Der Page-99-Test zu Peter Handkes Die Obstdiebin illustriert erneut Meriten und Risiken dieser Methode. Die Risiken sind klar: Alles, was nur aus der Gesamtkenntnis des Werks erkennbar werden kann (und damit meine ich natürlich nicht nur Stoff- oder Plot-Bezogenes), fällt unter den Tisch, das Urteil kann krass daneben liegen. Aber das wissen wir doch. Nicht umsonst ist der Test als durchaus mutwilliges Spiel deklariert. Als Gewebeprobe. Eine Biopsie, die zufällig 5 Millimeter neben den relevanten Stellen Gewebe entnimmt, sagt eben auch nicht alles, was der Arzt wissen will. Doch deshalb muss man die Methode nicht gleich von sich weisen.

Die Meriten: Als Ansatz zeigt der Page-99-Test, woraus das Gewand des Textes – sagen wir doch gleich: des Kaisers – besteht. Ob der Kaiser womöglich nackt ist, erweist sich, gerade bei Handke, erst bei Kenntnis des gesamten Textes.

Der deskriptive Blick allein auf die Sprache und ihre Gestaltung ist beim Page-99-Test zu Peter Handke allerdings definitiv zu schnell ins Urteil gekippt, das würde auch ich kritisieren, was aber nicht am Page-99-Test als Methode liegt.

Von der Deskription zum Werturteil

Sieglinde Geisel zeigt uns im Detail, warum Handkes Text beim Lesen so anstrengend, so ruckelnd (ja, durchaus auch rhythmisch ruckelnd – geschenkt!), so verzögernd ist. Und dass die Mittel (ausgesuchtes bis abgelegenes Vokabular, verschachtelter Satzbau) weitestmöglich vom Alltag entfernt sind, der hier beschrieben wird. Das erbringt der Blick durch die Lupe.

Was soll die „Grammatikfibel“ in der Literaturkritik? Natürlich darf Literatur alles, das weiß auch Sieglinde Geisel. Das Konstatieren von Regelverstößen, Ungewöhnlichkeiten, „Fehlern“ muss Teil der Literaturkritik sein, damit wir erkennen, was alles im Text passiert. In literarischen Texten sind Ungewöhnliches und Schwerverständliches aber weder per se zu rügen noch als Sprachanreicherung per se zu loben. Ebenso wenig ist es automatisch schlecht oder gut, wenn ein Text als „gemacht“, „gewollt“ oder aber „wie von selbst“ rüberkommt.

Der Blick auf die Welt

Wie aber ist der Übergang von der Deskription zum Werturteil am besten zu bewerkstelligen?

Die Frage nach der „Funktion“ der stilistischen Merkmale, wie Lars Hartmann sie einfordert, ist wegen der Unschärfe von „Funktion“ nicht ausreichend. „Funktion“ für den Autor? Dann würden wir uns nach seinen bewussten Intentionen richten, die nicht jeder seiner Texte wunschgemäß erfüllt. „Funktion“, als wäre der Text ein technisches Gebilde mit festen Aufgaben? Wohl kaum, selbst wenn es an Roman Jakobson mit seinem Funktionsbegriff erinnert, der sich für literarische Texte mit der schön vagen „poetischen Funktion“ aus der Affäre zieht, was uns alles und nichts sagt. „Funktion“ im Sinne von „wie der Text funktioniert“ und „wozu er funktioniert“? Das am ehesten. Aber mit welchen genaueren Begriffen und Fragen kommen wir dem auf die Spur?

Dazu zwei prinzipielle Thesen:

