Wer spricht hier, spricht und schweigt?
Wer schweigt, wird angezeigt.
Wer hier spricht, hat verschwiegen,
wo seine Gründe liegen.

(aus Günther Grass: “Kinderlied”)

Der Schriftsteller Vladimir Nabokov war, im Gegensatz zu seinem Vater W. D. Nabokow, ein eher unpolitischer Mensch. Den Stolz des Vaters auf den Sohn konnte dies ebenso wenig schmälern wie die liebevolle Bewunderung des Sohnes für den Vater.

Verbunden sind Vater und Sohn aber noch auf andere Weise. Denn W. D. Nabokows politische Ideale lassen sich, im übertragenen Sinne, auf einen Nenner bringen: Alles, was die Persönlichkeit des Sohn kennzeichnet, muss geschützt werden, insbesondere dessen Beharren darauf, ein unverbesserlicher Einzelner und Individualist sein zu wollen: ein Sammler von Schmetterlingen, ein Fußball-Torwart, ein Boxer, ein Schachspieler, ein manischer Leser – und schließlich ein Schriftsteller von Weltrang.

Für eine freiheitliche russische Gesellschaft

Dies bedenkend, war Wladimir Dmitrijewitsch Nabokow weniger Politiker als vielmehr Humanist im besten Sinne. Um eine wahrhaft menschliche und liberale Gesellschaft zu entwickeln, muss der Schutz des Einzelnen, und seien seine Vorlieben und sein Charakter noch so abwegig, an erster Stelle stehen.

Nabokow plädierte dafür, die Todesstrafe abzuschaffen, er wendete sich entschieden gegen den in Russland grassierenden Antisemitismus, und – auch dies zu seiner Zeit nicht selbstverständlich – er setzte sich ein für die Rechte homosexueller Menschen. Sein Engagement galt einer zukünftigen freiheitlichen russischen Gesellschaft, in welcher der Einzelne nicht gezwungen wäre, sich dem Kollektiv zu beugen.

Geradezu zeichenhaft erscheint angesichts dessen sein gewaltsamer Tod durch rechtsextremistisch-zaristische Attentäter. Der Anschlag galt nicht ihm, sondern dem Politiker Pawel Miljukow. Nabokow hatte einen der Attentäter zu Boden geschlagen und festgehalten, woraufhin ein zweiter Bewaffneter drei Schüsse auf ihn abfeuerte, die unmittelbar zu seinem Tod führten.

Geflohen vor dem linken bolschewistischen Terror, wurde Vladimir Nabokovs Vater Opfer des Rechtsextremismus. In der gnadenlosen Verfolgung liberalen Gedankengutes waren sich die Antipoden von links und rechts einig.

Hitler, Lenin, Stalin

Auch in den drei hier betrachteten Texten von Vladimir Nabokov Einladung zur Enthauptung (1935 / 36), Tyrannenvernichtung (1938) und Das Bastardzeichen (1947) bleibt offen, welcher Ideologie die dort skizzierten Regime zuzuordnen sind.

Beginnen wir mit den einleitenden Sätzen aus der Erzählung Tyrannenvernichtung:

Je mehr seine Macht und sein Ruhm anwuchsen, desto höher war auch die Strafe, die ich ihm in meiner Vorstellung zudachte. Ganz zu Anfang hätte ich mich noch mit einer Wahlniederlage begnügt, einer Abkühlung der allgemeinen Begeisterung. Später hielt ich schon seine Inhaftierung für nötig; noch später seine Verbannung auf irgendeine entlegene flache Insel mit einer einzigen Palme, die einen wie ein schwarzer Asterisk auf den Grund einer ewigen Hölle aus Einsamkeit, Schande und Ohnmacht verwiese. Heute schließlich wäre ich mit nichts mehr zufrieden als mit seinem Tod.

Die folgenden vierzig Seiten der Erzählung begründen aus der Sicht des Ich-Erzählers, wie es zu dieser Steigerung kommen konnte. Rückblickend deutet Nabokov den Text 1975 als Portrait dreier Diktatoren: „Hitler, Lenin und Stalin streiten sich in dieser Erzählung um den Thron meines Tyrannen – und treffen sich 1947 mit einer fünften Kröte in Das Bastardzeichen wieder.“

Mittelmäßigkeit und Brutalität

Jeder Mensch enthält das Böse, verglichen mit der Chemie der Säuren, als eine ‚schwache Lösung‘, doch der, dessen Tod der Erzähler wünscht wie nichts anderes auf der Welt, verkörpert „die hochkonzentrierte, unverdünnte Bosheit in einem riesigen Gefäß, voll bis zum Hals und versiegelt“.

