Lars Hartmann: Es ist nie der Richtige

Viel fällt mir zu Dylan nicht ein. Ich mag ihn, ich mag seine Lieder, habe viele Platten und CDs von ihm. Nur: ist das Literatur? Vielleicht. Gesungene Lyrik, im Grund der Ursprung von Dichtung.

Was soll ich dazu sagen, dass Dylan einen Literaturpreis bekommt?

It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)

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Don DeLillo

Eigentlich jedes Jahr die gleiche Empörung, weil es nie der richtige Kandidat ist. Und selbst wenn es mal der Richtige ist, wäre es für andere doch nicht der Rechte. Mein Wunsch wäre Don DeLillo gewesen.

 

Sieglinde Geisel: Es geht um Ruhm

Bob Dylan hat in meiner Biografie bisher keine Rolle gespielt, ich bin ja noch keine siebzig. Ich habe ein paar seiner Songtexte nun als Gedichte gelesen, ohne die Musik im Ohr, und auf dem Papier/Bildschirm überzeugen sie mich nicht. Doch ist das ein Argument?

Musik und Sprache sind zwei Medien, die in Konkurrenz zueinander stehen, deshalb gehört ein Songwriter in eine andere Disziplin. In der Regel dienen die Worte der Musik und nicht umgekehrt: Es gibt Gedichte, die vertont werden, aber keine Liedtexte, die in Gedicht-Anthologien aufgenommen werden.

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William H. Gass

Beim Nobelpreis geht es (diesmal?) nicht um Literatur, sondern um Ruhm. Wer schmückt sich mit wem? Hätte man einen großen Unbekannten wie William H. Gass ausgezeichnet, würde das Licht des Nobelpreises auf Gass scheinen. Nun scheint Dylans Licht auf den Nobelpreis.

Hartmut Finkeldey: Why not?

Nein, niemand wird behaupten, Bob Dylans Songtexte würden, als Lyrik gelesen, in irgend einer Form eine besondere literarische Leistung darstellen. Aber das sollen sie ja auch nicht. Es ist eben kein Gedicht, sondern ein Song. Die Songs entfalten ihre Wirkung allein als Songs – nicht als Texte. Längst schon zählen wir die genialen Dada-Scherze zur Literatur, Rühms großartige Mondsonette (im Grunde Zeitungskollagen), Kempowskis Echolot, van Ostaijns Singer Nähmaschine, Cummings Grasshüpfer, weil all diese Texte uns etwas zu sagen haben.

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Antonio Tabucchi

Warum dann nicht Dylans Songs? Wenn wir unter Literatur mehr verstehen als das, was (übrigens erst seit dem 19. Jahrhundert) unter dem Siegel „Hochkultur“ im literarischen Feld allein zugelassen wurde, dann frage ich: Why not? Die Pop-Kultur ist wesentlicher Bestandteil unseres kulturellen Raums, wir alle sind, ob uns das passt oder nicht, von ihr geprägt. Ich hätte so nicht entschieden, halte die Entscheidung aber auch nicht für falsch.

Wunschkandidat? Am ehesten noch Tabucchi, dessen Indisches Nachtstück mich ungeheuer beeindruckt hat. Aber der ist auch schon tot.

 

Herwig Finkeldey: Bilanzpreis

Cormac McCarthy

Cormac McCarthy

Der Nobelpreis für Literatur war selten ein Preis, der literarische Qualität auszeichnete. Es war und ist vielmehr ein Bilanzpreis: Literatur, die nicht stört, gepaart mit aufklärerischem öffentlichen Wirken. Insofern ist Bob Dylan die ideale Entscheidung.
Wäre er ein reiner Literaturpreis, könnte es nur einen Preisträger geben: Cormac McCarthy

 

 

Anselm Bühling: Die Woodstock-Generation klopft sich auf die Schulter

Beim Literatur-Nobelpreis geht es erst in zweiter Linie um Literatur. Vor allem geht es darum, was sie in einem bestimmten Kontext bewirkt und repräsentiert. Mit der Vergabe an Bob Dylan in diesem Jahr klopft sich die Woodstock-Generation noch einmal selbst auf die Schulter. Soll sie ruhig; sie hat ihre Verdienste und Dylan seine.

