tell ist ein „Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft“. Als Zeitgenossen dürfen wir nicht schweigen, wenn die Zeit aus den Fugen gerät.

In der vierten Woche von Putins Krieg gegen die Ukraine und die ganze Welt bringen wir persönliche Beiträge zum Krieg.

Vorbemerkung

Mein Beitrag geht auf eine tell-interne Diskussion zurück. Wir hatten überlegt, in welcher Weise wir die im letzten Jahr erschienenen drei Bände Sämtliche Essays und Reden von Christa Wolf auf tell rezensieren können.

Doch dann kam der Krieg, und Herwig Finkeldey schrieb auf Slack: „Also liebe Freunde, ich gebe es klar zu: In meinem Kopf hat Christa Wolf aktuell wenig Platz; zumindest müssten wir alles neu ausrichten. Über Kassandra (Krieg!) und Störfall (Tschernobyl) schreiben.“

Diese Aufforderung hat mich zum Nachdenken gebracht. Nur noch über den Krieg und die Ukraine schreiben? Das würde heißen, dass wir Literatur nur in ihrem Beitrag zur aktuellen Situation betrachten. Dieser Text ist meine Stellungnahme. 

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Über den Krieg zu schreiben, finde ich nicht so einfach. Nur an den Krieg zu denken und nur über den Krieg zu reflektieren, ist auch keine Lösung. Es ist im Gegenteil ein Teil des Problems. Möchten wir wirklich den Krieg bekämpfen, indem wir nur noch über den Krieg schreiben?

Wir sollten in der Lage sein, über diesen Krieg nachzudenken und über ihn zu schreiben, ohne uns den Kriegsmechanismen zu unterwerfen. Mit Kriegsmechanismen meine ich nicht nur Kriegspropaganda, sondern auch den subtileren und schwieriger zu erkennenden Mechanismus, der uns dazu bringt, uns ausschließlich mit dem Thema Krieg zu befassen.

Frieden um jeden Preis?

Es gehört zu den Mechanismen des Krieges, nichts anderem Raum zu geben. Gerade deswegen ist der Rückgriff auf Literatur und ganz allgemein auf Kultur unverzichtbar.

Sind wir für einen Frieden um jeden Preis? Was bedeutet das? Sich dem Angreifer zu ergeben, ohne zu kämpfen? Ist der ukrainische Präsident mitverantwortlich für die Ermordung von Zivilisten, weil er beschlossen hat, sein Land bis zum Ende zu verteidigen?

Und welche Bedeutung hat die ukrainische Fahne bei den Demonstrationen? Auf der einen Seite ist eine Flagge das Symbol einer Nation mit all ihren Widersprüchen. Wenn wir die ukrainische Flagge jedoch auf der anderen Seite in ein Symbol des Friedens verwandeln, laufen wir Gefahr, von diesem Symbol instrumentalisiert zu werden.

Natürlich müssen Putins Lügen eingedämmt werden, aber wenn wir dies tun, indem wir Russia Today und andere Medien verbieten, stellen wir dann nicht einen für die westliche Gesellschaft grundlegenden Wert in Frage, nämlich die Pressefreiheit?

Der Krieg in unserer Nähe

Wir brauchen andere Gedanken, um den Krieg – nicht nur diesen Krieg – und seine Ursachen zu bekämpfen. Wir sind still geblieben auf tell, als Aleppo zerstört wurde. Wir haben nichts gesagt, als die Frauen in Afghanistan zurück in ihre Häuser getrieben wurden. Erst, als der Krieg in unsere Nähe kam, wurde er zum Skandal. Was empfinden wir als empörend: den Krieg, oder nur die Tatsache, dass der Krieg jetzt ganz nah ist? Wir sind still geblieben, als die Bomben von Saudi-Arabien mit der Hilfe der USA die wunderschöne antike Stadt Sanaa halb zerstört haben. Ist der Jemen zu weit weg für unser Mitgefühl?

