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In der vierten Woche von Putins Krieg gegen die Ukraine und die ganze Welt bringen wir persönliche Beiträge zum Krieg.

Der russische Angriff auf die Ukraine hat mich entsetzt. Ich fand es ehrlich von Habeck, zuzugeben, dass er damit lange Zeit nicht gerechnet habe. Mir ging es genauso. Als die Nachricht kam, war ich einfach nur fassungslos: Selbst aus Putins Sicht, gerade aus seinen Machtinteressen heraus, so glaubte ich bis fast zum Schluss, wäre das doch Wahnsinn. Und ist es ja auch, wie sich jetzt zeigt.

Putins völkerrechtswidriger Angriffskrieg hat einen naheliegenden Vergleich herausgefordert, nämlich den mit den dreißiger Jahren. Ich war immer gegen Vergleichsverbote, denn vergleichen heißt ja nicht in eins setzen, sondern parallelisieren – und schauen, wie weit man damit kommt.

Und so nähere auch ich mich diesem Krieg mit drei Zitaten aus den dreißiger bzw. vierziger Jahren: zwei bekannten Zitaten emigrierter deutscher Schriftsteller – Klaus Mann und Bertolt Brecht –, und einem in Deutschland vielleicht weniger bekannten Zitat von George Orwell.

Radikaler Pazifismus

In seiner Autobiographie Der Wendepunkt berichtet Klaus Mann, wie er im Sommer 1940 kurz nach Hitlers Sieg im Westen mit seinem alten Freund Christopher Isherwood aneinandergeriet. Die beiden kannten sich schon aus Berlin. Isherwood gehörte mit W.H. Auden und Klaus Mann u.a. zur den frühen Protagonisten der Schwulenbewegung. Dass Isherwood als Schwuler und als Weltbürger kein Nazi-Sympathisant war, steht außer Diskussion. Seit Ende der dreißiger Jahre näherte sich Isherwood ostasiatischen Weisheitslehren an (oder dem, was er dafür hielt). In diesem Rahmen entwickelte er einen Radikal-Pazifismus: Krieg ist immer schlecht, und zwar jeder Krieg, auch der gegen Hitler. (Krieg weglächeln, Gewalt wegmeditieren – dieser herzensgut gemeinte Unfug ist keineswegs neuesten Ursprungs!)

Klaus Manns Gegenargument:

Als gesitteter Mensch ist man natürlich Pazifist, was denn sonst. (…) [Aber] ein Krieg, der unvermeidlich geworden ist, lässt sich nicht mehr ‚ablehnen‘, sondern nur noch gewinnen.

Das Recht auf Selbstverteidigung ist elementar, und welche Mittel der Angegriffene aufwendet, um einen rechtswidrigen Angriff auf sich abzuwehren, ist nicht vorgeschrieben. Wenn die Ukraine so agiert, wie sie es derzeit tut, ist das ihr gutes Recht.

Moral posing

Das zweite Zitat stammt von Bertolt Brecht, und von hier an wird die Geschichte kompliziert:

Dabei wissen wir doch:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
verzerrt die Züge.

Genau das ist derzeit zu beobachten. Auf social media, in den etablierten Medien, auch auf einer Website wie „Zentrum liberale Moderne“. Den Verteidigungskrieg der Ukraine für legitim halten – was er trivialerweise ist –, ist das eine. Das andere: Jeder Krieg, auch der gerechte, verändert uns. Das moral posing, in dem sich nun viele als kleine Churchills gerieren, klingt mir wie die neueste Variante des nachgeholten Widerstands. Auf „Bild-TV“ werden im Bewunderungsgestus Videos mit Angriffen auf russische Panzer gezeigt, in denen, so müssen wir annehmen, russische Soldaten sterben. Selbsternannte Generalstabsoffiziere geben detaillierte Tipps („nicht nur Stinger, sondern auch weitreichende Fla-Raketen“). Literarisch Gebildete spielen auf Ernst Jünger an. Wer auch nur um zwei Winkelminuten von der Linie abweicht, wer etwa nach dem rechtsextremen Asov-Regiment fragt oder nach der Rolle ukrainischer Oligarchen, muss sich als „Putin-Versteher“ anrempeln lassen.

Die Vietnamisierung der Ukraine

Wenn wir die heutige Situation mit den dreißiger Jahren vergleichen, also mit Chamberlains Appeasement und Churchills Warnungen, dann müssen wir neben den Parallelen auch die Differenzen im Blick behalten.