Zweierlei kennzeichnet diesen Tyrannen: unüberbietbare Mittelmäßigkeit und grenzenlose Brutalität. Der Erzähler kennt ihn persönlich, er war ein Freund von dessen früh verstorbenem Bruder. Das Genie dieses Führers besteht nun darin,

daß er, so wie er mir in Erinnerung war, überall hindrang, mit seiner Gegenwart die Denkweise und den Alltag von jedermann ansteckte, so daß seine Mittelmäßigkeit, sein Stumpfsinn, seine grauen Gewohnheiten nachgerade das Leben meines Landes ausmachten.

Die Folterkammer ist selbstredend fester Bestandteil dieses Staatsgebäudes; allerdings bezweifelt der Erzähler das Gerücht, der Tyrann selber besuche diese gelegentlich, denn

weder trägt der Postminister selber Briefe aus, noch ist der Marineminister notwendig ein Schwimmchampion.

Das abgrundtief Böse

Mehrfach beharrt der Erzähler darauf, kein politisch engagierter Mensch zu sein. So kann er sich überhaupt nicht vorstellen,

daß ich mich an einer Verschwörung beteilige oder einfach unter politisch erregten, angespannt ernsten Leuten in einer verräucherten Stube sitze und mit ihnen erörtere, welche Strategien des Kampfes die jüngsten Entwicklungen erforderlich machen.

An die Stelle des politischen Engagements tritt die Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Das Gute erscheint dem Erzähler lange Zeit als das Selbstverständliche im Vergleich zum Bösen, doch geht diese Unterscheidung mehr und mehr verloren.

In seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“ bittet Bertolt Brecht um Verständnis für diejenigen, die, um das Gute zu erreichen, zunächst mit heiserer Stimme sprechen müssen:

Dabei wissen wir doch:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selbst nicht freundlich sein.

Nabokovs Erzähler hingegen kann in der Stimme des Diktators allein das Organ des abgrundtief Bösen erkennen. Die heisere Stimme bei Brecht hat sich verwandelt in „bestialisches Gebrüll (…), das von donnernden Radios verbreitet wird.“

Auch Nabokovs Erzähler wendet sich an die Nachgeborenen. Doch während diese bei Brecht in einer Welt leben, in der „es so weit sein wird / Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist“, verfolgt Nabokovs zorniger Erzähler ein ganz anderes Ziel, hofft er doch, seine „beiläufige Arbeit“ könne „durch die Zeiten“ fortleben, um sich schließlich „als eine Art Geheimmittel gegen künftige Tyrannen“ und „gegen die schwachköpfigen Peiniger der Menschen“ zu erweisen.

Ein unpolitischer Mensch

Der Roman Das Bastardzeichen greift einige Motive der Tyrannenvernichtung auf und variiert sie. Im Mittelpunkt steht ein Philosoph mit weltweit hohem Ansehen. Der Tod seiner Ehefrau bildet die Ouvertüre eines Dramas, an dessen Ende der gewaltsame Tod seines achtjährigen Sohnes steht.

Wie der Erzähler der Tyrannenvernichtung ist Adam Krug ein unpolitischer Mensch. Schon als Schüler weigert er sich, irgendeiner Vereinigung beizutreten. Diese Haltung provoziert den Schulleiter – „ein Liberaler mit robustem Linksdrall“ –, und zwar „nicht weil er wünschte, daß dieser irgendeiner bestimmten Gruppe (einer linksgerichteten beispielsweise) beiträte, sondern weil der Junge überhaupt keiner Gruppe beitreten wollte“. Die Haltung des Schülers findet sich schließlich auch im Werk des Philosophen Krug, das sich politisch nicht vereinnahmen lässt.

Zeit und Ort des Romangeschehens lassen sich mehr erahnen als genau benennen, doch gereicht dies dem Werk keineswegs zum Nachteil. Nabokov selbst bezeichnet die Figuren des geschilderten Polizeistaates denn auch als „absurde Luftspiegelungen“ und „Illusionen, die Krug während seines kurzen Daseins bedrücken“.

Offensichtlich hat Paduk, „der nichtswürdige Diktator und Krugs früherer Schulkamerad“ (so Nabokov im Vorwort zum Roman) gerade erst die Macht übernommen. Um das Ansehen des autoritären Staates mit der Hauptstadt Padugrad im Ausland zu steigern, soll Krug die Leitung der Universität übernehmen. Schon vorher hatten die Professoren der Hochschule ihn gebeten, ein Dokument zu unterzeichnen, mit dem er, wie bereits all seine anderen Kollegen, dem neuen Staatswesen seine Loyalität aussprechen würde.

