Die „Biographie in Bruchstücken“ von Ina Hartwig fängt mit dem Ende an, mit Ingeborg Bachmanns Agonie im Krankenhaus und ihrem rätselhaften Tod. Es gab Spekulationen: Hatte Ingeborg Bachmann unter dem Einfluss von Psychopharmaka und Alkohol gestanden und deswegen nicht bemerkt, dass ihr Nachthemd in Brand geraten war? War es Mord, wie einige Freunde behauptet hatten?

Nein, ein Mord war es nicht. Und doch, die Vorwegnahme der eigenen Todesart in einer Passage in Malina, wo konkret vom Verbrennen die Rede ist, bleibt ein quälendes Rätsel.

Was Ina Hartwig interessiert, ist nicht die Todesursache, sondern die Reaktionen der Freunde, Bekannten und Verwandten wie dem Komponisten Hans Werner Henze und der Lyrikerin Christine Koschel. Von diesen Stimmen lebt die Biografie, sowie von lapidaren Kommentaren der Autorin:

Eines war Ingeborg Bachmann nicht: kamerascheu.

Oder:

Sie ist kein harmloses Mädchen. Zum einen führt sie neben Celan eine weitere Liebesbeziehung – eben mit Hans Weigel, dem sie munter weiterhin Briefe schreibt –, und außerdem verfolgt sie ihre Karriere mit eisernen Willen.

Wenn Hartwig Ingeborg Bachmanns Aufenthalt in Berlin zwischen 1963 und 1965 schildert, zeichnet sie das Bild einer opportunistischen Schriftstellerin. Bachmann habe dank eines „extrem großzügig dotiert[en]“ Stipendiums der Ford Foundation in Berlin sein können:

Die Mauerstadt amüsierte sich königlich, und Ingeborg Bachmann war kein Mauerblümchen.

Dass Ingeborg Bachmann nach dem Ende der Beziehung mit Max Frisch psychisch und physisch am Ende war und lange im Krankenhaus behandelt wurde, erfahren wir nur am Rand. Wichtiger ist es der Biographin herauszufinden, welche Summen Bachmann von Institutionen wie der Ford Foundation bekommen hat.

Ihre sagenhafte Karriere war befeuert worden von den Aufmerksamkeitsströmen und Geldzuwendungen der transatlantischen Kulturpolitik der Kalten Krieges, von der sie extrem profitierte als Dichterin, als Intellektuelle und nicht zuletzt als Freundin bedeutender Personen der Zeitgeschichte.

Mit der Vermutung, Ingeborg Bachmann habe eine Liebesbeziehung mit Henry Kissinger gepflegt, endet das Buch.

Was ist Sinn und Zweck einer Biographie?

“Eine Biographie in Bruchstücken“, lautet der Untertitel von Ina Hartwigs Wer war Ingeborg Bachmann? Das Leben von Ingeborg Bachmann wird in acht Kapiteln vorgestellt, ohne jeden Anspruch auf ein Gesamtbild. Auf eine Ton-Aufnahme der Zeitzeugenaussagen verzichtet die Biographin:

Mir wurde schnell klar, dass mir gar nicht an Wort-für-Wort-Interviews gelegen war, sondern eben an der komplexeren Situation des Gesprächs. Das heißt, meine eigenen Gedanken und Empfindungen gehören zur Versuchsanordnung dazu.

Von den Bildern des berühmten Spiegel-Artikels „Gedichte aus dem deutschen Ghetto“ vom 18. August 1954, in dem Ingeborg Bachmann „in die Tradition deutscher Italiensehnsucht“ eingeschrieben wird, springt Hartwig zu Bachmanns Liebesverhältnis mit Paul Celan, dann zu ihrer politischen Einstellung und schließlich zur schlechten Meinung, die Marcel Reich-Ranicki von ihr hatte.

Nach 310 Seiten wissen wir noch immer nicht, wer diese Frau wirklich war, stattdessen haben wir vieles über ihre angeblichen sexuellen Probleme und ihre Eitelkeiten gelesen. Wir wissen nun beispielsweise, dass sie trotz ihrer Kurzsichtigkeit keine Brille tragen wollte und elegante Kleidung liebte. Doch wer Informationen zu Leben und Werk von Ingeborg Bachmann erwartet, wird in dieser Biographie nicht fündig.