Zu den Parallelen hat mein Bruder schon vieles gesagt. Putin (und seine Entourage, er agiert ja nicht allein) fühlt sich, wie die extreme Rechte der Weimarer Republik, zu kurz gekommen, und auch er lädt dieses Gefühl mit einer Ideologie auf, die den Kontakt zur Realität längst abgebrochen hat: Er identifiziert „Schuldige“ für die empfundenen Defizite und hält „Lösungen“ des gar nicht existierenden „Problems“ allein per Gewalt für möglich.

Es gibt aber auch Unterschiede. Der erste Unterschied ist der entscheidende: Hitler hatte keine Atombombe, punkt. Nazi-Deutschland war die Apotheose des Grauens, primus inter pares aller verluderten Politverbrecher, und verfügte leider über eine militärisch kompetente Armee. Aber Nazi-Deutschland war besiegbar. Die Atommacht Russland ist das nicht. Aus heutiger Sicht wissen wir: Es wäre 1938 besser gewesen, den Krieg zu riskieren. So unvorbereitet England und Frankreich waren – das militärische Potenzial Nazi-Deutschlands wurde massiv überschätzt; auch Deutschland war keineswegs kriegsbereit.

Es bleibt natürlich Spekulation, aber Einiges spricht dafür, dass Hitler 1938 in dem schwierigen sudetendeutschen Gelände sein Ukraine-Erlebnis gehabt hätte. Nur kann diese Erkenntnis nicht auf den Ukrainekrieg übertragen werden. Die Nato kann nicht direkt eingreifen – sie hat das ja auch sofort erklärt –, und Putin weiß das auch. Ist es eine gute Idee, die Ukraine sich weiter opfern zu lassen, wie es z.B. das „Zentrum liberale Moderne“, aber auch viele social media-Nutzer, unverhohlen fordern? Ist es eine gute Idee, den Krieg durch die Unterstützung der Ukraine zu einer jahrelangen tödlichen Gemengelage zu machen, die Ukraine gewissermaßen zu vietnamisieren?

Kriegsvorbereitungen

Der zweite Unterschied: Große Teile des deutschen Volks, will sagen, große Teile unserer Vorfahren, waren einfach vom Teufel geritten und machten fanatisch mit, bis zum Abwinken. Davon kann, soweit sich derzeit sagen lässt, in Russland so nicht die Rede sein. Es gibt Zustimmung für Putin, leider, aber sie ist nicht grenzenlos, es sind nicht die neunzig Prozent, die wir bei Hitler auf dem Höhepunkt seiner Popularität veranschlagen dürfen. Die Widerstandskräfte in Russland – wer denkt jetzt nicht an Marina Ovsiannikova – gilt es zu stärken. Es gibt in Russland eine Mittelschicht, die Europa nicht angreifen, sondern als Touristen bereisen will.

Übrigens bewertet man die Appeasement-Politik Chamberlains inzwischen differenzierter. Die jahrzehntelang gepflegte Erzählung – der Trottel Chamberlain ließ sich von Hitler übern Tisch ziehen – dürfte in dieser Ausschließlichkeit nicht haltbar sein. England hatte sehr wohl begriffen, dass es um eine Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland nicht herum kommen würde und nutzte seine durch Appeasement gewonnene Zeit für umfangreiche Vorbereitungen. Chain Home (das englische Radarsystem, das der deutschen Luftwaffe 1940 eine Überraschung nach der anderen bereitete) wurde unter Chamberlain errichtet, nicht unter Churchill. Auch die Nato bereitet sich ja seit Jahren vor. Die derzeitige Wehklage, man sei so naiv und unvorbereitet gewesen, nehme ich angesichts der Nato-Manöver, die es seit Jahren an der Nato-Ostgrenze gibt, nicht ernst. Putin zu signalisieren, dass man massiv aufrüsten werde, ist als Geste wohl richtig, sollte aber nicht verbunden werden mit einer Kriegsrhetorik, die ihrerseits alle Brücken abbricht und jeden Friedensvorschlag als Defätismus denunziert.

Krieg als das kleinere Übel?

