, wie der Staats-Virologe Herr Drosten seit April Studien vorstellt, die von Millionen Toten sprechen und damit Angst und Panik schürt (ohne dass eine einzige Studienthese auch nur ansatzweise eingetroffen ist) und sich auch sonst zu allem anderen wie Wirtschaft und Ökonomie aus dem Fenster lehnt, einschliesslich seiner Schillerrede, ohne dass ein Feuilleton kritisch nachfragt, ob wir es hier mit einer Hybris zu tun haben, läuft etwas grundsätzlich schief im deutschen Journalismus. Wahrscheinlich haben Sie auch nicht mitbekommen, dass Frau Merkel bemerkte: “Wir leben durch die Mutationen auf einem Pulverfass”, Christian Drosten: “100000 Neuinfektionen täglich”, “Die Länge des Lockdowns hängt von Mutationen ab” (Peter Altmaier), all dies ohne jede wissenschaftliche Evidenz. Es ist ein Trauerspiel. Hier ein Beispiel von ARTE, der letzten einsamen Insel des öffentlich-rechtlichen und nachfragenden Journalismus, mit einem kritischen Beitrag.

      https://www.facebook.com/100012461833120/posts/1088302818261769/?sfnsn=scwspwa

      Also, es gibt keinen Grund für Angst und Panik, so wie sie die Bundesregierung bewusst verbreiten, es gibt keinen Grund für einen Lockdown, sagt die WHO seit Oktober, es gibt keinen Grund für die Zerstörung von Kulturbetrieben, Mittelstand und kleinen selbständigen Unternehmen. tell könnte einen Beitrag leisten, einen offenen Diskurs zu fördern, indem es den Stimmen Platz bietet, die aus der geförderten Öffentlichkeit verdrängt wurden. tell könnte Menschen und Literaten zusammenbringen und einen Platz bieten, für konstruktive und verbindende Beiträge für eine neue Gesellschaft. Eine Bürgergesellschaft die ohne selbsternannte Experten und ohne Kontroll- und Strafmassnahmen auskommt, wo das menschliche Immunsystem wieder seinen natürlichen Platz zurückerhält und der freie Geist und die Poesie triumphieren.

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    Sehr geehrter Herr Sello,

    niemand baut hier eine Dichotomie auf, auch wenn es ihnen, wie Sie schreiben, so “scheint”. Vielmehr steht im Text, dass die akute, motivierende Angst zu Beginn der Pandemie einer chronischen und damit lähmenden Angst gewichen ist. Und dass diese chronische, lähmende Angst den Populisten nützt.
    Es gibt aber weiterhin in der Pandemie auch keine Güterabwägung der Ängste, kein Ranking oder ähnliches. Vielmehr gibt es das Virus als alleinige Ursache aller Ängste. Und mit einem Virus kann man nicht verhandeln. Denn es ist keine Rechtsperson, kein Verhandlungspartner.
    Es ist vielmehr eine biologische Entität. Ein Faktum, das weder einen “Sinn” hat, noch etwas “will”. Und deswegen kann man sich auch nicht hinstellen und dichotomisch (sic!) sagen, da gibt es ein Gesundheitsinteresse auf der einen und ein ökonomisches Interesse auf der anderen Seite. Und noch ein psychologisches auf der dritten. Das Virus selbst ist die Ursache für die wirtschaftlichen und psychologischen Verwerfungen, nicht der Lockdown. Für die Ökonomie hat das unlängst der Schweizer Ökonom Mark Ditli festgestellt (https://themarket.ch/meinung/der-dogmatische-blick-auf-die-schulden-wird-fuer-die-schweiz-zur-falle-ld.3237). Das führte zu einer Erklärung von 60 Schweizer Ökonomen, die den Lockdown aus ökonomischen Erwägungen befürworteten (https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwiPnL-Woc3uAhXHzqQKHTXtDaUQFjAAegQIARAC&url=https%3A%2F%2Fwww.faz.net%2Faktuell%2Fwirtschaft%2Fwarum-oekonomen-einen-corona-lockdown-in-der-schweiz-wollen-17040194.html&usg=AOvVaw2xd1Y0oequtgkDruXftO4M).
    Dass das Virus bei den betroffenen Familien, den Angehörigen der Erkrankten erhebliche Probleme verursacht, mögen Sie mir bitte glauben. Wie kommt man eigentlich dazu, alle psychologischen Verwerfungen dem Lockdown anzukreiden? Würde das Virus ungebremst durchlaufen, wir wären eine Gesellschaft von Trauernden.

