Aus Anlass von Marcel Prousts 150. Geburtstag berichten wir eine Woche lang von unseren geglückten und gescheiterten Versuchen der Lektüre von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.
Bereits erschienen:

Ich muss etwas gestehen: Manchmal knicke ich Eselsohren in Bücher, und vielleicht geschieht es mir recht, dass diese Unsitte nun in Sachen Proust mein Scheitern dokumentiert. Man sei entweder beim Team Proust oder beim Team Joyce, schreibt Herwig Finkeldey im vorherigen Beitrag unserer Proust-Reihe. Ich bin an beiden Achttausendern gescheitert: In Joyce‘ Ulysses sitzt das Eselsohr auf Seite 206, In Prousts Unterwegs zu Swann auf Seite 260.

Es muss in meinen frühen Zwanzigern gewesen sein, als ich mir diese Werke vorgenommen hatte. Ich scheiterte nicht an der Lektüre, sondern an der Gelegenheit dazu, denn beide Werke begeisterten mich beim Lesen. Wenn ich rausging, steckte ich das Buch in den Rucksack, und sowohl Ulysses als auch der erste Band der Recherche lagen jeweils wochenlang in der Wohnung herum. Doch weil ich damals schon auf dem Weg zur Berufsleserin war und Kritiken schrieb, hatte ich Dringenderes zu lesen, nämlich Neuerscheinungen, die sofort zu rezensieren waren: stapelweise Druckfahnen, wie damals üblich.

Wenn man Hunderte von Seiten im Akkord zu lesen hat, bleibt für Giganten wie Proust oder Joyce weder Zeit noch Hirn. Und so verschwanden Ulysses und Unterwegs zu Swann irgendwann wieder im Regal.

Ausgerechnet Berufsleser kommen nicht zum Lesen. Das sollte uns Kritiker:innen sehr zu denken geben.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Wolf Gang via flickr (CC BY-SA 2) – bearbeitet

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

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