Was heißt es heute, konservativ zu sein? Warum fühlen sich Intellektuelle von diesem Denken angezogen, und wo liegt die Grenze zum Rechtspopulismus? Mit diesen Fragen setzt sich tell in einer Reihe von Beiträgen auseinander.

Bisher erschienen:

Anselm Bühling: Ich finde Ulrich Greiners Buch Heimatlos gedanklich bestürzend schlampig und darin auch wieder symptomatisch. Denn es ist vor allem ein Befindlichkeitsdokument. Zwar ist es ganz in Ordnung, seinen Befindlichkeiten Ausdruck zu verleihen. Aber ich wünsche mir keine Politik, die sich in erster Linie an solchen Befindlichkeiten orientiert – ob es nun Greiners Befindlichkeiten sind oder meine oder sonst jemandes.

Lars Hartmann: Dann haben wir beide ein sehr unterschiedliches Buch gelesen. In der Tat: Greiner formuliert eine Sichtweise auf die Welt, teils polemisch und zuspitzend, und damit ist das Buch in gewisser Hinsicht nichts weiter als eine Meinung. Das zeigt bereits der auf Subjektivität deutende Untertitel „Bekenntnisse“ an. Wir denken dabei an Augustinus und Rousseau, womit wir voll im europäischen und eben nicht nur im völkischen Kontext von Kultur sind. Diese Ausführungen macht Greiner nicht schlampig. Er führt Gründe für seine Sicht an – die man teilen kann oder eben nicht. Ich gehöre zu denen, die sie in weiten Passagen teilen. Du teilst sie nicht. Ich halte beispielsweise Merkels Einwanderungspolitik vor zwei Jahren (offene Grenzen ohne Absprache mit EU-Partnern) für verheerend. Aber in Bezug auf die Fragen handelt es sich um Überzeugungen und Sichtweisen.

Kultur und Identität

A.B.:  Wo es um Kultur geht, enthält das Buch sachkundige und differenzierte Passagen – hier ist Greiner erkennbar zu Hause, also gerade nicht heimatlos. Und seine Bedenken in Sachen Sterbehilfe und Reproduktionsmedizin sind mir teilweise nahe.
In anderen Bereichen finde ich das Buch eher deprimierend. Zwei Kapitel befassen sich mit Identität – eins mit „deutscher“ Identität, an der dem Autor offenkundig liegt, und eins mit linker Identitätspolitik, die er mit den Argumenten des  Politikwissenschaftlers Mark Lilla kritisiert. Kultur ist ein Können, eine lang eingeübte Praktik.
Lars Hartmann
Dass es einen Zusammenhang zwischen beidem gibt, scheint Greiner nicht aufgefallen zu sein. Die Räsonnements zum Eigenen und zum Fremden, zur Leitkultur und zur Islamkritik, sind Elemente einer Ausgrenzungslogik, die Greiner an keiner Stelle wieder einfängt. Da geht es darum, die Gesellschaft in Menschen erster und zweiter Klasse einzuteilen: auf der einen Seite die Träger der Leitkultur und auf der anderen Seite die Kulturfremden, die a priori im Verdacht stehen, Gegner dieser Leitkultur zu sein und die diesen Verdacht durch fortlaufende Anpassung immer wieder von Neuem ausräumen müssen.

L. H.:  Gerade in der Identitätspolitik differenziert Greiner und führt Argumente an: Er redet dem Eignen nicht als reinem Selbstzweck das Wort, damit alles rassisch schön rein bleibt –  genau diese Sicht hält er für Quatsch. Deutsche Kultur ist allerdings ein Traditionszusammenhang, der sich in der Geschichte aufbaute und sich kontinuierlich entwickelt hat, oft in mühevollen Kulturkämpfen. Das hat nichts mit Ausgrenzungslogik zu tun, sondern damit, dass man in diese Dinge hineinwachsen muss. Kultur ist ein Können, eine lang eingeübte Praktik.

