Es gibt drei Perspektiven, unter denen Kritiker literarische Texte betrachten: die der Kunst, die der Unterhaltung und die der Publizistik. In der Regel verwenden sie die Perspektive, die sich für das besprochene Werk am besten eignet. Viele Werke, meistens Romane, erlauben zwei oder alle drei Perspektiven. Fast immer bleibt es den Lesern der Kritik überlassen herauszufinden, welche der Perspektiven sich im Urteil niedergeschlagen hat.

Der Kritiker Dirk Knipphals hat sich in der taz unlängst die Nominierungen für den Leipziger Buchpreis angeschaut und war offenbar nicht erfreut. Das lag nicht daran, dass er die nominierten Titel nicht gut fand oder andere besser. Allerdings entsprach die Perspektive der Juroren nicht seinen Wünschen.

Er schreibt:

Da haben wir jetzt auf der einen Seite die interessanten literarischen Ansätze und Debatten dieses Frühjahrs: Identität, Sprechweisen, Klassismus, Rassismus. Und auf einer ganz anderen Seite, wirklich wie davon unberührt, haben wir diese Liste der für den Leipziger Buchpreis nominierten literarischen Autor*innen, die ein Kunststück vollbringt: Es stehen ausschließlich jeweils in sich sehr eigene bis großartige Bücher drauf (mit gewissen Abstrichen bei Christian Kracht), und doch strahlt sie insgesamt etwas Debattenanschlussfreies, fast schon Knarzendes aus. Der deutschsprachige Literaturbetrieb öffnet sich gerade, doch diese Liste macht die Schotten dicht.

Was ist gemeint? Wenn Knipphals auf „interessante literarische Ansätze“ hinweist, die seiner Meinung nach in der Liste fehlen, klingt das so, als seien damit literarische Experimente und neue Schreibweisen gemeint, also die künstlerische Perspektive, die zu wenig zum Zuge käme. Doch das ist nicht gemeint. Im Gegenteil, die Liste enthält seiner Meinung nach „sehr eigene bis großartige Bücher“ (Friederike Mayröcker ist dabei!).

Indes kritisiert der Autor ihre zu geringe Aktualität. Es fehlen ihm Themen, die in den Medien debattiert werden: „Identität, Sprechweisen, Klassismus, Rassismus“. Was Knipphals bemängelt, ist die fehlende „Debattenanschlussfähigkeit“ der ausgewählten Titel, anders gesagt: ihre mangelnde Journalismusförmigkeit.

Denn nur Literatur, die ausreichend journalismusförmig ist, macht es dem Kritiker möglich, über die Themen zu schreiben, die ihn interessieren. Demnach dürfte die Literatur für den Leipziger Buchpreis zwar subjektiv geschrieben sein, aber nur innerhalb des inhaltlichen Rahmens, den der Kritiker setzt. Also nicht so subjektiv, dass sie sich die Freiheit nimmt, ihren Inhalt durch ihre Form erst zu erschaffen.

Doch so verfährt Kunst.


Bildnachweis:
Beitragsbild: moritz320 auf Pixabay

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Von Jürgen Kiel

2 Kommentare

  1. Florian Knoeppler
    Florian Knöppler 16. April 2021 um 10:53

    Auf den Punkt gebracht, was ich seit einiger Zeit immer wieder mal unklar und halb fertig denke. Danke!

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  2. Avatar

    Der Artikel deutet eine Passage eines gedruckten Artikels. Ich verstehe nicht ganz den aus dem gedruckten Artikel zitierten Begriff “Klassismus” und finde den Artikel zu kurz, um ihn gut zu verstehen, und ich finde die Frage, wie viel ein Buch beiträgt zu aktuellen Debatten, interessant; viel Ahnung von neuen Büchern aus D habe ich nicht. Adichies Americanah schien mir sehr nah dran an der aktuellen Debatte. Und was ist mit Jonathan Franzens und Ian McEwans Romanen? Ich lese sie als Bücher zu aktuellen Debatten. Jelinek fand ich immer dran am Aktuellen, sie schreibt mehr für’s Theater. Kunst kann aktuelle Debatten ignorieren oder auch sie spiegeln. Wenn Knipphals sich wünscht, dass für einen Literaturpreis mindestens ein Buch nah am aktuellen geschrieben sein sollte, so kann ich das verstehen.

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