Zu was für Blödsinn du mich treibst, Wladimir, ich stelle mir vor, wie Jeanne jetzt an Haken hängt wie Christus am Kreuz und Blut weint oder Heroin raucht, ich weiß nicht, was mir lieber wäre.

Eine junge Frau namens Jeanne bestellt ihren früheren Geliebten Mathias aus Paris zu sich nach Moskau. Er soll den Leichnam ihres toten Liebhabers Wladimir mit der transsibirischen Eisenbahn von Moskau in dessen Heimatdorf nahe Nowosibirsk bringen. Jeanne möchte lieber in Moskau bleiben und sich an drei durch die Rückenhaut gerammten Fleischerhaken in einem Keller aufhängen lassen: „so lässt sie ihren Schmerz körperlicher werden“. Vor drei Jahren verband die drei eine Dreiecksbeziehung. Zwölf Monate lang lebten sie zusammen, hauptsächlich in Moskau. In diesem Jahr sogen Jeanne, Mathias und Wladimir nicht nur die russische Literatur und Geschichte in sich auf, sie berauschten sich zudem an Alkohol, Opium und Heroin. Für Mathias beginnt eine Zugfahrt durch halb Russland. Begleitet vom Leichnam seines Freundes erinnert er sich in nostalgischen Monologen an die Vergangenheit, an seine eigene und an die russische.

Zunächst hatte Mathias Énard, der für Kompass mit dem Prix Goncourt 2015 ausgezeichnet wurde, den Roman als Hörspiel konzipiert. Es entstand während einer Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn. 2011 erschien die französische Prosafassung. Ende Oktober ist der kurze Roman Der Alkohol und die Wehmut, der in der Vorschau von Matthes & Seitz noch prägnant als Alkohol und Weltschmerz beworben worden war, in deutscher Übersetzung erschienen.

Melancholie und Selbstmitleid

Da können sie lange suchen, Sie werden nichts finden. Die berühmte russische Seele existiert nicht. Das einzig Greifbare daran ist der Alkohol, die Wehmut und die Leidenschaft für Pferderennen.

Dieses Zitat von Anton Tschechow ist dem Roman als Motto vorangestellt. Es ist der erste von vielen Rückgriffen auf die alten Meister der russischen Literatur. Ausgerechnet in diesem seelenlosen Land eine lange Zugfahrt anzutreten, um einen Leichnam zu überführen, macht Mathias wehmütig – und durstig natürlich, denn der Titel ist Programm. Der tote Wladimir dient Mathias als imaginärer Gesprächspartner, als Adressat seines melancholischen Sinnierens, doch ist Wladimir „kein echter Bruder“, denn er trinkt nicht mit. Während Mathias sich einen Wodka nach dem anderen genehmigt, macht er Wladimir Vorwürfe: „du tust mir das an, bleibst stumm, völlig zu, vielleicht hast du dich aufgegeben, weil das Leben dich abgefüllt hat“. Gleich zu Beginn setzt er Wladimir die Vergeblichkeit der Zugfahrt auseinander, bei der es nur in zweiter Linie auf den Leichentransport anzukommen scheint: „Reisen hilft eben auch nicht. Alles sieht überall gleich aus.“

Das Gespräch zwischen Mathias und Jeanne vor der Abfahrt des Zuges liest sich so:

„Wie geht’s, hat’s sehr lang gedauert?“
„Mit dem Flugzeug dauert’s immer sehr lang. Ich habe mich auf dich gefreut“, log ich.
„Ich auch.“
„Wie geht’s?“
„Nicht besonders, ich habe seit einer Woche nicht geschlafen. Ich denke die ganze Zeit an ihn.“
„Mir auch nicht. Mir geht’s auch nicht gerade gut. Ich habe mehr Pillen als Klamotten im Koffer.“

Alles verschwimmt zu einem Einheitsbrei. Das ist sonst ein Kennzeichen trivialer Literatur. Wo nichts ungesagt bleibt, kann nur eine oberflächliche Dramatik entstehen. Hastig wird der Leser über die Stimmungslage und das Verhältnis der Figuren zueinander informiert und der bevorstehende Drogenkonsum angekündigt. Das ist zwar nicht elegant, aber so kommt man voran.

Wörtergerassel ohne Substanz

Generell hat es der Autor eilig: Pausenlos rattert sein Protagonist im Takt des ruckelnden Zuges literarische Anspielungen, Exkurse in die Vergangenheit Russlands und die benebelte Beziehung der drei Gescheiterten herunter.

