Der tell-Mitarbeiter Herwig Finkeldey ist Arzt und Literat. Für tell schreibt er regelmäßig über die Corona-Pandemie.

Long- oder Post-Covid scheint ein Thema zu sein, vor dem die Gesellschaft Angst hat. Anders lässt sich die Ignoranz zu diesem Thema kaum noch erklären. Es wird viel zu wenig geforscht, und im öffentlichen Bewusstsein ist die soziale Tragweite der Erkrankung noch längst nicht angelangt.

Zwar gibt es immer wieder Versuche, das Thema in die öffentliche Debatte zu bringen. So sprach etwa die von Long-Covid betroffene Journalistin Margarete Stokowski zusammen mit Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach auf der Bundespressekonferenz, sie warb dort als vierfach Geimpfte und dennoch schwer Betroffene für die Impfung. Und kürzlich lief in der ARD zur besten Sendezeit der Film „Hirschhausen und Long Covid – Die Pandemie der Unbehandelten“.

Der Film von Eckart von Hirschhausen zog Kritik auf sich: Bemängelt wurde die einseitige Fokussierung auf die Apherese als vielversprechendes Heilmittel von Long-Covid (bei der Apherese wird mit einem der Dialyse ähnlichen Verfahren das Blut von schädlichen Eiweißen gereinigt). Carmen Scheibenbogen, klinische Immunologin an der Berliner Charité, tritt im Film als Expertin für Long-Covid und das chronische Fatigue-Syndom CFS/ME auf. Zum Endprodukt sagte sie jedoch: „Ich habe Bauchschmerzen mit diesem Film.“ Die Hoffnung auf Heilung habe einen Markt entstehen lassen.

Auch ich habe nach eigenen Recherchen Zweifel an der allumfassenden Behauptung eines Therapieerfolges durch die Apherese. Sie mag im Einzelfall helfen – Mediziner sprechen dann von anekdotischen Erfolgen –, aber ein generalisiertes Heilsversprechen kann man daraus nicht ableiten.

„LongCovid-Falscheria“

Oftmals wird die Not der verzweifelten Patienten ausgenutzt, doch davon hört man in von Hirschhausens Film nichts. Genau davor warnt dagegen die international anerkannte Expertin für Long Covid Jördis Frommhold in einem Interview mit dem Focus:

Sie glauben gar nicht, wie viele Menschen ich […] gesehen habe, die nicht nur körperlich, sondern auch finanziell am Ende waren. Das ist eine richtige Long-Covid-Falscheria, die sich da inzwischen auftut. Die Notlage der Betroffenen wird inzwischen von vielen schamlos ausgenutzt.

Frommhold negiert nicht den Therapieerfolg von Einzelfällen. Doch Einzelfälle sind noch kein allgemeingültiges Therapiekonzept.

Die gesamte Problematik dieser experimentellen Therapieansätze schildert Jördis Frommhold bereits in ihrem Buch LongCovid – die neue Volkskrankheit. Sie kommt auch auf die mangelhafte Studienlage zur Apherese zu sprechen:

Mir bleibt damit wieder nur der Apell, LongCovid-Patienten auch bei der Anwendung der Plasma-Pherese in Studien einzubeziehen, um belastbare – oder wie wir in der Medizin sagen: evidenzbasierte – Ergebnisse zu bekommen.

Diese Ergebnisse liegen bis heute nicht vor. Jördis Frommhold, seit Anfang Oktober 2022 Leiterin des Instituts Long Covid in Rostock, berichtet in ihrem Interview von Fällen, in denen der einzige Effekt der Therapie eine leer gesaugte Geldbörse auf der Patientenseite ist, eine gefüllte hingegen auf der Seite der Ärzte.

LongCovid – ein Chamäleon

In ihrem Buch unterscheidet Jördis Frommhold PostCovid von LongCovid, sie zieht aber die Grenze anders als die offizielle Leitlinie der Schulmedizin. Die Leitlinie geht allein vom zeitlichen Verlauf aus: Bei einem Krankheitsverlauf von weniger als 12 Wochen spricht sie von Long-Covid, bei längerer Krankheitsdauer von Post-Covid. Jördis Frommhold dagegen definiert PostCovid als eine Erkrankung, die unmittelbar nach einem komplizierten Verlauf folgt. Dieser komplizierte Verlauf geht nicht selten mit einem Aufenthalt auf der Intensivstation einher, eventuell verbunden mit einer Langzeit-Beatmung. Damit hat diese Erkrankung große Ähnlichkeit mit den Problemen bei Patienten, die aus anderen Gründen einen Langzeitaufenthalt auf einer Intensivstation hinter sich haben.

