Der Tod ist groß

Lektüretipp von Herwig Finkeldey

„Der Tod ist groß“, das wusste schon der junge Rilke. Was er freilich nicht wissen konnte: Dem Alter Größe abzuverlangen, dem Warten auf den unvermeidbaren Tod und gar dem Sterben, das ist für die Betroffenen doch eine erhebliche Herausforderung.

Von dieser Herausforderung erzählt Natascha Wodin in ihrem traurig-schönen Buch Die späten Tage. Das Buch, in der Ich-Form geschrieben, ist autofiktionale Erzählung und Essay in einem, daher ist es nur konsequent, dass ein Gattungsbegriff fehlt.

Natascha Wodin kontrastiert das Alter und dessen Zumutungen sowie den Tod in allen Facetten mit der letzten großen Liebe der Ich-Erzählerin. Es ist die größte, die sie je kannte. Ihr Geliebter namens Friedrich ist Mathematiker sowie Kenner der russischen Literatur und Sprache. Sie haben beide eine bittere Ausgrenzungserfahrung hinter sich: die Ich-Erzählerin als „Russenkind“ im Wirtschaftswunderland, Friedrich musste aus der DDR fliehen.

Allen geistigen Differenzen zwischen der Dolmetscherin und dem Mathematiker zum Trotz: Sie sind Philemon und Baucis und werden zusammen den Styx überqueren, verwandelt in eine Eiche und eine Linde. So jedenfalls phantasiert es sich die Ich-Erzählerin. Denn nicht nur der Tod ist groß, auch die Liebe ist es.

Genau davon erzählt dieses Buch und deswegen gehört es in jeden Strandkorb.

Angaben zum Buch

Natascha Wodin
Die späten Tage
Roman
Rowohlt 2025 · 304 Seiten · 24 Euro
ISBN: 978-3498003340


Flaschenpost aus Belarus

Lektüretipp von Sieglinde Geisel

Viktor Martinowitsch dürfte der einzige belarussische Autor von Rang sein, der noch im Land lebt. Obwohl seine Bücher verboten sind, weigert er sich, ins Exil zu gehen: Jemand müsse bleiben, sonst werde es niemanden geben, der die Veränderungen beschreiben könne, die irgendwann geschehen werden.

Und daran, dass diese Dinge irgendwann geschehen werden, gibt es für Martinowitsch keinen Zweifel: Der Titel des Romans Das Gute siegt ist für ihn Programm.

Im Prolog bezeichnet ein Autor-Ich dieses Buch als Flaschenpost. Wenn es gut sei, werde es seine Leser finden.

Das Wort stirbt nicht. Das Wort ist überhaupt die mächtigste Waffe im Universum.

Dabei siegt das Gute keineswegs in diesem Roman, der von den Protesten im Sommer 2020 in Minsk handelt. Der Ich-Erzähler Matwej will eigentlich nur „Heidegger“ retten, den Kater der von den Schergen des Regimes verhafteten Philosophieprofessorin Julia, der nun in der Wohnung eingesperrt ist. Doch dann gerät Matwej durch einen Zufall in die Fänge der Sicherheitskräfte und erlebt die Willkür des Regimes am eigenen Leib. Im Weiteren gibt es eine Dichterin namens Lady Di, gesegnet mit wunderbaren Kräften, und eine Theatertruppe, deren Stück verboten wird und die in Vilnius daraufhin die volle Härte des Exils erfährt.

Ein packender Roman, grundiert von einer melancholischen Ironie – und höchst lebendig übersetzt von Thomas Weiler.

Angaben zum Buch

Viktor Martinowitsch
Das Gute siegt
Roman
Aus dem Belarussischen von Thomas Weiler
Voland & Quist 2024 · 300 Seiten · 26 Euro
ISBN: 978-3863914554


Ein Buch, in dem alle Angst haben

Lektüretipp von Hartmut Finkeldey

Wie immer werbe ich auch diesen Sommer für einen Klassiker. Der Plot von Anna Seghers Roman ist einfach: Im KZ Westhofen brechen sieben Männer aus. Der Kommandant will die sieben innerhalb einer Woche zurückgeschafft wissen, um an ihnen per Kreuzigung ein grausames Exempel zu vollziehen. Sechs von sieben werden erwischt, begehen Selbstmord, stellen sich – ein einziger, Georg Heisler, ehemals Kommunist, aber eher Lebemann denn politisch geschult, kommt durch. Und zwar mithilfe alter Freunde und politischer Weggefährten.

