Genosse im Strudel der Zeit – alle Teile

1 – Ein Buch macht Karriere
2 – Lektüre für den Führer
3 – Für fremd erklärt
4 – Neue Gewänder

Für fremd erklärt

Michail Soschtschenko meldet sich sofort nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion als Kriegsfreiwilliger, wird jedoch als „nicht verwendungsfähig“ abgelehnt. Er publiziert während des Krieges antifaschistische Glossen und Feuilletonbeiträge. Im Herbst 1941 wird er nach Alma-Ata evakuiert. Dort arbeitet er an einem Buch, das ihn seit langem beschäftigt. Es heißt Vor Sonnenaufgang (deutscher Titel: Schlüssel des Glücks) und hat einen ganz anderen Charakter als die Satiren, für die er bekannt ist. Soschtschenko erkundet darin seine eigene Psyche, er schreibt über die Depressionen und Neurosen, die ihn von Kindheit an geplagt haben. Er hat sich mit den Neurosentheorien Sigmund Freuds und des sowjetischen Verhaltensforschers Iwan Pawlow befasst, und er ist überzeugt, dass seine Erfahrungen mit diesem Thema ihn befähigen, anderen Menschen Mut zu machen und ihnen zu zeigen, wie sie Ängste überwinden können. Der erste und zweite Teil erscheinen 1943 in den Sommernummern der Zeitschrift „Oktober“.

Den Abdruck weiterer Teile stoppt die Zensur. Soschtschenko wird aus der Redaktion der Satirezeitschrift „Krokodil“ ausgeschlossen, der er seit 1941 angehörte. Man streicht ihm die Lebensmittelzuteilung für Schriftsteller, und er muss aus dem Moskauer Hotel ausziehen, in dem er seit der Rückkehr aus der Evakuierung gewohnt hat. Im Dezember 1943 verteidigt er sich auf einer Präsidiumssitzung des sowjetischen Schriftstellerverbands: Er habe mit Vor Sonnenaufgang ein antifaschistisches Buch geschrieben. Aber das nützt ihm nichts mehr. Sein Kollege Nikolai Tichonow, der sich begeistert gezeigt hatte, als Soschtschenko ihm während der Arbeit an der Erzählung Kapitel daraus vorlas, schreibt im März 1943 in der Zeitschrift „Der Bolschewik“, das Buch sei „dem Geist und Charakter der sowjetischen Literatur zutiefst fremd“.

In dieser Erzählung wird die Realität aus spießbürgerlicher Sicht dargestellt – hässlich verzerrt, banalisiert, das seichte Hin und Her der subjektiven Gefühle steht im Vordergrund.

Im April 1946 erhält Soschtschenko noch, zusammen mit einer Reihe anderer Schriftsteller, die Medaille „Für heldenmütige Arbeit im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945“.

Vier Monate später, am 14. August, verabschiedet das Orgbüro des ZK der Kommunistischen Partei einen Beschluss gegen die Zeitschriften „Der Stern“ (Swesda) und „Leningrad“, die Texte von Soschtschenko publiziert hatten. Nun heißt es auf einmal, sein „nichtswürdiges Betragen während des Krieges“ sei noch gut in Erinnerung; er habe „dem sowjetischen Volk beim Kampf gegen die deutschen Invasoren in keiner Weise geholfen“. Und auch die Formel, die Tichonow drei Jahre zuvor verwendet hatte, taucht hier wieder auf. Soschtschenkos Werk sei „der sowjetischen Literatur fremd“:

Soschtschenko stellt die sowjetischen Verhältnisse und Menschen in hässlich karikierender Form dar, er schildert die Sowjetmenschen auf verleumderische Weise als primitiv, unkultiviert, dumm, mit spießigen Geschmacks- und Moralvorstellungen. Seine böswillig grobe Darstellung unserer Wirklichkeit wird von antisowjetischen Ausfällen begleitet.

Diese übelwollende Lesart deckt sich frappierend mit der Soschtschenko-Rezeption Hitlers und seiner Entourage. Es ist leicht auszumalen, was für ein Triumph es für die Ankläger gewesen wäre, wenn sie von den Soschtschenko-Lesungen in der Reichskanzlei und auf dem Obersalzberg gewusst hätten, doch die Tagebücher der NS-Größen werden erst Jahrzehnte später veröffentlicht.

Nach einer hasserfüllten, vernichtenden Rede des ZK-Sekretärs Andrei Schdanow wird Soschtschenko – ebenso wie die Lyrikerin Anna Achmatowa – aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Damit ist ihm die Existenzgrundlage entzogen; er darf nichts mehr veröffentlichen und sein Name wird in sowjetischen Publikationen nicht mehr genannt. Im Treppenhaus des großen Wohnhauses für Schriftsteller am Leningrader Gribojedow-Kanal wartet er in den ersten Nächten vergeblich auf seine Verhaftung. Freunde und Bekannte ziehen sich zurück und gehen ihm bei zufälligen Begegnungen aus dem Weg. Die Zeit des Großen Terrors ist keine zehn Jahre her. Damals hatte schon der Verdacht, die falschen Leute zu kennen, genügt, um erschossen oder zu jahrzehntelanger Lagerhaft verurteilt zu werden.

Soschtschenko schlägt sich mit Übersetzungen durch und verdient sich als Schuhmacher etwas dazu, ein Handwerk, das er in seiner Jugend erlernt hat. Nach Stalins Tod 1953 wird er wieder in den Schriftstellerverband aufgenommen, doch ein Jahr darauf fällt er erneut in Ungnade: Bei einem Treffen mit englischen Studenten hat er Kritik am Vorgehen der Partei gegen ihn durchblicken lassen. Die letzten Lebensjahre verbringt er isoliert und in Armut. 1958 stirbt er auf seiner Datscha bei Leningrad.


Bildnachweis:
Beitragsbild: Anselm Bühling.
Beschluss des ZK der WKP(b) gegen Soschtschenko: Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

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1 – Ein Buch macht Karriere
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4 – Neue Gewänder


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Von Anselm Bühling

Übersetzer und Redakteur von tell, lebt in Berlin.

3 Kommentare

  1. Anselm Bühling 2. Juni 2022 um 9:33

    Der im Text verlinkte Beitrag über Soschtschenkos ehemalige Wohnung im „Schriftsteller-Wolkenkratzer“ in Leningrad stammt aus dem Blog von Friedemann Kohler, bis 2019 Leiter des dpa-Regionalbüros Osteuropa in Russland. https://friedemannkohler.wordpress.com/2018/06/16/das-haus-der-unfrohen-dichter/

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  2. „Schlüssel des Glücks“ habe ich seinerzeit kurz nach dem Erscheinen der 1. Ausgabe bei Reclam 1977 (mit 17) das erste Mal gelesen und es erwies sich tatsächlich als eine Schlüssellektüre meines Lebens und hat für lange Zeit den Blick aufs eigene Leben verändert. Eines der wichtigsten Bücher und jedem zu empfehlen.

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    1. Anselm Bühling 13. Juni 2022 um 17:30

      Lieber Herr Grabka, danke für Ihren Kommentar und nicht zuletzt für die sehr dezente Berichtigung des deutschen Titels. Ich habe sie in den Beitrag übernommen.

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