In den Debatten um Peter Handke geht es kaum je um seine Prosa. Wir nehmen seine jüngsten Werke unter die Lupe und suchen nach Kriterien.

Die bisherigen Texte in chronologischer Reihenfolge:

Peter Handke hat Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte ein halbes Jahr vor der Bekanntgabe der Nobelpreis-Entscheidung geschrieben. Durch den Nobelpreis erfährt das schmale Buch nun mehr Aufmerksamkeit, als ihm von seinem literarischen Gewicht her zukommen dürfte.

Warum habe ich das Bedürfnis, mich ein weiteres Mal ausführlich zu Peter Handkes Schreiben zu äußern? Zum einen ärgere ich mich über die aktuellen Rezensionen, die sich zumeist jeglicher Stilkritik enthalten. Zum anderen ärgere ich mich über Handkes Schreibweise. Diesem Ärger möchte ich auf den Grund gehen.

Laut Ossip Mandelstam hat die Literaturkritik „nach dem Maßstab des Buches, nach der Bedeutung seines Erscheinens, nach der geistigen Kraft des Autors“ zu fragen, also nach allem, was dem Autor „das Recht gibt, mit dem Leser ins Gespräch zu treten“. Hat sich der Handke von Das zweite Schwert dieses Recht verdient?

In dem schmalen Band zieht ein namenloser Ich-Erzähler aus, um den Selbstmord seiner Mutter zu rächen. Seine Rache gilt einer Journalistin. In einem Zeitungsartikel, der eigentlich auf ihn abzielte, machte sie den Jubel der damals 17-Jährigen über den Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich publik, dies sei für die junge Frau ein „Anlaß zu Freudenfesten gewesen“. Auf seiner Reise durch das nahe Umland – die Journalistin wohnt nicht weit entfernt – verliert der Ich-Erzähler sein Ziel allerdings mehr und mehr aus den Augen.

Verlierer der Gesellschaft

Fangen wir beim Positiven an, den kurzen Szenen, in denen der Ich-Erzähler aus seinem inneren Selbstgespräch ausbricht und sich anderen Menschen zuwendet. Arbeitsmigranten, Obdachlose und Gescheiterte – es sind die Verlierer unserer Gesellschaft, die der Ich-Erzähler etwa in der „Bar der drei Bahnhöfe“ trifft oder auf den Treppen des ehemaligen Bahnhofsrestaurants, das inzwischen als Notunterkunft dient.

Dabei genügen Handke jeweils wenige Zeilen, um einen Menschen lebendig werden zu lassen. Zum Beispiel Emmanuel, den Karosserieschlosser aus Guyana:

Nach seiner Soldatenzeit in Übersee, im Dschungel von Guyana, hier in seine Geburts- und Kindheitsgegend zurückgekehrt, und hier auch beständig arbeitend, war Emmanuel kaum mehr über die Grenzen des Departements hinausgekommen. In den vergangenen Jahrzehnten war er keinmal im nahen Paris unten hinter den Hügeln gewesen, und schon gar nicht am Meer. Heirat? Keine. Kinder? »néant«. Frauen? Er verehrte die [sic], und wenn er von einer sprach, immer nur in Andeutungen, dann nur gut. Im übrigen war offenbar des längeren schon keine mehr »mit ihm gegangen«, denn was er mir jetzt von der letzten Begegnung erzählte, hörte sich an wie aus einem keuschen Lied: kindlich verzückt deutete er mir die Stelle auf seiner freitagnächtlich glanzrasierten Wange an, wo »sie« ihm ihren Kuß hingehaucht hatte, und auch dieses Ereignis war inzwischen mehrere Monate her.

Ein anderer versucht seinen Abstieg zu vertuschen:

Der Manager, oder was er war, aus einer der oberen Etagen der Finanzhochhäuser von La Défense, der jedenfalls – so hatte er es spüren lassen – Bestverdienende von allen, auch der, im Gegensatz zu uns Narren, »Eingeweihte« , erzählte, unvermittelt und ungefragt, er ersuche gerade, die hohen Sphären zu verlassen. Nur lasse »man« ihn nicht gehen, »noch nicht«. Seine »Kompetenz« sei eine einmalige und besondere, und die werde noch gebraucht. Und doch fühle er sich den andern oben unterlegen, »unter dem Niveau« derer, die nichts im Sinn hätten, als zu siegen und zu töten, ja, »ich bin nicht auf ihrer Höhe! Ich will woandershin. Wohin? Weiß nicht. Wenn ich’s nur wüßte. Eins aber weiß ich und wußte es schon seit jeher: Ich möchte ein Ritterliches Leben führen, une vie chevaleresque, und ein solches lassen die dort hinter den Hügeln nicht zu, sie kennen es gar nicht, haben von einer vie chevaleresque nicht die leiseste Ahnung. Sich befreien – bloß wie? Los von den Killern in den obersten Etagen zum Rittertum – bloß wie?«

Wunschloses Unglück

Das alles ist genau gesehen und gehört, jedes Wort evoziert eine Wirklichkeit, es sind Texte von der Art, wie sie mir beim Wiederlesen von Wunschloses Unglück (1972) begegnen. Diese literarische Antwort auf den Selbstmord seiner Mutter hatte Handke damals bekanntlich wenige Wochen nach ihrem Tod geschrieben. Trotz ihrer Schönheit und Begabung war seine Mutter eine Gescheiterte.

Sie war also nichts geworden, konnte auch nichts mehr werden, das hatte man ihr nicht einmal vorauszusagen brauchen. Schon erzählte sie von „meiner Zeit damals“, obwohl sie noch nicht einmal dreißig Jahre alt war. Bis jetzt hatte sie nichts „angenommen“, nun wurden die Lebensumstände so kümmerlich, daß sie erstmals vernünftig sein mußte. Sie nahm Verstand an, ohne etwas zu verstehen.
[…]
Aus Hilflosigkeit nahm sie Haltung an und wurde sich dabei selbst über. Sie wurde verletzlich und versteckte das mit ängstlicher, überanstrengter Würde, unter der bei der geringsten Kränkung sofort panisch ein wehrloses Gesicht hervorschaute. Sie war ganz leicht zu erniedrigen.

