„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford). Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufalls-Seite leistet.
Warnung: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension!

Der amtierende Nobelpreisträger wünscht, man solle sich mit seinen Texten befassen und nicht mit seinen Meinungen. Schauen wir uns also Seite 98 und 99 von Peter Handkes jüngstem Roman Die Obstdiebin an.

Der Absatz, den ich ausgewählt habe, besteht aus drei Sätzen: Der erste umfasst 37 Wörter, der zweite 87 und der dritte 81. Manche Schreibratgeber behaupten, die Obergrenze für verständliche Sätze liege bei 25 Wörtern. Das ist natürlich Quatsch: Bei Gottfried Keller gibt es Sätze mit über hundert Wörtern, die man spontan versteht, von Heinrich von Kleist ganz zu schweigen. Es ist alles eine Frage der Satz-Architektur.

Satz 1

Übervoll hatte der Zug sich in Bewegung gesetzt, immer wieder aufgehalten von noch und noch quer durch die Halle Daherrennenden, die nach ihrer Tagesarbeit, oder was, in Paris, oder wo, den Zug nachhause, oder wohin, ergattern wollten.

Gleich zu Anfang des Satzes unterläuft Handke ein grammatischer Fehler. Er benutzt ein Adverb als Adjektiv. Was dasteht ist: „Der Zug hatte sich übervoll in Bewegung gesetzt.“ Was Handke sagen will, ist: „Der übervolle Zug hatte sich in Bewegung gesetzt.“ Damit wäre allerdings die vermeintliche Eleganz dahin.

Auch der nächste Satzteil stimmt nicht ganz. Der Zug wird von „Daherrennenden“ aufgehalten. Doch niemand kann durch bloßes Daherrennen einen Zug aufhalten, auch nicht, wenn er „noch und noch“ und „quer durch die Halle“ daherrennt.

Und man kann auch nicht quer durch eine Halle „daherrennen“. Quer durch eine Halle kann man nur rennen, und eigentlich rennt man auch nicht „quer“ durch eine Halle. Man rennt eben einfach durch eine Halle. Doch das wäre Handke wohl zu schlicht.

Die zweite Satzhälfte besagt, dass der Zug von Daherrennenden aufgehalten wird, „die nach ihrer Tagesarbeit in Paris den Zug nachhause ergattern wollten.“

Doch so bieder schreibt Handke nicht. Er macht Kunst und erzählt von „Daherrennenden“,

„die
        nach ihrer Tagesarbeit,
                oder was,
        in Paris,
                oder wo,
        den Zug nachhause,
                oder wohin,
ergattern wollten.“

Die drei Einschübe transportieren keinen Inhalt, im Gegenteil, sie verwässern diesen eher. Stattdessen wirken sie als rhythmisierendes Element. Die Wörter sind, was sie beschreiben: Wir hören den Zug bereits rattern.

Satz 2

Zusammengedrängt saßen und standen wir in den Abteilen, als sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte.

Diese 16 Wörter sagen alles, was in diesem Satz gesagt wird, doch Handke braucht dafür 87 Wörter.

Auch diesmal transportieren die zusätzlichen 76 Wörter keinen Inhalt. Sie sind buchstäblich Sand im Getriebe des Satzes. Gleich nach dem ersten Wort verhindert ein Einschub, dass der Satz in Gang kommt, und auch dem nächsten voranstrebenden Wort wird ein Knüppel zwischen die Beine geworfen:

Zusammengedrängt,
        womöglich enger noch als vorhin in der Metro
saßen und,
        in der großen Mehrheit,
standen wir allerwärts“

Stehen und sitzen tun die Fahrgäste

in den für den Andrang gar karg bemessenen zweistöckigen Abteilen

M. a. W.: Es wurde eng in den Abteilen.

viele von uns
        darunter auch ich,
hockend auf den Treppen dort,
        auch die Klappsitze bei den Ein- und Ausstiegen vollbesetzt,
        da und dort zwei zusammengedrängt auf einem

Der Ton dieses in der Luft schwebenden Satzteils erinnert an ein Märchen. Handke erreicht diesen Effekt durch die Wortstellung:

hockend auf den Treppen dort

da und dort zwei zusammengedrängt auf einem

(„einem“ bezieht sich auf die Klappsitze).

Endlich schreitet der Satz voran und erreicht dann auch tatsächlich sein Ziel:

als sich der Zug,
        nach einem minutenlang schrillenden Abfahrtssignal,
zu guter Letzt doch noch in Bewegung gesetzt hatte,
        zuvor immer wieder bloß kurz anruckend,
        als sei ihm diese Passagierslast nicht recht zuzumuten.“

Nicht nur der Zug, auch der Satz setzt sich zu guter Letzt doch noch in Bewegung, nachdem er zuvor immer wieder bloß kurz anruckte, als sei ihm diese Wörterlast nicht recht zuzumuten.

Wieder eine perfekte Übereinstimmung von Inhalt und Form? Genau. Jetzt, wo ich das Prinzip begriffen habe, erkenne ich es auch schon beim Wort „Daherrennende“: Die wiederholten Konsonanten „rr“ und „nn“ im Wortinneren verleihen dem Wort etwas Rennendes.

