Der tell-Mitarbeiter Herwig Finkeldey ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.

Wie zu erwarten war, ist in der Coronadiskussion die Rechthaberei eingetrudelt, das Immerschongewussthaben. Es ist einerseits die Stunde der Verschwörungstheoretiker, die mit Vorstellungen hausieren gehen, wie man sie eigentlich auf einer geschlossenen psychiatrischen Station erwarten würde. Andererseits kommen nun die wohlmeinenden Erklärbären, die von hoher Warte aus jeden, der an einer noch so unbedeutenden Maßnahme gegen die COVID-Pandemie zweifelt, als Corona-Leugner labelt, zum „Covidioten“ erklärt.

Risikoabschätzung in Echtzeit

Ich will im Folgenden versuchen, ein paar dieser Diskussionsstränge zu entwirren, wobei ich den Shutdown im Frühjahr nach wie vor für richtig halte. Und gleich vorweg: Zwar gibt es vereinzelt berechtigte kritische Fragen über die Maßnahmen gegen SARS-Cov2. In der Breite aber handelt es sich m. E. doch um eine Diskussion, die das Niveau der Sandkiste nur knapp überschreitet.

Denn sie verkennt, dass man einer akuten pandemischen Bedrohung nicht mit zuvor sauber evaluierten Maßnahmen begegnen kann, sondern nur mit Hilfe einer Risikoabschätzung, die überdies in Echtzeit stattzufinden hat. Diese Abschätzung erinnert an die Fermikalkulation: eine grobe Überschlagsrechnung auf der Grundlage nur weniger Daten.

Strategien gegen das Virus

Anfang des Jahres ging man von fünf- bis sechsstelligen Todesraten aus, sollte man das Virus ungebremst durch die Bevölkerung laufen lassen. Das empfand damals wie heute eine Mehrheit als inakzeptabel. Daher wurden im März 2020 die allgemeinen Pandemiepläne, die es gab, hochgefahren. Diese Pläne waren selbstredend ohne Wissen über dieses spezielle Virus erstellt. Diese Problematik habe ich bereits im März in meinem Artikel „Safety first“ diskutiert, und ich sehe nach wie vor kein vernünftiges Gegenargument. Genau diese Position vertreten auch Nikil Mukerji und Adriano Mannino in ihrem verdienstvollen Reclambändchen Covid-19: Was in der Krise zählt.

Die Alternative wäre eine Strategie speziell gegen das Virus gewesen. Hierzu hätte man im Idealfall zwei Strategieansätze gegeneinander getestet: Man hätte in zwei Ländern, die miteinander vergleichbar sind, unterschiedliche Strategien ausprobiert und die Ergebnisse gemessen. Dies wäre etwa mit dem norwegischen und dem schwedischen Vorgehen möglich gewesen. Das freilich ist ein retrospektiver Ansatz, der erst in ein bis zwei Jahren fruchtbar werden kann. Einen prospektiven Ansatz hingegen, der im März innerhalb kürzester Zeit zu validen Ergebnissen und guten Handlungsempfehlungen hätte führen können, sehe ich nicht.

Einwände gegen den Shutdown

Infolgedessen sind die kritischen Anmerkungen über den Shutdown, über die nachzudenken sich lohnt, dünner gesät, als die Empörung in den sozialen Medien vermuten lässt.

Folgende gehören aber unbedingt dazu: Das Verbot, schwerst- und todkranke Angehörige zu besuchen, hat viel Bitterkeit hervorgerufen. Dafür gibt es schon fast keine Entschuldigung mehr, zumal der epidemiologische „Gewinn“ offenbar gering gewesen ist. Einzig den Mangel an Schutzkleidung, kann man gelten lassen – was wiederum zu der Frage führt, wie ein derartiger Mangel eigentlich hat entstehen können.

Auch der Einwand, durch den Shutdown hätten viele schwer Erkrankte keine Rettungsstellen aufgesucht und seien deswegen zu Schaden gekommen, ist wichtig. Freilich hätte ein ungebremstes Durchlaufen der Infektion eine Überlastung des Gesundheitssystems bedeutet, daher ist die Vermutung plausibel, dass dann auch andere Notfälle schlechter hätten versorgt werden können, allein schon aufgrund der Kapazitätsgrenze.

Individualmedizin versus Epidemiologie

Anderes hingegen war unsinnig (mein persönlicher Spitzenreiter der absurden Maßnahmen ist das Leseverbot auf der Parkbank), und die unterschiedliche Maskenstrategie der einzelnen Bundesländer geht ins Groteske. Meine Liste der vernünftigen Einwände ist unvollständig. Wie immer man solche Einwände abschließend bewertet: Menschen, die auf diese Zusammenhänge aufmerksam machen, dürfen nicht als Covidioten abgestempelt werden.

Andererseits muss es auch erlaubt sein, auf einen grundlegenden Denkfehler solcher Einwände hinzuweisen. Der Denkfehler besteht in einer Verwechslung von Individual- und Sozialmedizin. Der Arzt betrachtet nur den Erkrankten. Selbst wenn der Weltuntergang droht, hat sich ein Arzt um den vor ihm sitzenden Patienten und dessen Leiden zu kümmern und um sonst nichts.

Der Epidemiologe hingegen will nicht primär dem Einzelnen helfen, sondern den Untergang einer Stadt, eines Landes, der Welt verhindern. Das kann dazu führen, dass seine Maßnahmen den Forderungen der individuellen Krankenversorgung diametral entgegenstehen, wie es etwa bei den Kontaktsperren der Fall war.

Pest an Bord?