Laut Ezra Pound ist gute Literatur „Sprache, die bis zum Äußersten mit Bedeutung aufgeladen ist“. Diese Aufladung spüre ich in Wendungen wie „ängstliche, überanstrengte Würde“ oder der aphoristischen Einsicht: „Sie nahm Verstand an, ohne etwas zu verstehen.“ Ich muss beim Lesen Energie aufwenden, um diese Worte zu verstehen, doch dafür schenkt der Text mir eine Erfahrung, die ich ohne ihn nie gemacht hätte.

Leider verleiht Peter Handke den Gestalten in Das zweite Schwert keine literarische Existenz: Sie werden nicht zu Figuren, denn sie erleben auf den 160 Seiten nichts, es bleibt bei der kurzen Begegnung. Im Zentrum steht der Ich-Erzähler. Wie so oft bei Handke durchstreift er die Gegend, in der sein Autor wohnt, südwestlich von Paris. Seine Wahrnehmungen und Beobachtungen lässt er uns mikroskopisch genau miterleben.

Lesen im Ungefähren

Ich habe mich in meinem Page-99-Test von Handkes jüngstem Roman Die Obstdiebin mit dieser Wahrnehmungsprosa bereits kritisch auseinandergesetzt, die Erweiterung des „Tests“ auf die ersten hundert Seiten bestätigt den Befund. Gegen diese Kritik hat der tell-Autor Frank Hahn Einspruch erhoben, in einem beeindruckend genauen Leseprotokoll der gesamten 559 Seiten des Romans, den ich für meine Stilkritik nur auszugsweise gelesen hatte. Frank Hahn weist ausdrücklich darauf hin, dass es ihm nicht um ein literaturwissenschaftliches Urteil geht, sondern um „die Empfindungen, die die Lektüre in mir geweckt hat“. Lesend genießt er den Rhythmus und die verlangsamende Wirkung von Handkes Sprachfluss. „Ich fühle, wie mir auf wohltuende Weise, um es ganz leiblich auszudrücken, die Brust weit wird. Das Lesen des Textes wird zu einer Art Durchatmen, in dem ich die Welt neu und anders in Empfang nehme.“ Das ganze „Epos“ wird für ihn durchweht von einem „meditativen oder spirituellen, zuweilen mystischen Klang […] – so wie für andere ein religiöser Text oder ein Gebet.“

Ich kann diese Empfindungen nachvollziehen, allerdings nur, solange ich mich der Atmosphäre und dem sirenenhaften Handke-Sound hingebe. Sobald ich den Text von Nahem anschaue, in ihn hineinzoome und ihn zu entschlüsseln versuche, beginnt mein Ärger.

Rauchsäulen

Der typische Handke-Sound stellt sich meistens bei der Beschreibung schlichter Alltagsphänomene ein, beispielsweise der Rauchsäulen, die von zwei Barbecue-Grills in den Nachbarsgärten aufsteigen.

[Es rauchte] zweierlei Rauch aus zwei eng benachbarten Feuerstellen, wobei die Rauchfahne zur einen Hand klassisch senkrecht und gleichmäßig hell himmelwärts strebte, indes die zur andern Hand ebenso klassisch weg zur Erde gedrückt wurde, ein dunkler rußiger Qualm, wenn auch nur anfangs, im Wegstieben von der Feuerstelle: denn danach, auf quirligen bodennahen Umwegen, fand ebenso dieser zweite Rauch, im Widerspruch zur vorsintflutlichen Brudermordstory, himmelauf in die Senkrechte, das schwärzlich hin und her puffende Gequalme ging über in hellweiße Federwölkchen, zu verwechseln (fast) mit jenen halb durchsichtigen aus dem Zwillingsrost, erstaunlicher noch, eine wahre Weltneuigkeit: die zweierlei Rauchsäulen trafen oben, kurz vor dem beiderseitigen Ganzdurchsichtigwerden und im Luftraum Verschwinden, sogar noch, für Augenblick um Augenblick, zusammen; verknüpften sich miteinander; verflochten sich ineinander, und das in einem fort, und immer wieder neu, in dem Maße, wie unten vom Rost die eine und die andere Rauchrakete aufstieg.

Vieles in dieser Passage finde ich schön:

  • ein dunkler rußiger Qualm,
  • auf quirligen bodennahen Umwegen,
  • das schwärzlich hin und her puffende Gequalme
  • verflochten sich ineinander, und das in einem fort, und immer wieder neu

Ich genieße den Klang dieser Worte. Doch dann versuche ich, die Bewegung der beiden Rauchsäulen zu imaginieren, deren eine „klassisch senkrecht und gleichmäßig hell himmelwärts strebte“, während die andere „ebenso klassisch weg zur Erde gedrückt wurde“ – und nun ist es mit dem Genießen vorbei. Jetzt wird’s anstrengend. Was mache ich beispiesweise mit der „vorsintflutliche[n] Brudermordstory“, die wie aus dem Nichts auftaucht? Es ist eine biblische Anspielung und zugleich ein kalkulierter Stilbruch in einem Text, der das Wort Handy sorgsam vermeidet (stattdessen heißt es „Mobiltelefon“, einmal gar „Handtelefon“). Zudem soll der zweite Rauch – der zur Erde gedrückte – zu dieser Story im Widerspruch stehen, weil auch er, offensichtlich handelt es sich um den Rauch von Kains Opfergabe, sich „himmelauf in die Senkrechte“ fand. Für einen Augenblick wird aus dem profanen Barbecue-Grill eine alttestamentarische Opferstätte. Wohl eine Anspielung auf das Rachemotiv.

Und nun wird uns gar „eine wahre Weltneuigkeit“ angekündigt: Sie besteht darin, dass die zwei Rauchsäulen im Himmel zusammentreffen, und zwar

kurz vor dem beiderseitigen Ganzdurchsichtigwerden und im Luftraum Verschwinden, sogar noch, für Augenblick um Augenblick, zusammen; verknüpften sich miteinander; verflochten sich ineinander, und das in einem fort, und immer wieder neu […].