    So sehe ich vor allem ein Problem in der intellektuellen Verarbeitung der Krise. In Verkennung der Kausalität wird das Virus als Ursache ausgeklammert und und es wird versucht, den Lockdown, der ja nur auf das Virus reagiert, als Ursache festzunageln. Hat das mit dem Bedürfnis zu tun, immer irgendwem die Schuld zu geben?
    Man mag – fast kleinlich – an der einen oder anderen Maßnahme herumkritisieren. Aber dass der Lockdown die erhoffte Wirkung hat, zeigen die Zahlen. Wie immer bei SARS-Cov2 verzögert.

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      Lieber Herr Finkeldey, vielen Dank für die beiden Links. Ich sehe es auch so, dass es keinen strikten Gegensatz zwischen wirtschaftlichen und gesundheitlichen Interessen gibt, wenngleich sie auch nicht deckungsgleich sind.
      Mich beschäftigt aber vor allem eine andere Sache. Bei dem Thema, was sie ansprechen, der Angst, geht es nicht in erster Linie um ein Problem der intellektuellen, sondern der emotionalen Verarbeitung.
      Sicher mit dem Virus lassen sich keine Verhandlungen führen, ebensowenig wie mit einem Tumor oder mit antibiotikaresistenten Keimen. Dennoch lässt sich unterscheiden in Krankheit, ihre Ursachen und die gebotenen Präventions- Behandlungsansätze. Alle drei Hinsichten können zum Anlass für Ängsten werden, die nach einer spezifischen Antwort verlangen.

      Wissenschaftler wie Drosten werden nicht müde zu betonen, dass sämtliche NPIs letztlich politische Entscheidungen sind. Damit werden sie zwangsläufig zum Gegenstand von politischer Abwägung und Aushandlung – und von politischer Profilierung. Immerhin konnten in Umfragen lange v.a. die Politiker:innen profitieren, die sich für besonders konsequente NPIs einsetzten. Im Gegensatz zur Wissenschaft steht die Politik unter unmittelbaren Handlungsdruck bei hochgradiger Ungewissheit. Aus epidemiologischer Sicht mögen eine Reihe von Entscheidungen ungünstig gewesen sein. Für den Bestand und die Legitimität des politischen Systems kann es sich aber als bedeutsam erweisen, dass z.B. Gerichte Versammmlungsverbote und pauschale Ausgangssperren kippten oder dass Gottesdienste weiter möglich sind. Es gibt nicht den einen vernünftigen Standpunkt für alle diese Fragen.

      Aber zurück zur emotionalen Verarbeitung: Es gibt ja schon längst genug Anlass dafür, dass wir eine Gesellschaft der Trauernden sein könnten und – was die psychische Gesundheit betrifft – auch irgendwann sein sollten. Es sind schon so viele Menschen gestorben, so viele chronisch erkrankt. Hinzukommen die Folgen der NPIs. Dadurch kommen viele Menschen psychisch und sozial in extreme Notlagen. Für die emotionale Verarbeitung ist es wichtig, das zu sehen. Das trifft die Menschen je nach biographischer Erfahrung, psychischen Ressourcen und sozialer Lage sehr unterschiedlich. Wegefallen sind ja nicht nur einige nette Kulturveranstaltungen, sondern ganz viele alltägliche Abläufe, Kontakte und Beschäftigungen, die fester Teil der Selbstregulation waren. Die meisten haben wohl erst jetzt gemerkt, welche Entlastungen z.B. Schulen und Kinderläden bringen. Einige geraten wohl derart in Ohnmachtserfahrungen, dass sie als Umgang den Weg des radikalen Protests wählen. Das mag in vielerlei Hinsicht unvernünftig sein, ist aber eine Methode der Druck- und Frustrationsentlastung. Sichtbar wird kein besonders erfreuliches Bild der emotionalen Kapazitäten unserer Gesellschaft. Sichtbar wird, wie verletztlich wird sind. Und mehr als Vielen lieb ist, sind wir mehr als sonst mit Themen wie Krankheit und Tod konfrontiert.