Islam und Christentum

A.B.: Bei Greiners Islamkritik – und nicht nur bei ihm – fällt mir auf, dass sie sich gerade nicht auf bestimmte Ausprägungen und Ansichten beschränkt, sondern aufs Ganze geht. Es ist eine Sache zu sagen: Ein Religionsverständnis, das Morde und Unterdrückung anderer als gerechtfertigt ansieht, ist inakzeptabel. Es ist eine andere Sache zu sagen: Das Christentum ist unsere Religion, es ist die bessere Religion und gehört hierher; der Islam ist die fremde und schlechtere Religion und gehört nicht hierher. Mit der zweiten Aussage zieht man einen Trennungsstrich: Wer sich in dieser Gesellschaft als Muslim versteht, gehört zunächst einmal nicht dazu, er muss seine Integrationsfähigkeit grundsätzlich unter Beweis stellen.

L.H.: Die Islamisierung ist in Greiners Sicht nicht einfach eine Behauptung, sondern er begründet, weshalb besonders bei Flüchtlingen aus dem islamischen Kulturraum Probleme bestehen. Dies sind Befürchtungen, die sich nicht einfach beiseiteschieben lassen. Ich lasse hier das komplette Zitat sprechen:

Es ist leicht zu sehen, dass der Vorrat solcher Gemeinsamkeiten nicht bei allen zugewanderten Menschen gleich groß ist. Die vielen hunderttausend Flüchtlinge, die 2015 und später nach Deutschland kamen, stammen mehrheitlich aus dem islamischen Kulturkreis, und ihre Vorstellungen von Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit unterscheiden sich erheblich von den unsrigen. Die Warnung vor einer Islamisierung ist keineswegs absurd, auch wenn sie von ressentimentgeladenen Demonstranten an die Wand oder auf die Transparente gemalt wurde. Ich zweifle daran, dass die Eingliederung so vieler Menschen, denen unsere Kultur und Geschichte fremd sind, in absehbarer Zeit gelingen kann. Im Übrigen glaube ich nicht, dass es einen generellen Fremdenhass in diesem Land gibt. Kroaten und Polen, Ukrainer und Russen, die hier in nennenswerter Anzahl leben, haben zuweilen mit abschätzigen Reaktionen zu tun, doch nicht mit einer Pogromstimmung – ganz zu schweigen von Japanern, Italienern, Franzosen und vielen anderen Ausländern. Angenommen, Island müsste wegen eines Vulkanausbruchs evakuiert werden, und alle Isländer müssten hier unterkommen– es wäre ein Problem, aber ein lösbares.

A.B.: An diesem Zitat kann ich ganz gut zeigen, wo mir unheimlich zumute wird. Was Greiner nicht explizit sagt, aber insinuiert: Die Anwesenheit bestimmter Menschen „in nennenswerter Anzahl“ in diesem Land löst eine Pogromstimmung aus; sie stellt ein unlösbares Problem dar. Also sollten solche Menschen nicht „in nennenswerter Anzahl“ in diesem Land anwesend sein. Und sofern sie da sind, sollten sie verschwinden.
Greiner beschwört hier eine „Pogromstimmung“ um nahezulegen, dass diejenigen, gegen die sie sich richtet, verschwinden sollten, um das Problem zu lösen. Damit kann man auch die antisemitischen Pogrome im 19. Jahrhundert rechtfertigen. Auch damals war es so, dass in den betreffenden Orten „in nennenswerter Anzahl“ Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund lebten. Ob Greiner das bewusst ist oder nicht: Man darf ihm so etwas nicht durchgehen lassen.

Differenzen und Einflüsse

L.H.: Ich lese aus diesen Sätzen kein Beschwören einer Pogromstimmung heraus, ganz im Gegenteil: Es gibt eine Ablehnung, die auf kulturellen Brüchen und Differenzen beruht. Insofern ist dies ein Plädoyer dafür, dass wir uns sehr genau überlegen und prüfen sollten, wenn wir uns dauerhaft ins Land holen.
Die Unterscheidung zwischen dem Eigenem und dem Fremdem ist teils ausgrenzend, da gebe ich dir Recht. Ist es schon ‚Islamisierung‘, wenn die muslimische Minderheit deutlicher präsent ist?
Anselm Bühling
Doch halte ich diese Apodiktik für keinen Fehler, und das von dir kritisierte Zitat lese ich nicht inkriminierend. Die hier lebenden Muslime haben sich an die bestehenden Gesetze zu halten, sie sind Bürger dieses Landes mit einer bestimmten Kultur, mögen sie glauben, was sie wollen. Etwas moderater sehe ich es, was die Förderung von liberalen Strömungen im Islam betrifft. Hier sollte ein Staat fördern, helfen, unterstützen. Nicht aus moralischen Gründen, sondern rein pragmatisch, um den Laden ruhig zu bekommen.