Ich stelle mir diese Fragen, und auch deshalb fällt es mir schwer, über diesen Krieg zu schreiben.

Wenn wir nur über den Krieg reden, sind auch wir seine Opfer: Wenn wir nur noch über den Krieg reden, hat der Krieg gewonnen, dann hat er uns seinen Code und sein Referenzsystem aufgezwungen, und wir verlieren die Vielfalt des menschlichen Gefühls, des Lebens. Ich glaube, dass die Kultur uns Werkzeuge an die Hand geben kann, um uns dem Krieg zu widersetzen. Sie gibt uns die Möglichkeit, eine andere Sprache zu sprechen, uns nicht auf den Täter-Opfer-Dualismus zu reduzieren.

Der Krieg und das Lesen

Ein Beispiel dafür, wie man sich den Kriegsmechanismen verweigern kann und dafür, wie die Schönheit die Welt retten kann (um Dostojewski zu zitieren), findet sich in Siegfried Lenz’ Erzählung “Der Leseteufel” im Band So zärtlich war Suleyken.

Der Ich-Erzähler berichtet von der späten Leidenschaft seines Großvaters Hamilkar Schaß für das Lesen. Die Leseleidenschaft lässt den Großvater nicht nur alles vergessen, was um ihn herum passiert, sondern auch – und vor allem – den Angreifer General Wawrila, „der unter Sengen, Plündern und ähnlichen Dreibastigkeiten aus den Rokitno-Sümpfen aufbrach und nach Masuren, genauer nach Suleyken, seine Hand ausstreckte“. Mit seiner Weigerung, sich beim Lesen unterbrechen zu lassen, gelingt es dem Großvater, den Gegner zu entwaffnen.

Auf General Wawrilas Drohungen hin bittet Schaß nur darum, das Buch zu Ende lesen zu dürfen:

Wawrila wurde wütend und zog meinem Großvater eine über, und dann fühlte er sich bemüßigt, so zu sprechen: »Ich werde dich jetzt, du alte Eidechse, halbieren. Aber ganz langsam.«
»Eine Seite nur noch«, sagte Hamilkar Schaß. »Es sind, bei Gottchen, nicht mehr als fünfunddreißig Zeilen. Dann ist das Kapitelchen zu Ende.«
Wawrila, bestürzt, beinahe nüchtern geworden, lieh sich von einem hinkenden Menschen aus seiner Begleitung eine Flinte, drückte den Lauf auf den Hals des Hamilkar Schaß und sagte: »Ich werde dich, du stinkende Dotterblume, mit gehacktem Blei wegpusten. Schau her, die Flinte ist gespannt.«
»Gleich«, sagte Hamilkar Schaß. »Nur noch zehn Zeilen, dann wird alles geregelt werden, wie es sein soll.«
Da packte, wie jeder Kundige verstehen wird, Wawrila und seine Bagage ein solch unheimliches Entsetzen, daß sie, ihre Flinten zurücklassend, dahin flohen, woher sie gekommen waren – dahin: damit sind gemeint die besonders trostlosen Sümpfe Rokitnos.
Adolf Abromeit, der die Flucht staunend beobachtet hatte, schlich sich zurück, trat, mit seiner Flinte in der Hand, neben den Lesenden und wartete stumm. Und nachdem auch die letzte Zeile gelesen war, hob Hamilkar Schaß den Kopf, lächelte selig und sagte: »Du hast, Adolf Abromeit, scheint mir, etwas gesagt?«

Auf paradoxe und ironische Weise stehen sich in dieser Geschichte zwei ungleiche Kräfte gegenüber: der Krieg und das Lesen. Das Lesen gewinnt, weil es die einzige Kraft ist, die über den Krieg hinausführt. Wawrila wird von dem Bewusstsein besiegt, dass man die Welt, die Menschheit, den Reichtum des Geistes niemals im Käfig des Krieges einsperren kann.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Christine ten Winkel / photocase.de

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Von Agnese Franceschini

Deutsch-italienische Journalistin und Autorin, u.a. für den WDR.

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