Genosse im Strudel der Zeit – alle Teile

1 – Ein Buch macht Karriere
2 – Lektüre für den Führer
3 – Für fremd erklärt
4 – Neue Gewänder

Neue Gewänder

Im April 1947 druckt die Münchner Zeitschrift Der Simpl – eine Nachfolgepublikation des 1944 eingestellten Simplicissimus – eine kurze Satire, als deren Autor ein „Fjodor Ukrainow“ firmiert. Sie trägt die Überschrift „Genosse Kommissar“ und handelt davon, wie ein Lehrer den Wohnungskommissar mit einer Schachtel Zigaretten bestechen muss, um eine unerwünschte Einquartierung zu vermeiden. Es folgt ein „Nachwort des Übersetzers“:

Friedrich Märker, der hier als „Übersetzer“ zeichnet, ist in Wirklichkeit der Autor des Textes und außerdem verheiratet mit der Soschtschenko-Übersetzerin Grete Willinsky. Er nutzt die ihm wohlbekannte Form der „russischen Satire“, um sich in verdruckst-plumper Sprache über unerwünschte Einquartierungen von Flüchtlingen aus dem Osten zu beschweren, die infolge des Krieges in großer Zahl in Westdeutschland eintreffen.

Märker, in den 1920er Jahren Dramaturg und Theaterkritiker, war seit 1930 mit Veröffentlichungen zu Charakterkunde und Physiognomik hervorgetreten. Nach der Machtübernahme der Nazis wusste er die Gunst der Stunde zu nutzen. Sein 1934 erschienenes Buch Charakterbilder der Rassen: Rassenkunde auf physiognomischer und phrenologischer Grundlage wurde auf der Bauchbinde als „wertvolle und eigenartige Ergänzung rassenkundlichen Schrifttums“ beworben – ein Zitat aus dem Völkischen Beobachter. Nach dem Krieg kommt die „Rassenkunde“ in den Titeln von Märkers Publikationen nicht mehr vor, doch er befasst sich unbeirrt weiter mit Physiognomik: 1949 gibt er Lavaters Physiognomische Fragmente heraus und 1971 veröffentlicht er das Buch Die Kunst, aus dem Gesicht zu lesen. Daneben widmet er sich der Verbandstätigkeit und gründet 1956 die „Verwertungsgesellschaft für literarische Urheberrechte“, eine Vorläuferorganisation der zwei Jahre später gegründeten VG Wort. 1959 erhält er dafür das Große Bundesverdienstkreuz.

* * *

Für Grete Willinsky erweist sich der in seiner Heimat verfemte Soschtschenko auch in den Nachkriegsjahren als sichere Bank. 1947 bringt sie eine Auswahl seiner Satiren in einem der ersten Literaturverlage unter, die in der US-Besatzungszone eine Konzession erhalten: Die Anthologie Der redliche Zeitgenosse erscheint im Kasseler Harriet Schleber Verlag, der auch frühe Texte von Wolfgang Borchert, Heinrich Böll und Marie-Luise Kaschnitz publiziert. Nur ein Jahr danach veröffentlicht der Zürcher Werner Klassen Verlag unter dem Titel Russischer Alltag gleichfalls Satiren von Soschtschenko, und wieder firmiert Willinsky – neben einer Kollegin namens Hedwig Sörensen – als Übersetzerin.

Während Willinsky sich in den folgenden Jahrzehnten bis zu ihrem Tod 1983 vor allem als Autorin von Kochbüchern betätigt, bleiben ihre Soschtschenko-Übersetzungen in der Bundesrepublik Deutschland verlässliche Longseller. Der Verlag Langen Müller, in dem kurz darauf auch Ephraim Kishons Satiren auf Deutsch erscheinen, übernimmt 1959 den Band Der redliche Zeitgenosse und bringt einen weiteren mit dem Titel Der Rettungsanker heraus.

Das Buch Schlaf schneller, Genosse, an dem sich Hitler und seine Entourage 1940 delektiert hatten, ist bereits seit 1953 mit leicht gekürzter und abgewandelter Textauswahl und einem erneut angepassten Nachwort als Taschenbuch wieder auf dem Markt – nicht mehr bei Rowohlt, sondern im Verlag „Das Goldene Vlies“. Dieser geht kurz darauf im Ullstein Verlag auf, wo der Band mit wechselnden, zum jeweiligen Zeitgeist passenden Covergestaltungen jahrzehntelang neu aufgelegt wird.

Die letzte Ausgabe erscheint Mitte der 1970er Jahre. Um diese Zeit bringt Ullstein auch ein neues Werk seines Erfolgsautors Albert Speer heraus: die Spandauer Tagebücher aus seiner zehn Jahre zuvor zu Ende gegangenen Haftzeit, in denen Speer sich unter anderem daran erinnert, wie Adolf Hitler ihm einmal ein Buch empfohlen hat.

Bildnachweis:
Beitragsbild und Buchcover: Anselm Bühling.
Screenshot „Der Simpl“ Nr. 6/1947: Universität Heidelberg: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/simpl1947/0067.

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Von Anselm Bühling

Übersetzer und Redakteur von tell, lebt in Berlin.

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