Ich bin gern bereit, mich beim Lesen anzustrengen, doch muss ich keine Bücher lesen, um zu wissen, dass Rauch nach oben steigt (und sich dabei, oh Weltwunder, mit einem zweiten Rauch verbindet). Für mich wirkt der sprachliche Überschwang in solchen Passagen angesichts der Banalität des Geschriebenen wie ein ungedeckter Scheck. Der Rauch bleibt Rauch, egal, wie ich sehr ich mich beim Lesen auch anstrenge.

Ersatzbus

Anfangs will der Ich-Erzähler die Journalistin töten, dann will er sie töten lassen, schließlich verliert dieser Auftrag, trotz gelegentlicher Gewaltphantasien, rasant an Dringlichkeit. Der Ich-Erzähler lässt sich leicht von seiner Mission ablenken, etwa vom Schienenersatzverkehr. Er setzt sich in den Ersatzbus und nutzt die Gelegenheit, die Fahrt minutiös zu beschreiben:

Schleife um Schleife, auf Riesenumwegen, transportiert in sämtliche Richtungen, war mir zugleich, als ginge ich draußen müßig, als erginge ich mich, Schritt für Schritt, von Geschehnis zu Geschehnis, von Bild zu Bild, das Plateau weiter federnd unter den Füßen; bliebe auch immer wieder stehen; setzte mich auf eine Bank; beträte eine im Vorbeifahren erblickte ausgediente Kirche.

Die Wiederholungen bringen Inhalt und Form zur Deckung, so könnte man wohlwollend sagen:

  • Schleife um Schleife
  • Schritt für Schritt
  • von Geschehnis zu Geschehnis
  • von Bild zu Bild

Stimmt, genauso fährt es sich im Ersatzbus.

Weniger wohlwollend könnte sagen, der Autor ergehe sich in diesen Wiederholungen, weil ihm nichts Interessanteres eingefallen ist.

Dann kommt ein überraschender Ausruf des Ich-Erzählers:

Ein Epos der Ersatzbusstrecken! »Wo bist du, Homer der Ersatzbusse?«

Selbstparodie? Ironie? Für diese Art von biederem Bildungsbürgerhumor haben wir Schweizer einen eigenen Ausdruck: „sauglatt“ (zu Deutsch: saulustig), wird dieses Selbstdarstellungsbedürfnis bei gleichzeitigem Niveauverlust penetrant, sprechen wir vom „Sauglattismus“.

Andrerseits: wie hart da die Sitze im Vergleich zu den Linienbussen. Welch bodennahes Gerumpel statt des einlullenden Geschnurres. Welche Tortur beim geringsten Schlagloch. – Doch gehörte nicht das zum Epos?

Wenn die harten Sitze im Bus und die „Tortur beim geringsten Schlagloch“ zum Epos gehören, wird die Erfahrung der Ersatzbusfahrt in die Nähe zur Ilias gerückt. Diese Überhöhung ist ähnlich grotesk wie bei den doppelten Barbecue-Rauchsäulen, die durch die „vorsintflutliche Brudermordstory“ in den mythischen Raum des Alten Testaments versetzt wurden.

Rotkehlchen

Die aufwändigste und virtuoseste dieser Inszenierungen baut Peter Handke um ein Rotkehlchen, das quasi spielerisch vor dem Ich-Erzähler herumflattert. Es muss als „Rachetrainer“ herhalten und den erlahmenden Rachefeldzug motivieren helfen. Für die mythologische Unterfütterung sorgt diesmal ein (bibelkundlich nicht ganz korrekter) Vergleich mit dem Propheten Elias.

Diese Bibelepisode gilt im allgemeinen Bewußtsein als Beleg und Gleichnis dafür, daß Gott sich hören läßt nicht aus den Naturgewalten und mit Sturm- und Donnerstimme, vielmehr … (drei Punkte) [sic]. In den Heiligen Schriften wird die Geschichte füglich weitererzählt: die flüsternde Gottesstimme, aus der Stille, sanfter nicht möglich, trägt dem Propheten in der Felswüste dringlich und gebieterisch etwas auf: Rache! Räche mich! Räche mein Volk!

Ohne jede Scheu vor Pathos deklariert der Ich-Erzähler:

So wurde es mir auch zuteil an dem Aufbruchsmorgen, als das Publikum des Rotflauschvögelchens.

Um für den Auftritt dieses Vögelchens – vordem: „der kleine bauschige Vogel mit dem ziegelroten Kehlfleck“ – den richtigen Kontrast zu schaffen, veranstaltet Handke mit Hilfe wirkungsstarker Verben einen Mordslärm unter den Vögeln:

Allerwärts brüllten die Raben, krächzten die Krähen, messerwetzten die Meisen, schrillten die asiatischen Papageien, trillerpfiffen die Amseln, maulten die Häher, knurrten die Tauben, ja knurrten, zeterten die Elstern, zischelten die Mesein, trommelten die erweißwiesieheißen …

Das ist virtuos, auch in der wohldosierten Durchbrechung der Regelmäßigkeit. Der Vogelstimmenlärm macht das Schweigen des Rotkehlchens zu einem Ereignis:

… aber von der in eleganten Loopings immerzu, zum Greifen nah, mich umschwirrenden, mir vorausschwirrenden, bis auf das kaum vernehmbare Flügelraspeln, Rotkehle kein Laut.

„Von der Rotkehle kein Laut“, soll das heißen (der Satz funktioniert nicht ganz, weil „Rotkehle“ am falschen Ort steht). Passend zu seiner Rolle als Rachetrainer verliert das Vögelchen nun sämtliche Diminutive, am Ende wird aus der Rotkehle ein Rotbausch:

Und endlich ließ sich der Vogel mir in Augenhöhe auf einem kahlen Dornzweig nieder, aus dem geplusterten Kopf mich beäugend, ohne mit seinem Schnabel auch nur den leisesten Laut zu geben. Ein Laut, dann Laute ohne Unterlaß, kurze, immergleiche, rhythmische, stammten von seinem Wippen auf dem Zweig, von dem inständigen Nicken, mit dem ganzen Körper, nicht allein dem Kopf, ein Nicken aus Leibeskräften, endlich auch hörbar, als zartes Geraspel, zugleich das strenge Kommando: »Tu es! Tu es!« Und so wurde es mir noch lange vorgespielt und -exerziert, bis der Rotbausch flugs wegtauchte, lautlos, hin zur Efeuhecke, wo er seit den drei Tagen am Nestbauen war, im Schnabel, wie ich jetzt erst bemerkte, lose verkettete Bleistiftspitzspiralen; der Zweig im Leeren weiterwippend.

