Laurent Binet
Die siebte Sprachfunktion

Roman
Aus dem Französischen von Christian Wachinger

Tipp von Agnese Franceschini
Ich habe das Buch aus Sehnsucht nach meiner Studienzeit gekauft. Als wir damals in den 80er Jahren Philosophie studierten, waren unsere Helden Roland Barthes, Michel Foucault, Julia Kristeva, Umberto Eco. Die Idee eines Romans, ja sogar eines Krimis, in dem sie alle aufeinandertreffen würden, faszinierte mich. Und ich wurde nicht enttäuscht: Beim Lesen habe ich laut gelacht.
In Die siebte Sprachfunktion geht es um ein Gedankenspiel. Der französische Philosoph Roland Barthes ist nicht durch einen Unfall ums Leben gekommen, sondern er wurde gezielt überfahren und also ermordet. Der Kommissar, der in diesem Fall ermittelt, zieht einen Doktoranden zu Rat, als ‚Übersetzer‘ des Pariser Intellektuellenmilieus und des „Rolandbarthischen“. Nicht der Kommissar ist in diesem philosophischen Krimi der Ermittler, sondern der Literaturwissenschaftler und Semiotiker Simon Herzog. „Ein Wort ist unerschöpflich, sogar ein Buchstabe, nicht wahr?“ erklärt Herzog seinen Studenten, nachdem er über die Bedeutung der Buchstaben „M“ und „Q“ bei James Bond gesprochen hat. Wie ein moderner Sherlock Holmes interpretiert er die Zeichen und die Wörter, die wir, bewusst oder unbewusst, mit uns tragen. Die Zeichentheorie sei „eines der schärfsten Instrumente, die der Mensch je geschmiedet hat“, lässt uns der Erzähler wissen. Damit ist die „Lust am Text“ – um es auf Rolandbarthisch zu sagen – garantiert.

Rowohlt Taschenbuch, 528 S., 12 Euro
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Klaus-Jürgen Liedtke (Hg.)
Die Ostsee

Berichte und Geschichten aus 2000 Jahren

Tipp von Herwig Finkeldey
Ich rede gewissermaßen pro domo, denn ich bin ein Kind der Küste. Und dennoch kannte ich nicht einmal die Hälfte der in dem Band Die Ostsee versammelten “Berichte und Geschichten aus 2000 Jahren“.
Abgedruckt ist nicht nur die großartige Szene zwischen Tony Buddenbrock und Morten Schwarzkopf, in der Morten Tony vorwirft, dass sie als Angehörige des gehobenen Bürgertums adelig empfinde und er letztlich „auf den Steinen sitzen“ müsse – sondern auch eine mir unbekannte Rede von Thomas Mann vor dem Münchener Rotary-Club. Er schwärmt darin von seinem Haus in Nidden an der Kurischen Nehrung. Das gefällt mir als altem Manniac natürlich besonders.
Man findet in dieser Sammlung Gesine Cresspahl aus Uwe Johnsons Jahrestage ebenso wie Ricarda Huchs Beschreibungen von Rostock und Wismar (aus ihrem Buch Im alten Reich). Auch Herders berühmte Schiffsreise fehlt nicht – es fehlt eigentlich gar nichts in diesem Buch, in dem sich zwischen den Jahren wunderbar schmökern lässt.

Galiani 2018, 656 S., 39 Euro
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Angelika Overath
Alle Farben des Schnees

Senter Tagebuch

Tipp von Sieglinde Geisel
Als Angelika Overaths „Senter Tagebuch“ 2010 erschien, schenkte ich es allen zu Weihnachten. Denn Alle Farben des Schnees ist eines jener seltenen Bücher, an denen jeder Freude hat und die doch nicht für die Masse geschrieben sind. Angelika Overath zog 2007 mit ihrer Familie von Tübingen nach Sent, einem Dorf im Engadin. In diesem ersten Senter Jahr erforscht die Autorin zugleich sich selbst und die anderen. „Hier wohnen heißt, hier etwas wachsen lassen können“, schreibt sie. Und: „Warum sind in diesem Dorf auf einmal Anfänge möglich?“ Zum Beispiel Räto-Romanisch lernen. Mir gefällt die poetische Wahrnehmungsprosa: „Es ist kurz vor 11 Uhr morgens. Und ganz still. Wie vor einem Klirren.“ Und mir gefallen die einfachen, großen Sätze, die so überraschend zwischen  Alltagsbegebenheiten hervorblitzen. „Unglück macht verführbar.“ Oder: „Wir sehen mit den Wörtern.“

btb 2012, 256 S., 9,90Euro
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Sebastian Haffner
Die deutsche Revolution 1918/1919