Das Wort Lyrik kommt von dem altgriechischen Ausdruck λυρική ποίησις – die zum Spiel der Lyra gehörende Dichtung. Die ältesten Lyriker haben sich auf Saiteninstrumenten begleitet, und sie haben ihre Werke nicht schriftlich verfasst. Auch heute sagen solche Texte vielen etwas, und manchmal erlangen sie eine Bedeutung, die über den Tag hinausgeht. Sind sie Literatur? Einerseits nicht; sie sind eine Art von Dichtung die eben nicht zunächst gelesen, sondern gehört werden soll. Andererseits doch; denn dass es Literatur überhaupt gibt, hat viel damit zu tun, dass solche Texte eines Tages doch aufgeschrieben und gelesen worden sind. Und das werden sie heute noch.

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Joan Didion

Unter den Autoren, die den Literatur-Nobelpreis bekommen haben, ist Bob Dylan sicher nicht der schlechteste. Gewünscht hätte ich ihn einer anderen Autorin, die ihn nun vermutlich ebenso wenig erhalten wird wie Tolstoi, Proust, Joyce, Woolf oder Nabokov: Joan Didion.

Agnese Franceschini: Ein revolutionäres Armutszeugnis

Die Nobel-Jury wollte so revolutionär sein wie Bob Dylan, doch die Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan ist ein Armutszeugnis. profil_femaleDenn es hilft der Literatur nicht, wenn wir unsere Ansprüche an sie herunterschrauben. Was wir brauchen, sind ausschweifende Romane! Literatur sollte mehr sein als schöne Worte und stimmige Reime

Deswegen: Elena Ferrante!

 

Johannes Spengler: Pop braucht keinen Nobelpreis

Bob Dylan galt in den letzten Jahren immer wieder als heimlicher Kandidat für den Literaturnobelpreis. Dass er ihn jetzt tatsächlich erhält, kommt seltsam verspätet. Pop ist längst Teil der Hochkultur – wer daran zweifelt, hat die letzten Jahrzehnte verschlafen. Ein Zeichen ist dieser Preis also längst nicht mehr. Mutig wäre die Entscheidung gewesen, hätte das Nobelpreiskomitee stattdessen Lady Gaga ausgezeichnet. Mit Bob Dylan erhält nun der einzige Überlebende der Hippie-Generation einen Preis, der so überflüssig ist, dass man ihn sich auch sparen könnte.

Schriftsteller Frank Schulz, Leipziger Buchmesse 2012

Der Hamburger Schriftsteller Frank Schulz auf der Leipziger Buchmesse 2012

Doch wer sollte den Nobelpreis stattdessen erhalten? Meine Wahl fällt auf den Hamburger Schriftsteller Frank Schulz. Mit seiner Hagener Trilogie hat Schulz sicherlich das eigensinnigste, sprachmächtigste und komischste Romanepos der Nullerjahre geschrieben. Eng an Vorbilder wie Arno Schmidt oder Eckhard Henscheids Trilogie des laufenden Schwachsinns angelehnt, schreibt Schulz von der Schönheit des Scheiterns und Verzweifelns – und ja: Auch das ist Pop.

 

 

 

Bildnachweise:
Beitragsbild: Von Chris Hakkens [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons
Don Delillo, New York 2011: flickrstream adm, Lizenz: CC BY-SA 2.0
William H. Gass: Frank di Piazza
Antonio Tabucchi: Von Rebeca Yanke (Madrid, Spanien) [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons
Cormac McCarthy: flickstream Wei Tchou, Lizenz: CC BY 2.0
Joan Didion: By Joan_Didion_at_the_Brooklyn_Book_Festival.jpg: David Shankbonederivative work: LPLT [CC BY-SA 3.0 or GFDL], via Wikimedia Commons
Frank Schulz: von Lesekreis (Eigenes Werk) [CC0], via Wikimedia Commons

Von Redaktion

9 Kommentare

  1. Hiermit kündige ich mein Newsletter bei Tell. Ihre Kommentare sind beckmesserisch und ohne Freude an der Literatur.
    Die Argumentation ‚… aber keine Liedtexte, die in Gedicht-Anthologien aufgenommen werden‘ macht die Anthologie zum Richter und kennt keinen Minnesang.
    Ich hab wieder mehr Zeit für Literatur.
    regina frisch

    Antworten

    1. Danke für den Hinweis auf den Minnesang! Was empfinden Sie als beckmesserisch? Es würde mich interessieren, warum Sie die Freude an der Literatur bei uns vermissen.

    2. Schade, liebe Regina Frisch, dass Sie so wütend sind, dass Sie die differenzierteren Töne nicht mehr wahrnehmen konnten. Vielleicht überlegen Sie es sich noch einmal? Ich war und bin zB eben gerade nicht gegen die Verleihung an Dylan – wie man oben ja nachlesen kann – und habe kurz und klar gesagt, warum – u.a. eben weil der Anthologie/Hochkultur-Literaturbegriff gottseidank schon seit langem verabschiedet wurde. Würde mich über eine Antwort und über eine Kündigung der Kündigung sehr freuen.