Stellen wir uns, als plakatives Beispiel, einen Hafenarzt vor. Dieser Arzt hat bei einem einlaufenden Schiff den Verdacht, die Pest sei an Bord. Folgerichtig lässt er die Quarantäneflagge hissen und verhängt eine Ausgangssperre. Nun erweist sich nach zwanzig Tagen, dass der Verdacht sich nicht bestätigt, die Angst also unbegründet war.

Hat der Hafenarzt nun einen Fehler gemacht oder nicht? Viele würden die Frage individualmedizinisch mit „Ja“ beantworten, denn es war eine Fehldiagnose und demzufolge auch eine Fehlprognose. Aber die korrekte Antwort lautet natürlich „Nein“. Der Hafenarzt hat keinen Fehler gemacht, auch wenn sich seine Vermutung nicht bestätigt hat.

Epidemiologisch gesehen, musste er so handeln, und zwar unter dem Aspekt der Risikoevaluation, den man auch bei Mukerji und Mannino beschrieben findet. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass der Verdacht auf eine Pest an Bord zutrifft, so ist doch im positiven Fall die Gefahr für eine Millionenstadt viel zu groß, als dass man selbst ein geringes Risiko hätte eingehen dürfen.

Individuell gesehen, kann man solche geringen Risiken mit jedem Patienten besprechen, der mündige Patient kann frei wählen, ob er es eingehen möchte. Epidemiologisch betrachtet, geht das nicht. Mehrere Hunderttausend Tote könnten die Folge einer Fehlentscheidung sein. Wer will dafür die Verantwortung übernehmen?

Folglich muss die Höhe eines Risikos mit der Größe des worst case „verrechnet“ werden. Je schlimmer der worst case, desto eher ist zu handeln, auch bei statistisch nur geringem Risiko. Deswegen hätte der Hafenarzt sogar dann „recht“ gehabt, wenn zwar keine Pest an Bord gewesen, aber ein Matrose aus Verzweiflung in das haidurchseuchte Hafenbecken gesprungen wäre.

Es ist verständlich, dass diese epidemiologische Sicht auf die Dinge vielen zunächst nicht einleuchtet. Es ist ein Denken, das im Alltag so nicht vorkommt und den Alltag auch nicht abbildet.

Umso wichtiger sind diese Diskussionen. Noch einmal: Niemand ist ein Idiot, der/die das anders sieht.

An oder mit Corona?

Es gibt jedoch Einwände, bei denen ich weniger gnädig bin. Als Beispiel seien die unerträglichen Diskussionen über die Todesursache bei Corona-Infizierten genannt. In meinem Text „Warum es beim Coronavirus keine einfachen Antworten gibt“ habe ich mich bereits dazu geäußert, und auch hier hat sich meine Meinung nicht geändert. Jede schwere Vorerkrankung erhöht das Risiko, AN Corona zu sterben. Der geschwächte Körper hat keine Ressourcen mehr, mit der schweren Infektion fertig zu werden, das gilt nicht nur beim Coronavirus, sondern auch bei anderen Erkrankungen, zum Beispiel einer bakteriellen Lungenentzündung (Bronchopneumonie). Auch diese Erkrankung hat bei geschwächten Vorerkrankten ein leichteres Spiel als bei gesunden Menschen. Doch niemand kam bisher auf die Idee, die Bronchopneumonie als Todesursache in Zweifel zu ziehen und stattdessen zu sagen, der Patient sei ja nur „mit“, nicht „an“ der bakteriellen Lungenentzündung verstorben.

Angestoßen hatte diese Diskussion der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel durch die voreilige Bekanntmachung seiner Obduktionsergebnisse Inzwischen hat er sich von den waghalsigen Schlussfolgerungen distanziert, die seinen Untersuchungen folgten. Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Pathologen hat am 20. August 2020 mit dieser Stellungnahme solchen Diskussionen endgültig den Stecker gezogen.

Verschwörungstheorien und die skeptische Apodiktik

Während all diese Einwände, Vorbehalte und Verwirrungen immerhin noch einen Bezug zur Wirklichkeit haben, ist über Verschwörungstheorien kein Wort zu verlieren. Mit Menschen, die glauben, die „Halbjüdin“ Angela Merkel habe, im Verein mit Bill Gates, ein Virus erschaffen, um den „großen Austausch“ zu verwirklichen, kann man nicht mehr reden. Denn sie geben ja in ihren Inhalten schon zu verstehen, dass sie gar nicht reden wollen.

Neben der Verschwörungstheorie gibt es eine weitere Strategie, bei der das Gespräch mit Corona-Skeptikern keinen Sinn mehr hat: die „skeptische Apodiktik“. Unter einer skeptischen Apodiktik verstehe ich eine Grundhaltung, die ihre apodiktische Kritik erkenntnistheoretisch verkleidet. „Ich frage ja nur“, „ich zweifele ja nur“, heißt es dann. Man darf fragen, man darf zweifeln. Aber die Skepsis funktioniert nur, wenn man sie auch auf die eigenen Positionen anwendet. Genau das tun viele Corona-Skeptiker nicht. Sie sehen die Skepsis als Beweis, im Sinn von: Ich bin skeptisch, also habe ich recht. Das bedeutet in der Konsequenz: Weil wir nicht endgültig beweisen können, dass Corona gefährlich ist, ist es harmlos. Dies jedoch widerspricht der Risikoevaluation angesichts des worst case: Weil wir nicht genau wissen können, wie gefährlich Corona ist, müssen wir den worst case annehmen und entsprechend handeln.

Individuell mag sich jeder entscheiden, wie er will – und dann auch das Risiko tragen. Wenn es jedoch um uns alle geht, ist diese Sicht unerlaubt.

Bildnachweis:
Beitragsbild: via Pixabay Lizenz: CC0 Public Domain

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Von Herwig Finkeldey

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