A.B.: Was mich an dem Zitat beunruhigt, gilt für das ganze Buch: Greiner schränkt eben nicht klar ein. Es geht ihm um viel mehr als nur darum, dass bestimmte Verhaltensweisen nicht toleriert werden dürfen – Übergriffe gegen Frauen, Schwulenfeindlichkeit, Antisemitismus, Zwangsverheiratung, you name it. Es geht ihm darum, den Unterschied zwischen dem christlichen und dem islamischen Kulturraum möglichst fundamental darzustellen. Und es geht ihm darum, die Gefahr einer ‚Islamisierung‘ zu vermeiden. Was er darunter genau versteht, sagt er nicht. Hält er die deutsche und europäische Kultur für so schwach, dass sie angesichts einer etwas größeren muslimischen Minderheit in sich zusammensackt und es zu einem Houellebecqschen Unterwerfungsszenario kommt?  Oder ist es für ihn schon ‚Islamisierung‘, wenn diese Minderheit im öffentlichen Leben deutlicher präsent ist?
Greiner sagt an keiner Stelle unmissverständlich: Ich habe kein Problem mit Muslimen, die hier leben und arbeiten und sich an die Gesetze halten. Er sagt an keiner Stelle, was du oben sagst, nämlich dass man auf liberale Strömungen innerhalb des Islam aktiv zugehen und sie fördern sollte.

Trittbrettfahrer?

Sieglinde Geisel: Wenn ich eure Diskussion verfolge, erkenne ich folgenden Grundkonflikt: Welche Sorgen sind berechtigt (um das Land, die Heimat, die Zukunft), und was ist inszenierte Bedrohung und manipulative Angstmacherei? Die Neue Rechte lebt von der Angst, deshalb baut sie systematisch Bedrohungsszenarien auf. Intellektuelle wie Greiner springen auf dieses Trittbrett auf. Symptomatisch ist ja auch, dass Greiner sein Konservativsein als „Lebensgefühl“ beschreibt, nicht als eine politisch durchdachte Haltung.
Ich finde interessant, was Greiner mit dem Begriff „konservativ“ verbindet und für sich in Anspruch nimmt: Es gehe darum, „dem Vergessenen und Verlorenen zu seinem Recht [zu] verhelfen“. Er hält es für konservativ, dass er „die bedeutenden Kunstwerke unserer reichen Vergangenheit mit größerer Aufmerksamkeit als früher“ rezipiert. Als würden Linke keine Klassiker lesen!
Sogar der Glaube ans ewige Leben gehört zu seinem Konservativsein. Greiner bemüht dazu das Bibelzitat „Denn Staub bist du, und zu Staub kehrst du zurück“ und sagt dazu im Anschluss:

Was nach dem Staub war und was vor dem Staub gewesen sein wird, ist in jedem Fall mehr als das schiere Nichts. – Dies ist vermutlich der allerkonservativste Gedanke meiner konservativen Bekenntnisse.

Ich würde das Wort konservativ hier gern durch spirituell ersetzen.
Am meisten wundert mich die Art und Weise, wie Greiner das Christentum für die konservative Sache vereinnahmt. Die Bergpredigt scheint er auszublenden, sonst dürfte er nicht nur das Eigene gegen das Fremde verteidigen, sondern müsste sich auch um das Schicksal der „Geringsten“ kümmern, derjenigen, die tatsächlich ihre Heimat verloren haben. Dieser Heimatlose, der jeden Abend in sein warmes Bett steigen kann, spricht davon mit keinem Wort.
Ich erinnere mich an die Diskussion, die wir an der tell-Redaktionssitzung über Greiners Heimatlos geführt haben. Nach ein paar Flaschen Wein stand auf einmal ein Wort im Raum: „Schein-Rationalität“. Google kennt nur Scheinrabatte, Scheinriese, Scheinschwangerschaft, Scheinselbständigkeit. Offenbar ein neues Wort, das wir dringend brauchen.

 

Beitragsbild: Greifensee, MS Heimat
Von Roland Zh (Eigene Arbeit) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Von Redaktion

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