Minderheiten fordern mehr Repräsentation in Institutionen. Das gilt auch für den Literaturbetrieb: Jurys, Preisvergaben und Verlagsprogramme werden unter Identitätsaspekten geprüft. Auch der literarische Kanon, so heißt es, passe nicht mehr zur Realität von heute.

Ein Bildungskanon spiegle zwar die gesellschaftlichen Verhältnisse vergangener Zeiten wider, schrieb unlängst Thomas Ribi in der NZZ (3.6.2021), doch dürfe das nicht dazu führen, dass man die Kunst vergangener Zeiten mit einem Bann belege, weil nur bestimmte Künstler zum Zuge gekommen seien und andere nicht. Überhaupt gebe es keinen repräsentativen Kanon mehr. Das bedauert der Autor, da es somit auch keinen Reiseführer zu jenen Werken gibt, die bis heute gegenwärtig seien.

Doch wie erkennt man, was gegenwärtig ist?

Wer Kanon sagt, meint in der Regel eine offizielle oder zumindest einflussreiche Zusammenstellung literarischer Werke, die von Schulämtern beglaubigt, von Literaturpäpsten abgesegnet und von Buchverlagen veröffentlich wird. Es scheint allgemeiner Konsens zu sein, dass es so etwas nicht mehr geben kann, zumindest nicht mit ernsthaftem Anspruch auf Repräsentanz. Es fehlen der gemeinsame Bildungshorizont und die von allen anerkannten Autoritäten.

Empfehlungslisten im Internet

Was einst Bildungskanon war, hat sich in unzählige Empfehlungs- und Lieblingslisten aufgelöst, die im Internet veröffentlicht werden oder in die monatliche Bestenliste, die nicht mehr ist als eine Kurzfassung positiver Rezensionen.

Dennoch liest und hört man immer noch, dass ein Autor oder eine Autorin zu den kanonisierten gehöre, ohne dass gleich Protest ertönen würde.

Das nährt den Verdacht, dass es doch so etwas wie einen Kanon gibt. Für ihn gilt das Kanon-Paradox: Wenn mich niemand nach ihm fragt, so bin ich mir seiner sicher; soll ich ihn aber aufstellen, so kann ich es nicht.

Diese Art des Kanons wird nicht von Autoritäten erstellt und nicht durch demokratische Abstimmungen entschieden. Er steckt in den Köpfen. Sichtbar macht ihn allein die Zeit, „unbestechlich und vollkommen in ihrer schaffenden Destruktivität“ (Hans Wollschläger). Ständig verändert er sich, doch er hat einen Glutkern, der sich nur allmählich wandelt.

Männlich und weiß

Man mag zu Recht einwenden, dass die traditionellen westlichen Bildungskanons einseitig, nämlich männlich und weiß geprägt waren. Dies verwundert nicht, da auch die Kultur des Westens männlich und weiß dominiert war. Letzteres ändert sich bekanntlich rapide, und die Auswirkungen auf die Vorstellung vom literarisch Wichtigen werden sich zeigen.

Ein Trost hinsichtlich der Vergangenheit mag sein, dass die Dominanz weißer, männlicher Autoren naturgemäß bewirkte, dass auch zu den Aussortierten viele weiße, männliche Autoren gehören, darunter manche, von denen man zu ihren Lebzeiten nicht erwartet hätte, dass sie aus dem Kanon entfernt werden würden. Hans Pleschinski erinnerte an den Nobelpreisträger und einstigen Großschriftsteller Paul Heyse (1830 – 1914), indem er ihn zum Gegenstand eines Romans machte. Heyse ist nicht vergessen, doch seine Werke sind im kulturellen Gedächtnis nicht mehr wirklich präsent, ganz anders als sein Zeitgenosse Theodor Fontane. Wilhelm Raabe wiederum gehört zu jenen Autoren, die in der literarischen Öffentlichkeit mal mehr, mal weniger Konjunktur hatten.

Der Geist eines Werks

Die Zeit macht nicht nur Rangunterschiede zwischen einzelnen Autoren und Werken plausibel, sie hilft auch dabei, in einem Werk das Zeitgebundene von jenen Kompositionsentscheidungen zu trennen, die dessen Geist ausmachen. Darum können wir gewisse alte Texte immer noch mit Vergnügen lesen, darum können sie mit Hilfe von Neuübersetzungen bewahrt werden.

Der Kanon in den Köpfen relativiert die Kategorien der Literaturgeschichte. Verglichen mit Romanen wie Godwi oder Die Kronenwächter erscheint uns E. T. A. Hoffmanns Sandmann bedrohlich nahe. Die Nähe zu Gogol oder Kafka ist für heutige Leser wichtiger als die Einordnung des Autors als Romantiker.

Jenseits der Germanistenpflicht

Betrachtet man die deutschsprachige Literatur zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Wiedervereinigung aus der zeitlichen Distanz, so sind die Rollen noch nicht so klar verteilt wie im Fall von Heyse, Raabe und Fontane. Allerdings relativiert sich die Bedeutung der einst so dominanten „Gruppe 47“ im Hinblick darauf, welche Texte immer noch aus originärem Interesse und nicht bloß aus Germanistenpflicht gelesen werden. Autorinnen und Autoren werden erinnert, weil sie etwas literaturgeschichtlich Bedeutsames repräsentieren, zum Beispiel „Kahlschlagliteratur“ (Günter Eich) oder „Schreiben in der DDR-Diktatur“ (Christa Wolf).

