„Öffnen Sie das Buch auf Seite 99, und die Qualität des Ganzen wird sich Ihnen offenbaren.“ (Ford Madox Ford). Wir lesen mit der Lupe und schauen, was der Text auf dieser Zufalls-Seite leistet.
Warnung: Der Page-99-Test ersetzt keine Rezension.

Karen Köhlers Roman Miroloi ist der Spitzentitel im Herbstprogramm von Hanser, gleich am Tag des Erscheinens gab es mehrere Rezensionen – nun hat das Debüt es auch noch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft.

Gibt die Seite 99 Hinweise darauf, was an Miroloi so besonders sein soll?

Wie man zielt und trifft. Wie man Sachen repariert. Wie man sich aus einem Schilfrohr eine Flöte baut. Wie man mit den Händen einen Nachtpfeifer nachahmt. Wie man um ein Huhn trauert. Wie man die Krücken wieder loswird.

Das sind sechs „Wie man“-Sätze – von insgesamt zwanzig, die es auf der Seite 99 gibt. Und ist man auf dieser Seite angekommen, hat man bereits die Seite 98 und damit siebenundzwanzig dieser Satzgebilde hinter sich. Nebst den knapp fünfzig „Wie man“-Sätzen gibt es auf dieser Doppelseite weitere baugleiche Varianten, allerdings mit anderen W-Wörtern. Der erste Satz auf der Seite 99 geht zum Beispiel so:

Warum Ameisen ein Vorbild sein können.

Und der Satz, der auf die sechs „Wie man“-Sätze von oben folgt, lautet:

Wo man Milchzähne vergräbt.

Es gibt auch einige Sätze, die nicht mit einem W-Wort beginnen, sondern beispielsweise mit „Dass“. Doch auch sie sind uniform gebaut:

Dass ich manchmal gehorchen muss, auch wenn es mir nicht gefällt. Dass er für immer mein Finder ist und ich in seinem Herz wohne, auch wenn ich am Pfahl stehe.

Verbotenheiten

Auf den ersten Blick wirkt das Strickmuster albern. Die Form ist so starr, dass ich am Inhalt fast vorbeilese. Auf der Seite 98 beginnt ein neues Kapitel, „Dreißigste Strophe“, offenbar ist dieser Roman wie ein Lied gebaut. Der Untertitel dieser Strophe lautet, unheilvoll und in Klammern:

(Die Verbotenheiten)

Dieses Wort gibt es weder im Duden noch auf www.dwds.de. Die Endsilbe -heit bewirkt eine Abstraktion. Ist „Verbotenheit“ demnach eine Steigerung von „Verbot“? Haben wir es hier mit quasi totalitären Verboten, zu tun, die sich über alles erstrecken, was denkbar ist?

Kinderperspektive

Die Seite 99 besteht aus einer monumentalen und zugleich sehr leisen Aufzählung.

Was mein Finder mir beigebracht hat:

Dieser Satz steht oben auf der Seite 98, und er erzeugt alles, was danach kommt.

Wörter wie „Milchzähne“ und „Einmaleins“ verraten, dass hier ein Kind spricht. Auf den zweiten Blick entdecke ich Sätze, die mehr erzählen, als dasteht.

Wie man tief und still werden kann, wenn man gerade noch wild und wütend war.

Wie man nicht weint, obwohl man möchte.

Dieses Kind bekommt offenbar beigebracht, wie es seine Gefühle unterdrückt. Das penetrant wiederholte „Wie“ wirkt als sprachliches Repressionsinstrument: Es lässt die Frage nach dem „Ob“ gar nicht erst ins Bewusstsein.

Unterwerfung

Die Subversivität dieses Texts liegt auch in der Abfolge der Sätze.

Wie man still wird. Wie man sich konzentriert und Sachen aushält. Wie man dankbar ist. Wie man Mut hat.

Wird hier dem Kind beigebracht, dankbar zu sein für das, was es aushalten muss? Um was für eine Art von Mut geht es hier? Mut zur Dankbarkeit für das Unzumutbare? Darin besteht die totale Unterwerfung: Das Kind soll bejahen, was ihm angetan wird.

Subversiv ist alles in diesem Text, angefangen beim scheinbar naiven Duktus der kindlichen Ich-Erzählerin bis hin zur perfekten Formulierung des Regelwerks, nach dem jede menschliche Gesellschaft funktioniert.

Warum wir Regeln und Gesetze brauchen und wie man sie befolgt. Wie man in Regeln und Gesetzen eine Lücke sucht. Wie man die Regeln bricht, ohne sie zu brechen. Und wann man das eine und wann das andere machen muss.

