Aus Anlass von Marcel Prousts 150. Geburtstag berichten wir eine Woche lang von unseren geglückten und gescheiterten Versuchen der Lektüre von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.
Bereits erschienen:

Als ich Auf der Suche nach der verlorenen Zeit las, hatte ich das Geld nicht, um alle sieben Bände zu kaufen, ich lieh sie mir von einer Freundin, einen nach dem anderen. Nachdem ich einen Band zurückgegeben hatte, bekam ich den nächsten. Ich musste die Recherche schnell lesen, damals waren diese Bände ein wertvolles Gut.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist ein Schiff, ein Segelschiff, aus dem man nicht aussteigen kann, ohne zu riskieren, in das Vakuum einer Existenz zu stürzen, die nur aus dem Heutigen besteht, dem Hier und Jetzt, ohne diese schwachen, unsichtbaren, schwer fassbaren und doch starken Verbindungen zu unserer Vergangenheit. Denn das Proust-Segelschiff fliegt nicht über Meere, sondern durch Zeiten, es trägt Erinnerungen an unsere Essenz, es macht diese Erinnerungen zu unserer Essenz.

Menschliche Unzulänglichkeiten

Eine Madeleine, ein unebenes Pflaster, ein Geschmack oder ein Stolpern eröffnen und beschließen die doppelte Zeitreise, denn es ist nicht nur eine Reise durch die Zeit, sondern auch eine Reise der Zeit selbst. Der Leser wird an der Hand mitgezogen und kann nicht anhalten, auch wenn die Zeit stehenzubleiben scheint. Die Beschreibung einer Landschaft oder eines Abends dauert viele Seiten, die ineinander verflochtenen Wörter verbinden kaum wahrnehmbare Ereignisse: ein Blick, eine Anspielung, endlose Schichten von Gefühlen. Proust blättert sie nacheinander durch. Mehr als alle anderen Schriftsteller, die sich mit dem Universum menschlicher Gefühle beschäftigt haben, vermag er es, den Schmerz, die Illusion zu beschreiben, die Enttäuschung des Scheiterns und die Eitelkeit des Lebens.

Das Wohnzimmer bildet die Kulisse für menschliche Unzulänglichkeiten, die sich in Worten verkörpern. Der Protagonist, dessen Namen in der gesamten Recherche nur zwei Mal genannt wird, spiegelt sich in den Figuren, die ihn bei der Entdeckung menschlicher Abgründe begleiten, und der Leser lässt sich in eine Erzählung hineinziehen, die nirgendwohin führt, es ist wie eine Strömung, die ihren Sinn ganz in sich selbst findet. Man kann nicht gleichgültig bleiben gegenüber Swanns Schmerz, der Demütigung von Baron Charlus und der Angst des Protagonisten, der sich vielleicht nicht einmal selbst versteht.

Ein perfektes Ende

Irgendwann kehren alle Stücke an ihren Platz zurück, der Kreis schließt sich. Aus der Suche nach der verlorenen Zeit wird im siebten Band die wiedergefundene Zeit, und alles kann wieder beginnen. Zeit geht nicht verloren und findet sich nicht, Zeit ist unsere Essenz, die sich ständig wiederholt. Wir ändern uns jeden Moment, heißt es bei Proust, wir sterben jeden Tag, und doch sind wir immer die Gleichen, es sind immer wir. Ein Wunder, das sich in der Zeit abspielt.

So bin ich in Prousts Segelschiff gereist, bis ans Ende des siebten Bands. Es war eine Reise ohne Unterbrechungen. Immer noch voller Staunen über das perfekte Ende dieses Zyklus‘ beschloss ich, nichts anderes mehr von Proust zu lesen, und dabei ist es geblieben. Die Perfektion kann sich nicht selbst übertreffen, und der Proust der Recherche ist für mich der perfekte Schriftsteller.


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Von Agnese Franceschini

Deutsch-italienische Journalistin und Autorin, u.a. für den WDR.

Ein Kommentar

  1. Jaja, Proust ist schon ein harter Brocken. Als Student in den Semesterferien auf Französisch gelesen und dann doch auch überfordert. Um Prousts Recherche nicht noch einmal lesen zu müssen, habe ich von ihm ein anderes Hauptwerk, Jean Santeuil gelesen–und siehe da, der Proust-Sound lässt sich auch in einem Band erleben!

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