Mit welchen Konservativen würden wir uns gern bei einem Glas Wein unterhalten? Das war die Ausgangsfrage für unsere kleine “Hall of Fame” des Konservatismus, mit der wir unsere Reihe zum Konservatismus fortführen.
Woran erkennt man „Konservative im besten Sinn des Worts“? Am dialektischen Denken: Sie erneuern, was sie bewahren wollen.

Weitere Beiträge:
Gustav Stresemann – Der aufgeklärte Konservative
Norbert Lammert – Der Gralshüter
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Hannah Arendt – Die linke Konservative
Hans Aeppli – Der Distinguierte

Konservativ sein heißt, einen Sinn für Traditionen und Identitäten zu haben – bewahren zu wollen, was an ihnen bewahrenswert ist. In vielen seiner Bücher erkundet Navid Kermani den Reichtum religiöser und kultureller Traditionen. Er zeigt, wie stark wir durch sie geprägt sind und wie viel wir damit anfangen können, wenn wir uns ihnen öffnen. In Ungläubiges Staunen – über das Christentum beschreibt er einen Moment, in dem er, der gläubige Muslim, von der Tradition der katholischen Kirche fast überwältigt wird. Gemeinsam mit einem katholischen Freund, der ebenfalls Autor ist, besichtigt er in einem Kloster in Rom ein frühchristliches Marienbildnis. Ihm fällt dabei ein Zitat von Papst Benedikt XVI ein, das der Freund seinem letzten Buch vorangestellt hat: „Große Dinge werden durch die Wiederholung nicht langweilig. Nur das Belanglose braucht die Abwechslung und muß schnell durch anderes ersetzt werden. Das Große wird größer, indem wir es wiederholen, und wir selbst werden reicher dabei und werden still und werden frei.“

In Rom wurde ich ohnehin neidisch aufs Christentum, neidisch selbst auf einen Papst, der auch solche Sätze sagt, und wenn ich den Gedanken der Inkarnation in nur einem Menschen nicht für grundverkehrt hielte und speziell die katholische Vorstellungswelt mir nicht so heidnisch vorkäme, […] womöglich hätte ich mich seinen Praktiken nach und nach angeschlossen, […] vielleicht auch aus Faszination für die beispiellose Kontinuität einer Institution, die aus Gottes Angehörigen eine Gemeinschaft bildet. Nur ihr ist sie auf Dauer gelungen. Wer weiß, vielleicht wäre auch mir eines Tages das Wunder erschienen, das dieses prächtigste aller Himmelsgebäude hervorgebracht hat. So halte ich die Möglichkeit zwar weiterhin für falsch — aber erkenne, mehr noch: spüre, warum das Christentum eine Möglichkeit ist.

Zugleich hat Kermani einen scharfen Blick dafür, wie lebendige Traditionen sich verändern, sich anpassen und auch das in sich aufnehmen, was ihnen zutiefst zu widersprechen scheint. In Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime schreibt er:

Man muß sich nur einmal in der Sixtinischen Kapelle umsehen, um staunend zu bewundern, welch scheinbar unchristliche Sinnenfreude und pralle Lüsternheit der Katholizismus nicht nur hinnimmt, sondern in sein eigenes Zentrum rückt. Genauso wie der Islam ist das Christentum immer auch das Gegenteil von dem, was diese oder jene Gelehrten als christlich definieren.

Kermani macht deutlich, dass wir in Überlieferungszusammenhängen leben, denen wir uns nicht entziehen können. Aber er zeigt auch, dass diese Überlieferungen immer vielfältig und vieldeutig sind. Und er weiß, dass Menschen widersprüchlich und unvollkommen sind. Gerade dieses klassisch konservative Menschenbild schützt davor, Menschen nur noch über ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion oder Kultur wahrzunehmen. In Wer ist Wir? erläutert Kermani das am eigenen Beispiel:

Ich bin Muslim. Der Satz ist wahr, und zugleich blende ich damit tausend andere Dinge aus, die ich auch bin und die meiner Religionszugehörigkeit widersprechen können — ich schreibe zum Beispiel freizügige Bücher über die körperliche Liebe oder bejahe die Freiheit zur Homosexualität. Das ist ein Widerspruch. Der Islam lehnt die Homosexualität ab, und Erzählungen über Sex legt der Koran auch nicht eben nahe. Wahrscheinlich ließe sich eine Interpretation konstruieren, welche die Homosexualität oder die Schilderung sexueller Handlungen islamisch legitimiert. Aber das beschäftigt mich nicht. Nicht alles, was ich tue, steht in bezug zu meiner Religion. Für mich selbst bin ich durch solche Handlungen und Bekenntnisse in meinem Muslimsein überhaupt nicht eingeschränkt. Das mag sich paradox anhören, aber mit dieser Religiosität bin ich aufgewachsen, mit all diesen Ambivalenzen, Brüchen, Widersprüchen.

Weil der Mensch ein fehlbares Wesen ist, kann er nicht die Verkörperung einer reinen, gegen alles Fremde abgeschotteten Tradition sein. Er ist offen für verschiedene Einflüsse. Gerade dadurch entwickeln sich Überlieferungen weiter, durchdringen und bereichern einander.

Erzählung statt Kulturkampf – so könnte man die Haltung Kermanis zuspitzen. Im Erzählen wird Trennendes ebenso offenbar wie Verbindendes, und beides auf eine Weise, die neue Erfahrungen eröffnet. Der Weg zum gegenseitigen Verständnis führt über die Arbeit des Verstehens.

Beitragsbild:
By Saam Schlamminger (Author) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons (bearbeitet)

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Von Anselm Bühling

Übersetzer und Redakteur von tell, lebt in Berlin.

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