  • Die stilistische Gestaltung eines literarischen Textes ist der sprachliche Ausdruck eines Blicks auf die Welt, die erzählte Geschichte, die Figuren. Mein Begriff dafür ist „Haltung“ (und er ist weiter gefasst als das gesinnungsmäßige Verständnis des Wortes, eher psychologisch gemeint). Die erzählende Stimme (die nur in Ausnahmefällen mit dem Autor, der Autorin zusammenfällt) nimmt eine Haltung ein, die nicht notwendigerweise gleichbleiben muss, sie kann sich auch entwickeln; diese Haltung jedenfalls macht plausibel, warum die Geschichte genau so und nicht anders erzählt werden muss, über den ganzen Text und meist auch bei jeder einzelnen Passage. Erst das Zusammenwirken von Stil und Haltung macht Literatur aus – und unterscheidet sie von anderen Textsorten. Die Erscheinungsformen und die Ausgeprägtheit von Stil bzw. Haltung sind bei jedem Text anders.
  • Die so verstandene Haltung hinter einem literarischen Text ist Ergebnis der Leseinterpretation. Was auf der Handlungsebene geschieht, interpretieren wir beim Lesen ohnehin; wir interpretieren aber auch, mit welcher Haltung erzählt wird, genauer: aus welcher Haltung heraus genau diese sprachlichen Mittel gewählt wurden, werden mussten. Die stilistische Interpretation sucht den Sinn der in einem Text vorgefundenen Stilmittel in der dahinter stehenden Haltung der Erzählstimme. Die Haltung sorgt dafür, wie nah uns der Text kommt, dass er in uns Reaktionen auslöst, welche Wirkung er auf uns hat. Dass Kunst auf jedes rezipierende Subjekt anders wirken kann – ein bisschen anders oder drastisch anders –, wissen wir, das ist völlig legitim. Ob uns das gefällt oder nicht: Wenn wir interpretieren, reagieren wir nicht objektiv. Relativ objektiv kann die Beschreibung des Stils sein: Ob der Stil die Haltung der Erzählstimme überzeugend ausdrückt, lässt sich nur durch Argumentieren nahe am Text ergründen. Das Erfassen der Haltung beruht auf einem direkten, persönlichen Kontakt zwischen der einzelnen Leserin und der erzählenden Stimme.

Damit wird deutlich, dass der Literaturkritik mehrere Ebenen des Argumentierens und Urteilens zur Verfügung stehen: Ich kann erstens den Stil schlecht gemacht oder gut finden, ich kann zweitens die Haltung überzeugend finden oder ablehnen, und ich kann drittens, wie es zu dem Beispiel Handke passt, das Verhältnis zwischen dem Stil und der Haltung mehr oder weniger stimmig und überzeugend finden.

Aufladung des Erzählten

Zurück zu Peter Handke. Dass er die Werkzeuge der deutschen Sprache virtuos beherrscht und mit ihnen jeden seiner Texte poetisch ausgestaltet, darüber kann kein Zweifel bestehen. Das gibt jedoch nur über einen Teil seines handwerklichen Könnens Auskunft. Poesie ist, in der Regel, kein Selbstzweck, und handwerkliches Können allein reicht meines Erachtens weder aus, um ihm einen Nobelpreis zu verleihen, noch um vor lauter Bewunderung über sein Sprachkönnen die kritische Analyse an dieser Stelle zu beenden.

Den Inhalt in der Wortgestalt abzubilden, wie Sieglinde Geisel dies aus der Textpassage herausdestilliert hat, ist ein poetisches Stilmittel, das in verdichtetster Form in der Lyrik vorkommt. Es sorgt für die sinnliche Aufladung und Nachvollziehbarkeit des Erzählten. Das ist eine – handwerkliche! – Qualität. Es verstärkt das, was inhaltlich erzählt werden soll. Dieser Aspekt der sinnlichen Erfahrbarkeit des Textes kann beim Lesen auch zu Genuss führen (was sich vom Ruckeln und Verzögern und Verschachteln vielleicht nicht immer sagen lässt).

Doch damit ist die Frage noch nicht beantwortet, was denn da genau verstärkt wird.

Die Register des Erzählens

Mit anderen Worten: Ist der stilistische Aufwand, der betrieben wird, im Verhältnis zum Erzählten und zur Haltung stimmig? Wenn ich nicht herausfinden kann, warum jedes Detail dieser Bahnfahrt so aufwändig und mit entlegenen sprachlichen Mitteln geschildert werden muss, werde ich beim Lesen auf die Metaebene katapultiert: Ich frage mich, ob mir der Autor hier nicht vorrangig sein Können präsentieren will. Damit landen wir bei der Wirkung von Eitelkeit und Preziosität, die Handkes Texte offenbar auf viele haben. Wenn ein Text so wirkt, dann schiebt sich die Figur des Autors vor die Erzählinstanz und deren mögliche Haltung, und dies wiederum tangiert die Legitimität, die die sprachlichen Mittel im Lauf der Leseinterpretation bekommen.