Denn: Appeasement, also der Glaube an Verhandlung, Vermittlung, Ausgleich, ist gleichsam die Demokratie selbst. Entsprechend problematisch ist es, Verhandlung, Ausgleich, Vermittlung per se mit Schwäche zu assoziieren (der Glaube, ein Parlament sei eine „Quasselbude“, geht in die gleiche Richtung). Tatsächlich wird skrupellose Dreistigkeit immer zunächst billige Siege gegen Demokratie und Humanität einheimsen. Langfristig wird das Prinzip Gewalt – so viel Norbert-Elias-Optimismus bewahre ich mir – aber keine Chance haben.

Was könnte man folgern?

Der massive und von Putin so nicht erwartete ukrainische Widerstand war zunächst einmal offenkundig richtig (Klaus Mann). Sich in eine binäre Kriegslogik einzupanzern, ist ebenso offenkundig falsch (Brecht). In seinem Essay „Looking back on the Spanish War“ schreibt George Orwell (es ging ihm auch um die ständig wechselnden Haltungen der westlichen Linken in den Dreißigern – mal hieß es „war is hell“, dann in Spanien wiederum „war is glorious“):

We have become too civilized to grasp the obvious. For the truth is very simple. To survive you often have to fight, and to fight you have to dirty yourself. War is evil, and it is often the lesser evil. Those who take the sword perish by the sword, and those who don‘t take the sword will perish by smelly diseases.

Wir sind zu zivilisiert geworden, um das Offenkundige zu sehen. Denn die Wahrheit ist sehr einfach. Um zu überleben, muss man häufig kämpfen, und wenn man kämpft, macht man sich schmutzig. Krieg ist böse, nur ist er häufig das kleinere Übel. Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen, und wer nicht zum Schwert greift, stirbt durch faule Kompromisse.

Widerstand bis zum Äußersten?

“Häufig“ muss man kämpfen, aber nicht „immer“. Wenn das wahr ist, dann stellt sich die Frage, wie „wir“ die Ukraine unterstützen. Das ist keine prinzipielle, sondern eine pragmatische Frage. Waffen liefern? Auf eine Verhandlungslösung drängen, mit massivem Druck auf Putin? Die Frage sollte sein, was für die Ukraine das Beste ist, nicht, was unserem öffentlich inszenierten Gewissen moralisch am besten schmeckt (Sie lesen gerade einen Beitrag dazu!). Englands Durchhalten 1940 war richtig, Golo Mann bezeichnete dieses Durchhalten als „imposant, das einzig menschlich großer Ereignis“ jener Jahre.

Aber erliegen einige hier nicht doch einer allzu undifferenzierten Parallelisierung?

Ich gebe Tanja Maljartschuk und Anselm Bühling recht: Wir urbanen Großstadtintellektuellen haben das nicht zu entscheiden, auch moralisch nicht. Ob es aber die Militärs allein entscheiden sollten? „Der dritte Weltkrieg wird die Ukraine auch nicht retten“, zitiert Anselm Bühling Tatjana Maljartschuk, und auch das stimmt zweifellos.

Vielleicht bin ich „zu weich“ aufgewachsen, im sicheren Schoß der alten Bundesrepublik, was immer das heißen mag. Aber ich habe nicht den Maulheldenmut, der Ukraine Widerstand bis zum Äußersten anzuraten.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Christine ten Winkel / photocase.de

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Von Hartmut Finkeldey

Jobber, Autor, Kolumnist

7 Kommentare

  1. „Jeder Krieg, auch der gerechte, verändert uns. Das moral posing, in dem sich nun viele als kleine Churchills gerieren, klingt mir wie die neueste Variante des nachgeholten Widerstands.“

    Das, Hartmut, ist freilich seit einigen Jahren ein Internetphänomen, zu dem wir alle, so Du, so ich, so fast jeder, der in den sozialen Medien zu Gesellschaftlichem schreibt, beitragen: Kein Thema, wo wir nicht kleine Churchills, Corona-Experten, Klimawissenschaftler oder Soziologen sind und in unendlichem Posten von Text unser Posing betreiben.

