Im Thomas-Mann-Jubiläumsjahr 2025 wurde unter anderem auf Manns politische Entwicklung hingewiesen. Hierbei fokussierten viele vor allem auf sein politisches Verhalten zu Zeiten des Faschismus: die klare Kante gegen Hitler. Dem war eine Wandlung vom ehemals undemokratischen Kaisertreuen vorausgegangen – ein Schritt, den nach der desolaten Niederlage nicht viele der kaisertreuen Konservativen gehen konnten oder wollten. Und so wurde Manns Verhalten sehr zu Recht als Vorbild gelesen, vor allem in Kombination mit seinen sehr frühen Warnungen vor Hitler und seiner Empfehlung an das deutsche Bürgertum, den Schulterschluss mit den Sozialdemokraten zu wagen.

Rauswurf aus Deutschland

Im Februar 1933 geht Thomas Mann mit seiner Familie außer Landes, lebt in einem Interregnum und wird schließlich 1936 ausgebürgert. Innerlich hat er den Rauswurf aus dem Kulturraum, dem er sich als Schriftsteller zugehörig fühlte, nie ganz überwunden. Im amerikanischen Exil kamen dann seine berühmt gewordenen Worte: „Wo ich bin, ist Deutschland!“ Aber das Deutschland, das ihn geprägt hatte, gab es nach 1945 nicht mehr.

Aus diesem geschlagenen und moralisch darniederliegenden Deutschland meldete sich unmittelbar nach Kriegsende ein alter Bekannter, Walter von Molo, und forderte Thomas Mann in einem offenen Brief zur Rückkehr nach Deutschland auf.

In dem berühmten Antwortbrief schreibt Mann über sein Verhältnis zu Deutschland dann allerdings:

Ich fremde.

Er hebt seine amerikanische Staatsbürgerschaft hervor, betont, wie gut das Land es mit ihm gemeint hat. Aber er schließt auch mit den Worten:

Der Traum, den Boden des alten Kontinents noch einmal unter meinen Füßen zu fühlen, ist, der großen Verwöhnung zum Trotz, die Amerika heißt, weder meinen Tagen, noch meinen Nächten fremd, und wenn die Stunde kommt, (…) so will ich hinüberfahren.

Im Goethe-Jubiläumsjahr 1949 war es dann so weit. Der seiner Heimat entfremdete Autor fuhr nach Deutschland, im Gepäck nicht seine Rede „Goethe und die Demokratie“, die er in der ganzen Welt gehalten hat, sondern eine Rede, eigens für die Deutschen geschrieben: „Ansprache im Goethejahr“. In ihr setzte er sich mit dieser Entfremdung und den Differenzen mit der sogenannten Inneren Emigration auseinander.

Besuch in Deutschland

Das ist der Hintergrund für den Film „Vaterland“ des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski..

Wahrlich ein Filmstoff. Freilich erlaubt sich Pawlikowski hierbei mit den Fakten einige Freiheiten. Denn er erzählt Manns Reise im Goethejahr 1949, die ihn nach Frankfurt am Main und nach Weimar führen wird – also in beide Goethestädte und damit in beide sich gerade konstituierende deutsche Teilstaaten – ein wenig verfremdet. Im Film lässt Pawlikowski Thomas Mann mit seiner Tochter Erika zu beiden Goetheehrungen fahren. In Wahrheit ist Erika jedoch seinerzeit nicht mitgefahren. Sie lehnte 1949 noch jeden Besuch in dem Land ab, das wenige Jahre zuvor der gesamten Familie nach dem Leben getrachtet hatte. Auch ein „letztes“ Telefonat mit dem suizidalen Bruder Klaus ist so nicht überliefert, zudem starb Klaus Mann bereits im Mai, als das Ehepaar Mann zusammen mit Erika noch in Stockholm weilte. Ob der Film dennoch oder gar gerade deswegen funktioniert, darüber später mehr. Zunächst betrachte ich die Tatsachen.

Über die Frage, ob Deutschland nach dem Krieg zu meiden sei oder nicht, gab es bei den Manns einen jahrelang schwelenden Familienstreit. Während des Europabesuchs 1947 hatte Erika Mann, die strikt gegen einen Besuch bei den „unverbesserlichen Nazis“ war, diesen Besuch noch verhindern können. Doch 1949 war der Magnet Goethe für Thomas Mann zu stark. 