Satz 3

Der nächste Satz, mit 81 Wörtern, beginnt so:

In der Stille gleich nach dem Verstummen des Signals,
        als niemand sprach und nicht einmal ein Mobiltelefon laut wurde,
war der Länge nach durch die Zugwagen nichts zu hören als

Wieder dieser Märchenton:

als niemand sprach

Allerdings wird die Magie durch das Wort „Mobiltelefon“ gebrochen. Immerhin benutzt Handke den denkbar altmodischsten Ausdruck für das, was wir in unserem Alltag Handy oder Smartphone nennen. Ob man etwas „der Länge nach“ durch einen Zugwagen hören kann, lasse ich jetzt einmal dahingestellt.

Das wichtigste Wort in diesem Satzteil ist das Wörtchen „als“, denn an diesem Haken baumeln die restlichen 51 Wörter.

Es war nichts zu hören, als

das vielstimmig-einheitliche Geschnauf und Gekeuche
        der Dahergehetzten
        und im letzten Moment noch Aufgesprungenen,
                oder auch,
                        zu gleichwelchem Aufspringen außerstande,
                von uns anderen drinnen in die Abteile Gezogene,
das Unisonokeuchen übersteigend da und dort vereinzeltes Rasseln und Japsen,
und Pfeifgeräusche aus der innersten Lunge
        wie aus einem vom Platzen bedrohten Blasebalg.

Beim nachvollziehenden Lesen dieser Satzkonstruktion pfeife ich bald selbst aus dem letzten Loch. Handke lässt seine Leser ganz schön arbeiten.

Ich höre:

  • Geschnauf
  • Gekeuche/Unisonokeuchen
  • Rasseln
  • Japsen
  • Pfeifgeräusche

Die Pfeifgeräusche sind dramatisch. Sie kommen

aus der innersten Lunge wie aus einem vom Platzen bedrohten Blasebalg.

Die innerste Lunge, aus der die Pfeifgeräusche kommen, gleicht also einem „vom Platzen bedrohten Blasebalg“. Gibt ein vom Platzen bedrohter Blasebalg Pfeifgeräusche von sich? Kann ein Blasebalg platzen?

Auch sonst berührt mich die Wortwahl eigenartig. Gab es im ersten Satz schon „Daherrennende“, begegnen uns nun „Dahergehetzte“, dazu kommen „Aufgesprungene“ und „Gezogene“. Handke personifiziert die Partizipien „gehetzt“, „aufgesprungen“, „gezogen“, ein schlichter, aber folgenreicher Trick. Denn diese Wortmanipulation hat eine dehumanisierende Wirkung: Sie reduziert die Personen auf ihr Gehetzt-, Aufgesprungen- oder Gezogensein. (Weshalb ich übrigens auch ein ungutes Gefühl habe beim vermeintlich politisch korrekten Verlegenheitswort „Geflüchtete“.)

Peter Handke hat eine Vorliebe für entlegene Wörter. Es gibt in diesem Satz nicht nur „Aufgesprungene“, sondern auch jene, die „zu gleichwelchem Aufspringen außerstande“ waren. Weder im Duden noch im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache ist das Wort „gleichwelches“ verzeichnet.

Schon im ersten Satz, fällt mir jetzt auf, waren wir einem dieser preziösen Handke-Wörter begegnet: „allerwärts“. Genausogut könnte man sagen „überall“. Wie die Häufigkeitskurve des Digitalen Wörterbuchs zeigt, hatte „allerwärts“ im ausgehenden 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt und ist seit den 1950er Jahren stark rückläufig, laut Duden: „veraltend“.

Fazit

Peter Handke lässt es in diesen drei Sätzen gewaltig altertümeln. Er tut alles, um sich das Alltagsdeutsch vom Leib zu halten, und er will uns zeigen, was er kann. Auch wenn er nicht immer ganz Herr seiner Mittel ist: Jedes Wort in diesen drei Sätzen ist gewollt, die Deckung von Inhalt und Form offensichtlich Programm.

Und genau das ist das Problem. Die Deckung von Inhalt und Form ist zwar ein Merkmal von Kunst, doch nur, wenn sie sozusagen von allein entsteht. Wird sie gemacht, bekommen wir es mit Kunstgewerbe zu tun.

P.S.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Freundin über Literatur. Wir lästerten über die anerkannten Schwergewichte des Betriebs und erfanden die Kategorie des literarischen Schrotts.

„Schrott kann auch Spaß machen!“

„Ja, aber nicht immer. Es gibt Schrott. Und es gibt Qualschrott.“

Als Qualschrott-Kandidat fiel uns spontan Handke ein. Jetzt weiß ich, warum.