Aus Bleistiftspitzspiralen also baut dieses vielbesungene Rotkehlchen sein Nest – ein Schelm, wer dabei ans Dichterhandwerk denkt.

Schein und Stoff

Solcherlei sprachliche und mythische Aufladung von Banalitäten durchzieht den ganzen Text. Ständig lese ich Passagen, die mehr scheinen, als sie sind. Der Schein ist das Eigentliche, das ist bei Handke offenbar Programm. So deute ich zumindest eine sich über zwei Buchseiten erstreckende, bis zur Unverständlichkeit in sich selbst verschlungene poetologische Passage über Schein und Stoff. Ich belasse es bei einer Kostprobe:

[…]
Also: der Schein, der, den ich meine, ist der Schein, und er ist durch kein anderes Wort zu ersetzen. Schein ist nicht »Einbildung«, und er wird auch nicht hervorgerufen von der »Einbildungskraft«, aus dem Nichts. Der Schein, er ist für sich, und von sich aus, Materie; ist Stoff; Urstoff, Stoff der Stoffe.
[…]

Wie ein Pianist, der die schwierigsten Werke ab Blatt spielen kann, hat Peter Handke alle Möglichkeiten seiner Kunst zur Verfügung. Doch so virtuos das Wie, so dürftig ist das Was, dem diese Virtuosität gilt. Ich empfinde diese Wahrnehmungsprosa als Simulation, als etwas Gemachtes: Kunstgewerbe, wenn auch mit Anspruch. Und ich bin geneigt, diesem Autor kein Recht einzuräumen, mit mir als Leserin ins Gespräch zu treten. Ich fühle mich buchstäblich nicht angesprochen, wie es so schön heißt.

Mir ist klar, dass man es auch anders lesen kann. Frank Hahn erfährt durch Handkes Wahrnehmungspoesie „eine Befreiung von Hast und Übereilung in meiner eigenen Wahrnehmung“, er erlebt „die Natur und die Menschen auf neue, vielleicht nie gehörte und gesehene Weise“. Vielleicht ist es mit dieser Prosa ähnlich wie bei einem pointillistischen Gemälde: Wenn man zu nah herangeht, sieht man das Bild nicht mehr.

Ästhetik und Ethik

Die Selbstparodie ist in Das zweite Schwert nie ganz fern, ob nun mit oder ohne Absicht, und es ist durchaus denkbar, dass diese Rachegeschichte von vornherein auf Komik abzielt. Für Ironie spricht, dass der Feldzug (spoiler alert) mit einem Rohrkrepierer endet. Das erste Schwert wäre das stählerne gewesen, das titelgebende zweite dagegen besteht aus Sprache beziehungsweise Schweigen. Es kommt zur Anwendung, indem der Ich-Erzähler engültig darauf verzichtet, die Journalistin zu töten. Stattdessen bestraft er sie durch Nicht-Beachtung: Sie gehöre nicht in die Geschichte, „weder in diese noch in sonst eine“. Er, der so wortreich auszog, den Selbstmord seiner Mutter zu rächen, hätte genauso gut zuhause bleiben können.

Das so vielfältig variierte Rachemotiv war also nur eine Art Köder. Die Leser an der Nase herumzuführen, ist ein legitimes Verfahren, es hat sich in der Literaturgeschichte als ungemein produktiv erwiesen. In diesem Text jedoch schlägt die Ästhetik in Ethik um. Peter Handke, der sich mit Wunschloses Unglück auf Anhieb in die Literaturgeschichte eingeschrieben hatte, benutzt ein halbes Jahrhundert später in Das zweite Schwert den Selbstmord seiner Mutter als Vorwand für die Selbstgesprächsprosa seines ewig umherstreifenden Ich-Erzählers, samt gratis mitgeliefertem Seitenhieb gegen das Metier des Journalismus. Dass er das recycelte Trauma nun zu einem bloßen plot device degradiert, grenzt für mich an Geschmacklosigkeit, sowohl in ästhetischer wie in ethischer Hinsicht.

Zumal ich darin eine Verwandtschaft zu den Serbien-Texten erkenne. Auch dort war der Krieg nichts als ein Vorwand für die Stunden der alleinseligmachenden Empfindung. Da spielt es dann auch keine Rolle mehr, für welche Seite der Autor Partei ergreift.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Patricia Mago, via Pexels
Buchcover: Verlag

Peter Handke
Das zweite Schwert
Eine Maigeschichte
Suhrkamp 2020 · 160 Seiten · 20 Euro
ISBN: 978-3-518-42940-2

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

18 Kommentare

  1. Ich verstehe, dass von KünstlerInnenn erwartet wird, dass sie sich auf ernsthafte Weise erklären. Wenn ich den Text am Schluss richtig verstehe, stört die Rezensentin, dass der Autor dem Verlust seiner Mutter durch Selbsttötung keine Aufmerksamkeit widmet und stattdessen flaniert und sich verliert und seines Plans verlustig geht. Aber ist das schon unethisch? Ist nicht jeder frei, mit Verlust umzugehen, wie er will? Ist es nichts auf einer Ebene auch ein Wert, wenn ein Racheplan wieder verschwindet? Gebietet es die Ethik, dass Trauernde nach der Beisetzung ein Eis oder einen Kognak zur Stärkung oder Ablenkung verschmähen? Einordnung von Kunst als ethisch, wenn sie Maßstäbe einhält, und unethisch, wenn sie sie mißachtet, finde ich nicht so toll. Dioe Sprachkritik finde ich toll auf tell-review. Und das Genre der Beschreibungen von Empfindungen beim Lesen finde ich auch toll auf tell-review, das machen andere Formen der Rezension überhaupt nicht und bietet Ideen.

