Mit welchen Konservativen würden wir uns gern bei einem Glas Wein unterhalten? Das war die Ausgangsfrage für die kleine „Hall of Fame“, mit der wir unsere Reihe zum Konservatismus fortführen.
Woran erkennt man „Konservative im besten Sinn des Worts“? Am dialektischen Denken: Sie erneuern, was sie bewahren wollen. Jedes Redaktionsmitglied hat sich eine(n) Konservative(n) ausgesucht. Immer Montags veröffentlichen wir ein Porträt.

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Der Wille, Bewährtes zu bewahren, macht das Wesen des und der Konservativen aus. Doch wer bewahren will, muss offen für das Neue sein. Sonst geht das Neue über das Alte hinweg. Genau das unterscheidet den aufgeklärten Konservativen vom Reaktionär, der auf das Neue immer nur mit der Sehnsucht nach dem Alten reagiert. „I want my country back!“ Nicht zufällig wurde der Schlachtruf der Tea-Party-Bewegung zur weltweiten Parole der Neuen Rechten. Aus der Sicht der Rechten hat ihnen das Neue ihr Land gestohlen, das Neue ist nichts, womit sich eine Auseinandersetzung lohnt.

Dieses Grundmuster findet man übrigens nicht erst bei der Neuen Rechten. In den 20er Jahren wollten die Reaktionäre ebenfalls Deutschlands Größe „zurückhaben“, eine Größe, die ihnen vorgeblich die verhasste Demokratie und das „Friedensdiktat von Versaille“ geraubt hatte, also „der Westen“. Dass das Kaiserreich an seiner eigenen Hybris zugrunde ging, spielt dabei keine Rolle.

In Krisenzeiten haben solche rückwärtsgewandten Rattenfänger Konjunktur. Auf einmal werden bisher zurückhaltende Konservative anfällig für reaktionäre „Land-Zurück-Parolen“. Genau das geschah in der Weimarer Republik. Die Republik als Staatsform lag so weit jenseits der damaligen konservativen Koordinaten, dass noch die plumpsten Revoluzzerparolen von rechts außen im konservativen Milieu verfingen.

Umso größer ragte in der Weimarer Republik ein konservativer Politiker heraus, der ursprünglich ebenfalls Deutschlands Größe festigen wollte und der dann akzeptieren musste, dass es Deutschland und seine Größe nur in der Kooperation mit anderen Ländern gibt. Gustav Stresemann ist für mich der Konservative des Jahrhunderts. Denn aus konservativer Weltsicht näherte er sich dem Neuen an, der ihm ursprünglich verdächtigen Demokratie, und machte sie sich zu eigen. Dafür wurde er von den Reaktionären gehasst wie kaum jemand sonst. „Stresemann / verwese man!“, tönte es an den Stammtischen. Und der Jubel von rechts bei seinem Tod im Jahr 1929 war unverhohlen.

Von Herwig Finkeldey

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