Aus Anlass von Marcel Prousts 150. Geburtstag berichten wir eine Woche lang von unseren geglückten und gescheiterten Versuchen der Lektüre von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.
Bereits erschienen:

Ich stand kurz vor dem Abitur und hatte seit einigen Monaten eine Freundin, die erste. Vielleicht war sie es, die mich auf Proust brachte, vielleicht jemand aus ihrem Freundeskreis. Die angejahrten Taschenbücher der „werkausgabe edition suhrkamp“ sahen genauso aus wie die in der gleichen Reihe erschienene Brecht-Gesamtausgabe. Der Name der Übersetzerin, Eva Rechel-Mertens, passte irgendwie zum sachlichen Grau des Leinenkartons. Beim Versuch, in den Bänden zu lesen, fielen sie unweigerlich auseinander.

In Swanns Welt stand auf dem Einband des ersten Buchs, und ich fand mich in dieser Welt bald zurecht. Ich sah das, was sie mit meiner eigenen zu tun hatte. Die Wahrnehmungen, Erlebnisse, die Leidenschaft Swanns für Odette, die Ängste, die Selbstqual und Eifersucht, die Seligkeiten: Das alles kannte ich! Das erlebte ich doch gerade selbst! Proust wurde mein Begleiter beim Ausgang aus der Pubertät. Ich fand bei ihm das in Worte gefasst, wofür ich eine Sprache suchte.

Und las weiter, bis ich es nicht mehr tat. Das war schon in einer neuen Welt, der Welt der Guermantes. Ich klappte das Buch zu mit dem guten Gefühl, jederzeit zurückkehren zu können an diesen Ort. Das Leben war lang. Und dies war kein Werk, das mich nötigte, es in einem Stück durchzulesen. Es würde auf mich warten.

Das tut es bis heute. Ich habe seither manches über die Recherche und ihren Autor gelesen, aber die Lektüre selbst nicht fortgesetzt. Ginge das überhaupt? Wohl nicht mehr so wie damals, unmittelbar nacherlebend. Der Sinn für all das, was den Erzählenden und seine Welt vom Lesenden und der seinen unterscheidet, ist inzwischen geschärft. Der Schatten hat all die Jahrzehnte sein eigenes Leben geführt.

Du kehrst nicht ein zweites Mal als derselbe Mensch an denselben Ort zurück. Du tunkst die Madeleine nicht zweimal in denselben Tee. Und doch bleibt es dabei, dass dich im letzten Band dieser Satz erwartet: „In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst.“

Bildnachweis:
Beitragsbild: Wolf Gang via flickr (CC BY-SA 2) – bearbeitet

Unterstützen Sie uns auf Steady

Teilen über:

Von Anselm Bühling

Übersetzer und Redakteur von tell, lebt in Berlin.

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.