Krug bleibt seiner Haltung treu in dem Glauben, der Diktator habe letztlich keine Handhabe gegen ihn, den weltweit angesehenen Intellektuellen. Doch Paduk, Gründer einer „Partei des Durchschnittsmenschen“, schreckt vor keinerlei Brutalität zurück, er ist bereit, das Undenkbare Wahrheit werden zu lassen. Um den Philosophen in einen willfährigen Handlanger der Staatsinteressen zu verwandeln, lässt er dessen Sohn entführen und, vermeintlich aus Versehen, ermorden.

Das Böse als das neue Normale

Wenn wir den Inhalt der Nabokovschen Texte skizzieren, um deren Aktualität begreiflich werden zu lassen, birgt dies die Gefahr, das Zentrum dieser Dichtung zu verfehlen. Denn Nabokov erzählt keine Geschichten, in die der Leser eintritt, um dort eine Abfolge von Ereignissen mitzuerleben. Immer wieder stellt der Dichter den fiktionalen Charakter seiner Texte heraus, um so den Eindruck realistischen Erzählens zu hinterfragen.

Gleichzeitig wäre es unzutreffend, seine Schreibweise surreal zu nennen. Ist in Bastardzeichen von der Hauptstadt Padugrad die Rede, so liegt die Anspielung auf Leningrad und Stalingrad auf der Hand.

Warum aber changiert Nabokov zwischen realistisch wirkenden Textpassagen und surreal anmutenden Inhalten?

In Tyrannenvernichtung unterstreicht der Erzähler, wie verschieden er auf das Gute und das Böse reagiert. Eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen, und doch führt diese Unterscheidung ins Zentrum der hier verhandelten Texte:

Seit meiner Jugend (…) erschien mir das Böse in den Menschen als besonders widerwärtig, als bis zum Ersticken unerträglich, als etwas, das auf der Stelle der Lächerlichkeit preisgegeben und vernichtet werden muß, während ich auf der anderen Seite das Gute in den Menschen kaum je bemerkt habe, so sehr kam es mir immer als die normale, unerläßliche Verfassung vor, etwas Selbstverständliches und Unabdingbares, so wie beispielsweise die Fähigkeit des Atmens bedingt ist durch den Umstand, daß man lebt.

Der Erzähler definiert das Gute nicht als bewusste gute Tat, die sich von unserem alltäglichen Verhalten abhebt und so in den Fokus der Aufmerksamkeit gerät. Das Gute bildet vielmehr die unabdingbare Basis des Zusammenlebens, daher der Vergleich mit dem Atmen. Das Böse hingegen ist skandalös, es gefährdet die Grundlagen des Lebens.

Beide Texte führen vor Augen, was es bedeutet, wenn genau diese so entscheidende Abgrenzung zwischen dem Guten und Bösen abhandenkommt. Geschildert werden Gesellschaften, in denen das Böse nicht mehr als Skandal begriffen wird, sondern als das neue Normale und damit quasi als das neue Gute. Um es mit den drei Hexen aus Shakespeares Macbeth zu sagen: „fair is foul and foul is fair“.

Eine amoralische Gesellschaft

In Tyrannenvernichtung wie auch in Das Bastardzeichen steht die Figur eines Diktators im Mittelpunkt; in Einladung zur Enthauptung tritt an seine Stelle nun eine Gesellschaft, welche die in ihr herrschenden amoralischen Grundsätze absolut verinnerlicht hat. Ihr gegenüber steht ein Einzelner und Einziger, dessen Schuld allein darin besteht, für seine Mitmenschen kein offenes Buch zu sein. Bereits als Kind begreift Cincinnatus, so sein Name, „seine Gefährdung“, und weil er sie begreift, gelingt es ihm, „eine gewisse Eigenheit zu verbergen”. Doch immer wieder gelangt diese Mimikry an ihre Grenzen, so etwa bei seinen Altersgenossen, die plötzlich und unvermittelt spüren, „daß sein klarer Blick und das Himmelblau seiner Schläfen nur eine listige Täuschung darstellten und daß Cincinnatus in Wahrheit opak war“. Hinter diesem Blick sucht sich ein Mensch zu verbergen, der nicht anders kann, denn sich als Individuum und unverwechselbarer Einzelner zu begreifen.