Die Konfliktlinien – persönliche, politisch-kulturelle, familiäre – waren abgesteckt und eigentlich schon komplex genug. Dazu kam die politische Entwicklung. Die USA, vormals von Mann noch in den höchsten Tönen gelobt, veränderten sich aufgrund des Kalten Krieges innenpolitisch. Dieser kalte Krieg, und mit ihm die Teilung Europas sowie Deutschlands, machten die Sache kompliziert: Welches Deutschland sollte es denn sein? Es wird sich zeigen, dass Thomas Manns politische Moral gerade bei dieser Frage ins Schlingern kommt.

Nach einem vielfachen Hin und Her trifft Mann eine Entscheidung: Er möchte in beide Goethestädte fahren, denn er kenne „keine Zonen“. Und doch ist ihm nicht wohl dabei. Vor seiner Abfahrt nach Frankfurt am Main schreibt er in sein Tagebuch:

Gefühl, als ob es in den Krieg ginge.

In Frankfurt stellt er sich dann

den Freunden, um sie nicht im Stich zu lassen, den Feinden, um den Anschein zu meiden, als verberge ich mich vor ihnen.

Thomas Mann als Brückenbauer?

Im Osten Deutschlands haben Stalin und sein Statthalter Walter Ulbricht bereits für klare sozialistische Verhältnisse gesorgt. Bürgerliche Freiheit ist hinter der Elbe nicht gegeben. Und im Konzentrationslager Buchenwald, keine zehn Kilometer von Weimar entfernt, sind nunmehr Gegner des neuen Regimes eingesperrt. Im Westen fragten viele, was Thomas Mann, nach seinem Engagement gegen die aus dem Bürgertum entstandene faschistische Unfreiheit, wohl zu dieser neuen Unfreiheit sagen würde.

Auch dazu gab es innerfamiliäre Konflikte. Erika, als einflussreiche „Hofnärrin“, wie Golo Mann die Rolle seiner Schwester im letzten Lebensjahrzehnt des Vater bezeichnete, war eine harte Kritikerin des McCarthy-Antikommunismus in den USA, der zu wahren Hexenjagden auf kritische Intellektuelle geführt hatte. Auch Thomas Mann erlebt diese veränderte Stimmung. Das ist zunächst keine günstige Großwetterlage, um den Kommunismus zu kritisieren, ohne dabei Applaus von der falschen Seite zu riskieren.

Thomas Mann fährt zuerst nach Frankfurt, danach lässt er sich für seine Rede auch in Weimar feiern und sogar zum Ehrenbürger ernennen. Das Preisgeld des neu gestifteten Goethepreises stiftet er seinerseits für die Restaurierung der Herderkirche in Weimar. Er versteht sich als Brückenbauer in einer Welt der atomaren Bedrohung, allerdings sieht er dabei vor allem die USA als Aggressor. Mit Kritik am Staatssozialismus hält er sich zurück.

Kritik an zögerlicher Haltung

Doch dann wird Mann mit einer fundamentalen Kritik an seinem zögerlichen und passiven Verhalten in Weimar konfrontiert. Sie kommt keineswegs nur von Hardlinern wie seinem amerikanischen Gegner, dem Journalisten Eugene Tillinger. Die prägnanteste Kritik schreibt niemand anders als der ehemalige Buchenwald-Häftling Eugen Kogon. Und zwar erneut in Form eines offenen Briefs, in dem er Thomas Mann auffordert, das Lager Buchenwald zu besuchen.

Kogon nimmt auf Thomas Manns Ansprache im Goethejahr Bezug, in der dieser kundtat, sich „der Freundschaft“ und „dem Hass“ zu „stellen“:

Nun also, sollten Sie in Weimar sprechen, so stellen Sie sich der Freundschaft und dem Hass von 12’000 politischen Gefangenen im bloß acht Kilometer entfernt gelegenen Konzentrationslager Buchenwald.

Und weiter:

Schon einmal haben die in Buchenwald Inhaftierten zur Kenntnis nehmen müssen, wie nur acht Kilometer weiter deutsche Dichter Goethe feierten.

Kogon meint das Dichtertreffen 1942 in Weimar.

Wollen Sie, Thomas Mann, heute eine gleiche Konstellation heraufbeschwören?

In einem weiteren offenen Brief, in der schweizerischen Zeitung „Volksrecht“, fragt der schwedisch-baltische Journalist Paul Olberg, wie Thomas Mann, der „mit so unerbittlicher Schärfe den Kampf gegen Gewalt und Terror geführt hat, die Einladung eines Regimes annehmen konnte, das in nicht minder brutaler Weise Freiheit und Humanität mit Füßen tritt“ .