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  2. Jesusmariaundjosef. Da ist mir auch bei 160 Seiten jede einzelne zu viel. Warum in Allerherrgottsnamen soll man das lesen? Formal ist Blendwerk, inhaltlich ein Nichts. Vielleicht nutzt der Herr Handke ja sein Nobelpreisgeld und fährt in einen längeren Urlaub. Gerne zu Fuß, dann wird die Umwelt gleich doppelt geschont.

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    1. Christian Backes 23. Februar 2020 um 13:44

      Ich fand die Verteidigung von Frank Hahn gelungen. Ich habe zwar nicht „Das zweite Schwert“, zuletzt aber einige ältere Sachen gelesen, und die Wiederlektüre hat bestätigt, dass Handke in meinem privaten Kanon seinen festen Platz hat. Denn es war ein sprachliches Fest. Deshalb ist die Stilkritik hier für mich letztlich unbegreiflich. Handke bemerkt übrigens in seinen Aufzeichnungen „Vorm Baumschattenwald …“, ihm gehe es um Sprache, nicht um Stil; Stil sei luziferisch.

      Profanes Grillen mit archaischen Opferriten in Verbindung zu setzen, finde ich nur zeitlich weithergeholt (aber soll Literatur nicht von weither kommen?), und die Kain-und-Abel-Anspielung scheint mir leicht zu entziffern, und zwar in der Weise, dass es sich um eine Alternativgeschichte handelt: Statt das Opfer Kains zu verwerfen, nimmt Gott hier beide Opfer an, was durch die Vereinigung der Rauchsäulen angezeigt wird. Damit ist Kain das Neid- und Rachemotiv genommen, und man kann sich ein friedliches Miteinander der Brüder ausmalen.

      Wie diese Passage in den Kontext der Erzählung passt, vermag ich nicht zu sagen; es passt aber zu Handkes übrigem Werk und seiner Suche nach Frieden, die sich biographisch aus seiner Erfahrung des Bombenkriegs erklären lässt. Deshalb ist mir auch die Kritik unbegreiflich, Handkes Prosa sei irgendwie unethisch.

  3. Marlies Fürböter 22. Februar 2020 um 18:11

    Ich habe „Das zweite Schwert“ noch nicht gelesen, sondern nur Rezensionen darüber in verschiedenen Zeitungen. Eine solche Halbbildung verbietet eigentlich eine Kritik an der Kritik – doch Sieglinde Geisels Dauerkampf gegen die Literatur Peter Handkes, aber auch gegen seine Person („Was die Moral in der Literatur verloren hat – Schriftsteller mit weißer Weste?) auf DLF Kultur und hier bei tell-review erzeugt in mir den Drang, sofort zu widersprechen.

    Zum „Rauchsäulen-Zitat“, dieses beendet Frau Geisel mit den Worten: „Wohl eine Anspielung auf das Rachemotiv.“ Nicht nur „wohl“, sondern sehr wohl ist es eine Anspielung, und zwar eine bedeutungsvolle.

    Das Wort „vorsintflutliche“ verweist ohne Zweifel auf die Rauchsäulen-Geschichte von Kain und Abel. Unabhängig von der Frage, ob die Kain-und-Abel-Rauchsäulen-Story wirklich so im Testament steht, wird sie in der Folge von Nacherzählungen und Illustrationen so erzählt, dass Kain seine Ernte und Abel seine erstgeborenen Schafe oder Ziegen als Opfergaben zu Gott bringen. Auf zwei Altare lassen Kain und Abel ihre Gaben als Brandopfer in Rauch aufgehen. Während die Rauchsäule von Abels Opfer schön senkrecht aufsteigt, qualmt Kains Opfer vor sich hin und der Rauch verweht. Gott nimmt das Opfer von Abel an, das von Kain aber nicht. Daraufhin erschlägt Kain seinen Bruder Abel. Die Art und Weise wie der Rauch aufsteigt – oder nicht aufsteigt – ist ein Erkennungszeichen Gottes, nämlich was ihm gefällt. So wird es erzählt und gedeutet.

    Doch Handke erzählt diese Geschichte anders („Weltneuheit“). Bei ihm steigt „dieser zweite Rauch, im Widerspruch zur vorsintflutlichen Brudermordstory himmelauf in die Senkrechte, das schwärzlich hin und her puffende Gequalme ging über in hellweiße Federwölkchen, zu verwechseln (fast) mit jenen halb durchsichtigen aus dem Zwillingsrost, erstaunlicher noch, eine wahre Weltneuigkeit: die zweierlei Rauchsäulen trafen oben, kurz vor dem beiderseitigen Ganzdurchsichtigwerden und im Luftraum Verschwinden sogar noch, für Augenblick um Augenblick, zusammen; verknüpften sich miteinander; verflochten sich ineinander…“

    Hätte Frau Geisel genauer gelesen, dann wäre ihr aufgefallen, dass – zumindest diese Szene – kein „vielfältig[es] variierte[s] Rachemotiv war also nur eine Art Köder“, sondern vielmehr ein (Lese-)“Zeichen“, dass eine Geschichte auch anders erzählt werden kann. Nach dieser Variante der Kain-und-Abel-Geschichte gibt es keinen Grund mehr zur Rache. Gott nimmt beide Opfer an!

    Ich weiß nicht, ob es weitere Stellen gibt, die so kunstvoll das Ende der Erzählung andeuten – und gleichzeitig den Erzähler umstimmen. Eine Szene mit doppeltem Motiv: Als Bild für eine Neuererzählung und als neuer innerer Beweggrund. Solche Stellen wünscht frau sich doch als Leserin!

    Ebenso verhält es sich mit Homer. Er wird nicht in den Text geschmuggelt, um ihn aufzuladen, sondern weil er eine Funktion hat. Nochmals: Ich habe dieses Buch noch nicht gelesen, aber deutlich wird, dass das zweite Schwert eben nicht aus Stahl ist, sondern das des Erzählens. Im Erzählen kann der Mensch die ewigen (biblischen) Rachegeschichten umerzählen. Das ist die Waffe: das Erzählen. Und wenn wir es wieder pflegen und in den Mittelpunkt stellen würden, dann würden vielleicht vielmehr Menschen statt zu einer Waffe (siehe Hanau) zum Erzählen greifen.

