„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford)
Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufallsseite leistet.
(Warnung: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.)

Nachdem ich gestern angesichts der Seite 99 von Caroline Wahls Roman „1999 Meter über dem Meer“ einigermaßen ratlos die Achseln gezuckt habe, versuche ich es heute mit einem weiteren aktuell gehypten Band. Der Spiegel bezeichnet Tony Tulathimuttes Erzählband Fiasko: Fiktionen als „Buch des Jahrtausends“, die Süddeutsche Zeitung konstatiert schon im Titel: „Das ist die Männerliteratur, die es jetzt braucht“.

Bei Tony Tulathimuttes Fiasko: Fiktionen handelt es sich um einen Prosaband in sieben Erzählungen. Neben dem Fließtext gibt es Dialoge in Form von Gruppenchats, Social Media-Posts etc.

Die Seite 99 ist eine Seite mit Fließtext. Es geht um eine Frau, die von allen im Stich gelassen wird.

Die Seite beginnt mit einer Aufzählung:

jeder Applaus fürs selbst geschriebene Gelübde
jede Baby-Shower
jeder handgestrickte Strampler
jedes Trinkgeld für den Geburtstagszauberer
jede Taufe, die feierlich ernst abgesessen werden muss

Es geht weiter mit den Folgen der abgestotterten Freundespflichten:

all das reibt unwiederbringlich eine dünne Schicht nach der anderen von ihrem Geduldsschmelz ab.

Lässt man die Adjektive weg, geht der Satz so:

all das reibt eine Schicht nach der anderen von ihrem Geduldsschmelz ab.

Ziemlich viel sprachlicher Aufwand, um zu sagen, dass diese Frau keine Lust mehr auf die Erwartungen der anderen hat. (Ob man „Geduldsschmelz“ für eine geglückte Wortfindung hält, ist Geschmackssache.)

Weiter im Text:

Wenn sie absagen würde, stünde sie geizig und wie eine schlechte Freundin da.

Doppelungen sind stilistisch immer schwach, auch funktioniert die Wendung „stünde sie geizig da“ nicht ganz. Der Satz holpert in der Fortsetzung auch syntaktisch:

aber immer wenn sie die anderen zu etwas eingeladen hat, das ihr wichtig war, meist zwanglose Geburtstagspartys in irgendeiner Bar, mussten sie sich angeblich um Partner oder Kind kümmern – eine unanfechtbare Entschuldigung.

Es ist, als wäre das Sprachgewand zu groß für das, was es bekleiden soll: Die Entschuldigung ist „unanfechtbar“ – ein Adjektiv, das fast nur aus Vor- und Endsilben besteht (un-, an-, -bar) und damit alle Energie verliert. Abgesehen davon scheint mir der Satz auch inhaltlich nicht ganz stringent zu sein: „etwas, was ihr wichtig war“ stellt sich dann nur als „zwanglose Geburtstagspartys in irgendeiner Bar“ heraus. 

Der Satz würde nichts verlieren, wenn es einfach hieße:

aber immer, wenn sie die anderen eingeladen hat, mussten sie sich angeblich um Partner oder Kind kümmern.

Literatur ist die Kunst der Lücke. Die Wörter brauchen einen Resonanzraum, um Wirkung zu entfalten, doch hier wird alles zugetextet.

Die Figur, der wir auf dieser Seite begegnen, ist unglücklich.

Manchmal kommt die Einsamkeit in so heftigen Wogen, dass ihre Hände ganz schwach werden (…)

Dass Gefühle sich wie Flüssigkeiten verhalten und einen in Wogen überschwemmen, gehört zur traditionellen Metaphorik. Dass allerdings als logische Folge davon die Hände „ganz schwach werden“, wirkt ein wenig beliebig.

Neuerdings hat sie dauernd blaue Flecken an den Beinen, weil ihr die Lust vergangen ist, ihren Körper durch die Welt zu manövrieren, und sie entsprechend plump herumstolpert.

Auch dies ein Satz, bei dem die Wörter nicht recht zu dem passen, was ausgedrückt werden soll. Ihr ist „die Lust vergangen“, ihren Körper „durch die Welt zu manövrieren“ – geht es vielleicht auch ein bisschen kleiner? Den letzten Satzteil („und sie entsprechend plump herumstolpert“) hätte man weglassen können.

Ein paar Zeilen weiter unten heißt es:

Es reizt sie nicht mehr, aus dem Haus zu gehen.

Aus dem Haus zu gehen, ist nichts, wozu es einen „reizen“ muss, es ist ja kein Theaterbesuch, sondern etwas ganz Alltägliches. Außerdem wurde uns das bereits am Anfang des Absatzes mitgeteilt:

Ein paar Monate lang ist sie wie erstarrt und verlässt außer zum Arbeiten kaum das Haus.

Auf dieser Seite passt nichts so recht zusammen, es scheint nachlässig, vielleicht gar hastig geschrieben. Wie viel davon auf das Konto der Übersetzer:innen geht, ist schwer zu sagen. Auf dem Cover werden drei Namen genannt – ein Hinweis darauf, dass der Verlag es eilig hatte.


Angaben zum Buch

Tony Tulathimutte
Fiasko
Fiktionen
Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs, Stefanie Ochel, Jan Schönherr
dtv 2026 · 384 Seiten · 26 Euro
ISBN: 978-3423285773

Bei Eichendorff21 oder im lokalen Buchhandel

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

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