Die Krankheit LongCovid tritt dagegen häufig nach Bagatellverläufen und einer scheinbar vollständigen Genesung auf, das klinische Bild ist merkwürdig komplex und lässt sich kaum in einem Begriff fassen. Jördis Frommhold nennt diese Erkrankung auch ein „Chamäleon“. Sie hat wenig mit den üblichen Problemen nach einem schweren Verlauf zu tun: LongCovid ist definitiv kein verlängertes PostCovid.

Für LongCovid-Patienten gilt leider die Formel: „Genesen, nicht geheilt.“ Das uneinheitliche klinische Bild lässt den Schluss zu, dass es für die Symptome mehr als eine Ursache geben muss. Das „Chamäleon“ kann eine Herzschwäche verursachen. Oder aber Kurzatmigkeit. Daneben kann es zu einer Schwäche der Muskulatur und zu Muskelschmerzen kommen, die sich mit Schmerzmitteln kaum beeinflussen lassen. Ich selbst hatte schon Patienten mit all diesen Bildern. Diese Symptome können zu einem ausgeprägten Leistungsknick mit folgender Arbeitsunfähigkeit führen. Gerade die Kurzatmigkeit, die häufig mit einem krankhaft veränderten Atemmuster einhergeht, spricht allerdings sehr gut auf physio- und atemtherapeutische Ansätze an, während sich die Muskelschmerzen hingegen, medizinisch Myalgien genannt, mit Schmerzmitteln kaum beeinflussen lassen.

Kognitive Störungen

Noch komplexer wird die Lage bei der von vielen Patienten beklagten Leistungsschwäche. Sie kann neben der Beteiligung des Herzmuskels weitere Ursachen haben. So verschaffen sich Corona-Viren über die Nase Zugang zum Gehirn, darauf verweisen die bekannten Geruchs- und Geschmacksstörungen. Im Gehirn wurden die Viren oder Virusfragmente in verschiedensten Regionen nachgewiesen, teilweise als Dauergast. Zu nennen sind der Hippocampus, die Hypophyse und der Thalamus. Diese Lokalisationen könnten die Gedächtnisschwäche ebenso erklären wie weitere kognitive Fehlleistungen, so etwa die von Jördis Frommhold anschaulich beschriebenen Wortfindungsstörungen. LongCovid-Patienten leiden nicht selten an Schlafstörungen, auch die Störungen des Schlaf-Wachrhythmus‘ lassen sich damit begründen.

Der Nachweis von Virusfragmenten in der Hypophyse wiederum steht für den Befall des Hormonsystems gerade an jener Stelle, wo das endokrine System und das zentrale Nervensystem aufeinandertreffen. Hormonstörungen gehören in der Tat zu den Erscheinungsformen dieses „Chamäleons“. Ich selbst habe den Fall einer Hashimoto-Patientin gesehen, die nach einer Covid-Infektion wieder in die Überfunktion der Schilddrüse rutschte, nachdem sie zuvor jahrelang medikamentös gut eingestellt gewesen war.

Parallelen zum Fatigue-Syndrom

Fassen wir diese Symptome zusammen: Leistungsknick, schnelle Erschöpfbarkeit, chronische Müdigkeit, kognitive Störungen (Wortfindungsstörungen, Gedächtnisprobleme), Änderungen im Lebensrhythmus, Schlafstörungen. Herausragendes Symptom ist dabei die sogenannte post-exzeptionelle Malaise. Hiermit wird das Phänomen beschrieben, dass Betroffene nach einer Überanstrengung einen schweren Rückfall bezüglich der Leistungsfähigkeit erleiden, den „crash“. Nach einer Überanstrengung benötigen diese Patienten eine längere Zeit, um sich wieder zu erholen.