Weibliche Fertigkeiten

Der „Finder“ ist nicht die einzige Instanz, die diesem Mädchen Dinge beibringt. In der Mitte auf Seite 99 heißt es:

Was Mariah mir beigebracht hat:

Mariah hat der Ich-Erzählerin alles beigebracht, was man Frauen beibringt:

Alles in der Küche. Alles mit dem Herzen. Alles im Garten. Alles auf dem Feld. (…) Waschen. Nähen. Stricken. Sticken.

Der Viererschritt ist eine totalitäre Formel: Die vier Himmelsrichtungen decken alles ab, Militärmärsche gibt es nur im Vierertakt, und vier Wände begrenzen einen Raum. Demnach wären die weiblichen Fertigkeiten ein Gefängnis.

Ist das Sexismus oder die Denunziation von Sexismus?

Parallelführung

Weiter oben hieß es:

Was verboten ist. Was Frauen verboten ist. Was mir verboten ist.

Eine raffinierte Steigerung, gefolgt von einem Satz mit Sprengladung:

Warum er mir Verbotenes beibringt.

Danach ein hochphilosophischer Kindersatz:

Wie ich weiß, was ich weiß.

Das ist eine Umkehrung des Satzes von Sokrates: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Als ich weiterlese, entdecke ich eine Parallelkonstruktion.
Auf die Sätze –

Warum er mir Verbotenes beibringt. Wie ich weiß, was ich weiß.

– folgt sieben Zeilen weiter unten:

Wie man die Verbotenheiten so versteckt, dass niemand merkt, was du kannst und weißt.

Die sieben Zeilen, die von diesen beiden Parallelsätzen eingeklammert werden, sind ein sprachliches Ereignis: Die gnadenlose Litanei der „Wie“-Sätze wird von fünf gnadenlosen „Dass“-Sätzen durchbrochen. Die „Dass“-Sätze handeln vom Finder und vom Bethaus-Vater. Steht das „Wie“ für das Lernen, wird mit dem „Dass“ das Unumstößliche benannt. Es sind Sätze, die keine Alternative zulassen – allein durch ihre grammatikalische Form.

Dass ich manchmal gehorchen muss, auch wenn es mir nicht gefällt. Dass er für immer mein Finder ist und ich in seinem Herz wohne, auch wenn ich am Pfahl stehe. Auch wenn die Sache mit dem Bein gemacht wird. Dass ein Bethaus-Vater manchmal kalt sein muss wie Stein. Dass er die Wut bekommt, auch wenn er der Bethaus-Vater ist. Wie man ihm dann am besten aus dem Weg geht. Dass auch Bethaus-Väter Fehler machen.

Mitten in dieser steinernen Passage tut sich ein Abgrund auf:

Auch wenn die Sache mit dem Bein gemacht wird.

Der Punkt vor dem „Auch“ zwingt mich, beim Lesen innezuhalten. Ich soll den Kindsmissbrauch zur Kenntnis nehmen, den dieser Satz so überaus vernehmlich verschweigt. Der Satz benennt „die Sache“ nicht, die mit dem Bein gemacht wird, und durch die Passivform des Verbs schützt er den Täter. Und all dies geschieht in der Stimme des Opfers.

Fazit:

Auf dieser Doppelseite sitzt jedes Wort. Ob die übrigen 462 Seiten des Romans auch so formbewusst und detailversessen komponiert sind? Und ob man das beim Lesen aushält?

Bildnachweis:
Beitragsbild und Cover: Verlag

Karen Köhler
Miroloi
Roman
Hanser 2019 · 464 Seiten · 24 Euro
ISBN: 978-3446261716

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

2 Kommentare

  1. Liebe Sieglinde,

    auch hier scheitert der page-99-test. Ein vermeintlich gut gemachtes Buch, das an inhaltlichem und sprachlichem Kitsch kaum zu überbieten ist. Ich empfehle Burkhard Müllers Rezension in der Zeit, um nicht eigene Zeit an den Text zu verschwenden.

    Antworten

    1. Liebe Elke,
      danke für deinen Einwand. Der Gedanke ist mir bei der Lektüre von Burkhard Müllers Rezension ebenfalls gekommen. Dass die Seite 99 zum Filetstück gehört und nicht repräsentativ ist für das Ganze, ist eines der Risiken des Page-99-Tests. Deshalb die Warnung zu Anfang.
      Doch zugleich gibt es diese Seite nun einmal, und sie bietet das, was ich gefunden habe. Nun hoffe ich, dass ich die ersten 100 Seiten schaffe, daran würde ich meine Stichprobe gern überprüfen.

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