 Auf diesen Brief reagiert Thomas Mann am 27. August 1949 öffentlich:

Sie schreiben viel von politischen Freiheiten und staatsbürgerlichen Rechten, die in den Westzonen Deutschlands dem Volke gewährt sind – und scheinen ganz dabei zu vergessen, was Sie vorher über den Gebrauch gesagt haben, der meistens von diesen Gaben gemacht wird. Es ist ein unverschämter Gebrauch. Der autoritäre Volksstaat hat seine schaurigen Seiten. Die Wohltat bringt er mit sich, dass Dummheit und Frechheit, endlich einmal, darin das Maul zu halten haben.

Später schrieb er dann in einem Brief an Agnes E. Meyer, Miteigentümerin und Mitherausgeberin der Washington Post sowie eine wichtige Unterstützerin Manns: Dieser Satz, der die Zensur zu einer Wohltat verklärt, sei in seiner „vollkommenen Unnötigkeit ein wirklich dummer Streich.“

Aber der Satz war in der Welt. Überhaupt atmet der gesamte Brief an Olberg den Geist des geblendeten Narren.

Über den „schaurigen Volksstaat“

Genau die Argumente gegen den „schaurigen“ Volksstaat, die Thomas Mann zwar nennt, aber zugleich zu entkräften versucht, entsprachen der auch damals schon erkennbaren Realität. Mann räumt in seiner Antwort selbst ein:

Man hat leicht sagen: „Die wollen den Geist nur vorspannen, nur ausnützen, sich nur mit ihm schmücken.“ Es ist doch ernster.

Zwar ist Thomas Mann kein Kommunist, und er weist im offenen Brief an Olberg auch noch einmal auf die Probleme der Freiheit im „schaurigen Volksstaat“ hin:

Unter den kommunistischen Offiziosen der deutschen Ostzone fehlt es gewiß nicht an subalternen, streberischen und gewaltlüsternen Tyrannen.

Doch schon im nächsten Satz heißt es:

Aber ich habe in Gesichter geblickt, denen ein angestrengt guter Wille und reiner Idealismus an der Stirn geschrieben steht, Gesichter von Menschen, die achtzehn Stunden täglich arbeiten und sich aufopfern, um zur Wirklichkeit zu machen, was ihnen Wahrheit dünkt.

Diese Idealisten hat es in der beginnenden DDR mit Sicherheit gegeben. Aber rechtfertigt dieser Idealismus die Tatsache der politischen Gefangenen?

Brief an Walter Ulbricht

Über politische Gefangene in der nunmehr existierenden DDR gab es von Thomas Mann zwei Jahre lang kein Wort. Immerhin scheint er auf eine Gelegenheit gewartet zu haben, um „Versäumtes“ nachzuholen, so jedenfalls schreibt es Inge Jens 1993 in ihrem Essay über einen Brief von Thomas Mann an Walter Ulbricht aus dem Jahr 1951. Diese „Gelegenheit“ waren Schauprozesse in der sächsischen Stadt Waldheim, in denen Insassen sowjetischer Lager von den Gerichten der DDR summarisch abgeurteilt wurden. Daran, dass es sich hierbei um politische Strafprozesse gehandelt hat, war auch nach damaliger Informationslage nicht zu zweifeln.

Thomas Mann hatte schon einmal versucht, über Johannes R. Becher einem inhaftierten Buchhändler zu helfen. Dieser Versuch allerdings war fehlgeschlagen. Deswegen wandte er sich diesmal gleich an Walter Ulbricht. (Kursiv sind die Passagen, die Ulbricht im Original angestrichen hatte.)

Der Kommunismus hat – das ist die Wahrheit – mit dem Faschismus die totalitäre Staatsidee gemeinsam, aber er will doch wahrhaben, und wir möchten es mit ihm wahrhaben, dass sein Totalitarismus sich von dem faschistischen himmelweit unterscheidet, einen ganz anderen ideologischen Hintergrund, ganz andere Beziehungen zum Menschheitsgedanken hat, und darum sollte er Sorge tragen, jede Möglichkeit der Gleichsetzung und geflissentliche Verwechslung auszuschließen, sollte (…) Kruditäten und formlose Grausamkeiten meiden, die ihn äußerlich, für das Auge, aber das heißt: praktisch auf das Niveau des Faschismus herabsetzen.