Bildnachweis:
Beitragsbild: Sieglinde Geisel
Buchcover: Suhrkamp
Angaben zum Buch

Peter Handke
Die Obstdiebin
Roman
Suhrkamp Verlag 2017 · 559 Seiten · 34 Euro
ISBN: 978-3518427576

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

13 Kommentare

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    Leider zeigt dieser Page-99-Test, daß Referenzrahmenbestätigung bei der Lektüre ein erhebliches Problem bedeuten, wenn man die eigenen Lektüre-Voraussetzungen zum Maß macht. Dichtung kann nicht gemessen werden an einer von außen herangetragen Wunschliste – seien das ästhetische oder politische Befindlichkeiten –, sondern der immanente Aufbau einer Prosa, ihr Stil, worunter Metaphern, Satzbau und auch das Metrische, Rhythmus und Klang zu fassen sind, bilden das Maß, und dabei ist zu fragen nach der Funktion dieser Merkmale im Text. Solches Urteil über die ästhetische Konstruktion kann naturgemäß nicht auf zwei Seiten geschehen, und selbst wenn man das betreibt, rechtfertigen zwei Seiten kaum eine apodiktische Aussage – zumal auf das Œuvre ausgedehnt, weshalb solche Sätze im tell-Ankündigungstrailer deplaziert und ärgerlich sind: „Was die Sache nicht besser macht, denn das Ergebnis lässt die Entscheidung der Nobelpreisjury noch rätselhafter erscheinen.“

    Hier wird ein Zusammenhang insinuiert, der objektiv nicht besteht – davon einmal abgesehen, daß eben der Nobelpreis nicht für die Seiten 98 und 99 vergeben wurde. Auch das „Wir“ stimmt nicht ganz: den „Test“ nahm Sieglinde Geisel vor und nicht „wir“. Ich z.B. stimme dem in keinem der genannten Punkte zu.

    Auch literaturästhetisch zeigt sich, wieso ein solcher Test nicht funktionieren kann. Nur zwei Beispiele, wo dieser Test hakt:

    „Was Handke sagen will, ist: „Der übervolle Zug hatte sich in Bewegung gesetzt.“ Damit wäre allerdings die vermeintliche Eleganz dahin.“

    Ganz genau: Dichtung ist keine Grammatikfibel. Man kann nur hoffen, daß niemals Hölderlin in einen Page-99-Test gerät: „Mit gelben Birnen hänget/Und voll mit wilden Rosen/Das Land in den See, …“ Ein Land kann doch aber nicht in den See hängen! Mit solcher Beckmesserei kann man jeden Text erledigen. Es scheint Handke aber bei Begriffen wie „übervoll“ um eine sprachliche Wirkung zu gehen und abgenutzte Wörter durch andere zu ersetzen. Auch dieses Fügen vermeintlich falscher Wörter hat etwas mit Klang und Rhythmus zu tun. Deshalb Handkes Vorliebe für entlegene Wörter, deshalb seine oft altertümlich anmutende Sprache. Er macht also ästhetisch genau das, was für Sieglinde Geisels Sicht einen Mangel darstellt. Nur eben: warum sollte Handke sich nach den Wünschen seiner Leser richten?

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    Ebenso die Partizip-Konstruktionen, die im üblichen Sprachgebrauch, wenn von Studierenden und Geflüchteten die Rede ist, in der Tat problematisch sind. Bei Handke haben sie, wie Sieglinde Geisel zu recht feststellt, die Funktion des Dehumanisierenden: wir sehen eine anonyme Masse. Dichtung ist kein Gebrauchstext und darin darf Sprache mehr und anderes wagen. Diese Partizip-Konstruktionen hat also bei Handke eine literarische Funktion.

    Die meisten dieser im Test aufgezählten Passagen kann man also genauso als Stärke der Prosa Handkes deuten, was implizit in dem Test sogar stellenweise sichtbar wird:

    „Wieder eine perfekte Übereinstimmung von Inhalt und Form? Genau. Jetzt, wo ich das Prinzip begriffen habe, erkenne ich es auch schon beim Wort „Daherrennende“: Die wiederholten Konsonanten „rr“ und „nn“ im Wortinneren verleihen dem Wort etwas Rennendes.“

    Hier haben wir genau diesen Effekt, Klang und Sprache sind gekoppelt, und es zeigt sich, daß bestimmte Dichtung laut vorgelesen gehört oder daß man sie sich laut gelesen zumindest vorstellen muß. Wie am Lagerfeuer, wo wir nicht nur der Geschichte lauschen, sondern ebenfalls den daraus resultierenden Effekten. Und die eben werden durch eine besondere Sprache erzeugt. Bei Sätzen wie „Die Kinder gingen in den Wald. Dann kamen Bäume, dann kamen wilde Tiere, dann kam ein Hexenhaus, dann kam eine Hexe raus“ gruseln wir uns nicht.

    „Die Deckung von Inhalt und Form ist zwar ein Merkmal von Kunst, doch nur, wenn sie sozusagen von allein entsteht. Wird sie gemacht, bekommen wir es mit Kunstgewerbe zu tun.“

    Wenn man hier die Akribie des Testes einmal auf den Test selbst anwendet, dann ist dieser Satz vom Sinn her falsch. Kunst entsteht nicht von allein, es sei denn man nimmt an, Computer können Kunst machen, sondern sie wird von Künstlern geschaffen. Kunstgewerbe entsteht also nicht, weil eine Dichtung von einem Autor komponiert oder irgendwie „gemacht“ wird. In dem Wort Poesie übrigens steckt Poiesis, was vom Altgriechischen ποιέω kommt: mithin „machen“.