Hartwig fragt ihre Gesprächspartner unablässig, ob sie Ingeborg Bachmann „schön fanden“. Sie ist nicht nur am Sexualleben von Ingeborg Bachmann interessiert, sondern auch an dem ihrer Bekannten. Einer davon war Witold Gombrowicz. Als beide in Berlin lebten, habe er gelegentlich „auf den Berliner Jugendstrich“ zurückgegriffen. Da Bachmann zuvor einiges „über Genet“ erfahren hatte, sei es nicht unwahrscheinlich, vermutet Hartwig, dass sie davon gewusst habe, zumal „Bachmann den schwulen Blick für schöne, schmutzige Männer ebenfalls teilte“. Ingeborg Bachmann habe an einer Orgie mit schwulen Männern teilgenommen. Hartwig hegt gar die Vermutung, die Schriftstellerin sei in Rom als Prostituierte verkleidet herumgelaufen, „um Männer zu finden, die bereit waren, sie nach Hause zu begleiten“.

„Wer war Ingeborg Bachmann?“, fragt Ina Hartwig im Titel. In ihrer Biographie reduziert sie die Dichterin auf eine neurotische, sexbesessene Frau – ohne die Frage des Titels auch nur ansatzweise zu beantworten.

Aber vielleicht gibt es auf diese Frage gar keine Antwort. Sabina Kienlechner hat Ingeborg Bachmann als Kind kennengelernt, ihre Mutter war mit Bachmann in Rom befreundet. In der aktuellen Ausgabe von Sinn und Form (Heft 3/2018) schreibt sie zur Frage, wer Ingeborg Bachmann gewesen sei:

Wie naiv, ja töricht diese Frage tatsächlich war, zeigte sich in den Wochen, als sie im Sterben lag und ihre Freunde und Bekannten im Vorraum des Krankenhauszimmers unversehens zusammentrafen, etliche zum ersten Mal. Hier stellte sich heraus, dass sie für jeden eine andere war, und eine große Verwirrung erfasste die besorgte Besucherschar. Es muss ihnen zumute gewesen sein wie nach einer Blendung, wenn die Augen sich langsam wieder an die Dunkelheit gewöhnen: dunkel war es, weil Ingeborg über jeden ihrer Schritte einen Schatten der Diskretion und Verschwiegenheit gelegt hatte; geblendet waren sie, weil sie jedem gegenübergetreten war, als sei er der einzige, Wichtigste, tatsächlich die einzig wichtige Begegnung in ihrer Welt. Das hat sie »hingekriegt«, und in dieser Antinomie der Beziehungen irrten ihre Freunde, Verwandten und Gefährten nach ihrem Tod herum, trafen sich, merkten, dass sie zu wenig und nur Widersprüchliches von ihr wussten, verstritten und verloren sich, teils für immer.

Angaben zum Buch
Ina Hartwig
Wer war Ingeborg Bachmann? Bruchstücke einer Biographie
Verlag S.Fischer 2017 · 320 Seiten · 22 Euro
ISBN: 978-3100023032
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel
Beitragsbild:
Palazzo Sacchetti in Rom, letzter Wohnsitz Ingeborg Bachmanns
Von Daniela Weiland
Lizenz: CC BY-SA 3.0

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Von Agnese Franceschini

Deutsch-italienische Journalistin und Autorin, u.a. für den WDR.

Ein Kommentar

  1. Den Hinweis auf Sinn und Form finde ich gut, und die Kritik an der Perspektive der Biographie auch. Ich finde es krass, der der Fischer Verlag findet, ein Buch, das eine Autorin so behandelt wie andere Künstlerinnen, nämlich als Gegenstand einer Detektivarbeit, die das Privatleben rekonstruiert, sei gut aufgehoben in ihrem Programm. Ich fände es gut, wenn ein Literaturverlag wie Fischer sich bemühen würde, bei einer Autorin ihre Texte bei einer Biographie zu behandeln. Keine Ahnung, ob das leicht geht. Ich habe ein paar Mal versucht, Malina zu lesen, bisher noch nicht zu Ende, und mir bringt es nichts, wenn mich Biographen darauf hinweisen, dass die Autorin eine Ehe mit einem anderen Autor geführt hat, das Buch wird dadurch für mich nicht klarer.

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