Schwarze Farbe auf dem Buchschnitt schmückt den Roman Solenoid von Mircea Cărtărescu und klebt die 900 Seiten oben und unten zuverlässig zusammen, sie schützend wie ein Tabernakel die nahrhafte Speise. Mehrere hundert Mal muss der Leser die miteinander verklebten Seiten dieses voluminösen Buchs voneinander lösen, mehrere hundert Mal dringt er erst mit dem Finger, dann mit Augen und Verstand ein in eine Welt voller Schönheit und Gefahr.

Lesen als Teilhabe am Ritus – Mircea Cărtărescu, der bekannteste Schriftsteller Rumäniens, dürfte die sinnfällige Gestaltung der deutschen Ausgabe begeistert aufgenommen haben. Denn Cărtărescu, der auf üppig phantasmagorische Weise Fantasy und Insektenkunde, Hochkultur und Horror, Mystik und Moderne miteinander verschmilzt, erzählt von der vierten Dimension. Und in neue Dimensionen stößt der Leser seines Romans beständig vor, wenn er die zweidimensionalen Buchseiten aus höchst angenehmem Dünndruckpapier vorsichtig splittet und sich damit aus der Fläche einen zuvor nicht vorhandenen Raum eröffnet, auf dass aus zwei Seiten vier werden.

Die melancholischste Stadt der Welt

Doch Vorsicht! Die Zwischenräume bergen Höllenstürze wie Himmelfahrten. Für Cărtărescu ist der Mensch ein zwiespältiges Wesen – einerseits eine „larvenähnliche Existenz“ mit zwei Öffnungen zur Aufnahme und zum Ausscheiden von Lebensmitteln bzw. deren Abbauprodukten, und andererseits eine geistige Existenz, die über das Gefängnis der Welt hinaus strebt. Der Schauplatz von Solenoid ist Ausdruck dieser Ambivalenz: Das ruinöse Bukarest des Spätsozialismus, von Cărtărescu schon in seiner Trilogie Die Wissenden zum weltliterarischen Schauplatz gemacht, ist im neuen Roman „die melancholischste Stadt“ der Welt. Und doch verbirgt sich auch in ihr schrecklich Wunderbares, wird sie selbst am Ende schrecklich wunderbar, wenn in einer irren Sequenz ein Teil von ihr in den Himmel schwebt.

Ein Vorstadtlehrer an der Schule Nr. 86 ist der Erzähler des Romans. Mit seinem ersten Langgedicht „Der Niedergang“ ist er, anders als Cărtărescu selbst in den späten 1980er Jahren, in einem Literaturzirkel der Universität gescheitert. Er schreibt weiter, nun aber nur für sich, getrieben von einem Gefühl der Vorbestimmtheit und dem Wunsch, die seltsamen Vorkommnisse seines Alltags später einmal verstehen zu können. Deren Zahl ist, während der ärmliche Schulalltag deprimierend vorhersehbar verläuft, Legion: Der Lehrer verirrt sich im großen eigenen Haus, nie liegen die Räume am selben Ort.

Verzerrte Größenverhältnisse

Ein Solenoid genannter Elektromagnet unter dem Haus hebt dieses und alles in ihm auf Knopfdruck ein wenig in die Lüfte, was dem Lehrer und seiner Geliebten wunderbaren Sex erlaubt. In einer kathedralengleichen Fabrikhalle stößt er auf zahllose Vitrinen mit mutierten Parasiten: Milben, Läusen, Zecken so groß wie Tiger und Elefanten. Auf den Straßen demonstrieren die „Mahner“, geführt von Menschen mit Insekten auf den Handflächen. In Fabrikhallen mit riesenhaften Zahnarztstühlen, unter denen dicke Adern pochen, begierig auf Leid und Schmerz, begegnen die „Mahner“ gewaltigen Kreaturen, die von oben einschweben, nachdem sich das Dach wie eine Blüte geöffnet hat.

