Wir sind in der Welt der dreijährigen Zwillinge Anton und Ali. Der letzte Absatz dieser Seite 99 beginnt so:

 

Weil sie kaum Spielzeug hatten, spielten sie mit sich, bewegten die Arme des anderen an den Schultern und Ellenbogen, drehten den Kopf wie eine Kugel, griffen in die Rippenbögen, verglichen die Bewegungen des anderen mit den eigenen, froren ein und spiegelten sich.

Die Welt der Dreijährigen ist eine Körperwelt: Arme, Schultern Ellenbogen, Kopf, Rippenbögen, fast alle Substantive bezeichnen Körperteile. In den Sätzen davor war bereits von Fingern die Rede, von Lippen und Fingerkuppen, die Ali Anton in den Mund steckt. „Wie in Pudding“, denkt sie. Worauf Anton mit seinen Fingern Muster auf Alis Beine malt und dabei denkt: „Wie auf Pudding.“

Auch die beiden anderen Vergleiche auf dieser Seite sind ausgesprochen plastisch. Den Kopf drehen die beiden Dreijährigen „wie eine Kugel“, und durch die Haut der Hand der Großmutter drücken sich die Gefäße „wie Knochen“. Alles wird in diesem Körpertext ertastet und erspürt.

Die Seite beginnt so:

Anton hatte Ali das Lesen beigebracht. Nicht dass er damals mit drei schon lesen konnte, aber er erklärte ihr die Buchstaben, als hätte er sie erfunden. Er fuhr mit seinem Finger durch die Stoppeln des türkischen, rotgrünen Teppichs im Wohnzimmer und machte Laute dazu.

Dann folgt ein bemerkenswerter Satz:

Ali sprach sie nach und starrte dabei auf seine Lippen und wie sie Gegenstände formten

Ali starrt nicht nur auf Antons Lippen, sie starrt auch, wie diese Lippen Gegenstände formen. Das ist knapp jenseits des grammatisch Korrekten, doch dieser minimale Regelbruch ist produktiv. Wir sehen die Gegenstände, die diese Lippen formen, geradezu aus Antons Mund purzeln.

Ali sprach sie nach und starrte dabei auf seine Lippen und wie sie Gegenstände formten, einen Apfel, einen liegenden Halbmond mit Spitzen nach unten, ein weit aufgerissenes Fenster mit Zunge raus.

Mit jedem neuen Gegenstand müssen wir unsere Imaginationskraft stärker bemühen, denn die Formen werden immer komplexer. Ein Apfel, easy. Ein Halbmond – und zwar mit den Spitzen nach unten, also ein auf dem Bauch liegender Halbmond. Und schließlich ein Fenster, das nicht nur weit aufgerissen ist, sondern auch noch „mit Zunge raus“, ein Fenster demnach, das seine eigene Zunge raushängen lässt.

Und das alles stumm, nur mit den Lippen geformt? Aus Buchstaben, denen Anton mit den Fingern auf dem Teppich nachfährt? Wir befinden uns in einer imaginären Welt, zu der die Erwachsenen (und also wir Leser) keinen Zugang haben. Es ist eine Welt des Spürens, des Schauens, des Hinnehmens, eine imaginierte Kindheitswelt, in der die Dinge ganz unmittelbar sind. Das Blickfeld ist eng, vollständig auf das Hier und Jetzt beschränkt, und zwar auch dann noch, als dieses Kammerspiel um die Figur der Großmutter erweitert wird.

Die Zwillinge schliefen auf dem ausgeklappten Sofa, die Großmutter saß oft daneben und streichelte Anton den Kopf, und Ali lag da mit halb geschlossenen Augen und beobachtete die sehnige Hand, durch deren Haut sich Gefäße drückten wie Knochen, und griff auch in Antons Haare und rieb sie zwischen den Fingern (…)

Die Aufmerksamkeit liegt ganz auf diesen Fingern. Die Großmutter schlägt „mit ihrer großen, grauen Hand“ die Hand von Ali weg und zischt „schlafen jetzt!“. Doch Ali bleibt bei sich selbst, wie nur Dreijährige es können:

(…) und Ali versenkte acht ihrer zehn Finger in Antons Locken und schlief ein mit dem Gefühl feiner Wolle, die ihre Handfläche kitzelte.

Eine Prosa von aufregender Künstlichkeit. Ob sich dieser Ton auf längere Strecke durchhalten lässt, ohne dass es anstrengend wirkt?

Angaben zum Buch
Sasha Marianna Salzmann
Außer sich
Roman
Suhrkamp 2017 · 366 Seiten · 22 Euro
ISBN: 978-3-518-42762-0
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

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