    Schlimmer als die kleinen Internethelden sind freilich jene, die wie Mathias Döpfner, der nun nicht gerade unprominent ist, einen Krieg einfordern, der kaum durch die Statuten der NATO und auch nicht durchs Grundgesetz gedeckt sein dürfte. Das eine ist es, eine schlagkräftige und verteidigungsbereite Bundeswehr zu fordern und der Ukraine mit allen Mitteln zu helfen; das andere ist es, diese (desolate und totgesparte) Bundeswehr in einen Krieg zu schicken, der sich ggf. auf dem Territorium Rußlands abspielen wird. Dazu noch nach der Döpfner-Art „Hannemann, geh Du voran, ich stell mich gern hinten an!“ Es gilt hier also die Wahl der Mittel abzuwägen, wie das Anselm Bühling zu recht geschrieben hat. Jeder Einsatz von Waffen und auch von Mitteln des Wirtschaftsboykotts sollte so sein, daß er Putin bzw. Rußland schwächt und nicht die eigene Seite. Das kann ggf. auch bedeuten, daß wir, weil es taktisch geboten ist, über Nord Stream 1 weiter Russengas beziehen.

    Wichtig ist der Hinweis auf Chamberlain. Natürlich war er kein Trottel und brachte England in die Rüstung hinein. Er ist freilich ein Beispiel auch dafür, wie man es nicht hätte tun sollen. Aber auch hier gilt wieder: Mit ex-post-facot-Deutungen kommt man nicht wirklich weiter und es ist hinterher nur ein schaler Trimuph.Oder wie der Volksmund sagt: „Hinterher ist man immer schlauer!“ Wichtiger als das Hätte-hätte ist es, kluge Optionen fürs gegenwärtige Handeln zu finden. Und eine davon schien zu sein, daß die Ukraine am Ende doch besser gerüstet ist, als die Russen es annahmen. Man muß Putin mit seinen eigenen Waffen schlagen: Marsmännchen in die Ukraine!

    „Sich in eine binäre Kriegslogik einzupanzern, ist ebenso offenkundig falsch.“ Aber dieser Krieg ist binär: es gibt eine Aggressor-Seite und es gibt eine, die sich verteidigt, und das ist nicht anders als beim Krieg der Alliierten gegen Hitler – bei allen Unterschieden ansonsten, letzterer ist ein Weltkrieg, ersterer ein Lokalkrieg in Europa. Ich würde hier also eher mit Carl Schmitt kommen: Weil der Andere der Feind ist (als regulärer Kombattant) kann und muß man ggf. auch mit ihm verhandeln. Anders als bei Terroristen. Wobei freilich die Verhandlungen mit Putin sich am Ende einfacher gestalten dürften als die mit Hitler. Stichwort Judenmord. Bei Hitler gibt es nichts zu verhandeln. Putin verhandelt nur zum Schein, so steht zu vermuten. Für die Verhandlungen kommt es also auf eine gute Ausgangslage an und auch aus diesem Grunde also sind Waffen und Material für die Ukraine unabdingbar – sofern das Land es wünscht.

    Von der Vietnamisierung zu sprechen, halte ich für verfehlt. Die Situation ist doch eine andere. Eher würde ich von einer Syriesierung sprechen, was die Zerstörung von Städten betrifft. Aber auch hier ist der Täter eben Putin und nicht der Westen und es ist am Ende die Entscheidung der Ukraine, ob sie (mit unserer Hilfe) weiterkämpfen oder ob sie kapitulieren.

    Immerhin eines hat Putins Angriffskrieg uns gezeigt: Die naiven Jahre Deutschlands sind vorbei. Daß die Bundeswehr vor 30 Jahren und auch vor 10 Jahren nötig war, mochten viele bei Partyspaß in Berlins Feierzonen nicht wahrhaben. Realpolitik stand bei vielen nicht auf der Tagesordnung und beim Großen Zapfenstreich, bei öffentlichen Gelöbnissen und Rekrutenvereidigungen rümpfte auch die Irgendwas-mit-Medien-Fraktion gerne die Nase oder protestierte gar oder amüsierte sich über solche, die solche Rituale solche öffentlichen Auftritte einer Parlamentsarmee nicht verkehrt fanden. Daß die Bundeswehr auch von der Anerkennung lebt, die ein Staat und damit auch ein Parlament ihr entgegenbringt, entging den meisten Menschen. Ja, eine Armee lebt von Ritualen, ohne daß man dabei wie Diederich Heßling in den läppischen Hurra-Patriotismus kippen muß. Nun wurden manche eines Besseren belehrt. Immerhin. Vielleicht ist unsere Republik in diesen Fragen des Militärischen doch ein wenig zur Normalität zurückgekehrt. Und das mag ein guter Aspekt dieses ansonsten schlimmen Krieges sein.