    Was Form und Inhalt betrifft, zieht der Test ansonsten aus jenen richtigen Einsichten dann die falschen Schlüsse. Und hier sind wir dann wieder beim Referenzrahmen, dem man einer Dichtung überstülpt. Und heraus kommt, was man vorher bereits hineinlegte. Überraschung geht anders.

    Ansonsten als Schlußsatz: Selbst wenn es so wäre, wie Sieglinde Geisel in ihrem Test behauptet, rechtfertigen zwei Seiten einer Dichtung kaum die Bezeichnung „Qualschrott“ – ausgedehnt noch auf ein ganzes Werk. Ich enthalte mich hier mal einer Polemik.

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      Danke, Lars Hartmann, für diesen Kommentar. Handkes politische Position ist der Kritik würdig und somit kann die Vergabe des Literaturnobelpreises an ihn hinterfragt werden, da der Geehrte auch unter moralischen Gesichtspunkten preiswürdig sein sollte. Auf der anderen Seite ist Handke ein großer Dichter, dessen Prosa über eine derart simple und am Ende diffamierende Kritik erhaben ist. Ich zweifle die Methode “Page 99” an und hoffe, dass sie nicht irgendwann auf einen Roman Kafkas angewandt wird oder auf “Ulysses”. Vermutlich käme Sieglinde Geisel zu ähnlichen Ergebnissen wie bei ihrer Kostprobe aus Handkes wunderbarer Prosa “Die Obstdiebin”.

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      In Ihrer politischen Einschätzung muß ich Ihnen widersprechen: ich habe alle diese Texte Handkes zum Jugoslawienkrieg gelesen und ich sehe und finde darin nichts Problematisches. Im Gegenteil ist Handke für diesen Nobelpreis auch moralisch aufgrund dieser Schriften geeignet, weil er eine Sichtweise anbringt, die vom Gros der damals öffentlich Geäußerten abweicht und eine Position ins Spiel bringt, die ebenfalls mitzudenken ist. Leugnung von Massakern und Genozid gibt es bei Hanke nicht, sehr wohl aber eine differenzierte Sicht, daß hier in diesem Krieg nicht einfach mit dem Mustern schwarz/weiß zu arbeiten ist. Und auch im nachhinein stellt er klar – man lese nur „Tage und Werke“, die Seiten 35 ff. Man kann in der Beurteilung und in den Details von Handkes Sichtung durchaus unterschiedlicher Meinung sein, moralisch fragwürdig sind sie nicht – zumal man ja bei einem solchen Urteil zunächst mal angeben muß, was da die einzelnenBegriffe überhaupt bedeuten und wer wie festlegt was moralisch und was fragwürdig ist. Dieses aber steht nicht per se fest und auch nicht, weil das Gerücht über die Handke-Texte zu Serbien inzwischen an die Stelle der Sache selbst getreten ist. Eine wie ich finde unheilvolle Tendenz.

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    Die Analyse zeigt, wie ein Schriftsteller, der der Ironie auszuweichen sucht, und stattdessen auf eine neue Eigentlichkeit in Gestalt einer vorgeblich reinen („künstlerischen“) Prosa abzielt, zumindest Gefahr läuft, prätentiös bzw. manieriert zu schreiben.

    Der Vorteil dieser Strategie ist, dass der Schriftsteller die Chance hat, überhaupt als Künstler wahrgenommen zu werden, als jemand, der sich durch seinen Stil ausdrückt. Leute wie Handke, aber auch Georg Klein oder Reinhard Jirgl zwingen Rezensenten dazu, sich zu ihrem Stil zu positionieren, d. h. ihre Arbeiten wie Musik oder bildende Kunst zu betrachten.

    Ich frage mich, ob Handkes bewusste Abweichungen vom konventionellen Sprechen eine neue Semantik generiert oder ob er nur vorgibt, er könne dies.

    Immerhin kann man sich über diese Prosa wenigstens ärgern. Während auf der anderen Seite der gehobene, naturalistische Unterhaltungsroman das Feld beherrscht, bei dem den Rezensenten allenfalls etwas zu handwerklichen Fehlern einfällt, nachdem vor allem über den Plot und, wie bei einem Sachbuch, über den sogenannten Inhalt gesprochen wurde, während kaum zu künstlerische Problemen, also solchen des Stils, vorgedrungen wird. Nicht weil die Rezensenten keine Ahnung hätten, sondern weil die Texte dafür zu wenig hergeben.

    Hingegen ist ein Handke-Text im Hinblick auf das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit stets aufschlussreich, auch und gerade wenn man seinen Ansatz verwirft.

