Die Frage, ob das Kunstwerk beschädigt wird, wenn sein Urheber sich als Arschloch erweist, wurde bis vor kurzem nur bei Urhebern gestellt. „Böse Männer haben gute Bücher geschrieben“, konstatiert William H. Gass in einem Essay über den Widerspruch von Kunst und Moral, „Wagners Werke sind nicht böse, nur weil er es war“.

Außerhalb der Sphäre der Kunst ist uns die Spaltung vertraut: Wer tut schon, was er predigt? Den Pfarrern gelingt das nicht immer, und manche Ärzte leben ungesund, obwohl sie es besser wissen. Auch wenn wir es uns nicht gerne eingestehen: Die Einheit von Denken und Leben dürfte eher der Ausnahmefall sein als die Regel.

Richtiges Schreiben im falschen Leben?

Für die Kunst gilt dies erst recht. Die Frage der moralischen Integrität wird vor allem in der Literatur gestellt, denn dort lässt sich Moral leichter nachweisen. Die Gesinnung ist ein Verbrechen des Intellekts, es spielt sich auf dem Feld der Sprache ab, wie die Literatur.Gibt es ein richtiges Schreiben im falschen Leben? In den deutsch-deutschen Literaturstreitereien der 90er Jahre ging es um mangelnden Mut und Verrat: Christa Wolf und Heiner Müller wurden wegen ihrer Stasi-Kontakte angegriffen, Sascha Anderson und Rainer Schedlinski brachten mit ihren IM-Affären die ganze inoffizielle DDR-Literaturszene in Misskredit. Der eigentliche Sündenfall der Literatur war jedoch der Faschismus, denn hier ging es nicht um persönliches Fehlverhalten: Das Böse war die Gesinnung, nicht die Tat. Die Gesinnung jedoch ist ein Verbrechen des Intellekts, es spielt sich auf dem Feld der Sprache ab, wie die Literatur. Pound, Céline, Benn, Hamsun: Die Bücher dieser bösen Männer sind gut, weil sie sich von der Ideologie ihrer Verfasser lösten und ein Eigenleben gewannen.

Mit anderen Worten: Diese Kunst war nicht Propaganda. Nach dem Krieg gab es einen einzigen Künstler, der wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt war: Veit Harlan, der Starregisseur des NS-Kinos, hatte mit Jud Süß einen antisemitischen Film gedreht, der den Nationalsozialisten als „Mordwerkzeug“ gedient habe, so sein Sohn Thomas Harlan. Veit Harlan hatte in den Augen seines Sohnes seine Kunst verraten – Gottfried Benn dagegen sei ein großer Dichter gewesen, so Thomas Harlan, in diesem Fall sei die politische Verblendung Privatsache.

Die Achillesferse des Filmstars

Der Fall Kevin Spacey liegt jenseits der künstlerischen Moral. Bei Spacey ist nicht die Gesinnung das Problem, sondern das Tun, und er ist kein Urheber, sondern ein Darsteller. Dies verschiebt die Koordinaten: Seine stupende Fähigkeit, die vierte Wand zu durchbrechen, wird von seinen sexuellen Übergriffen nicht tangiert. Doch für viele Zuschauer sind seine Grapschereien auch auf der Leinwand präsent. Über das Verhältnis von Kunst und Moral können wir aus der Debatte um Spacey nichts lernen.Es erfordert sowohl die Fähigkeit als auch den Willen zur Abstraktion, hier zwischen der Privatperson Kevin Spacey und dem Künstler zu unterscheiden. Die Taten von Roman Polanski und Woody Allen sind mindestens so skandalös, doch als Regisseur können sie hinter der Kamera verschwinden. Die Sichtbarkeit ist die Achillesferse des Filmstars: Ohne Kevin Spacey kein Frank Underwood, wir sind als Zuschauer direkt mit der Person des Schauspielers konfrontiert.  Daher speist sich die Anziehungskraft von Frank Underwood aus der Anziehungskraft des Kevin Spacey.

Im Showbusiness nimmt das Geld Reißaus, wenn Illusionen verdampfen. Kevin Spacey hielt seine Homosexualität unter Verschluss, weil sie seinen Star-Appeal gefährdet hätte. Aus dem gleichen Grund wird er jetzt von jenen fallengelassen, die ihr Geld auf seinen Star-Appeal gesetzt haben. Über das Verhältnis von Kunst und Moral können wir aus der Debatte um Spacey daher nichts lernen. Sehr viel dagegen über die Amoralität des Geschäfts mit der Kunst.

 

Beitragsbild:
Verwendete Bilder:
Spacey_Star.jpg: By Mark Crawley from Southampton, UK (Kevin Spacey’s star) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons
Spacey_Mural.jpg: Via flickr, Lizenz: CC-BY 2.0
Bearbeitung: Anselm Bühling

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

5 Kommentare

  1. Wo genau waren Hamsun und Céline denn „böse Männer“? Zu Hamsun sei auf das ausführliche Buch „Der Hamsun Prozess“ verwiesen, welches man gelesen haben sollte, wenn man schon über ihn urteilt..

