Genosse im Strudel der Zeit – Teil 1 bis 4

1 – Ein Buch macht Karriere
2 – Lektüre für den Führer
3 – Für fremd erklärt
4 – Neue Gewänder

Lektüre für den Führer

Am 16. März 1940 notiert Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda sowie Präsident der Reichskulturkammer, in seinem Tagebuch:

Sowjetrussische Satiren von Sostschenko u.a. „Schlaf schneller, Genosse!“ Sie sollen witzig sein, entrollen aber für meinen Geschmack nur ein grauenvolles Gemälde bolschewistischer Unkultur, sozialen Elends und organisatorischer Unfähigkeit.

Goebbels ist seit dem Machtantritt der Nazis 1933 der Hauptverantwortliche für die Steuerung des kulturellen Lebens im Deutschen Reich. Ähnlich wie in der Sowjetunion unter Stalin ist auch in NS-Deutschland die Medienlandschaft weitgehend gleichgeschaltet, und das gilt ganz besonders für die Satire. Schon wenige Tage nach der Machtübernahme im März 1933 waren die Redaktionsräume der Satirezeitschrift „Simplicissimus“ von der SA überfallen worden; kurz darauf wurden die jüdischen und politisch exponierten Mitglieder aus der Redaktion gedrängt, während die restlichen eine Loyalitätserklärung unterschrieben.

Der „Simplicissimus“ hatte bereits in der Weimarer Republik vereinzelt Satiren von Soschtschenko gebracht. Bezeichnenderweise können diese dort auch nach der Gleichschaltung weiter erscheinen.

Eine Kritik an der gesellschaftlichen Realität des eigenen Landes findet sich im „Simplicissimus“ der NS-Zeit hingegen nicht einmal in Ansätzen – ebenso wenig wie in anderen Medien. Dafür sorgt Goebbels. So verbietet er die Zeitschrift „Der Querschnitt“, als sie 1936 einen Beitrag mit der Überschrift „Fremdwörterbuch“ veröffentlicht, der Definitionen enthält wie „Absurd: wenn einer auf bessere Zeiten hofft“, „Journalismus: Seiltanz zwischen den Zeilen“ und „Makulatur: die öffentliche Meinung von gestern“. Und im Januar 1939 verhängt er ein Auftrittsverbot über das Gesangstrio „Die drei Rulands“, nachdem es im „Kabarett der Komiker“ die nationalsozialistischen Umbaupläne für die Reichshauptstadt Berlin aufs Korn genommen hat. Selbst eine Intervention von Albert Speer, auf den die Kritik zielte und der sie als unverfänglich empfand, kann daran nichts ändern.

Dass in der Sowjetunion Satiren erscheinen dürfen, die die alltäglichen Verhältnisse in so drastischer Form anprangern, registriert der Propagandaminister mit kühler Verachtung. Er sieht darin

[den] Beweis dafür, daß den Bolschewiken auch jedes Gefühl für das Abstoßende dieser Darstellungen fehlt. Da haben wir uns den richtigen Bundesgenossen angelacht. Wenn uns nicht das Wasser bis zum Halse gestanden hätte, […]

Am 28. April 1940 hält Goebbels im Tagebuch eine Lagebesprechung vom Vortag fest und vermerkt:

Der Führer amüsiert sich sehr über Sostschenkos Buch „Schlaf schneller, Genosse!“, das ich ihm gegeben hatte. Ich lese eine Anekdote daraus vor. Wir lachen sehr darüber.

Unter den Teilnehmern der Besprechung ist auch Alfred Rosenberg, der ‚Chefideologe‘ der NSDAP, der wenige Monate darauf mit seinem „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ den Raub von Kulturgütern in den von den Deutschen besetzten Gebieten Europas organisieren wird.

Er trägt für den 27. April 1940 in sein Tagebuch ein:

Während des Essens wurde mit Gelächter die Übersetzung des russischen Buches „Schlaf schneller, Genosse“ besprochen. Der Führer hat eine halbe Nacht darangesetzt, um diese Bilder des Elends a. d. Sowjetunion, „humoristisch“ geschildert, durchzulesen. Die Bücher wurden gleich für jene besorgt u. verteilt, die die Schrift noch nicht kannten.