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    Diese respektlose, spöttische, genaue Besichtigung einer Handke-Buchseite gefällt mir! Ich hege Sympathien für Handke, interessiere mich nach wie vor für seine Bücher, halte auch seine Nobelpreis-Wahl für eine erfreuliche und verdiente Sache. Zugleich meine ich aber, dass sich eine ernstzunehmende Literaturkritik keinen Gefallen täte, wenn sie sich ihrem Gegenstand im Modus der Anbetung nähern wollte. Handke selbst hat sich von der Kritik treusorgende Ironie gewünscht.
    Meiner Einschätzung nach ist es richtig, wenn die Sprache der Literatur von der alltäglichen Sprache unterschieden ist, ja – vorausgesetzt aber, dass sie der gesprochenen Sprache eingedenk ist und mit ihr verbunden bleibt. Hier liegt, meine ich, ein schwerwiegender Fehler Handkes. Er will die schöne Literatursprache als Absolutes, ganz abgelöst von dem Weltdreck. Die literarische Sprache braucht aber den Schmutz unter den Nägeln (um Thomas Kling zu zitieren, ungefähr), sonst ist sie tot, mindestens gipsern. Mir scheint, dass eine Sprache, die die Rede, das lebendig Gesprochene, in sich unterdrückt, bei allem Kunstwillen formlos, ja bedeutungslos ist.

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    (Ich kopiere hier meine Antwort, die ich auf Lars Hartmanns Kommentar bereits auf Facebook gepostet habe.)

    @lars Darf ich eine Frage vorausschicken? Aus deinen Zeilen geht nicht hervor, ob du schon einmal ein Buch von Handke ganz gelesen hast. Hast du?
    Der Page-99-Test ist eine Gewebeprobe, keine Rezension (ich hatte in der ursprünglichen Fassung die Vorbemerkung vergessen, habe ich jetzt nachträglich eingefügt). Du hast Recht: Die Funktion der aufgefundenen Merkmale im Textganzen kann mit dieser Methode nicht eruiert werden. Die von dir aufgeworfene Frage etwa, ob die Dehumanisierung durch die substantivierten Partizipien eine Strategie des Textes sei, müsste anhand der Lektüre überprüft werden. Nur: Ohne das Lesen mit der Lupe wäre mir dieses Merkmal wohl kaum aufgefallen.
    Woraus schließt du, dass die Handkeschen Stil-Marotten einen ästhetischen Mehrwert/Sinn ergeben? Du äußerst nur den Verdacht, dass dem so sei, Argumente dafür bringst du keine.
    Dass mein Fazit zu apodiktisch daherkommt – geschenkt! Der Page-99-Test ist ja auch ein Spiel und soll durchaus Diskussionen, wie wir sie hier führen, anregen. Den Qualschrott habe ich ins P.S. verbannt. Weglassen wäre unehrlich gewesen, denn es gibt durchaus Gründe dafür, dass uns damals sofort Handke einfiel. Siehe dazu auch unten den Kommentar von Michael Kannenberg: Er zitiert aus einem anderen Werk ganz ähnliche Verschrobenheiten, und dies vor dem Hintergrund der Lektüre von immerhin fast 500 Seiten, was der Hälfte von “Mein Jahr in der Niemandsbucht” entspricht. (Inzwischen erreichen mich übrigens so viele Berichte von abgebrochenen Handke-Lektüren, dass ich mich frage, ob eigentlich auch mal jemand ein Buch von ihm freiwillig zu Ende gelesen hat.)
    Was du zum Gemachten und dem griechischen “poiein” schreibst, stimmt natürlich, doch es trifft nicht ganz das, was ich sagen wollte. Auch die Kongruenz von Inhalt und Form kann zum Klischee gerinnen (und bei der vorliegenden Passage geschieht m. E. genau das). Wenn ich sage, die Deckung von Inhalt und Form müsse “von allein” geschehen, meine ich damit das, was entsteht, wenn ein Autor sich nicht mehr an seine Absichten klammert. Ich unterscheide zwischen dem Gemachten und dem Erschaffenen (“poiein” kann wohl beides bedeuten). Das Erschaffene entzieht sich letztlich der Kontrolle, und das ist es, was der Literatur Tiefe verleiht.
    Dies alles sind keine privaten Wünsche, sondern überprüfbare Kriterien. Woran bemisst du denn die Qualität von Literatur?

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    Liebe Sieglinde, danke für Deine Antwort.

    Mich störte, neben der in meinen Augen unzureichenden Methode, der apodiktische Ton im P.S., und mich störte auch der Ankündigungstext auf Facebook. Das erzeugt, ob beabsichtigt oder nicht, eine Assoziation: Handke ist als Preisträger schon politisch nicht in Ordnung (was nebenbei nicht stimmt, kaum einer las seine Texte zu Serbien aufmerksam) und es funktioniert nun auch literarisch bei ihm nicht. Anhand von zwei Seiten.

