In Exit West erzählt der Pakistaner Mohsin Hamid eine Liebesgeschichte, der nach und nach die Liebe ausgetrieben wird von Krieg, Gewalt sowie religiösem und nationalem Fanatismus. Am Ende trennen sich Nadia und Saeed in Freundschaft, die Unterschiede zwischen ihnen haben sich als zu groß erwiesen. Oder wurden sie zu groß durch die extremen Erfahrungen, denen sie auch durch die Flucht ins westliche Ausland nicht entkommen konnten?

Beide gehören zur jungen Elite ihres nicht genannten muslimischen Landes. Die säkulare und emanzipierte Nadia wohnt allein und fährt mit dem Motorrad zur Arbeit. Über Jeans und T-Shirt trägt sie ein weites schwarzes Gewand, aber nur, um sich vor aggressiven Männern zu schützen. Saeed dagegen betet oft, er sucht Halt in Traditionen und bei Autoritäten. Sex kommt für ihn, anders als für Nadia, erst nach der Heirat in Frage.

Geheimnisvolle Türen

Doch an eine Vermählung ist nicht zu denken. Überall in der Heimatstadt der beiden Liebenden lagern Flüchtlinge; militante Extremisten verüben wahllos Anschläge und destabilisieren das Land. Der Strom wird rationiert, in den Straßen patrouillieren Soldaten. Nachdem Saeeds Mutter von einem verirrten Projektil der Kopf zerrissen wurde, verlässt Nadia widerstrebend ihre Wohnung und zieht zu ihrem Geliebten. Die Extremisten übernehmen die Macht. Menschen verschwinden spurlos, der Alltag wird zum Dschungel. Nadia und Saeed beschließen zu fliehen, Saeeds Vater will beim Grab seiner Frau bleiben, traurig lassen sie ihn zurück. Ein Schlepper führt sie zu einer der geheimnisumwitterten Türen, durch die allein das Land noch zu verlassen ist.

Diese Türen sind ein fantastisches Element in dem ansonsten realistischen und lakonischen Roman Mohsin Hamids. Die lebensgefährliche Flucht interessiert ihn nicht. Er lässt sein Paar erst auf Mykonos, dann in London und schließlich in der Nähe von San Francisco aus der magischen Tür treten. In der Hauptstadt Großbritanniens besetzen die Flüchtlinge die leerstehenden Häuser reicher Leute. Die Polizei isoliert die Straßenzüge und trennt sie dann vom Handy- und Stromnetz. Nationalisten brechen marodierend ein, es gibt Tote. Doch die von Nadia und Saeed befürchteten kriegerischen Auseinandersetzungen bleiben aus: Großbritannien entwickelt Steuermodelle für die Flüchtlinge und bietet ihnen Wohnungen im Tausch gegen Arbeit.

Der Drohnenblick des Erzählers

Noch einmal also überrascht der Roman: Auf das fantastische Element folgt die Utopie. Sie fußt nicht auf der Liebe, Nadia und Saeed leben sich zunehmend auseinander. Hamid ist kein romantischer Autor. Sein lakonischer Ton ist zwar voller Mitgefühl, doch um Gefühle schert er sich nicht. Die Figuren handeln nicht, sie werden nur skizziert. Es herrscht – die äußeren Umstände sind drängend dominant – der Drohnenblick des allwissenden, nichtpsychologischen Erzählers vor. Persönlichkeiten sind für ihn, so heißt es in einer seiner wenigen Reflektionen, nur „beleuchtete Leinwände“, beschienen von der jeweiligen Umgebung.

Exit West ist ein Zeitroman, der es mit arg vielen aktuellen Themen aufnimmt, Migrationsursachen werden mit Liebe sowie surrealistischen wie utopischen Elementen verquirlt. Fesselnd sind dem Autor allerdings einige knappe, rätselhafte Passagen gelungen: Flüchtlinge taumeln aus Schranktüren in fremde Schlafzimmer, verharren kurz beim Blick auf eine ruhig Schlafende und ziehen weiter ins Ungewisse.

Mit prallen, funkelnden Geschichten (Der Fundamentalist, der keiner sein wollte, So wirst du stinkreich im boomenden Asien) hatte Mohsin Hamid, der nach einem Studium in Harvard und Princeton sowie Aufenthalten in New York und London wieder in seiner pakistanischen Heimatstadt Lahore lebt, bisher zu Recht großen Erfolg. Doch Exit West lässt einen manchmal wünschen, er hätte dieses Mal keinen Roman, sondern einen wütenden Essay geschrieben.

Angaben zum Buch
Mohsin Hamid
Exit West
Roman · Aus dem Englischen von Monika Köpfer
DuMont 2017 · 222 Seiten · 22 Euro
ISBN: 978-3-8321-9868-8
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Jörg Plath

Von Jörg Plath

Jörg Plath ist Kritiker und Literaturredakteur bei Deutschlandfunk Kultur. (Foto: © Fotostudio gezett)

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