    Enden würde ich diesen Kommentar mit Anselm Bühlings klugem Satz „Pazifismus wird widersinnig, wo er demjenigen den Weg ebnet, der seine Waffen am skrupellosesten einsetzt.“ Der eben bedeutet nicht, Krieg um jeden Preis zu führen, sehr wohl aber, um den Frieden zu bewahren, in diesem Fall und für die nächsten Fälle sehr gut gerüstet zu sein.

    Antworten

  2. Anselm Bühling 24. März 2022 um 13:30

    Mir scheint, die Formel „das Beste für die Ukraine“ ist in der Diskussion hierzulande oft einfach eine Chiffre für „das Beste für uns“: Je schneller die Ukraine aufgibt, desto weniger müssen wir uns unangenehmen Fragen nach einem Energieembargo, Waffenlieferungen oder militärstrategischer Unterstützung stellen.

    Dazu ist es natürlich bequem, sich die Menschen in der Ukraine als willenlose Massen zu denken, die sich – von ihrem Präsidenten oder von „NATO-Kriegstreibern“ – blindlings in ein selbstmörderisches Gemetzel treiben lassen und einfach nicht begreifen wollen, dass es nur zu ihrem Besten ist, wenn wir ihre Forderungen ignorieren.

    Verhandelt muss werden und wird ja auch. Aber eins muss dabei sehr klar sein: Verhandlungen mit dieser russischen Regierung können nicht zu einer Lösung führen. Nur zu einem Aufschub. Und je nachdem, wie ermutigend das Ergebnis für Russland ausfällt, zur nächsten, größeren Aggression.

    Antworten

  3. Hartmut Finkeldey 28. März 2022 um 21:42

    In grotesken, gewaltbereiten Zeiten wie diesen ändern sich die Zustände jeden Tag, mit einer Dynamik, die dem „normalen“ (was ist das?) Leben abgeht.

    Heute – immerhin: es war „Bild“, die berichtete, „Spiegel“ schweigt bis jetzt (28.03. 20:00 Uhr) dröhnend – wird berichtet, was niemanden überraschen kann, der sich auch nur ein bisschen mit der Sache befasst hat: das Azov-Regiment hat offenbar gefangene Russen gefoltert. Die Videos (nicht googlen, sie sind widerlich!) liegen vor.

    Wie ist das zu bewerten?

    Moralisch ist der ganze Konflikt seit langem keineswegs so eindeutig, wie ihn „der Westen“ gerne hätte.

    Das heißt nicht, Putin freisprechen oder auch nur relativieren zu dürfen. Russland – man schaue auf sein BSP – ist nunmal keine Weltmacht, deal with it, Vladimir! Sein Glaube, auf Augenhöhe mit Washington und Peking agieren zu sollen/dürfen/müssen, ist sehr wesentlich die Ursache für all die Probleme.

    Da gab es in der Mitte Europas schon mal ein Land, Name fällt mir gerade nicht ein, fängt, glaube ich, mit „D“ an: recht starke Kontinentalmacht, technisch-kulturell zweifellos state-of-the-art, in manchem sogar führend, glaubte aber (bzw ihre Sinn- und Deutungseliten glaubten), „Weltmacht“ sein zu müssen. Denn es wird am deh-deh-Wesen / einmal noch die Welt genesen. Das komme uns zu! Und wer sich uns in den Weg stelle, wolle eben aus schierer Bosheit das verhindern, was uns zukomme, uns D…D…na, wie hieß das Land, wie hießen sie noch?

    Ich habe Angst. Ich befürchte, dass die Kontinentalmacht Russland, atomar bewaffnet, den selben Fehler macht wie einst mein Land: Zu glauben, dass ihm eine Weltmachtposition zukomme. Russland ist stark, es ist vor allem auch kulturell zweifellos eine Bereicherung für die Welt, was wäre die Literatur ohne Tolstoi, Dostojewskij, Achmatowa, Zwetajewa…und und und. Aber Weltmacht? Wer ist schon Weltmacht? Die USA? Wie Rom?

    Unser Land, unsere Vorfahren mussten 1939 – 1945 totgeschlagen werden wie ein räudiger Köter, es ging nicht anders. Deutschland war nicht stark genug – gottseidank! -, die Welt zu beherrschen. Aber es war stark genug, zusammen mit einem starken Verbündeten, einen Weltkrieg mit über 50 Millionen Toten auszulösen. Freude hat das damals niemandem gemacht.