    Weiterhin: Man kann nicht einerseits auf Details sich kaprizieren, diese im Urteil dann fürs Ganze nehmen, um im nächsten Schritt, wenn dieses Verfahren und vor allem diese Verallgemeinerung kritisiert wird, zurückrudern auf die Position, es sei bloß eine Gewebeprobe und eine Art Spiel. Bei einem Nobelpreis für Literatur reicht kein Page-99-Test aus. Das wäre selbst gegenüber Saša Stanišić, der lediglich für ein einziges Buch einen Preis erhielt, nicht angemessen. Man sollte also bei diesen Tests grundsätzlich nicht aufs gesamte Buch und schon gar nicht auf ein gesamtes Werk schließen. Und das muß sich auch im Urteil eines solchen Tests niederschlagen. Und insofern hat dieser Test, auch aufgrund der aktuellen Debatten, einen unangenehmen Beigeschmack und erfüllt in meinen Augen auch eine rhetoriche Funktion.

    Richtig ist, daß durchs Lesen mit der Lupe Details auffallen können – darin stimme ich Dir zu. Genaues Lesen ist wichtig. Diese Details müssen dann aber in einer übersetzenden und umfassenden Lektüre mit anderen Stellen abgeglichen werden. Möglichst ohne Referenzrahmenbestätigung und mit größter Offenheit für einen Text. Was auch einmal bedeuten kann, von eigenen Lektürevorlieben Abstand zu nehmen.

    Für meine Kritik am Test ist die Lektüre Handke zunächst nicht erforderlich, weil sie keine Interpretation liefern will, sondern meine Kritik bezieht sich auf etwas grundsätzlich Methodisches – nämlich ein Verfahren, wie man in der Literaturkritik einen Text sichten kann und wie nicht. (Diese Aspekte will ich hier nicht im Detail darstellen. Einige Überlegungen zum Umgang mit Texten stellt Daniel-Pascal Zorn bei mir im Kommentar dar.) Ansonsten habe ich von Handke einiges gelesen. Er ist mir also kein unbekannter Autor. Eher im Gegenteil.

    Was den Stil betrifft, sollte man, wie Daniel-Pascal Zorn das tut, zwischen einer Deskription und einer Präskription unterscheiden – letztere ist meist problematisch, weil sie den Text in ein Korsett preßt. Besser wäre es, Deine Sicht hätte sich auf eine Beschreibung verlegt: mit dieser kann man arbeiten, von dieser aus, vom Befund der Probe her kann sich dann der Leser ein Bild machen. In einem 2-Seiten-Test ist eine Bewertung schwierig und noch problematischer ist eine ästhetische Vorschrift. Es kommt dann nämlich meist das nur heraus, was man vorher hineintat, und so bringt man sich bei der Literatur um das Beste.

    In diesem Sinne einer Kritik der Methode der Kritik ist es vom Verfahren her nicht erforderlich, daß ich zeige, es habe dieser Stil von Handke diesen oder einen anderen ästhetischen Sinn, sondern es ging mir darum zu zeigen, daß diese Art der Sicht, wie Du sie vornimmst, problematisch ist, sofern sie apodiktisch gerät. Für eine erweiterte Lesart müßten wir uns ins Buch begeben.

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    „Den Qualschrott habe ich ins P.S. verbannt. Weglassen wäre unehrlich gewesen, denn es gibt durchaus Gründe dafür, dass uns damals sofort Handke einfiel.“

    Die legst Du aber nicht dar. Du nimmst Dir zwei Seiten, füllst sie mit Deinen doch sehr voraussetzungsreichen Überlegungen und leitest daraus ein grundsätzliches Urteil ab. Das ist aus den genannten Gründen problematisch. Zumal man diese Befunde in einer anderen Lektüre eben auch ganz anders auslegen kann. Und diese Diskrepanz eben zeigt, daß in dieser Form der Kritik etwas nicht funktioniert: Entweder ist die Kritik beliebig und der eine sieht das so, und der andere eben anders: dann haben wir in der Literaturkritik eine Frage des persönlichen Geschmacks, und zwar nicht im kantischen Sinne eines sensus communis, sondern des bloßen Meinens. Und dann ist ein Debattieren zwecklos. Oder aber wir müssen uns, wenn wir diese Subjektivierung nicht teilen, eine andere Methode, eine andere Art von Literaturkritik überlegen. Ein Drittes wäre, daß die Literaturkritik eben in der Debatte und in der Konfrontation unterschiedlicher Lesarten besteht, die zunächst mal keinen Anspruch auf Gültigkeit erheben können, ohne daß geprüft wurde, und dann muß man mit Argumenten und Lektüre ausmachen, welche Interpretation funktioniert. Verschachtelte Sätze, die man als Verschrobenheiten deutet, sind da sicherlich kein Kriterium und man könnte die in böser Zunge auch als Verschrobenheit des Lesers zurückspiegeln, der diesen Sätzen nicht gewachsen sich zeigt.

    Die Anzahl der Leser übrigens, die eine Handke-Lektüre abgebrochen haben, ist kein Ausweis für irgendwas, zumal eine Gegenzählung zu anderen Ergebnissen kommen kann. Ganz im Gegenteil kann man dieses „Argument“ der Lesermeinung sogar umkehren. Frei nach Lichtenberg „Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel heraus gucken.“ Insofern funktioniert solche rein quantifizierende Sichtung nicht. Was Du, Kannenberger und andere, die Dir das schreiben, für eine Verschrobenheit halten, ist zunächst eine subjektive Einschätzung. Dem könnte man dann frei nach Lichtenberg entgegnen: um so schlimmer für diese Leser. Manche halten auch Joyces Bewußtseinstrom im „Ulysses“ für „Qualschrott“. Das Dafür-halten ist aber kein Kriterium und es ist literaturkritisch unerheblich.

