Aus Anlass von Marcel Prousts 150. Geburtstag berichten wir eine Woche lang von unseren geglückten und gescheiterten Versuchen der Lektüre von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.
Bereits erschienen:

In den 60er Jahren lautete eine Grundsatzfrage der Pop-Musik: „Are you a Beatle or are you a Rolling Stone?“ Äquivalent dazu stellten wir literarisch Angehauchten uns später die Frage: „Are you James Joyce or are you Marcel Proust?“ Ich „war“ immer James Joyce. Proust wurde mir im Verlauf der Zeit eine nicht zu bewältigende, eine bedrohliche Verheißung, ein allein schon aus Zeitmangel nicht zu erklimmender Gipfel. Die meisten anderen kanonisierten Gipfel wurden genommen, teilweise mit Sauerstoffmaske, teilweise im zweiten, im dritten Anlauf.

Wolf Wondratschek sprach einmal von literarischen Meisterwerken als „der dünnen Luft da oben“, die es einem manchmal schwer macht und auf die es nicht immer ankommt. Prousts dünne Luft aber ließ sich so nicht wegfeuilletonisieren. Dessen wolkenverhangene Gipfel sprachen durch den Dunst: „Bevor Du mich nicht gelesen hast ist Dein Urteil über Literatur unvollständig.“

Nun, mittlerweile steht Eva Rechel-Mertens Übersetzung – übrigens recht preiswert antiquarisch erstanden – auch bei mir im Regal, und die ersten Satzmäander sind ganz ohne Luftnot bewältigt. Und machen Lust auf mehr. Ob mein literarisches Urteil dadurch fundierter wird, bleibt abzuwarten.

Wobei Atemnot schon das letzte Stichwort liefert. Denn der fast nur noch ans Bett gefesselte Asthmatiker Proust inhalierte bronchialerweiternde Arzneien, die das Alkaloid des Stechapfels enthielten. Und Stechapfel weitet nicht nur die Bronchien, sondern auch den Geist. Es ist ein potentes Rauschmittel. Mitunter dehnt sich dabei die Vorstellungskraft weit in den Bereich der Halluzination hinein.

Ob Prousts Erinnerungen und seine Suche nach der Zeit hierdurch beeinflusst wurden? Merkt man dem Text die bewußtseinserweiternde Arznei an? Ist die Erinnerung, also das Schreiben, gar selbst ein Rauschmittel, der Schreibeprozess ein Rausch? Das wäre zu überprüfen.

Im nächsten Jahr im November ist Marcel Prousts einhundertster Todestag. Ob ich bis dahin auf dem Gipfel gewesen sein werde, ob ich dann einen Teil meiner Fragen für mich werde beantworten können?

Bildnachweis:
Beitragsbild: Wolf Gang via flickr (CC BY-SA 2) – bearbeitet

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Von Herwig Finkeldey

Ein Kommentar

  1. Interessante Leitfrage, die Sie da haben, Herwig Finkeldey. Stechapfel? – Die Recherche als chemisch überspannter und korkdichter bürgerlicher Welt- Innenraum. Ein psychotrop leuchtender Baldachin über den Betten der moribunden Bourgoisie (cf. Der Zauberberg). Die Innenwelt als irdisches Paradies. Heines späten Opiatflügen vergleichbar. Auch der litt und schrieb und lag im Bett. – The Kinks (Bier), The Beatles (Gras, LSD), The Rolling Stones (Kokain), The Allman Brothers Band (Psylocybin).

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