Dort, wo es um das hörbare Keuchen der auf den Zug springenden Menschen geht, bildet Handke die Atemlosigkeit, die Vielstimmigkeit und die sinnlich nachspürbare Bedrängnis der Situation beeindruckend ab, mit dem beschriebenen Stilmittel, das fast an Programmmusik erinnert. Ja, er überzeichnet: Die „Pfeifgeräusche aus der innersten Lunge wie aus einem vom Platzen bedrohten Blasebalg“ hatte Sieglinde Geisel schon erwähnt; dass zu den „Aufgesprungenen“ auch noch andere kommen, „zu gleichwelchem Aufspringen außerstande“, die in die Abteile gezerrt werden, enthält die Überzeichnung des „gleichwelchem“ ( = ganz gleich welchem) – als gäbe es verschiedene Arten aufzuspringen, als müsste das auch für diejenigen, die nicht aufspringen, unbedingt benannt werden. Kurz, Handke zieht für diese Szene viele Register. Die unmittelbare Wirkung kann mitreißend sein, überwältigend, anstrengend oder „quälend“, je nachdem.

Welche Haltung ließe sich so einer Erzählweise zuordnen, wenn wir – im Zweifel für den Angeklagten! – uns die Eitelkeitsunterstellung erst einmal verbieten? Ein Mensch, der die Dinge um ihn her tendenziell als „zu viel“, „zu intensiv“, „bedrohlich nah“ empfindet, ließe sich ohne weiteres als besonders sensibel charakterisieren. Ist die Erzählerinstanz – ob es sich nun um eine der auftretenden Figuren handelt oder nicht – durchgehend so? Das kann ein Page-99-Test natürlich nicht beantworten.

Aufwand und Ertrag

Falls der Roman also seine Geschichte erzählt, aus einer Haltung detailliertester, zuweilen zögerlich-pedantisch, zuweilen hypersensibel-empfindlich wirkender Wahrnehmung der Situationen und Ereignisse heraus, dann müsste man zweierlei herausfinden: Erstens – wie verändert diese Haltung die erzählte Geschichte? Kommen durch diese Haltung Erkenntnisse im Zusammenhang mit der Geschichte ans Licht, die die Lektüre überzeugend, zwingend, ‚gewinnbringend‘ machen? Und zweitens – hat es nicht entscheidenden Einfluss auf mein Urteil über dieses Buch, ob die Erzählerstimme auf mich eher wie ein sherlockholmeshafter Seismograph oder wie eine preziöse Mimose wirkt, um es vergröbert zu sagen?

Jeder Leser, jede Leserin ist bereit, sich anzustrengen, ja „abzuquälen“. Sofern etwas als Belohnung lockt – das kann ein intellektuell stimulierender Erkenntnisgewinn sein, ästhetischer Genuss oder ein intensives Empathieerlebnis. Oder eine Mischung. Wer beim Lesen den Eindruck bekommt, die Früchte der Anstrengung blieben aus oder wären ungustiös, wird nicht weiterlesen, so einfach und so legitim ist das nun mal.

Aber das ist keine bloße Geschmackssache, über die nicht weiter zu streiten wäre. Die Interpretation der Wirkung und Haltung eines bestimmten Stils lässt sich mit dem Text untermauern, und dabei wird auch deutlich werden, wie überzeugend und zwingend dieser Stil ist.

Stil und Haltung

Auch ich kenne das ganze Buch nicht (ich habe es gar nicht, es war also keine Kapitulation). Ich bin aber überzeugt davon, dass bei der gesamten Lektüre die Vorgänge des Interpretierens und Bewertens erst recht greifen. Kein Interpretieren schafft es, von den eigenen, subjektiven Lektürevoraussetzungen abzusehen, das wäre auch unsinnig. Bei objektiver Deskription stehenzubleiben, wäre eine langweilige Form von Literaturwissenschaft, es wäre keine Literaturkritik.