      Wenn es psychologisch betrachtet günstig verläuft,kommt hinter der Wut irgendwann die Trauer und hinter der Trauer ein tiefer Schmerz zum Vorschein. Doch dafür wirklich tief zu trauern, stehen wohl die Meisten noch zu sehr unter Schock. Dafür sind wir wohl insgesamt – in dem Punkt stimme ich zu – noch zu sehr von einer lähmenden Angst gepackt. Bei einer Gefahr, die sich nicht einfach beseitigen lässt, die über Monate hinweg als diffuse Bedrohung über dem Alltag hängt, ist das eine typische Reaktion. Natürlich brauchen wir vernünftige und möglichst sachliche und gut informierte Entscheidungen. Allerdings sind im Umgang mit starken Emotionen sowohl moralische Vorwürfe als auch Appelle an die Vernunft nicht ausreichend und manchmal sogar kontraproduktiv.

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    Anselm Bühling 4. Februar 2021 um 1:06

    Lieber Herr Ziesche, sind es wirklich die „selbsternannten“ Experten, die Sie stören? Oder doch eher die echten Experten, die in einer Situation, die auch für sie neu ist, nach bestem Wissen und Gewissen versuchen, Orientierung zu geben?

    Bei Herrn Sello höre ich etwas anderes heraus. Ja, die Ursache für den Lockdown ist das Virus. Aber die Ängste, die der Lockdown selbst auslöst – Herr Sello nennt „ökonomische Existenzängste, Angst vor Autonomieverlust, Angst vor Erosion freiheitlicher und demokratischer Standards“ – lassen sich deshalb nicht alle umstandslos auf das Virus zurückführen. Es geht auch darum, wie wir uns als Gesellschaft verstehen.

    Der Lockdown ohne klares Ende kann bis auf Weiteres nötig sein: Ein gesellschaftliches Ideal ist er sicher nicht. Wenn die westlichen Gesellschaften weniger effektiv bei der Bekämpfung des Virus waren, liegt das auch daran, dass sie versucht haben, wenigstens teilweise auf die Freiheit und Eigenverantwortung der Einzelnen zu setzen. Daran ist nicht nur „die Politik“ schuld: Wir sind es gewohnt, gefragt zu werden und mitreden zu dürfen, und den meisten von uns ist das wichtig.

    Nun zeigt sich leider, dass dem Virus mit Kompromissen nicht beizukommen ist. Es ist richtig: Wir wissen noch viel zu wenig über seine Ausbreitung, und je mehr wir wissen, desto gezielter und klüger können wir uns verhalten und notwendige von unsinnigen Maßnahmen unterscheiden. Aber einstweilen scheinen wir nur drei Optionen zu haben: Wir können erstens „den freien Geist und die Poesie triumphieren“ lassen und alle ihrem Immunsystem überlassen, wie es offenbar Herr Ziesche bevorzugen würde. Dann haben halt alle die Pech gehabt, deren Immunsystem gerade nicht in Bestform ist (und diejenigen, die in der Intensivpflege und -medizin arbeiten, werden erst einmal auch wenig Zeit haben, um dem freien Geist und der Poesie zu frönen). Wir können zweitens auf Sicht fahren wie wir es jetzt tun – dann müssen wir damit rechnen, dass die Situation auf absehbare Zeit so bleiben wird, wie sie ist. Oder wir können drittens versuchen, die Zahlen durch einen zeitlich begrenzten verschärften Lockdown noch weiter zu drücken und eine gezielte Nachverfolgung und Eindämmung zu ermöglichen. Das wäre mit Maßnahmen verbunden, die in einer freiheitsorientierten Gesellschaft wehtun. Und wir müssten schon sehr genau darauf schauen, dass da keine Eigendynamik entsteht. Aber es wäre vielleicht der kürzeste Weg in eine gesellschaftliche Normalität, an der wieder möglichst viele mit möglichst geringen Einschränkungen teilhaben können, ohne dass andere deshalb um ihre langfristige Gesundheit und ihr Leben fürchten müssen.