Ausschnitt aus dem handgeschriebenen Tagebuch von Alfred Rosenberg, Eintrag vom 30.04.1940

Im November 1949 notiert Albert Speer im Spandauer Gefängnis eine ähnliche Episode, die aber nicht, wie die Besprechung vom 27. April, in Berlin, sondern auf dem Berghof bei Berchtesgaden stattfand. Speer verlegt sie irrtümlich in den Sommer 1939, vor den Beginn des Kriegs und den Erscheinungszeitpunkt des Buchs – das zeigt, wie wenig die Realität des Krieges zu dieser Zeit in seinem Bewusstsein präsent war.

Wir traten in die Veranda. Und ganz unvermittelt, wie es seine Art war, begann er [Hitler] plötzlich von ganz Banalem zu reden. Seit Monaten war das Buch von Soschtschenko: Schlaf schneller, Genosse! ein Gesprächsgegenstand auf dem Berghof. Wieder erzählte er einzelne Episoden und wurde dabei von Lachen überwältigt. Bormann bekam den Auftrag, einen Fahrer nach München zu schicken und jedem von uns ein Exemplar des Buches zu besorgen. Ich habe übrigens nie herausgefunden, ob er Soschtschenkos Kritik am Sowjetsystem oder Soschtschenkos Humor mehr schätzte. – Aber ich habe damals wohl auch nicht viel darüber nachgedacht.

Dafür, dass Hitler Soschtschenkos Humor zu schätzen gewusst hätte, spricht wenig. Die Tagebucheinträge von Goebbels und Rosenberg bekräftigen eher, was ohnehin naheliegt: Für die Herrenmenschen der NS-Führung ist das Buch schlicht ein Anlass, ihrer Häme über die primitiven Zustände in der „jüdisch-bolschewistischen“ Sowjetunion freien Lauf zu lassen und sich im Gefühl der vermeintlichen Überlegenheit zu sonnen.

Ein Jahr später, im Mai 1941, läuft der US-Nachrichtenkorrespondent Howard K. Smith trübsinnig über den Wittenbergplatz im Berliner Westen. Die Atmosphäre in NS-Deutschland ist für ihn unerträglich geworden. Er hat seine Kündigung bei United Press eingereicht und wartet nur noch darauf, abreisen zu können. Smith bleibt vor einer Buchhandlung stehen, an der er öfters vorbeikommt. Sie befindet sich auf der Südseite des Wittenbergplatzes, gleich neben der Gaststätte „Alois“, die von Hitlers älterem Halbbruder betrieben wird.

Beim Blick ins Schaufenster der Buchhandlung stutzt Smith: Das Buch Schlaf schneller, Genosse, das dort seit Anfang letzten Jahres ausgelegen hat, fehlt. Er betritt den Laden und fragt nach Büchern über die Sowjetunion. Die Buchhändlerin legt ihm die üblichen Propagandatitel vor. Der beliebte Satirenband ist nicht mehr im Sortiment.

Smith vereinbart ein Treffen mit einem Informanten und erfährt, Hitler habe eine Reihe von Forderungen an Stalin gestellt. Unter anderem solle die Ukraine für 99 Jahre an das Deutsche Reich verpachtet werden. Das erweist sich später zwar als ein von der NS-Führung vermutlich gezielt in Korrespondentenkreisen platziertes Gerücht, aber es ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich eine Konfrontation mit der Sowjetunion anbahnt. Smith beschließt, in Deutschland zu bleiben und heuert beim Radionetzwerk CBS an. Am 22. Juni wird er nachts aus dem Bett geklingelt und für fünf Uhr morgens zu einer Pressekonferenz im Außenministerium bestellt. Zwei Stunden zuvor hat der Überfall der deutschen Truppen auf die Sowjetunion begonnen: Auf einer über zweitausend Kilometer breiten Front durchbricht die Wehrmacht mit 121 Divisionen die sowjetische Grenze.


Die Hinweise auf die Tagebucheinträge von Rosenberg, Speer und Goebbels gehen auf einen Blogeintrag des russischen Historikers Alexander Djukow zurück, der im russischen Wikipedia-Artikel zu Michail Soschtschenko verlinkt ist.

Bildnachweis:
Beitragsbild und Foto der Postkarte: Anselm Bühling
Auszug aus dem handschriftlichen Tagebuch Alfred Rosenbergs: United States Holocaust Memorial Museum.

Genosse im Strudel der Zeit – Teil 1 bis 4

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Von Anselm Bühling

Übersetzer und Redakteur von tell, lebt in Berlin.

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