Wenn es eine überzeugende Antwort auf die Frage gibt, warum diese Geschichte genau so erzählt werden muss, warum all das Verzögern, Verkomplizieren und Distanzschaffen dieses Stils einen gewinnbringenden Blick auf die geschilderte Wirklichkeit eröffnet, wenn sich also die Handkeschen Stilmittel im Hinblick auf die dahinterstehende Haltung überzeugend interpretieren lassen – dann ist der Kaiser nicht nackt. Allerdings auch nur dann.

Die Wirkung eines Werks setzt sich aus dem Erzählten sowie dem Stil und der Haltung der Erzählstimme zusammen. Stil ohne erkennbare Haltung wirkt manieristisch. Die eigentlich spannende Frage bei Peter Handkes Werk ist für mich die Frage nach der Haltung seiner Erzählstimme(n). Die Antwort kann im Übrigen, je nach dem Erzählten, mit seinen politischen Meinungen übereinstimmen, muss aber nicht. Da ich, bis auf Handkes Frühwerk, bei späteren Leseversuchen wenig motiviert war, das jeweils ganze Buch zu schaffen, erwarte ich nun gespannt, ob ich in irgendeiner Literaturrezension zu – zum Beispiel – Die Obstdiebin Auskunft über die Frage nach einer überzeugenden Haltung hinter seiner Erzählweise bekomme. Oder ob die Debatte weiter zwischen kapitulierendem Manierismusverdacht, Gesinnungsattacke und Bewunderungsstarre hängen bleibt.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Crowded Train, von Pithecanthropus4152
[CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

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Frank Heibert

Von Frank Heibert

Übersetzer, unter anderem von Don DeLillo, Willam Faulkner, George Saunders, Lorrie Moore, Boris Vian, Yasmina Reza und Richard Ford. 2006 erschienen sein erster Roman Kombizangen und das Jazz-Album The Best Thing on Four Feet (zusammen mit der Jazz-Combo Finkophon Unlimited).

7 Kommentare

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    Ich finde es bemerkenswert, dass nun anstelle des Page-99-Tests der Page-0-Test tritt, dass also Frank Heibert, der Peter Handkes “Obstdiebin” gar nicht gelesen hat, Sieglinde Geisels simplifizierende und diffamierende Kritik unterstützt. Wenn man soweit ist, muss man nicht mehr über die Aussichten der Literaturkritik diskutieren. Ich rege an, im Falle des Page-0-Tests die Bücher gleich mitzuerfinden, die möglicherweise dieser Art von Literaturkritik standhalten.

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    1. Frank Heibert

      Liebe Elke Heinemann, es ist unverkennbar, dass Sie auf Peter Handke als Autor rein gar nichts kommen lassen wollen. Ich finde Begeisterung für Literatur wirklich toll. Aber ist Ihnen darüber entgangen, dass ich versucht habe, eher etwas Grundsätzliches über Methoden und Bedingungen, über Fragen und Begriffe der Literaturkritik zu formulieren? Damit habe ich bewusst die Antwort auf die Frage, ob Handke womöglich ein nackter Kaiser ist, den Kritiker*innen aufgetragen, die mehr wissen als ich, mehr gelesen haben. Ist es wirklich diffamierend, großes handwerkliches Können allein für noch nicht nobelpreiswürdig zu halten? Das, was ich von Handke gelesen und zum Teil hier analysiert habe, steht jedenfalls auf keiner Seite 0. Meine allgemeineren Überlegungen und Vorschläge, auf mehr als nur ein literarisches Werk oder gar einzelne Seiten daraus anwendbar, nun als Page-0-Test zu, darf ich sagen: diffamieren? — das stellt faktisch auch kein Argument dar, mit dem Sie Ihre Handke-Begeisterung sachlich untermauern würden.

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      Ich finde Geisels Kommentare immer sehr stimmig und hilfreich, und in ihrer Handke Interpretation finde ich meine Überlegungen wieder! Ich glaube auch, dass die absoluten Bewunderer Handkes ältere Menschen sind, die mit seinen Frühwerken aufgewachsen sind und ihn aus einer Nostalgie her verklären. Meine jungen Schüler fanden seine stilistische Akrobatik hemmend und übertrieben!

