Mit welchen Konservativen würden wir uns gern bei einem Glas Wein unterhalten? Das war die Ausgangsfrage für unsere kleine “Hall of Fame” des Konservatismus, mit der wir unsere Reihe zum Konservatismus fortführen.
Woran erkennt man „Konservative im besten Sinn des Worts“? Am dialektischen Denken: Sie erneuern, was sie bewahren wollen.

Weitere Beiträge:
Gustav Stresemann – Der aufgeklärte Konservative
Norbert Lammert – Der Gralshüter
Theodor W. Adorno – Der Heimatbewusste
Hannah Arendt – Die linke Konservative
Navid Kermani – Der Erzähler

Mit diesem Beitrag endet unsere Porträtserie.

Vielleicht war Hans Aeppli der erste echte Konservative, der in meinem Leben eine Rolle spielte. Er war mein Physiklehrer an der Kantonsschule Zürcher Oberland (Wetzikon). Schon seine Kleidung verriet den konservativen Habitus: grauer Anzug, weißes Hemd und eine Krawatte, die während der Physikstunde unter dem weißen Laborkittel versteckt war, was die Garderobe noch edler machte. Seine Aura hatte etwas Distinguiertes. Dabei war er keineswegs verkrampft, sein Humor war so gepflegt wie sein Anzug.

Ich erinnere mich an eine wüste Anekdote. Am letzten Schultag der Maturanden (so heißen Abiturienten in der Schweiz) hatte ein Bauernsohn ein Ferkel mitgebracht. Tür auf, Ferkel rein, Tür zu. Ich weiß nicht mehr, wie die Geschichte ausgegangen ist, aber ich stelle mir vor, dass Hans Aeppli auch dieser Situation gewachsen war, und wahrscheinlich hatte der Bauernsohn ihn gerade deshalb für seinen Streich ausgewählt.

Segeln auf dem Zürichsee

Dass wir Gymnasiasten einen wie den damals etwa 60-jährigen Herrn Aeppli mochten, war keine Selbstverständlichkeit. Es waren die 1980er, und wir waren das, was man damals in der Schweiz „alternativ“ nannte: Die Jungs lernten stricken, die Mädels übten sich im Feminismus, wir waren gegen AKW und für die Weltrevolution. Hans Aeppli war überzeugtes Mitglied der Freisinnigen Demokratischen Partei, seine Tochter Regine machte als Politikerin bei den Sozialdemokraten Karriere, und er war stolz auf sie. Uns Schüler nahm er so ernst, dass wir im Maturjahr für unser letztes Klassenlager (so nennt man das in der Schweiz) auf eine Auslandsreise verzichteten und eine Woche nach Uerikon (sprich “Üürike”) gingen, an den Zürichsee. Hans Aeppli war Segler, und er mobilisierte eine Handvoll Segler-Kollegen, die nachmittags mit uns die Praxis des Segelns übten. Am Morgen lernten wir eifrig Vektor-Geometrie und wussten danach zumindest theoretisch, in welchem Winkel man am besten gegen den Wind kreuzt.

Geachtet und gefürchtet

Es gibt zwei weitere Gründe dafür, dass Hans Aeppli für mich in die Hall of Fame der Konservativen gehört. Der eine war das Duzen. Mit einem feinen Lächeln erklärte er uns im Ritterhaus Uerikon, dass man auf dem Segelschiff „duzis“ sei (so heißt das in der Schweiz). Du meine Güte, jeden anderen Lehrer hätten wir eher geduzt als ihn! Hans Aeppli genoss es in vollen Zügen. Der zweite Grund war seine Verwandlung beim Segeln. Auf dem Segelboot wurde er zum Kind. Sobald er eins der anderen Boote sah, nahm er den Wettkampf auf und wehe, jemand vermasselte ihm die Tour, weil er das Segel im falschen Winkel stellte.

Manche Schülerinnen und Schüler haben Hans Aeppli offenbar als autoritär und unnahbar erlebt, wie mir erzählt wird. In seinen zwölf Jahren als Gemeindepräsident von Stäfa war er geachtet und gefürchtet. Offenbar war es uns gelungen, sein autoritäres Muster zu unterlaufen. Ich kann mir denken, dass er unter dieser Seite seines Charakters mindestens so sehr gelitten hat wie die Schüler, die sich von ihm ungerecht behandelt fühlten.

Beitragsbild:
Privat (mit Dank an Matthias Bruppacher)

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

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