    Handke, der Wut, Jähzorn und Aggressionen in sich trägt, zeigt, dass es andere Wege gibt, damit umzugehen. Das hat er übrigens auch in seiner Nobelpreisrede getan. Die Nova, die er dort lange hat sprechen lassen, ist eine Friedensgöttin, die einen Geschwisterstreit schlichtet. Ein Geschwisterstreit wie er im Bürgerkrieg von Jugoslawien stattfand. Handke hat ein Versöhnungsangebot gemacht. Man hätte es nur lesen müssen, lesen wollen!

    Doch wer, u.a. wie Frau Geisel, von seinen eigenen Vorurteilen und Ablehnungen gefangenen genommen ist, sollte sich nicht aufs hohe Ross der ethischen Bewertung setzen und Handke dafür verurteilen, er habe seine Mutter und – siehe DLF-Beitrag zur Moral – die Literatur verraten.

    Vielleicht sollten Sie, liebe Frau Geisel, endlich einsehen, dass Sie mit der Art und Weise, wie Sie „Stilkritik“ betreiben bei manchen Texten und Autoren an Ihre Grenzen stoßen. Ich würde mir wünschen, dass Sie Handke „stattdessen… durch Nicht-Beachtung [`’bestrafen‘]“: Sie passen in keiner Kritik zusammen, „weder in diese[r] noch in sonst eine[r]“.

    Antworten

    1. Liebe Marlies Fürböter,
      wo sehen Sie in meinem DLF-K-Feature einen Angriff auf die Person Handkes? Es geht darin nur um die Texte.
      Und ich führe keinen „Dauerkampf gegen die Literatur von Peter Handke“. Mir sind beim Lesen strukturelle Dinge aufgefallen, die in den meisten Rezensionen, die ich bisher gelesen habe, übergangen werden, und die möchte ich gern zur Diskussion stellen. In diesem Sinn vielen Dank für Ihre genaue Lesart der Rauchsäulen-Passage. Ich stimme Ihnen von der Sprachanalyse her zu, allerdings finde ich auch hier, dass Handke mit Kanonen (biblische Urszene des Brudermords aus Rache) auf Spatzen schießt (der Verzicht des Ich-Erzählers auf den Mord). Das Bild trägt m. E. nicht, denn was wäre im Rahmen dieser Geschichte denn der Gott, worin bestünde das Opfer? Der Rauch allein scheint mir als Motivierung doch allzu dünn.

  4. Christian Backes: Interessantes Zitat von Handke zum Stil – allerdings muss ich gestehen, dass es nicht verstehe. Warum soll Sprache ein Gegensatz des Stils sein? Und was wäre am Stil das Luziferische? Stil ist ja erst einmal ein wertfreier Begriff: Der Stil kann harmlos, schwärmerisch, süffisant, maliziös etc. sein.

    Dass Handke sprachlich „ein Fest“ sein kann, würde ich gar nicht bestreiten. Ich sage ja nicht, dass er sprachlich nichts könne, im Gegenteil. Meine Kritik bezieht sich darauf, dass dem sprachlichen Aufwand kein inhaltlicher Gegenwert entspricht.

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  5. Christian Backes 27. Februar 2020 um 0:58

    Huch, wo ist denn mein gestriger Kommentar hin, hin, hin?

    Antworten

    1. Anselm Bühling 27. Februar 2020 um 14:18

      Da muss bei der Übermittlung etwas schiefgegangen sein. Reichen Sie ihn noch einmal ein? Sie können darauf vertrauen, dass wir Kommentare nicht einfach kommentarlos „verschwinden lassen“.

  6. Christian Backes 1. März 2020 um 21:57

    Ok. Ich wollte Ihnen, Frau Geisel, das Originalzitat nachreichen:

    „“Stil“ ist des Teufels – des Teufels, der Gott spielt; siehe – oder siehe nicht – Lucifer, der das falsche Licht bringt. Dagegen die Sprache, das Sprachewerden, das Sprachformwerden: ist Gottes!“

    Ein anderer Eintrag, den ich gerade zufällig gefunden habe:

    „Immer wieder „Stil“, „Sprache“: Nur kein Stil. Das aus der Seele Gesprochene wie Geschriebene ist schon, hat naturgemäß Stil.“

    Antworten

    1. Lieber Herr Backes,
      sehr interessant – vielen Dank für die Zitate!
      Stil als „das falsche Licht“. Das passt für mich gerade für das, was Handkes eigenen Stil ausmacht. Ich habe oft das Gefühl eines fakes: Die Beschreibungen der eigenen Wahrnehmung wirken auf mich gerade nicht wie „das aus der Seele Gesprochene“, sondern etwas Künstliches, etwas Aufgebauschtes, Manieriertes.

  7. Marlies Fürböter 2. März 2020 um 21:17

    „Mit Kanonen auf Spatzen…“

    Und Sie schießen mit Pfeilen auf Flugzeuge. Ihre „Stilkritik“ ist nicht in der Lage, das dem Gesamtwerk Handkes zugrunde liegende Lebens- und Schreibprogramm auch nur ansatzweise zu erfassen, geschweige denn zu verstehen. „Das zweite Schwert“ ist Teil eines Werkes, das nicht Ende der 70er Jahre begann, aber dort – ausgelöst durch eine Schreibkrise – eine neue Richtung bekam: hin zu einem „teilhabenden Schreiben“, das mit dem „müden Blick“ eine Wahrnehmung erzeugt, die gleichzeitig „äußerste Versunkenheit und äußerste Aufmerksamkeit“ (Die Lehre der Sainte-Victoire, S. 138f.) ist. Dem „unreinen“, aggressiven Beobachten, welches die Dinge in ein Bezugssystem einordnet – oder wie Journalist*innen und Wissenschaftler*innen – den Dingen einen vorkodierten Blick aufzwingen, wird ein „reines“, absichtloses, teilnehmendes Schauen entgenstellt. Dahinter steckt die Vorstellung und der Wunsch, dass sich die Phänomene durch den Blick selbst offenbaren.