    „Er zitiert aus einem anderen Werk ganz ähnliche Verschrobenheiten, …“

    Methodisch auch wieder fragwürdig: Hier wird bereits vorausgesetzt, daß es so ist, um dann die eigene Voraussetzung zum Maß des Urteils zu machen. Daß “Verschrobenheiten” auch eine literarische Funktion haben können – siehe Joyce -, ist dann noch ein zusätzlicher Punkt.

    „Das Erschaffene entzieht sich letztlich der Kontrolle …“

    Das ist aber bei Literatur immer der Fall und deshalb sind Texte zunächst einmal offen, aber eben: nicht beliebig. Und diese „Tiefe“ (ich halte dieses Wort für problematisch, weil es analytisch ungenau ist, aber ich vermute in etwa, was Du damit meinst) kann man in einer Detailanalyse, wozu man aber den ganzen Text dann heranziehen muß, entfalten.

    Worauf all diese Fragen jedoch weisen, ist der Umstand, daß wir eine Literaturkritik brauchen, die übers Meinen und über die Referenzrahmenbestätigung hinausreicht. Und das scheint mir eine grundsätzliche Frage zu sein, die weit über Handke hinausreicht.

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    Zunächst einmal bin ich immer wieder erfreut, wenn sich jemand so mit dem Makroobjektiv über einen Text beugt. Bei Handke, so viel kann man sagen, ist die Naheinstellung jedenfalls noch lohnend, weil nicht eindeutig. Nehmen wir mal das etwas überraschende “Daherrennen”. Das steht da nicht wegen des Klangs.
    Das Präfix “daher-” ist kein hohler Schaum. Man hört es am häufigsten, glaube ich, im “dahersagen” – “das ist doch nur so dahergesagt” oder auch “dahergeschrieben”. Es fehlt solchen Daher-Tätigkeiten Überlegung und Überzeugung, sie sind von Automatismen und Gewohnheit geprägt. Es gibt zudem einen starken Nebensinn von “sinnleer”.
    Die Sprachkritik war hier, scheint mir, schon auf die Pointe eingestellt, die im PS folgt. Ob ich es besser weiß, wie sich Handke beim Schreiben diese Sätze ergeben haben? Ich kann nur von meiner Leseerfahrung berichten. Ich hatte jahrelang mit Handke genau die Schwierigkeiten, die hier aus der Analyse herausklingen. Etwas plump gesagt: Es liest sich einfach nicht so “daher” bzw. herunter.
    Vor einigen Jahren habe ich es dann noch einmal versucht mit dem “Pilznarren”. Erster Eindruck: Viel Stocken im Schreiben, eine regelrechte Verweigerung von “glatt daher fließen”. Wie wenn jedes Wort, jedes Wendung, dreimal überlegt sein soll. Doch dann nach einigen Seiten, in der Erinnerung irgendwo auf Seite 20 oder 25, plötzlich das Wort “mittelprächtig”. Ich war sauer, weil ich dachte, jetzt schreibt der auch noch solche dahergesagten “Schrottworte”?! Wieso lässt er sich so eine Schludrigkeit durchgehen?! Ich las noch etwas weiter, ob etwa noch so ein Lapsus auftauchen würde, bis mir plötzlich einfiel… “mittelprächtig”, ist das nicht auch Kritikersprache in ihrer flachsten Form? Ich las die Stelle noch einmal, und so hatte ich allein wegen dieser Assoziation einen Zugang zum Text und worum es da ging. Das Buch hat mich ab dort begeistert, weil sich für mich plötzlich eine ineinandergeschachtelte Metaphernwelt ergab (ganz simpel gesagt, ist der Pilznarr eben eigentlich ein Büchernarr, vielleicht auch ein Wörternarr, man beachte auch die Ähnlichkeit des Vornüberbeugens über das, was man mit den Augen absucht).
    Wie auch immer, man muss bei Handke meiner Erfahrung nach aufpassen beim Lesen. Das Nichtleichte ist ein Mit-Ziel seiner Literatur, weil es – paradoxerweise – den gewöhnlichen Sprachfluss ins Stocken bringt.
    Das muss nicht jeder mögen. Ich mag fast nur noch Texte lesen, die möglichst ohne Fertigteile auskommen. So eine Szene wie die, die Handke sich hier vorgenommen hat, ist inhaltlich nah am Klischee. Mir kommt es vor, als würde es ihm gelingen, die Szene einerseits ziemlich dicht (kurz), andererseits unklischiert vors Auge zu bringen. Nicht leicht – wäre ein schöne Übung für Schreibschulen ;)
    Für Handke prägend ist, so meine Vermutung, sein Furor auf Imitate, Abgeschriebenes, Memoriertes, Nachgequatsches, schon tausend Mal ähnlich Gelesenes. Möglicherweise hat dies dazu beigetragen, dass er im Konflikt der ehemaligen jugoslawischen Ländern ebenso eine Reflexionsstufe weiter sein wollte als alle anderen. Das ist lehrreich schiefgegangen. Auch lehrreich insofern, als die literarische Qualität damit noch keineswegs erledigt ist. Wenn ich mich nicht täusche, so würde ich sagen: Handke bleibt der wohl grundsätzlichste Herausforderer der deutschen Literatur. Wobei ich nicht glaube, dass er wirklich virtuos schreibt (das Blasebalg-Bild ist, finde ich, wirklich ein krummes Ding). Er ist, wie jede(r) SchriftstellerIn, die auf das Materialproblem scharf sellen, auch jemand, der in “Versuchen” stecken bleibt. Ich stelle mir Handke jedenfalls als jemanden vor, der mit seinen Texten nie ganz zufrieden ist.