Dabei zeigen sich einige Akteure als stabil, andere als feige – und genau das macht den Roman politisch aus: Denn Seghers zeigt keineswegs KP-Mitglieder, die ohne Fehl und Tadel agieren, während der ‚bürgerliche‘ Widerstand feige, opportunistisch, unfähig oder gar verräterisch ist. Der Pfarrer, der Georgs Häftlingskleidung verbrennt, der jüdische Arzt, der ihn behandelt, vor allem Familie Röder, alte Freunde, aber völlig unpolitisch: Sie sind es, die wesentlichen Anteil an der geglückten Flucht haben. Sie helfen aus Menschlichkeit und nicht, weil ein Parteiauftrag vorlag.

Indem Anna Seghers multiperspektivisch erzählt, gelingt es dem Roman auf eindrückliche Art, die Atmosphäre des dritten Reichs einzufangen. Eine Konstante gibt es dabei, die für alle gilt – in verquerer Weise sogar für die SS und die Gestapo, die unter Erfolgsdruck stehen: Angst, und damit die Zerstörung von Vertrauen, also aller Menschlichkeit.

In diesem Buch haben alle Angst: Darf ich Georg helfen, oder ist das eine Falle der Gestapo?

Wie es Georg in der Nacht geahnt hatte, verwandelte sich seine Heimatstadt mit allen Menschen die jemals in einem Zusammenhang mit seinem Leben gestanden haben, jene Gemeinschaft, die jedes Dasein trägt und umgibt, aus Blutsverwandten und Liebschaften und Lehrern und Meistern und Freunden, in ein System aus lebenden Fallen.

Ganz stark. Eine der größten literarischen Leistungen des Exils und der klassischen Moderne überhaupt.

Angaben zum Buch

Anna Seghers
Das siebte Kreuz
Roman
Aufbau Taschenbuch 2018 · 448 Seiten · 12 Euro
ISBN: 978-3746634692


Ein Sittengemälde jüdischen Lebens

Lektüretipp von Sieglinde Geisel

In ihrem Sachbuch Melting Point erzählt Rachel Cockerell die Geschichte ihrer jüdischen Familie, und zwar ausschließlich in Zitaten. Die Entscheidung, die Protagonisten für sich selbst sprechen zu lassen, begründet die Autorin so:

Ich habe verstanden, dass ich nicht Teil dieser Geschichte bin, im Gegensatz zu diesen russischen Juden, die damals in die USA kamen. Daher habe ich entschieden, meine Stimme wegzulassen und nur sie sprechen zu lassen.

Es ist, als hörte man ein virtuoses, hochspannendes Feature am Radio. Aus der Familiengeschichte wird ein Sittengemälde jüdischen Lebens: Wir sind hautnah dabei beim ersten zionistischen Kongress 1897 im Stadtcasino Basel, wir hören Theodor Herzl reden und lernen den heute vergessenen Theaterautor Israel Zangwill kennen, damals der berühmteste Jude der westlichen Welt.

Und man ist dabei, als David Jochelmann, der Urgroßvater der Autorin, nach dem Pogrom von Kischinau 1903 einen Zufluchtsort finden will für die verfolgten Juden Russlands. Man erlebt die Zwanzigerjahre in der Lower East Side New Yorks, wo sich der Begriff des Melting Pot zu etablieren beginnt – ein Begriff, den Israel Zangwill 1908 in einem Theaterstück erfunden hatte, zur Begeisterung von Theodore Roosevelt.

Es sind nicht nur die Details, die das Buch so ungemein lesenswert machen. Die Zitatmontage bietet Einsichten, die kein konventionelles Sachbuch zu bieten hat: politische Widersprüche, emotionale Leidenschaften, Sachzwänge und Zufälle, Ängste und Hoffnungen aller Beteiligten liegen offen zutage. Der perfekt komponierte Kontrapunkt der Stimmen, hervorragend übersetzt von Nina Frey und Cornelius Reiber, entwickelt einen Sog, dem man kaum widerstehen kann.