    Wenn Her Putin, der irgendwann, gottseidank, Geschichte sein wird, „lediglich“ die Ostukraine „haben will“ (was hat er nur davon?), dann möge man sie ihm auf Zeit „geben“. Gewaltsam und wider innere Zustimmung der Betroffenen errungene „Siege“ sind letztlich sowieso keine. Wenn Herr Putin diesen „Sieg“ aber als „Beleg“ dafür nimmt, dass „der Westen“ schwach ist, aus Angst vor dem Krieg zu allem bereits ist…was dann?

    Ich weiß es nicht, ganz einfach.

    Chamberlain war kein Trottel. Chamberlain war ein normaler Politiker, der glaubte, mit einem zwar verbrecherischen, aber im Bereich der Politik halbwegs normalen Politiker zu interagieren. Erst nach dem Einmarsch in die sog. „Rest-Tschechei“ März 1939 gingen ihm die Augen auf. Seine berühmten Worte, mit denen er proklamierte, dass England nunmehr in den Krieg eintrete, werden immer verkürzt zitiert. You can imagine, what a bitter blow it is to me that all my long struggle to win peace has failed. Wer davon, bei aller Kritik an Appeasement, nicht berührt ist, dem ist nicht zu helfen.

    Weltmacht:
    https://www.youtube.com/watch?v=cA0bFBa_7h8

    Chamberlain:

    Antworten

  4. Hartmut Finkeldey 28. März 2022 um 21:48

    „Mir scheint, die Formel „das Beste für die Ukraine“ ist in der Diskussion hierzulande oft einfach eine Chiffre für „das Beste für uns“: Je schneller die Ukraine aufgibt, desto weniger müssen wir uns unangenehmen Fragen nach einem Energieembargo, Waffenlieferungen oder militärstrategischer Unterstützung stellen. “

    Mag sein, lieber Anselm, aber die Umkehrung ist eben genau so problematisch: Sterbt mal für unsere westlichen Werte, liebe ukrains! Hannemann, geh Du voran – werd immer an Dich denken…

    Ich habe keine Lösung.

    Antworten

    1. Anselm Bühling 30. März 2022 um 11:33

      Hartmut, ich wüsste nur nicht, dass uns in der Ukraine überhaupt jemand gefragt hätte.

    2. Wonach? Danach, einzusteigen, sind wir sehr wohl gefragt worden, um es milde zu sagen.

      Die Ukrainer agieren selbstverantwortet – Ratschläge darf man dennoch immer erteilen. Ist Kampf bis zum letzten hier ein guter Rat? Insbesondere dann, wenn man aus ersichtlichen Gründen selber nicht eingreifen kann (was Putin natürlich weiß und von Beginn an in Rechnung stellte)? Darum geht es doch. Die Kampf-bis-zum-letzten-Rhetorik ist nicht immer falsch, sie ist aber ebenso wenig immer richtig. Wie ich es in meinem Ausgangsbeitrag sagte: Die Frage ist pragmatisch-situativ zu beantworten, nicht grundsätzlich. Hie die guten Churchills, da die bösen (bzw dummen) Chamberlains – diese eins zu eins-Parallelisierung, die bisweilen recht deutlich zu vernehmen ist, und je kostenbefreiter, desto lauter, wird nicht funktionieren.

      Enden wird es – hier nun ist Parallelisierung ggfls wieder geboten – sowieso erst, wenn die russische Gesellschaft ihren „Frieden macht mit sich und der Welt“. Dieses ewige, realitätslose sich zu kurz gekommen-fühlen. Die Welt gönnt uns ja nichts…alle, alle gegen uns. Wie gut wir das noch kennen sollten. In the very long run stehen Leute wie Putin natürlich immer auf tönernen Füssen. Fragt sich, ob die Welt seinen Fall abwarten soll oder kann. ich weiß es nicht.

    3. Anselm Bühling 30. März 2022 um 18:35

      Es ist nur so, dass unerbetene Ratschläge eher selten Gehör finden.

      Um Unterstützung werden wir gebeten, das allerdings. Dazu müssen wir uns verhalten. Aber wer sie verweigert, sollte ehrlicherweise mit den eigenen Interessen argumentieren und nicht sagen: „Schaut, es ist doch nur zu eurem Besten, wenn wir euch die erbetenen Waffen nicht liefern.“

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