[…] in uns lagern immer noch Bruchstücke der Revolution, Trümmer eines alten Traums eines nicht recht großgewordenen Jugendlichen, der nicht das Glück hatte, ein Gewehr in der Hand zu halten, um seine Träume zu verteidigen: Mir hat man eher eine Spritze in die Hand gedrückt als eine Knarre oder eine Bombe, auch ich hätte lieber auf kleinen Pferden die Steppe durchzogen und geschrien: ‚Kosaken, Kosaken, wollt ihr euch etwa eure Armee zerschlagen lassen?’, wie in Taras Bulba, dem gewaltigen Roman von Gogol […]

Mathias’ Sehnsucht nach Gewalt und Revolution erinnert an die Kriegsbegeisterung zahlreicher Intellektueller vor dem Ersten Weltkrieg. Trümmer, Träume, Jugend, Glück – an großen Worten wird nicht gespart. Das Pathos des Erzählers speist sich einerseits aus dem Wunsch, in die Weltgeschichte einzugreifen, andererseits aus einem grenzenlosen Selbstmitleid angesichts der im Rausch verschwendeten Zeit.

Als ich sie [Jeanne] in Paris kennenlernte, waren wir gerade achtzehn, ich war aus meiner Provinz aufgebrochen und hatte den Eindruck, ein Gefängnis verlassen zu haben, aus dem Gulag zurückgekehrt zu sein, aus Magadan oder sonstwoher, und eine Freiheit wiederzuerlangen, die ich in Wirklichkeit nie besessen hatte, außer in den Büchern, in den Büchern, die für einen Jugendlichen sehr viel gefährlicher sind als Waffen, denn sie hatten unmöglich zu befriedigende Wünsche in mich getrieben, Kerouac, Cendrars oder Conrad erfüllten mich mit dem Verlangen nach einem unendlichen Aufbruch, […] wir hatten keine Revolution mehr, uns blieben nur die Illusionen der Reise, des Schreibens und der Drogen.

Das kauft man dem Protagonisten, der anscheinend alles erlebt hat, nicht ab. Klischee folgt auf Klischee, und die Bildung langer Sätze mit mehreren Nebensätzen simuliert den Eindruck von Erregtheit und Authentizität. Man ist versucht zu denken, die Montage von Großstadtsehnsucht und Entlassung aus dem GULag sei ironisch zu verstehen, zumal aus dem Munde eines Erzählers, der an anderer Stelle vorgibt, Schalamow, den „Schaufelkünstler“, gelesen zu haben. Aber nach ironischen Anzeichen sucht man vergeblich.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Park Pobedy Moscow Metro
via Wikimedia Commons
Cover „Der Alkohol und die Wehmut“: Matthes & Seitz Verlag
Angaben zum Buch
Mathias Énard
Der Alkohol und die Wehmut
Roman
Aus dem Französischen von Claudia Hamm
Matthes & Seitz Verlag 2016 · 106 Seiten · 16 Euro
ISBN: 978-3957573490
Bei Amazon oder buecher.de

Von Paul Hohn

Lebt und studiert in Berlin, arbeitet als Praktikant bei Tell.

3 Kommentare

  1. Diese trostlosen Weiten klingen ungemein interessant. Ich würde nach dieser Kritik eher bezweifeln, daß es sich um triviale Literatur handelt. Zumindest bin ich auf diesen Roman neugierig geworden. Neugieriger als auf „Der Kompass“. In diesem Sinne zeigt sich, daß auch ein Verriß das Interesse für ein Buch wecken kann.

    „Mathias’ Sehnsucht nach Gewalt und Revolution“ in bezug zu jenem Zitat würde ich hingegen mit einer ironischen Brechung lesen. Énard scheint genau diese Hoffnungslosigkeit zu schildern, die bereits den Grund liefern, weshalb bei Autoren wie Kerouac der Optimismus und die inszenierte Unmittelbarkeit nicht funktionieren. Das scheint mir eher eine Stärke denn eine Schwäche des Buches.

    Als Ergänzung sei vielleicht noch empfohlen von Wenedikt Jerofejew Die Reise nach Petuschki. Da finden wir eine prima Geschichte von Zugfahren und Trinken. Und zwar nicht einfach nur Trinken als Trinken, sondern trinken wie es nur die Begabten können. Insofern dürfte Énards Erzählung auch als eine literarische Reaktion auf jenes Werk von Jerofejew zu lesen sein.

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  2. Habe Jerofejew voriges Wochenende wiedergelesen. Er scheint ja gar nicht mal in Petuschki angekommen zu sein!!
    „Ich rannte auf die Plattform hinaus und sah nach rechts: auf der beschlagenen Scheibe stand schön und deutlich ‚Sau‘. Ich sah nach links: da stand ebenfalls ‚Sau‘. O mein Gott!“ (übersetzt von Natascha Spitz)

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  3. Anselm Bühling 17. Dezember 2016 um 21:10

    „Nach Petuschki, ha-ha, kommt überhaupt keiner…!“

    (ebenfalls übersetzt von Natascha Spitz. Peter Urban hat das Buch zu ernst genommen, und damit nicht ernst genug.)

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