Angaben zum Buch

Rachel Cockerell
Melting Point. Suche nach dem gelobten Land
Eine Familiengeschichte
Aus dem Englischen von Nina Frey und Cornelius Reiber
Die Andere Bibliothek 2025 · 450 Seiten · 28 Euro
ISBN: 978-3847720669


Liebe in den Untiefen des Kulturbetriebs

Lektüretipp von Herwig Finkeldey

Wenn zwei sich lieben, freut sich eine Dritte. Die Beziehung des Künstlers Adam und der Schriftstellerin Eva läuft im ständigen On/Off-Modus. Nicht nur, dass die beiden sich lieben und nicht lieben, sie sehen einander auch als Material – und reflektieren ihre Beziehung daher zu Tode.

Wenn man sich fragt, ob etwas Kunst ist, ist es keine Kunst. Wenn man sich fragt, ob das Liebe ist, ist es keine Liebe.

Darüber hinaus grätscht nun jene Dritte, eine ebenso langweilige wie eifersüchtige Berlin-Mitte-Boutique-Lady, ständig hinein, indem sie Adam wiederholt verführt – der sich natürlich auch immer wieder verführen lässt.

In ihrem verqueren Liebesroman schildert Ruth Herzberg den bullshittigen Berliner Kunst-Betrieb mit satirischer Feder und kühler Verachtung. Und immer wieder kommt den Künstlern, den Schriftstellern sowie dem begleitenden Personal ein Spielverderber namens Realität dazwischen.

Ein wunderbar despektierliches Buch.

Angaben zum Buch

Ruth Herzberg
Frequenzen
mikrotext 2026 · 176 Seiten · 24 Euro
ISBN: 978-3948631529


Die Donau als Romanfigur

Lektüretipp von Agnese Franceschini

Vierzig Jahre nach seiner Veröffentlichung hat das Buch des italienischen Germanisten Claudio Magris nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Claudio Magris‘ Donau erzählt vom Verlauf und der Geschichte eines Flusses, der heute zehn Länder durchfließt, damals jedoch weniger, dafür aber mit weitaus undurchdringlicheren Grenzen und Barrieren. Vor vierzig Jahren bestand der Eiserne Vorhang noch, und auch ein Fluss wie die Donau musste sich ihm unterwerfen.

Und doch gelingt es Magris in dieser „Biographie eines Flusses“, die sich zusammensetzt aus unzähligen kleinen und großen Biografien von Menschen, Städten, Landschaften und Regionen, die verbindende Kraft der Donau wieder zum Leben zu erwecken.

Er entwirft, entlang des Flusses, einen regelrechten literarischen Atlas von Mitteleuropa mit Franz Kafka, Joseph Roth, Robert Musil, aber auch Elias Canetti und andere Größen der mitteleuropäischen und balkanischen Literatur. Entlang des Flusses begegnen wir Freud und Einstein, Philosophen wie Ludwig Wittgenstein und Karl Marx. Vor allem aber begegnen wir der Geschichte und ihren Protagonisten, von den Römern bis zu Ludwig I. von Bayern, vom Limes bis zur Walhalla, diesem dorischen Tempel, der sich wenige Kilometer hinter Regensburg über der Donau erhebt.

Der weiße Hellenentempel, der einen Namen aus der nordischen Mythologie trägt, symbolisiert jenen Traum von einer Symbiose zwischen Deutschland und Griechenland: die Germanen als Abkömmlinge der antiken Dorer sollten die Griechen des neuen Europas sein, sollten Europa eine neue, universale Kultur geben wie einst die Griechen der antiken Welt.

Das Buch ist keine Reportage, sondern ein versteckter Roman, mit der Donau als Protagonistin. Es ist gleichzeitig auch ein Buch über Grenzen aller Art und über die Schwierigkeit, sie zu überwinden: Neben nationalen und politischen Grenzen geht es auch um moralische, religiöse und sprachliche Grenzen.

Doch eigentlich ist es die Geschichte des Lebens: der Reise durch das Leben mit dem Tod als Ziel. Das Buch endet mit einem Gedicht des italienisch-österreichischen Dichters Biagio Marin.

Mach, dass mein Tod, Herr, sei wie das Fließen eines Stroms in t’el mar grando, in das grosse Meer.

Angaben zum Buch

Claudio Magris
Donau. Biographie eines Flusses
Aus dem Italienischen von Heinz Georg Held
dtv 2007 · 496 Seiten · 18 Euro
ISBN: 978-3423344180

Bildnachweis:
Beitragsbild: Sieglinde Geisel

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Von Redaktion

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