Tipp von Lars Hartmann
„Die deutsche Revolution von 1918 war eine sozialdemokratische Revolution, die von den sozialdemokratischen Führern niedergeschlagen wurde: ein Vorgang, der in der Weltgeschichte kaum seinesgleichen hat“, so das Fazit von Sebastian Haffner in diesem Buch, das 1968 erstmals unter dem Titel Der Verrat erschienen ist. Haffner räumt in dieser Studie mit mancher Legende auf: Er widerlegt die Verschwörungstheorie vom Dolchstoß gegen das deutsche Heer durch Sozialdemokraten, er beschreibt, wie das Versagen Ludendorffs und der Generäle der Heeresleitung am Ende zur deutschen Kapitulation führte, und er zeigt, dass im November 1918 keineswegs eine bolschewistische Revolution drohte – ebenso wenig in den Januarkämpfen von 1919.
Es ist ein Buch für alle, die sich für eine gescheiterte Revolution interessieren. Haffners Thesen liefern auch Einsichten für die Gegenwart, etwa bezüglich der Frage, weshalb die SPD bei den Arbeitern ihr Vertrauen verspielt hat. „Es sind nicht die siegreichen, es sind die erstickten und unterdrückten, die verratenen und verleugneten Revolutionen, die ein Volk krank machen. Deutschland krankt an der verratenen Revolution von 1918 noch heute.“ Auch aus dem Abstand von hundert Jahren hat Haffners Deutung des Ereignisses nichts von ihrer Aktualität verloren.

Anaconda 2008, 253 S., 9,95 Euro
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Natascha Wodin
Sie kam aus Mariupol

Tipp von Anselm Bühling
Natascha Wodin wurde 1945 als Tochter sowjetischer Zwangsarbeiter in Deutschland geboren. Ihre Mutter hatte sich 1956 mit 36 Jahren das Leben genommen. Dieses Buch ist das Dokument einer Spurensuche. Wodin weiß fast nichts über die Lebensgeschichte der Mutter. Ein kompetenter Helfer und eine Reihe unwahrscheinlicher Zufälle bringen sie auf die richtige Spur. Halbvergessene Kindheitserinnerungen ergeben auf einmal Sinn, und zugleich ist alles in Frage gestellt, was sie bisher zu wissen glaubte: „Ich wusste nur, dass meine Mutter eine ganz und gar andere gewesen war, als ich immer angenommen hatte und dass ich selbst nicht die war, für die ich mich gehalten hatte.“

Wodin spürt Verwandte in Russland auf, mit denen sie sich in Mails und Telefonaten austauscht. Sie rekonstruiert die Geschichte ihrer Familie – von den Revolutions- und Bürgerkriegsjahren in der osteuropäischen Hafenstadt Mariupol über den Terror Stalins bis zum Zweiten Weltkrieg. Nataschas Tante wird in ein Arbeitslager in Karelien geschickt; für ihre künftigen Eltern endet die Flucht vor Stalin in einem Arbeitslager bei Leipzig. Sie überleben den Krieg und retten sich vor der Deportation in die Sowjetunion. In Franken allerdings, wo sie erst in einer Scheune, dann im Lager für Displaced Persons ihr Leben fristen, sind sie Ausgestoßene, „[eine] Art Menschenunrat, […] Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war“.

Die Sprache, in der Natascha Wodin dies alles beschreibt, ist schonungslos und verhalten zugleich. Indem sie ihre eigenen Gefühle zurücknimmt, schafft sie Platz für die Gefühle derer, die diesen Erlebnisraum lesend betreten. So eröffnet das Buch einen Innenblick auf die geschichtliche Epoche, von der es handelt.

Rowohlt Taschenbuch 2017, 368 S., 12 Euro
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Bildnachweis
Beitragsbild:
Von Sieglinde Geisel
Buchcover: Verlage

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Von Redaktion

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