    Sie bleiben zwangsläufig an der Oberfläche, wenn Sie sich einezelne Werke (und daraus wiederum nur einzelne Stellen) willkürlich herausgreifen, ohne sie – auch, oder vorallem – in einen Sprachzusammenhang zu stellen. Wenn Sie wünschen, dass Ihre „Stilkritik“ ernst genommen werden soll, dann müssen Sie Handke lesen, und zwar in Gänze!

    Und vielleicht brauchen Sie (Lese- und Versteh-)Helfer*innen, die Sie zur Genüge in der Literaturwissenschaft finden können. Die Literaturwissenschaft hat übrigens Urteile zu Handkes Werk schon längst revidiert, welche die journalistische Literarturkritik in ihren medialen Schnellverfahren gefällt hat (siehe „Über die Dörfer“).

    Wegen mir können Sie weiter mit Pfeilen auf Flugzeuge schießen! Doch tun Sie dies bitte nicht mehr im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ich bin es leid, Ihnen ständig von meinen Gebühren neue Pfeile für Ihre sinnlosen Übungen zu kaufen.

    Antworten

    1. Fangen wir mit Ihrem Pfeil gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk an: Auch ich bin nicht mit allen Beiträgen im ÖRR einverstanden, das haben wir also gemeinsam – doch gerade deshalb finde ich es wichtig, dass es ihn gibt.
      Was tell angeht: tell ist als dialogisches Medium konzipiert, deshalb können Sie auf tell auch Artikel lesen, die meiner Kritik widersprechen.
      In Ihren Ausführungen über Handke zitieren Sie seine Gedanken zum absichtslosen Schreiben – mit Verlaub: Diesen Gedanken kann man auch auf den Leim gehen. Die Idee, dass sich „die Phänomene durch den Blick selbst offenbaren“, verfängt m. E. nicht, denn „den Blick selbst“ gibt es ja gerade nicht: Es ist immer der Blick desjenigen, der hier blickt (und schreibt).
      Was ich zu Handke sage, sage ich jeweils nur in Bezug auf das betreffende Werk. Ich maße mir kein Urteil über sein Gesamtwerk an. Sie sagen, „die Literaturwissenschaft“ habe die Urteile der Literaturkritik revidiert. Welche Literaturwissenschaft meinen Sie, bzw. wen genau?
      Im Gegensatz zu Ihnen halte ich es sehr wohl für legitim, über einzelne Werke zu sprechen, ja sogar einzelne Passagen unter die Lupe zu nehmen. Stilkritik hat nun einmal mit Sprache zu tun, und Sprache konstituiert sich in Sätzen.

  8. Marlies Fürböter 4. März 2020 um 23:17

    Da haben Sie mich (absichtlich?) missverstanden! Ich schieße nicht auf DEN öffentlichen Rundfunk, der mir (als mit Staatsfernsehen Großgewordene) „hoch und heilig“ ist. Ich kritisiere nur (das Wort „schießen“ passt nun nicht mehr) die Protagonist*innen, die derzeit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu Wort kommen: Menschen, denen – so scheint es – die Grundqualifikation zu einer objektiven Berichterstattung abhandengekommen ist bzw. diese noch nie besessen haben. Man schaue sich nur die Wortführer in der Anti-Handke-Debatte um den Nobelpreis an. Es waren nur eine handvoll, die aber auf allen Kanälen präsent waren. Deutschlandfunk Kultur, wo Sie öfter berichten, hat darin eine besonders unrühmliche Rolle gespielt, vorallem der Ressort-Leiter René Aguigah. Man höre sich
    nur das „Literatur“-Gespräch zwischen ihm und Wiebke Porombka vom 28.10.2019 an, wo Aguigah auf den Vorwurf, man müsse Handke lesen, damit reagierte, dass er Handke gelesen habe, und zwar „Noch einmal für Thukydides“ (110 Seiten schmal). Dort zitiert er den letzten Satz aus der gleichnamigen Miniatur und unterstellte Handke, er widme Thukydides, der „der Erfinder von neutraler Wahrheitssuche“ sei, um. (https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2019/10/28/was_darf_die_literatur_historische_wahrheit_versus_drk_20191028_1019_aed73fac.mp3) (Minute 8:24)

    Tell – und da stimme ich Ihnen zu – ist nicht der Ort, Probleme des ör-Rundfunks zu diskutieren. Aber Sie hatten in Ihrem Kommentar zum Beitrag von Frank Hahn „Bleistift und Murmelspiele“ die Fragen gestellt: „Warum ist die Auseinandersetzung um Handke emotional so aufgeladen? Was triggert er in seinen Lesern (auf beiden Seiten)?“

    Es ist nicht seine Literartur die „triggert“. Es sind die Aussagen von Journalisten über seine Literatur. Aus dem letzten Satz einer Miniatur auf eine Geschichtsumschreibung oder gar -Verfälschung zu schließen, ist eine gezielte Denunziation. Darin steckt nicht nur der Wille zur Zerstörung eines Werkes, sondern auch eines Menschen, dessen Leben mit seinem Werk eine Einheit bilden.

    Zu Ihrem Einwand: „Diesen Gedanken kann man auch auf den Leim gehen“.
    Damit haben Sie in einem Satz mir nichts, dir nichts eine ganze Literaturtradition von Ponge über Jaccottet (ersteren hat Handke übersetzt, letzteren hat er als Laudator beim Petracca-Preis geehrt), Rilke (siehe neunte Duineser Elegie [Preise dem Engel…], Stifter bis zu Goethe, dessen Bestreben es war, „mein ganzes Leben der Betrachtung der Dinge zu widmen die ich reichen und von deren essentia formali ich mir eine adäquate Idee zu bilden hoffen kann“ (Sämtliche Werke, Band II, S.629), ausgelöscht.
    Handke hat sich in diese Tradition eingeschrieben und hat sie in der „Lehre der Sainte-Victoire“ für sich neu ausgerichtet.