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    Lieber Frank Heibert, es ist sicher nicht so, dass ich zur Handke-Fan-Gemeinde gehöre. Ich schätze einige seiner Texte – u.a. “Die Obstdiebin” – , aber bei weitem nicht alle. So habe ich beispielsweise 2006 im Konkursbuch “Schreiben” den “Nachmittag eines Schriftstellers” in meiner Prosa “Die Dichterin” parodiert, in der es um den Nachmittag einer Schriftstellerin geht. Auch unterschätzen Sie mich, wenn Sie glauben, dass ich keine grundsätzlichen Überlegungen in Ihrem Text wahrgenommen hätte. Aber Ihr Text ist eben auch ein Plädoyer für eine literaturkritische Methode, die meiner Ansicht nach nicht als “Gewebeprobe” zu verstehen ist, sondern als Gag, der durch Abnutzung Schlagkraft einbüßt. Auch haben Sie in Ihrem Text Sieglinde Geisels Page-99-Test zur “Obstdiebin” verteidigt, ein Buch, das Sie nach eigenem Bekunden nicht gelesen haben. Insofern darf ich Sie doch – mit ironischem Lächeln – in diesem Fall als Page-0-Experten bezeichnen? Ich wiederhole mich auch gern, wenn ich hier nochmals schreibe, dass Handke aus moralischer Sicht durchaus kritisierenswert ist. Um das zu untermauern, füge ich hier einen Link ein zu dem präzise recherchierten Essay von Alida Bremer, der gerade durch die Presse geht:
    https://www.perlentaucher.de/essay/peter-handke-und-seine-relativierung-von-srebrenica-in-einer-extremistischen-postille.html

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  3. Frank Heibert

    Ich sage, mehrfach, was der Page-99-Test NICHT leistet, gerade in Bezug auf Handke. Er liefert Beobachtungen und Hinweise, und inwieweit sie daneben liegen oder treffen können, ist immer frappierend und immer zu überprüfen, wenn man sich über mehr als über das Schreiben auf dieser einen Seite äußern will. Da wir hier öffentlich diskutieren, will ich mich nicht weiter wiederholen, die Leser*innen können ja selbst nochmal nachschauen, wie die Aussagen und Gewichtungen meines Beitrags ausfallen. Danke für den Hinweis auf den moralischen Aspekt bei Handke. Den hatte ich bewusst aus meinen Darlegungen rausgehalten.

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    Lieber Frank Heibert, kurz zur Methode: Ich fragte nicht nach irgendwelchen Funktionen, sondern „dabei ist zu fragen nach der Funktion dieser Merkmale im Text“, und das heißt: innerhalb des Textes und dies bedeutet nicht im Sinne des Autors (davon schrieb ich nirgends), sondern im Sinne der Dichtung: also dem, was da geschrieben steht und was in der Komposition mit anderen Stellen korrespondiert. Dieses Vorgehen und differenziert zu sichten, heißt nicht, „Funktion“ rein technisch zu nehmen, sondern die Frage der Funktion ist eine der Methode, womit wir beim Verhältnis von Inhalt und Form und bei der Frage von Inhalten und deren Operationalisierungen sind. Und in diesen Aspekten fängt es erst an, kompliziert und komplex zu werden. Wie nämlich einzelne Stellen im Verhältnis zum Zusammenhang zu bewerten sind, die alte hermeneutische oder auch die (inzwischen) dekonstruktive Frage nach dem Verhältnis der Teile und dem Ganzen. Und selbst innerhalb einer Satzeinheit oder eines Absatzes, müssen wir zunächst Aspekte wie Metrum, Klang, Metaphern, also die Stilmittel, und in welcher Weise etwas erzählt wird, betrachten. Das ist mehr als im Begriff der Haltung sich manifestiert. Denn diese Haltung wird ja wiederum erst durch den Einsatz dieser unterschiedlichen Mittel erzeugt und ist also auf diese hin und damit insbesondere auf deren Funktion im Text zu betrachten.