Mit einer genialen Wendung bittet er schließlich Walter Ulbricht um Gnade für die politischen Gefangenen:

Darum bittet, das rät Ihnen ein alter Mann, in dessen Denken und Dichten die Idee der Gnade längst hineinwirkt. Das deutsche Wort ‚gnadenlos‘ hat einen eigentümlich doppelten Sinn. Es bedeutet zugleich ‚unbarmherzig‘ und ‚unbegnadet’. Unbegnadet ist der starre Wahn, allein die ganze Wahrheit und das Recht auf unerbittliche Grausamkeit zu besitzen. Wer aber Gnade übt, der wird Gnade finden.

Jedem DDR-Bürger wäre in den fünfziger Jahren mit diesem Brief die Haft sicher gewesen. Den berühmten Thomas Mann dagegen musste man umgarnen, um ihn weiterhin propagandistisch verwenden zu können. So ging der Brief zu Erich Mielke mit dem Auftrag, die von Thomas Mann bezeichneten konkreten Fälle – Mann hatte Namen genannt – abzuarbeiten. Inwieweit das erfolgte, ist heute nur noch schwierig nachzuvollziehen. Eine Antwort hat Ulbricht nie geschrieben.

Nachgeholtes Versäumnis?

Aber reagiert Thomas Mann mit diesem Brief tatsächlich auf die Einlassungen von Eugen Kogon und Paul Olberg? Hat er mit diesem Brief wirklich „Versäumtes“ nachgeholt, wie Inge Jens behauptet? Der Brief an Ulbricht wurde damals nicht öffentlich gemacht. Das geschah erst in großen Teilen 1963 in der „Welt“ durch Alfred Kantorowicz, der bei seiner Flucht aus Ost-Berlin eine Kopie dieses archivierten Briefes in den Westen schmuggelte. Vollständig wurde der Brief erst 1990 in der „Neuen Rundschau“ des S. Fischer Verlags abgedruckt.

Thomas Mann selbst ließ den Brief ins Englische übersetzen und archivierte ihn seinerseits, möglicherweise um ihn als Angeklagter vor dem Ausschuss für unamerikanische Umtriebe verwenden zu können. Dazu kam es bekanntlich nicht mehr. 1952 siedelte Mann, aus Enttäuschung über den politischen Kurs der USA und die wachsenden öffentlichen Anfeindungen, endgültig in die Schweiz über.

Somit bleiben Fragen. Warum agierte Thomas Mann, der die Verführbarkeit des Bürgertums durch den Faschismus so früh erkannt hatte, gegenüber dem Stalinismus so hilflos? Er, der bürgerlich-konservative Schriftsteller, nimmt in seiner zögerlichen Milde gegen den Kommunismus nachgerade die Haltung mancher späterer westlicher Linksintellektuellen vorweg.

Fehlende Kenntnisse

Ich denke, es liegt auch an seiner Art, über Politik zu denken und zu schreiben. Sein rein metapolitischer, gewissermaßen kulturphilosophischer Ansatz, den aufkommenden Nationalsozialismus aus dem Geiste Nietzsches zu erklären, machte es Thomas Mann unmöglich, die politische Taktik der Roten Diktaturen zu durchschauen. Er hatte zeitlebens weder Hegel noch Marx gelesen.

Liberale Intellektuelle in den Ideologiestreit zwischen Ost und West einzubinden, gehörte schon immer zur politisch-kommunikativen Taktik sozialistischer Machthaber. Auch Thomas Manns Einladung nach Weimar war letztlich Teil dieser Taktik. Jeder Renegat des Sozialismus, exemplarisch seien Manès Sperber oder Arthur Koestler genannt, hätte diese Mechanismen sofort durchschaut. Thomas Mann jedoch kannte die Spielregeln der sozialistischen Welt ganz einfach nicht.

So zeigt diese komplexe Geschichte mehrere Dinge: Man kann politische Verworfenheit offenbar nur dann vollständig durchschauen, wenn man das Haus, in welches das politische Verbrechen eingezogen ist, in allen Winkeln kennt. Die Verführbarkeit des konservativen deutschen Bürgertums für Adolf Hitler konnte Thomas Mann folglich klar erkennen. So wurde Thomas Mann zum Warner des deutschen Bürgertums. Zu einem Warner vor Machtmissbrauch in der sozialistischen Welt wurde er nie. Hier gab er sich immer vergleichsweise milde, ohne allerdings mit Zielen und Methoden der Machthaber übereinzustimmen.