      Herzliche Grüße

  2. Literatur ist in unserer Welt marginalisiert und wird es zunehmend mehr, während Popmusik einfach überall ist. Dass der Preis für Literatur nun einem Musiker zuerkannt wird, mit dem Argument, seine Texte seien lyrisch, finde ich schade. Warum nicht der Literatur ihre Preise lassen?

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  3. Schade, dass Frau Frisch das so (miss)verstanden hat. War bei mir zumindest nicht nur „nicht so gemeint, sondern auch nicht so gesagt“. Und ich glaube da auch für die Anderen sprechen zu können.

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    1. Liebes TellTeam,

      offensichtlich stört Bob Dylan und sein Werk doch, anders ist die Verschnupftheit Ettlicher aus dem Literaturbetrieb nicht zu erklären. Und das gibt der diesjährigen Entscheidung zusätzlich einen pädagogischen Wert: So viel über Literatur geredet wurde wohl schon lange nicht mehr.
      Ich habe eben Ihre Texte zu Verleihung noch mal gelesen und bleibe bei meiner Meinung. Der Ton ist – von den Überschriften bis zu den Zwischentönen – pejorativ. Keine Freude, bestenfalls zerknirschte Zustimmung. Das ist mein Eindruck, sorry.
      Freue mich über Ihre Antworten auf meinen grimmigen Kommentar und lasse mich Erweichen den Newsletter nicht zu kündigen. Vielleicht lassen Sie sich Erweichen meinem Literaturtipp (email 5.6.2016) zu lesen:
      Ulrike Schäfer „Nachts, weit von hier“. Erzählungen, Klöpfer u. Meyer 2015

      mit freundlichen grüßen
      regina frisch

  4. …es ist schon erstaunlich. Warum glaubt eine Gemeinde von wortstarken Schreiblistenlesern, dass eine zunehmend verwesendende Welt durch massiv unverständliches Geschreibsel zu einem Besseren geheilt werden kann. Es waren immer Barden, besonders aus den 70ern, die mit poetisch, aber auch klaren Worten, die Welt, in der wir Leben, ein kleines Bisschen erkennbarer machten, Schon begriffen? Die freie Zeit ist vorbei. Was bleibt, ist die Erinnerung. Dabei hilft, was einer mir und uns mit gegebenen hat. Dafür danke ich Dylan.
    Ich liebe gute Bücher. Und gute Songtexte .Ich hasse literaschises Geschwätz..
    Wünsch Euch einen gute Zweifel.

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    1. Hm, lieber Thomas Drews, weder der nouveau roman noch Dylans Songs haben die Welt substanziell transformiert. Verändert? Ja. Aber grundlegend transformiert? Kriege an der sog. Peripherie gibt es nach wie vor. Und wenn Sie so argumentieren, sollte man zumindest über Adornos Einwände nachdenken. Ich sage gar nicht, Adorno habe Recht (siehe seine Fehlurteile über den Jazz). Aber bedenken sollte man seine These schon:

  5. Raffael Keller 15. Oktober 2016 um 12:55

    Literatur ist Sprachkunst, ob gesprochen, gesungen oder geschrieben ist Wurst, darum finde ich den Nobelpreis an Dylan voll in Ordnung, obwohl ich (zu jung? zu wenig Amerikaner?) kein Dylan-Hörer bin und die Lieder, die ich am besten kenne, Jimi Hendrix‘ Version von „All along the watchtower“ und Franz Hohlers „Dä lieb Gott isch derby“ sind. Diese Preisvergabe entlarvt zudem sehr schön den Nobelpreis als verstaubtes Relikt aus einer logo-, euro- und anglozentrischen Epoche, die mittlerweile so altersschwach ist wie das Nobelpreiskomitee, auch wenn das viele noch nicht wahrhaben wollen. 26 der Literaturnobelpreisträger stammen aus dem englischsprachigen Raum, 6 aus Lateinamerika, 5 aus Asien, 2 aus Afrika, der ganze Rest sind Europäer! Und warum gibt es keinen Musiknobelpreis oder einen für bildende Kunst? Darum wünsche ich mir für 2017 einen Rapper als Literaturnobelpreisträger, oder noch besser eine Rapperin, zB. diese in Bamako geborene junge Dame:

    https://youtu.be/NBzL40KNV9s

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