Wollte man den Kern der Nabokovschen Erzählungen auf den Begriff bringen, so ist er in einem einzigen russischen Wort enthalten: poschlost. Unter dem Titel „Bitte sich merken: Poschlost“ umreißt Max Dohner in der Aargauer Zeitung vom 29. Mai 2019 das Bedeutungsfeld des Begriffs: „Poschlost ist kaum zu übersetzen. Pfeile seines Kraftfeldes zielen in Richtung Geschmacklosigkeit, Gemeinheit, Kitsch, aber auch zu Niedertracht und Aggression.“ In den Anmerkungen zu Einladung zur Enthauptung zitiert Dieter E. Zimmer Nabokovs Definition des Wortes poschlost. So heißt es, „sensible und freigeistige Russen“ seien sich schon immer „der schleimig-flüchtigen und klebrigen Berührung der poschlost höchst bewußt.“ Und weiter heißt es, „zu Kriegs- und Revolutionszeiten“ öffne sich „weltweit ein Abgrund an poschlost“.

Wenige Tage vor dem Überfall auf die Ukraine am 24. Februar dieses Jahres zitiert der russische Diktator einen „derben Vers aus der Gossenpoesie“, wie Kerstin Holm in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11. Februar unmissverständlich feststellt: „Ob es dir gefällt oder nicht, meine Schöne, du musst es erdulden.“ Dazu Kerstin Holm: „Offensichtlich hat Putin die Wendung aus der obszönen russischen Folklore genommen, die Sexualakte gern als fröhliche Vergewaltigung schildert.“ Würde es angesichts der bislang neun blutigen Kriegsmonate nicht zynisch klingen, müsste man im Blick auf das Zitat von einem geradezu schulbuchmäßigen Beispiel für poschlost sprechen.

Eines der obersten Ziele einer jeden Diktatur muss sein, die Würde des Menschen zu zerstören. Indem der russische Tyrann die Ukraine, der er und seine Kumpane das Existenzrecht absprechen, zum Sexualobjekt degradiert, verbindet er die Gewalt gegen das Individuum mit der Gewalt gegen einen Staat, der auf seiner Unversehrtheit besteht.

Bildnachweis:
Beitragsbild: misu (Adobe Stock)
Kirche und ausgebranntes Auto am Stadtrand von Irpin

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Von Karl-Josef Müller

Promotion über Peter Weiss "Die Ästhetik des Widerstands", anschließend Hansdampf in allen Gassen, Lektor im Bankensektor, Gründungsberater, aber immer Literaturliebhaber, besonders Sterne, Jean Paul und Thomas Mann. Und Radfahrer und -schrauber.

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen ausgezeichneten Text, der kenntnisreich an einige der wichtigsten Werke Vladimir Nabokovs erinnert. Deutlich wird der Abstand zwischen „Relevanzliteratur“, die politische und moralischen Positionen in Romanform gießt, zu solchen Werken, in denen künstlerisches und moralisches Engagement untrennbar verbunden ist.

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  2. Ich versuche mal zu benennen, wie ich den Text gelesen habe bis zur Einführung des Begriffs poschlost und danach.

    Bis zur Einführung des Begriffs poshlost las ich den Text als Umkreisen dreier Werke des Russen Nabokov. Ab dem Punkt der Einführung des Begriffs poshlost habe ich mich gefragt, auf was der Text hinauslaufen würde. Ich fragte mich, ob poshlost, weil es ein Wort des Russischen ist, nun dienen würde, um Phänomene in Russland zu beschreiben oder universelle überall.

    Nabokov, so scheint mir, widerte das, was er als poshlost ansah, an. Googlet man Nabokovs Ausführung zu poshlost in seinem Interview von 1967, so zählt er alles Mögliche auf, quer durch die Kunstformen, quer über die Kontinente; in seiner Aufzählung für poshlost als fake, bogus, pseudo, pretense nennt Nabokov zum Beispiel “Tod in Venedig”.

    Der Text hier siedelt Nabokovs poshlost beim öffentlichen Sprechen des jetzigen Präsidenten Russlands an. Mir scheint, als gebe es im deutschen, englischen, französischen Sprechen ebenso viele Beispiele für poshlost, wenn z.B. ein Minister auf Deutsch sich belustigt über das Zusammenfallens seines Geburtstags mit der Ausschaffung von Afghanen, oder ein General auf Englisch ein Video kommentiert, in dem ein Auto eine Brücke passiert und die dann zerstört wird.

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