    „Mein Leben mit Céline“ geschrieben von seiner Witwe ist ebenfalls sehr empfehlenswert.

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  2. Wolfram Schütte 17. November 2017 um 23:47

    Periodisch, will sagen: von Fall zu Fall, wiederholt sich das selbe Spiel von Dialektik & Moral, speziell Sexualmoral. Ich plädiere für rigide Trennung zwischen Kunstprodukt & individuellem Leben – mag das Kunstprodukt sich auch erkennbar oder nachweislich dem ephemeren Leben seines Schöpfers oder seiner Schöpferin verdanken. Ist es in sich selbst ästhetisch stimmig, wird die empirische Existenz, der es entstammt, unerheblich für seine Qualität & Validität.
    Allerdings gibt es für mich ein Prä nur für die von der Produktion existentiell zeitgleich Betroffenen – also z.B. Personen, deren individuelles „Geheimnis“ von dem Kunstproduzenten entgegen deren Zustimmung unterm Siegel der „Freiheit der Kunst“ verraten wird. Deren Schutzwürdigkeit geht vor der Abmaßung, ihre intimen Geheimnisse müssten auf dem Altar der Kunst geopfert werden, damit diese sich auf Wunsch des Künstlers frei entfalten könne – wo dieser doch nur sich solipsistisch spreitzen möchte, unterm mißbrauchten Schutzschild der „Kunstfreiheit“. Es sage nur z.B. Biller & Esra.
    Was Kevin Spacey angeht, ist meines Erachtens nicht seine Schauspielerei – also seine fiktive Leiblichkeit in den von ihm gespielten Film-Rollen – das Skandalon seiner „Archillesferse“, sondern die jetzt verfügte Tilgung seiner gespielten filmischen Verkörperung. Das ist, glücklichrweise nur metaphorisch, „Hexenverbrennung“, um nicht darin die zeitgemäße Fortsetzung der der Namenstilgung auf Schrifttafeln z.B. im alten Ägypten wieder zu erkennen.
    Und zu den erwähnten faschistoiden Autoren möchte ich nur bemerken, dass nicht alles sakrosante Literatur ist, was sie geschrieben & erst recht nicht, was sie davon publiziert haben. Umgekehrt würde eher ein Schuh draus: nicht alles, was sie geschrieben & publiziert haben, ist durch ihre (späte, temporäre) faschistische Sympathie, resp. Identifikation faschistoid kontaminiert & deshalb schutzens- & bewahrenswert.
    Wolfram Schütte

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    1. Ich stimme Ihnen zu: Die ästhetische Stimmigkeit ist der Gradmesser für das Kunstwerk. Wenn diese gegeben ist, löst es sich von seinem Urheber. Trotzdem finde ich die Spaltung zwischen dem Alltagsmenschen und dem Künstler ein faszinierendes, rätselhaftes Phänomen: Offenbar löst sich nicht nur das Werk, sondern auch der Künstler im Moment des Schaffens von der Person, die er oder sie im Alltag ist. Die Kunst mache den Menschen nicht besser, sie mache nur das Leben erträglich, das ist eine weitere Feststellung von William H. Gass, der über diese Dinge viel nachgedacht hat. Womit wir schon beinahe bei den Klavierspielenden KZ-Schergen wären.
      Bei Céline und Pound ging es mir natürlich nur um das, was künstlerisch von Belang ist, nicht um eine Heiligsprechung des ganzen Werks.

  3. Inwiefern sind die „Taten“ von Woody Allen skandalös? Die Staatsanwaltschaft hat gegen ihn ermittelt und das Verfahren wurde eingestellt, lt. Wikipedia aus Mangel an Beweisen. Sollte man wirklich von einer Täterschaft Allens sprechen?

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    1. Dieser Text von Allens Adoptivtochter Dylan Farrow ist schon sehr überzeugend: http://www.latimes.com/opinion/op-ed/la-oe-farrow-woody-allen-me-too-20171207-story.html
      Und aus der „Welt“, in einem Artikel über Dylan Farrows offenen Brief von 2014: „Während ihr Vater sie missbrauchte, habe sie, auf dem Bauch liegend, einem Miniaturzug zuschauen müssen, der im Kreise fuhr. Und während er sich an ihr verging, habe er geflüstert, sie sei ein gutes Mädchen. Dies sei nun ihr Geheimnis, und er werde sie nach Paris mitnehmen, wo sie ein Star würde in seinen Filmen.“ So etwas erfindet man nicht. Die Staatsanwaltschaft hatte seinerzeit das Verfahren eingestellt, nicht um Allen zu entlasten, sondern um Dylan Farrow eine Gerichtsverhandlung zu ersparen (davon kann man nun halten, was man will…).

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