Hier wird zum Teil ein altbekanntes Muster erkennbar: Diese Symptome entsprechen weitgehend der Krankheit ME/CFS, dem Fatigue-Syndrom, früher auch chronische Müdigkeit genannt. Das ist deswegen interessant, weil ME/CFS, ebenso wie LongCovid, als Folge einer Virusinfektion gesehen wird, häufig mit dem Herpesvirus Epstein-Barr. Offenkundig sind überschießende Immunreaktionen hierbei ein wichtiger Faktor. Daher ist es plausibel, aus den Erkenntnissen über das ME/CFS auch auf LongCovid zu schließen. Umgekehrt könnte das aufkommende Thema LongCovid die Forschung zu ME/CFS befruchten.

Encephalitis epidemica – ein Vorläufer?

Eine Erkrankung aus der Medizingeschichte kommt mir dabei sofort in den Sinn. Vor hundert Jahren gab es das Phänomen der Encephalitis epidemica, die Europäische Schlafkrankheit: eine Folgeerkrankung einer akuten Infektion, in der viele Mediziner aufgrund der zeitlichen Nähe eine Folge der Spanischen Grippe sehen. Der Ausbruch der Encephalitis epidemica dauerte von 1915 bis1927, das würde in etwa mit der Dauer der Spanischen Grippe übereinstimmen. Allerdings konnte das damalige Influenzavirus H1N1 in den bis heute erhalten gebliebenen Gewebsblöcken Verstorbener nirgendwo nachgewiesen werden.

Der deutsche Neurologe Felix Stern (1884-1942) hatte diese rätselhafte Erkrankung seinerzeit am gründlichsten beforscht. Er kam zu Ergebnissen, die in entscheidenden Elementen eine frappierende Ähnlichkeit zu LongCovid zeigen. Zunächst lag auch damals zuerst eine akute Infektion vor, meist als Enzephalitis, also als Gehirnentzündung. Nach einem Akutstadium konnte es zu einer scheinbaren Heilung kommen, dann aber folgte bei einem Teil der Patienten das chronische Stadium.

In seinem Buch Die Epidemische Encephalitis von 1928 schildert Stern diese Erkrankung als „proteusartig“, also als äußerst variantenreich, das entspricht Jördis Frommholds  „Chamäleon“.

Als Symptome benennt er Bewegungsstörungen, „gesteigerte Müdigkeit“, „gesteigerte, pseudoneurasthenische Erschöpfbarkeit“ (das würde man heute „brain fog“ nennen), Leistungsknick, Schlafstörungen, Muskelschmerzen sowie Atemstörungen, die er bereits als Störung des Atemmusters interpretiert.

Keine psychologische Erklärung

Den Leistungsknick und die chronische Müdigkeit beschreibt Stern in seiner mit vielen Falldarstellungen gespickten Monografie exemplarisch am Beispiel eines Sattlers:

Er gibt sich Mühe, seinen Arbeiten als Sattler nachzukommen, braucht aber 2 Tage zu Arbeiten, die er sonst in dreiviertel Tagen erledigte. Bei Überanstrengungen Kopfschmerzen und Erbrechen.

Der Leistungsknick und die post-exzeptionelle Malaise, der crash, schimmern hier durch. Es fehle darüber hinaus, so Stern, „jedes hysterische seelische Symptom.“ Stern versagt sich jegliche „psychologische“ Erklärung der Symptome, er nennt es damals noch „seelisch“ und „hysterisch“. Hier sei die Ursache dieser „proteusartigen Erkrankung“ nicht zu finden. Häufig waren Menschen ohne jegliche, „hysterische Anamnese“ betroffen.

Anders als bei der Grippe, mit ihrem aus dem scheinbaren Nichts kommenden steilen Anstieg der Fallzahlen und einem ebenso schnellen Abfall, erscheint der Verlauf hier als Welle mit Berg- und Tal-Charakter. Auch im Sommer geht die Welle nicht auf null, im Spätsommer beginnt sie sich wieder aufzubäumen und hält dann kurz inne, um im Spätwinter die höchsten Zahlen zu erreichen.