Anders jene Werke, die von engagierten Kleingruppen immer wieder gelesen und diskutiert werden. Wenn sich die Fans von Heimito von Doderer oder Arno Schmidt an der Strudlhofstiege oder in der Lüneburger Heide treffen, so mag sich das Feuilleton dafür wenig interessieren, doch sorgt das kontinuierliche Engagement kleiner Gruppen dafür, dass bestimmte Autoren auch für jene präsent bleiben, die ihre Werke gar nicht gelesen haben. Wolfgang Hildesheimer wiederum wäre ein Kandidat für die Wilhelm Raabe-Rolle: als einer, den zu entdecken sich immer wieder lohnt.

Originalität als Kriterium

Die Zeit ist ungleich eifriger im raschen Aussortieren als im späten Einsortieren: Friedrich Hölderlin und Georg Büchner sind berühmte Beispiele für Letzteres, auch die Kanonisierung Walter Benjamins wäre zu nennen, bei ihm trägt die Unklarheit, ob er Philosoph oder Literat sei oder irgendetwas dazwischen, viel zu seiner Originalität bei.

Die Frage, ob ein literarischer Text gelungen sei, stellt sich das Rezensionswesen. Für den Kanon in den Köpfen ist das nicht so relevant. Dieser Kanon interessiert sich vor allem für das künstlerisch Originelle, das nicht durch etwas ähnlich Gutes ersetzt werden kann. Ein Thomas Bernhard mag in mancherlei Hinsicht kein „guter“ Autor gewesen sein, doch er stellte sich mitten in die literarische Landschaft, und niemand kam an ihm vorbei. Er wurde nachgeahmt, dann hat man sich wieder von ihm befreit. Wenn man über ihn schreibt, dann nicht, weil man beweisen möchte, dass seine Werke gut oder doch nicht so gut sind, sondern weil man bei der Beschäftigung mit ihnen auf originelle Gedanken kommt. Je origineller die Gedanken sind, die Menschen zu einem Werk haben, umso mehr spricht dafür, dass das Werk zum informellen Kanon in den Köpfen gehört.

Distanz zur Gegenwart

Wenn abstrakt von der Zeit die Rede ist, die den Kanon schaffe, sind damit stets konkrete Menschen gemeint: Wer auch immer zitiert, kommentiert, übersetzt, aufführt, umarbeitet, mit anderen Worten: interpretiert, der trägt zum Kanon bei. Der Kanon ist kein Reiseführer, er ist die Reise selbst, was jene enttäuschen mag, die sich Abkürzungen wünschen.

Unabhängig davon, welche Autorinnen und Autoren man als kanonisch erachten mag, gilt, dass sich kein ernstzunehmender literarischer Kanon an Inhalten orientiert. So sorgt jedes Nachdenken über den Kanon für Distanz zu einer Gegenwart, die gelegentlich dazu tendiert, das künstlerisch Bedeutende mit dem inhaltlich Wichtigen zu verwechseln.

Beitragsbild: Autor unbekannt, Public Domain via Piqsels

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Von Jürgen Kiel

5 Kommentare

  1. Das Wort „Repräsentanz“ bezeichnet eigentlich so etwas wie eine ständige Vertretung eines Unternehmens oder eine Interessensvertretung. Der Autor meint sicher „Repräsentation“.

    https://www.duden.de/rechtschreibung/Repraesentanz

    https://www.duden.de/rechtschreibung/Repraesentation

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    1. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben es korrigiert.

  2. Ich mag den Text, er stellt einen Kanon weder in Abrede noch hält er ihn für eindeutig festgelegt. Drei Ideen: (a) Rangunterschiede – fünf-Sterne General? (b) Bei Komponisten und Interpreten gibt es viel weniger Diskussionen um einen Kanon und viel mehr Akzeptanz individueller Vorlieben – warum ist bei Büchern und Schriftstellern so vielen daran gelegen, die guten ins Töpfchen und die schlechten ins Kröpfchen zu sortieren? (c) Bezieht sich der Text auch auf die Argumente Moritz Baßlers? Baßler hält am Unterschied zwischen den Maßstäben der Wissenschaft und denen der Laien fest und wünscht sich, Laien mögen doch die klassische Rollenteilung akzeptieren, bei denen die Fans die Distanz zum Autor und seinen Figuren aufgeben, um Bücher blind zu lieben, während die Experten Distanz zwischen sich und Autor und Figuren legen, um Bücher sezieren zu können.

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  3. Zu Punkt (b): Das liegt m. E. daran, dass ein Teil der Literatur(Romane)nicht viel mehr als romanästhetisch aufbereitete Publizistik ist. Der publizistische Aspekt unterstützt die PR für den Roman („dies ist ein Roman über …“), kann aber auch für „politischen Diskurs“ sorgen, der wiederum die PR unterstützt.
    Zu Punkt (c): Zweifellos bin ich auf Baßlers Seite, wobei ich den Gegensatz nicht institutionell zwischen Profi und Fan sehe, sondern zwischen dem „naiven“ und dem „sentimentalischen“ Leser. Der sentimentalische Leser muss kein Experte oder Literaturwissenschaftler sein und darf auch Fan sein, aber er begeistert sich für Literatur als Kunstfreund, also als „uneigentlicher“ Leser. Der Literaturbetrieb möchte beide Lesertypen bedienen – am naiven Leser verdienen und an der Reputation des sentimentalischen teilhaben. Die Titel, die Baßler zitiert, sind Beispiele für diesen Wunsch – deshalb greift er sie an.

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  4. Zu „naiv“ und „sentimentalisch“: Eine neue Kategorie, interessant. Was ist mit den Absichten der AutorInnen, sentimentalische oder naive Werke zu schreiben? Kann ich ein naiv geschriebenes Werk sentimentalisch lesen, ein sentimentalisch geschriebenes Werk naiv lesen? Sind die naiven Leser Blinde und ist ihre Reputation deshalb geringer als die der sentimentalischen Leser? Baßler hantiert mit Diegese, die Laien wie mir nicht geläufig ist.

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