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    Lieber Torsten Ziesche,
    ich habe mir das Video angeschaut, das Sie verlinkt haben (auch die ganze Sendung auf Arte), und ich könnte das jetzt ausführlich auseinanderdröseln. Sie wollen mich ja in Ihren Kommentaren permanent als Journalistin in die Pflicht nehmen, und so erlaube ich mir festzustellen, dass einiges in dem Arte-Beitrag (der auch manch Bedenkenswertes enthält), nicht den journalistischen Standards entspricht.
    – Ulrike Guérot behauptet, es sei absurd, die Fallzahlen zum Kriterium zu erheben. Da hätte man nachhaken müssen: Warum sollen ausgerechnet die Fallzahlen kein Kriterium für das Pandemiegeschehen sein? Was denn sonst? (Man kann auch, mit 2-4 Wochen Verspätung, die Todeszahlen nehmen.)
    – Matthias Schrappe vergleicht Covid-19 mit einer herkömmlichen Lungenentzündung und stellt fest, dass bei den ins Krankenhaus eingewiesenen Lungenentzündungen die Sterblichkeit höher ist als bei den stationär aufgenommenen Corona-Kranken. Er erwähnt aber nicht, dass wir es bei Covid-19 mit einer Pandemie zu tun haben, d.h. mit exponentiell ansteigenden Infektionen, während sich die Lungenentzündung nicht exponentiell verbreitet. Da hätte man nachfragen müssen.
    – Die beiden Grundschullehrerinnen schildern, wie schlimm es für Kinder ist, wenn sie mit dem Bewusstsein leben müssen, vielleicht ihre Großeltern anzustecken. Ja, das ist schlimm. Leider ist es die Realität: Kinder können ihre Angehörigen anstecken. Und die Schul-Schließungen sollen genau das verhindern.
    Und so weiter.

    Vielleicht lesen Sie mal diesen Bericht eines Intensivmediziners aus dem realen Alltag mit der Pandemie: https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/corona-in-nuernberg-klinik-mitarbeiter-verbreiten-aufrufe-in-14-sprachen-a-0f36f851-7df6-42f3-8606-86c622a08036

    Oder dieses Interview mit Melanie Brinkmann: https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/melanie-brinkmann-ueber-corona-mutanten-der-wettlauf-ist-laengst-verloren-a-00000000-0002-0001-0000-000175196841
    Es würde mich interessieren, was Sie dazu meinen. Leider sind beide Texte hinter der Paywall.

    Hier ein Zitat von Melanie Brinkmann, in dem es um die Wissenschaftlichkeit geht:
    “Leider gibt es für vieles noch keine Evidenz, das ist ein Problem. Die Pandemie rast, alles ist in Bewegung, und manchmal bleibt einem nur der gesunde Menschenverstand, der natürlich Evidenz nicht ersetzt. Was mich aber ärgert: dass der öffentliche Diskurs inzwischen total schief aufgesetzt ist. Es wird so getan, als wären die »Beruhiger« 50 Prozent der Wissenschaftsgemeinde, und Brinkmann und Konsorten sind die anderen 50 Prozent. Das ist hanebüchen. Unser Papier, in dem wir eine paneuropäische Strategie zur Eindämmung des Virus fordern, haben mehr als 1000 Wissenschaftler unterschrieben. Es ist die vorherrschende Auffassung, dass man konsequent eingreifen muss. Die andere Position wird von einer krassen Minderheit vertreten. Manch einer in der Politik nimmt das aber so auf, als wäre das eine so gut wie das andere.”

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