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    1. Erst einmal: Danke für den Lesetipp mit der „Lehre der Sainte-Victoire“, ich hoffe, ich komme in absehbarer Zeit dazu, es zu lesen.
      Und danke auch für Ihre Präzisierung der Kritik am DLF-Kultur. Allerdings verstehe ich Ihren Unmut nicht ganz. Ich habe mir das Gespräch mit Aguigah und Porombka angehört, und während ich Ihnen insofern zustimme, als die beiden sich offenbar vor einer eingehenderen Lektüre von Handkes Prosa gedrückt haben, finde ich die Argumentationen, was die Serbien-Texte angeht, nachvollziehbar. Das ist keine Denunziation, sondern als Kritik auch dann legitim, wenn man den Standpunkt nicht teilt.

  9. Christian Backes 9. März 2020 um 1:15

    „Noch einmal für Thukydides“ ist filigranste Wahrnehmungsprosa, phänomenologisch sehr dicht und präzise. Allein dafür hat Handke den Nobelpreis verdient. Man kann diese Prosapoeme – meine Bezeichnung – nicht mal ratzfatz hintereinander weglesen. Mit seiner Aussage hat sich Herr Aguigah als Literaturkritiker nicht gerade mit Ruhm bekleckert, gelinde gesagt.

    Ihre Stilkritik, liebe Frau Geisel, überzeugt mich noch immer nicht. Gegen Ihren subjektiven Eindruck des Unechten komme ich natürlich nicht an; wobei „Wunschloses Unglück“ diesem Verdikt anscheinend nicht unterfällt. Ich würde nun nicht behaupten, dass Handke nie Manierismen oder Routinen unterlaufen. Das ändert nichts daran, dass Handke ein ungemein sprachbewusster Autor ist und sein Sprechen neue Facetten der Wirklichkeit erschlossen hat. Dafür gebührt ihm Ehre und Dank.

    Diese ganze Debatte ist für mich ein Symptom dafür, dass ein anderes, ein poetisches, ein eigensinniges, ein mehrdeutiges Sprechen, das sich den offiziösen Sprachregelungen nicht unterwirft, nicht mehr geduldet wird. Literaturkritiker sollten sich, meine ich, in einer solchen Debatte zum Anwalt der Literatur machen.

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  10. Nachdem ich nun die ersten beiden Prosapoeme von „Noch einmal für Thukydides“ gelesen habe, stimme ich Ihnen zu, lieber Christian Backes: Das ist präzise und im besten Sinn sprachschöpferisch.
    Meine Stilkritik bei Handke bezieht sich jeweils nur auf das betreffende Werk, das habe ich möglicherweise nicht deutlich genug gemacht. Der springende Punkt ist ja gerade, dass „Wunschloses Unglück“ stilistisch so anders ist als die jüngsten Werke von Handke, und das Gleiche gilt offenbar auch für „Noch einmal für Thukydides“.
    Schade, dass Sie mit auf meine konkrete Kritik an Handkes Stil nicht eingehen. Was ich bei Handke kritisiere, ist nicht der Eigensinn, das Poetische oder das Andere. Meine Stilkritik zielt darauf ab, dass vieles seinen letzten beiden Büchern nur den (durchaus virtuos erzeugten) Anschein von Eigensinn, Poesie etc. hat.
    Übrigens gibt es in „Das zweite Schwert“ eine eigenartige Passage über den Schein. Ich gebe zu, dass ich das Paradox, dass der Schein Materie sein soll, „Urstoff, Stoff der Stoffe“, nicht verstehe. Nimmt das Bezug auf Platons Höhlengleichnis?

    Hier das Zitat aus „Das zweite Schwert“:
    „Zurück zu einem meiner Zentralworte, der »Einbildung«: Jetzt würde ich an die Stelle dieses Wortes ein anderes setzen: den »Schein«. – Ein überaus vieldeutiges Wort im Deutschen, im aufwertenden Sinn und, vor allem, im abwertenden. – Mir geht es allein um den einen, den einzig aufwertenden, jenen, hör doch!, besonderen, den, zugehört!, lebensnotwendigen Zusatz stiftenden Sinn des Worts »Schein« , den Schein als Zusatz. Mit anderen Worten: »Licht«? »Glanz«? »Schimmer«? »Halo«? »Glorie«, himmlische? irdische? […] Also: der Schein, der, den ich meine, ist der Schein, und er ist durch kein anderes Wort zu ersetzen. Schein ist nicht »Einbildung«, und er wird auch nicht hervorgerufen von der »Einbildungskraft«, aus dem Nichts. Der Schein, er ist für sich, und von sich aus, Materie; ist Stoff; Urstoff, Stoff der Stoffe.Und die Materie des Scheins ist unerforschlich, zu erforschen von keiner der Wissenschaften, auch nicht zu bemessen nach Länge, Breite, Höhe und Volumen mit der Mathematik, der hellsten der Wissenschaften, und der falschesten – dabei doch die meine, meine erste…“

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  11. Bitte unbedingt das Buch „Wasserscheiden“ von Alfred DeMichele rezensieren! Das ultimative Buch zur derzeitigen Coronakrise und deren Folgen!

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  12. Christian Backes 28. März 2020 um 17:29

    Liebe Frau Geisel,

    ich komme erst jetzt dazu, Ihnen zu antworten. Ich meinte, den Eindruck des Unechten, der Sie bei den letzten Büchern von Handke bedrängt, kann ich Ihnen nicht nehmen – weil ich die Bücher nicht gelesen habe und den Eindruck aus meiner anderweitigen Handke-Lektüre nicht teile. Ich käme zum Beispiel nicht auf die Idee, Handke als virtuos zu bezeichnen. Ich finde Virtuosität eher unangenehm; darunter verstehe ich, wenn ein Künstler seine Fähigkeiten ausstellt, sozusagen: Seht mal, was ich allea kann! (Das vergällt mir oft Nabokov). Und das ist vielleicht das, was Handke als „Stil“ im Unterdchied zur Sprache bezeichnet.

    Auch zum Verständnis des Zitats könnte ich wenig beitragen ausser ein paar lockeren Assoziationen; aber vielleicht würde sich’s mir im Kontext erschließen.

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