War der Neurologe Felix Stern schon einer Variante des chronischen Müdigkeitssyndroms auf der Spur? Träfe das zu, dann wäre LongCovid gar keine so neue Erkrankung, sondern möglicherweise eine neue Variante eines bereits beschriebenen Syndroms. Dafür spricht manches, so die Ähnlichkeit der Symptome. Es wäre durchaus denkbar, dass die Enzephalitis epidemica durch ein spezielles Corona-Virus verursacht worden sein könnte.

LongCovid-Leugner von rechts

LongCovid ist eine Krankheit mit enormen sozialen Folgen. Jördis Frommhold sieht darin auch eine Herausforderung der Leistungsgesellschaft:

Viele unserer Patienten kommen aus sehr anspruchsvollen, kräftezehrenden und leistungsorientierten Lebensverhältnissen.

Gerade diese Leistungsorientierung ist bei der Therapie der chronischen Müdigkeit ein Problem. Jördis Frommhold empfiehlt hier ein „Auf-sich-Hören“. Die Aktivitäten sollen dem Ergebnis dieses Auf-sich-Hörens angepasst werden. Ihre Patienten lernen dies mit der Methode des „Pacing“.

Einen weiteren Fokus setzt Frommhold auf die „gesellschaftliche Verarbeitung“ der Erkrankung LongCovid. Wie gehen wir mit der Erkrankung – und vor allen Dingen mit den Erkrankten – um? Bei dieser Frage erkenne ich eine Frontlinie im aktuellen Kulturkampf: Coronaleugner sind häufig auch LongCovid-Leugner resp. ME/CFS-Leugner. Es ist bemerkenswert, wie sich gegenwärtig auch bei medizinischen Fragen ein Umschlagen von rechts und links feststellen lässt. Früher war es modern, auf die psychischen Faktoren von Krankheiten hinzuweisen, ein Ansatz, der von konservativen Medizinern nicht selten als „linke Spinnerei“ abgetan wurde. Heute sind es dagegen die Reaktionären, die die Psychosomatik missbrauchen, um körperlich Erkrankten eine psychische Instabilität oder gar Hypochondrie zu unterstellen.

„Schwache Nerven“?

Das wesentliche Moment dieser Leugnung besteht in der Unterstellung einer psychosomatischen Genese, demnach einer psychischen Störung. Krankheit sei Einstellungssache, so heißt es dann, sie könne durch bloße Willensanstrengung aus der Welt geschafft werden – eine Unterstellung, die leider auch von manchen Ärzten ausgeht. „Schwache Nerven“ hieß das einst, Fachausdruck Neurasthenie.

Mit „schwachen Nerven“ jedoch hat LongCovid nichts zu tun. Sowohl Carmen Scheibenbogen, Leiterin der ME/CFS-Ambulanz der Charité, als auch Jördis Frommhold lehnen eine psychosomatische Erklärung für LongCovid entschieden ab. Schon Felix Stern hatte sich bei der chronischen Enzephalitis dagegen verwahrt, und auch Eckart von Hirschhausen geht in seinem Film nicht von einer psychischen Erkrankung aus.

Die Spätfolgen der Pandemie lassen sich nicht leugnen. Sie werden uns noch lange beschäftigen, ob man das nun wahrhaben will oder nicht.

Der in diesem Text erwähnte deutsche Neurologe Felix Stern wurde 1884 in Groß Glogau in Schlesien geboren. Er studierte in Berlin und Freiburg Humanmedizin, war dann in Kiel, Göttingen und zuletzt als Leiter der Neurologie im Versorgungswerk in Kassel tätig.
1933 wurde er wegen seiner jüdischen Abstammung entlassen, man entzog ihm die Venia Legendi. Er eröffnete in Berlin eine Privatpraxis. Am 30. August 1942 beging Prof. Dr. med. Felix Stern in Berlin-Halensee Selbstmord, da ihm die Deportation nach Auschwitz-Birkenau drohte.
Dieser Text soll auch an ihn erinnern.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Romolo Tavani
Coronavirus in einer Arterie (3d-Rendering) via Adobe Stock
Angaben zum Buch

Jördis Frommhold
LongCovid – Die neue Volkskrankheit
C. H. Beck 2022 · 176 Seiten · 14,95 Euro
ISBN: 978-3406783562

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Von Herwig Finkeldey

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