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      Handkes Wortwahl der Daherrennenden würde ich defensiv lieber allein als Richtungsangabe ohne Wertung verstehen. Her = zum Sprecher hin, hin = vom Sprecher weg. Später hat er Dahergehetzte. In seiner Epopöe vom Verschwinden der Wege hat Handke keinen Ich-Erzähler, sondern erzählt von einem Er. Dass es er selbst ist, wird spätestens klar, als er beiläufig seinen Kampf mit den Feuilletons um seine Jugoslawientexte erwähnt. Er gelte seitdem als “derjenige, welcher”. Seinen Er beschreibt er dort, vergebens dem einstigen Weg folgen wollend, der durch einen Waldbrand zerstört ist, als “Irrenden, Stolpernden und manchmal auch schwindlig Dahintorkelnden”. Dahin, weil wir ihn vor uns her gehen sehen, so empfinde ich die Stelle, vielleicht wie in einem Film, in Tarkowskis Stalker vielleicht.

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    Wolfgang Stauch 30. Oktober 2019 um 17:44

    Volle Zustimmung für die Sichtweise von Lars Hartmann. Danke.

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    Christoph Schatte 3. November 2019 um 12:22

    Die RezensntIn wähnt sich in deutscher Syntax wohl sicher, wobei zu bezweifeln steht, ob sie sich mit dieser je näher befaßte: “Gleich zu Anfang des Satzes unterläuft Handke ein grammatischer Fehler. Er benutzt ein Adverb als Adjektiv. Was da steht ist: `Der Zug hatte sich übervoll in Bewegung gesetzt´.“

    Sogar die Permutation in sog. Normalstellung gelingt ihr. Unbekannt ist ihr allerdings das prädikative Attribut zum Subjekt*. Sie ist offenbar doch VollblutlitaratIn.

    *Nachhilfe zu prädikatives Attribut zum Subjekt: “Übervoll hatte der Zug sich in Bewegung gesetzt.” Auflösung: “Der Zug hatte sich in Bewegung gesetzt … und war übervoll”. Also das inkriminierte Adjektiv steht als Rest eines seiner Kopula beraubten (zweiten) Prädikats.

    Auch wenn die RezensentIn das Duden-Wörterbuch und sogar das DWDS konsultiert, sitzt sie der Ottokraviedh-Reform voll auf. Handke (wie halt Handke) betriebt gern krampfige Wortfindung (kein großer Wortschöpfer vor dem Herrn) und -schreibung. Er schreibt also hie und das etwas zusammen, damit es neu aussieht. Und schon sucht die RezensentIn im Wörterbuch. Läse sie neben hoher Literatur ab und zu deutsche Tagespresse, ginge ihr das Licht auf, daß die Journaille seit erwähnter Schreibdestruktion hanebüchen schräg schreibt, d.h. in demselben Text dasselbe Wort in mindestens drei Schreibungen. Dagegen ist Handke ein Waisenknabe.

    Sie selbst setzt Zitationszeichen zu spät, d.h. z.B. am Ende eines in den Satz eingeschlossenen Zitats erst nach dem satzschließenden Punkt.

    Auch in Phraseologismen scheint sie nicht ganz sattelfest: “[…] pfeife ich bald selbst aus dem letzten Loch”. Wahrscheinlich ein Mauseloch. Journis und sogar Journalisten schreiben ja auch seit langem etwas über die “erste Garde”, die es nie gab, klingt aber ähnlich wie “erste Gar … nitur”. Aber wir wollen nicht kleinlich sein.

    Daß Handkes Schreibe ihren “Reiz” zumeist aus verschrobenen Wortbildungen und Nominationen bezieht, ist rundum und allerorten bekannt. Manchmal deucht ihn Dagewesenes eigene Erfindung, die nur etwas inzwischen Veraltetes aus der Versenkung holt. Wahrscheinlich prüft er nicht jeden seiner Einfälle im DWDS wie die felißige, aber nicht unbedingt beflissene RezensentIn.

    Es gibt nach Goethe eine ganze Reihe Autoren, die mit berückenden und teils Schlaglichter werfenden Wortbildungen treffen und faszinieren. Handke gehört gewiß nicht zu ihnen.

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