    „Sieglinde Geisel zeigt uns im Detail, warum Handkes Text beim Lesen so anstrengend, so ruckelnd (ja, durchaus auch rhythmisch ruckelnd – geschenkt!), so verzögernd ist.“

    Richtig, und gesellte sich dem „zeigen“ keine assoziative Bewertung hinzu, wäre es in Ordnung gewesen. Dem war aber nicht so und genau daran hängte sich meine Kritik auf. Damit hängt auch das „wir interpretieren“ zusammen: es ist nicht trennscharf genug. Denn im Interpretieren liegt genau die Crux und damit das Problem subjektiver und subjektivistischer Ausfaltungen. Dieses „Interpretieren“ ist nämlich leider die Nahtstelle, wo Deskription und Wertung sich vermischen und in diesem Sinne ist für die Literaturkritik hier im Akt des Interpretierens die Selbstreflexivität unabdingbar.

    Die Frage ist zunächst, um nicht beim bloßen Meinen zu bleiben, wo ein Meinen so gut wie das andere gilt, sich überhaupt erst dieser zunächst subjektiven Einschätzung bewußt zu werden und Präskription und Deskription nicht zu vermengen. Hier ist ästhetische Reflexiviät gefordert und zugleich ein phänomenologisches Bewußtsein. Die Ableitungen, die im Page-99-Test getätigt wurden, muten willkürlich an und verkennen, daß in solchen Deutungen (und erst recht, wenn diese normativ gesetzt werden und im P.S. dann ein Begriff wie Qualschrott in den Raum geworfen wird) die Äquivokationen verloren gehen, daß Inhalt und Operation aus dem Blick geraten, weil per se und per ordre in privater Assoziation festgesetzt wird, was Wörter, Sätze und Szenen je schon zu bedeuten haben und wie sie auszulegen sind. Daß eine solche Auslegung aber aus einer Vielzahl an Schritten besteht, geht dabei unter.

    Solches Tilgen und damit die Reduktion auf eine Deutung ist nicht nur im Sinne literaturwissenschaftlicher Arbeit an literarischen Texten fragwürdig, sondern auch als Literaturkritik funktioniert das nicht. Und dieser Mangel hat nichts mit einem vermeintlichen Objektivismus zu tun, sondern es ist eine Frage der Methode, wie man sich einem komplexen Text annähert. Deshalb übrigens auch mein Hinweis auf eine andere Art der Literaturkritik.

    Und wenn man sich aufs Subjektive tatsächlich rein kaprizieren will, wäre es doch ästhetisch genommen interessanter, statt die privaten Idiosynkrasien als Maß der Sache zu nehmen, als Kritiker einmal darauf zu achten, woher genetisch genommen diese Abneigungen stammen: ohne Urteil gegen den Text, also zu schauen und zu beschreiben, was mich da am Text nervt und ärgert. Der subjektive Furor ist zwar für die Sache selbst und damit für die ästhetische Qualität der Prosa (also als Literaturkritik im Sinne von ästhetischer Theorie) unerheblich und als eine Kritik, die den Text in seiner Vielfalt und in seiner Funktion und Struktur am Ende zu betrachten hat, nicht relevant. Aber so umgeht man zumindest das in jenem Page-99-Test vorhandene Problem, eine Präskription zu erzeugen, ohne ausreichende Deskription in den Kontexten geleistet zu haben und damit am Phänomen Text vorbeizugehen.

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    Frank Heibert macht zu Recht darauf aufmerksam, dass die in einem literarischen Text sich konstituierende künstlerische Subjektivität („Haltung“) von der Privatheit des Autors zu unterscheiden ist. Dafür braucht es allerdings Leser, die bereit sind, sich dem Text mit interesselosem Wohlgefallen zu nähern und die „Haltung“ des Textes nicht mit Privatheit (z. B. Meinung) gleichzusetzen, sondern als Chance, ihre eigene Weltwahrnehmung zu differenzieren. Andererseits dürfen Elemente von Privatheit im Text, also nichtintegrierte Elemente, durchaus als Defizite kritisiert werden.
    Der Fall Handke ist deshalb so spektakulär und interessant, weil dieser Autor einerseits als beharrlicher Verteidiger literarischer Subjektivität berühmt ist, während er andererseits als Privatmann mit Äußerungen und Aktionen hervortritt, von denen er weiß, dass sie als politisch extremistisch angesehen werden.

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