In seiner Thomas-Mann-Biografie Das Leben als Kunstwerk (2001) resümiert Hermann Kurzke diesen politisch so überladenen Deutschlandbesuch des Jahres 1949. Er fragt schließlich ebenso lapidar wie treffend: „Besonders tragisch ist, dass sich nicht einmal mit der deutschen Hitler-Opposition ein fruchtbares Gespräch entfalten wollte. Warum war mit Eugen Kogon nicht zu reden, der doch wie er zu den Verfolgten gehört hatte?“

Und Klaus Harpprecht fragt in Thomas Mann – Eine Biographie (1995) schlicht: „Was hätte er [Thomas Mann] aufs Spiel gesetzt, wenn er in einer seiner Reden in ruhiger Klarheit gesagt hätte, er empfinde es als eine unerträgliche Bedrückung, dass die Konzentrationslager der faschistischen Epoche fortbestünden?“

Thomas Mann als Orakel?

Dass wir heute eindeutig auf der Seite Eugen Kogons stehen, ist evident. Waren die Fronten damals schon so eindeutig? Oder gab es trotz des Stalinismus berechtigte Hoffnungen auf einen menschlichen Sozialismus?

Inge Jens, nach dem Tod von Peter de Mendelssohn Herausgeberin der Mannschen Tagebücher, ist sich noch 1993 nicht sicher, wie sie Manns Verhalten in dieser Kontroverse werten soll. In einem Gespräch mit ihrem Mann Walter Jens, Hans Mayer und Hanjo Kesting sagt sie über Kogons Brief und dessen dort formulierte Forderung, das KZ Buchenwald zu besuchen: „Das ist eine grandiose Forderung von Kogon. Thomas Mann hat sie abgelehnt, in höchster Aufregung, wie man aus den Quellen lesen kann.“ Die Situation, in der sich Thomas Mann damals befand, beschreibt Inge Jens als eine „wirkliche Aporie“.

Ich selbst bin mir da nicht so sicher. Für mich zeigt sich vielmehr, dass es den politischen Auguren Thomas Mann eben doch so nicht gab. „Was reden die beiden Magier da?“, so beschreibt Golo Mann ein Gespräch zwischen Thomas und Heinrich Mann; Golo sah beide – den Vater gleichermaßen wie den Onkel – nicht als politische, sondern als literarische Wesen.

Über Heinrich Mann schrieb Golo einmal die schönen Sätze:

In den letzten Jahren der Weimarer Republik lebte er in Berlin […] und galt dort als politisches Orakel, was er nicht war, oder doch nur einmal, und da mit großartigem Klarblick, 1914; einmal genügt.

Kann man das nicht auch über Thomas Mann sagen? Er war nur einmal in seinem Leben das politische Orakel, nämlich 1933. Einmal genügt. Dieser einmalige Klarblick führte zur Entfremdung von einer geistigen Welt, der er sich  verbunden gefühlt hatte.

Entfremdung von Deutschland

Hiervon erzählt auch Pawilowskis Film, und zwar in inhaltlich zugespitzter, komprimierter Form. Für diese Zuspitzung wurde im Drehbuch, wie bereits angemerkt, das reale Geschehen angepasst.

So will im Film Klaus Mann, der real bereits zwei Monate tot war, mit nach Deutschland kommen, und im Film begeht er dann während des Besuchs von Thomas Mann in Frankfurt am Main Selbstmord. Dieser Selbstmord wird als ein Ausdruck der Entfremdung von der ehemaligen Heimat interpretiert – eine Entfremdung von Deutschland, die die gesamte Familie Mann betraf. Thomas Mann reagiert im Film zunächst scheinbar emotionslos, scheint dann aber zu erkennen, dass er auf den Verlust der Heimat nur anders antwortet als sein Sohn. Außerdem fährt Erika Mann mit ihrem Vater in beide Goethestädte, in Wahrheit jedoch war es Katia Mann, die ihn begleitete.

Dieser kurze, schön fotografierte Film behandelt alle oben beschriebenen Konflikte, manchmal nur in knappsten Andeutungen. Die Verquickung realer Personen aus dem Mann-Universum (samt ihren hinlänglich bekannten Biografien) mit einem fiktionalen Plot, der dem realen Geschehen explizit widerspricht, erscheint zunächst gewöhnungsbedürftig.

Dennoch ist der Film sehenswert – wenn ich auch diese Fiktion nicht benötigt hätte. Die realen Geschehnisse und Konflikte sind spannend genug.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Thomas Mann in der Paulskirche in Frankfurt am Main, 25.7.1949
Picture alliance/SZ Photo
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Von Herwig Finkeldey

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