Bereits im ersten der vier Buchteile erscheinen diese Elemente und Motive, sie werden verknüpft mit Kindheit und Jugend des Lehrers – mit seinen Impf- und Zahnarztqualen, einem langen Aufenthalt in einem Sanatorium als Tuberkulosekranker, einem bei der Geburt gestorbenen Zwillingsbruder, obsessiven Lektüren eines Buches namens Stechfliege sowie eines Bandes über Parasiten. In langen Satzperioden mit exquisiten Wendungen, von Ernest Wichner ausgesprochen elegant übertragen, kommt Cărtărescu in den folgenden Teilen des Romans auf all das immer wieder zurück. Nur an wenigen Stellen droht er sich in seiner Eloquenz zu verlieren, wenn das Netz zwischen Neurosen, Obsessionen, Halluzinationen, Ahnungen, Erinnerungen und Geschehnissen beständig erweitert und verdichtet wird. Voller Schrecken sieht man der paranoischen Welt mit ihren panisch verzerrten Größenverhältnissen beim Entstehen zu.

Gottessehnsucht

In der sozialistischen Stadtruinenlandschaft lässt Cărtărescu eine Welt verborgener Bezüge erstehen: Die Stechfliege führt zu bedeutenden Mathematikern des 19. Jahrhunderts, zum rumänischen Forensiker Nicolae Minovici, der in Eigenversuchen das Erhängen erforschte, zu Kafka und Borges. Als dem Lehrer und seiner Geliebten eine Tochter geboren wird, weichen Angst und Hoffnung kurzzeitig der Liebe, als das Regime zum Sammeln von Altglas und Altpapier aufruft, wird es absurd: Erst fällt der Unterricht aus, weil die Schüler die Klassenräume bis oben hin mit den begehrten Materialien anfüllen, dann stellen die Fabriken die Produktion ein – der Handel mit den Wertstoffen selbst ist ungleich lukrativer.

In den oft katastrophischen Begegnungen der Welten der Insekten, Menschen und Riesen ist Gottesfürchtigkeit und Gottessehnsucht spürbar. Spätestens wenn der Lehrer für eine kleine Parasitenewigkeit in eine Milbe verwandelt wird und unter Milben lebt, muss man den Roman auch als Reflexion über Interkulturalität lesen. Oder als Reflexion über die Möglichkeit einer Verkündungsbotschaft, denn noch der stark verkleinerte Lehrer hat den Milben etwas mitzuteilen. So oder so ist Cărtărescu ein großer christlicher Mystiker. So sehr seine Leser auch glauben mögen, sie könnten die Verschiebungsmechanismen zwischen den Welten benennen – sie wissen nie, welche Ausgeburten seiner überaus sprachmächtigen Angst- und Erlösungsphantasie Cărtărescu auf den nächsten Seiten auf sie loslassen wird.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Milbe in mikroskopischer Aufnahme, von Eric Erbe, digitale Kolorierung von Chris Pooley, via Wikipedia (gemeinfrei)

Mircea Cărtărescu
Solenoid
Roman · Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner
Zsolnay Verlag 2019 · 906 Seiten · 36 Euro
ISBN: 978-3-552-05948-1

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Jörg Plath

Von Jörg Plath

Jörg Plath ist Kritiker und Literaturredakteur bei Deutschlandfunk Kultur. (Foto: © Fotostudio gezett)

Ein Kommentar

  1. Avatar

    Florian Kessler, Lektor bei Hanser, hat ein ausführliches Gespräch mit Ernest Wichner über seine Arbeit an “Solenoid” geführt, in dem er etwa erzählt, dass er auch dieses Buch vor dem Übersetzen NICHT gelesen hat, sondern dass erster Übersetzungsgang und Erstlektüre zusammenfallen.) Wen es interessiert: https://hanser-rauschen.podigee.io/13-ernest-wichner

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