Das Wort „Zeitgenossenschaft“ im Untertitel „Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft“ verdankt tell dem Schriftsteller, Filmregisseur und politischen Aktivisten Thomas Harlan. Ich hatte Thomas Harlan im Januar 2009 kennengelernt, wir blieben bis zu seinem Tod am 16. Oktober 2010 im Kontakt.

Politik statt Kunst

Als ich Thomas Harlan einmal fragte, was für ihn die schwierigste Zeit gewesen sei, sagte er:

– Das waren die Sechziger- und Siebzigerjahre, da hatte ich auf das falsche Pferd gesetzt. Ich hatte der Frage nach dem Richtigen und dem Falschen den Vorzug gegeben vor der Frage nach dem Schönen. Ich hatte Politik mit Kunst verwechselt.
Wie kam es dazu?
– Ich wollte Zeitgenosse sein.

Thomas Harlan war in alle Konflikte verwickelt, die die Weltgeschichte zu bieten hatte. Als 1959 sein Stück Ich selbst und kein Engel über den Warschauer Ghetto-Aufstand aufgeführt wurde, entlarvte er nach einer Vorstellung eine Reihe hochrangiger NS-Verbrecher, die im Nachkriegsdeutschland unbehelligt wieder in ihren Berufen Karriere machten. Es drohten Klagen wegen Verleumdung, und so recherchierte er während der nächsten Jahre in polnischen Archiven. Die Akten, die er dabei fand, leitete er weiter an den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer in der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg und stieß damit Ermittlungen in über 2000 Fällen an. Thomas Harlan hatte Kontakte zur RAF und zur Lotta Continua, war in Mosambik mit der Befreiungsbewegung FRELIMO verbunden, unterstützte den chilenischen Widerstand gegen Pinochet, und über die Nelkenrevolution in Portugal drehte er den Film Torre Bela.

Für Thomas Harlan war Zeitgenossenschaft verbunden mit der Idee einer politisch bewussten Kunst zwischen den Polen von l‘art pour l’art und littérature engagée.

Vom Feuilleton übersehen

Als ich den Verleger Wolfgang Hörner einmal fragte, wer sein wichtigster Autor sei, nannte er, ohne zu zögern, Thomas Harlan. Auf Empfehlung von Hans Magnus Enzensberger hatte er bei Eichborn Berlin zuerst die Erzählung Rosa (2000) verlegt, später folgten Heldenfriedhof (2006), Die Stadt Ys (2007) und der Gesprächsband mit Jean-Pierre Stephan Hitler war meine Mitgift (2007, so der Titel der Taschenbuchausgabe).

Ich hatte den Namen Thomas Harlan damals noch nie gehört. Das deutsche Feuilleton hatte von ihm kaum Notiz genommen – dabei hätte allein die Tatsache Wellen schlagen müssen, dass der Sohn von Veit Harlan, dem Star-Regisseur des Dritten Reichs, über die Täter des Holocaust schrieb. Zumal er mit seiner Prosa eine völlig neue ästhetische Auseinandersetzung mit dem Holocaust wagte.

Seit 2001 lebte Thomas Harlan in Schönau am Königssee oberhalb von Berchtesgaden als Dauerpatient in einer Klinik, schwer lungenkrank, aber hellwach, wie mir Wolfgang versicherte. „Du kannst hinfahren, Thomas freut sich über interessanten Besuch.“

Energiegeladene Sprache

In Heldenfriedhof begegnete ich einer Sprache, wie ich sie noch nirgends gelesen hatte. Die Sätze türmen sich, die Sprache ist dabei so elegant wie kühn, sie stürmt voran, bremst jäh, springt über Klippen und rennt im Zickzack; der ganze Text ist aufgeladen mit einer explosiven, quecksilbrigen Energie. Ständig wechseln Zeitebene und Schauplatz, und in jedem Kapitel tauchen neue Figuren auf, die am Holocaust beteiligt waren. Keinen der Namen kannte ich, und doch fand ich sie alle in Wikipedia: Dietrich August Allers, Hermann Höfle, Erwin Lambert und wie sie alle heißen, die zweite, dritte, vierte Garnitur der NS-Täter.

Mit anderen Worten: Ich war von der Lektüre heillos überfordert. Und so folgte ich Wolfgangs Rat und fuhr im Januar 2009 nach Schönau am Königsee, für ein Porträt im Auftrag der NZZ und um herauszufinden, was es mit dieser Prosa auf sich hat. Als ich das Zimmer Nr. 72 morgens um zehn betrat, empfing Thomas Harlan mich mit der Frage: „Darf ich anfangen?“ Er wollte zwei Dinge von mir wissen: „Was haben Sie zuletzt gemacht?“ und „Haben Sie meine Bücher gelesen?“ Ich bestand die Antrittsprüfung, weil ich gleich eingestand, dass ich bei Heldenfriedhof nach zwei Dritteln aufgegeben hatte.

Als ich das Zimmer um 18 Uhr verließ, war meine Weltsicht eine andere. Die NZZ brachte das Porträt, das Interview, das wir bei meinem nächsten Besuch fortsetzten, erschien nach seinem Tod in Sinn und Form. Jeder Satz im Transkript war druckreif und kein Wort zu viel, ich änderte so gut wie nichts – das war sonst nur noch bei meinem Interview mit Peter von Matt der Fall.  

Im Bergwerk der Prosa

Thomas Harlan schrieb Bücher, weil er keine Filme mehr drehen konnte. Die Erzählung Rosa hatte er 1998 in sechs Wochen geschrieben, um den ersten Krankenhausaufenthalt wegen seines Emphysems zu überstehen. Es war die Miniatur dessen, was acht Jahre später Heldenfriedhof wurde, eine Prosa zwischen Fiktion und Dokument, die zu verstehen versucht, „wie aus Menschen Instrumente gemacht werden“.

Heldenfriedhof lesen, das ist, als betrete man ein Bergwerk: Hinter jeder Biegung kann Gold liegen, doch manchmal ist es verborgen unter Geröll, manche Stollen führen in eine Sackgasse, dann wieder bricht der Weg ab und man blickt in einen Abgrund, ohne zu wissen, wie man hinunter gelangt. Eine assoziativ geschriebene, hoch musikalische Prosa, der man mit erbsenzählerischem Lesen nicht beikommt.

Zugang zum Werk von Thomas Harlan findet man am leichtesten über seine Gesprächswerke: den Band Hitler war meine Mitgift und den Film Wandersplitter (2006) von Christoph Hübner und Gabriele Voss. Ein halbes Jahr vor seinem Tod diktierte Thomas Harlan Jean-Pierre Stephan den Band Veit (2011) – eine Auseinandersetzung mit seinem Vater: Anklage, Abbitte und Liebesbrief in einem.

Wie ein Wort entsteht

Was habe ich von Thomas Harlan gelernt in den anderthalb Jahren, die ich ihn kannte? Das eine betrifft sein körperhaftes Verhältnis zur Sprache: Die Worte waren für ihn buchstäblich Fleisch, man war sofort bei den Innereien. Er war unerbittlich genau in der Wahl seiner Worte. Sein Vater sei als Regisseur ein „Messerwetzer“ gewesen, sagte er in der Sendung Boulevard Bio: Mit Jud Süß habe er ein Mordwerkzeug geliefert, die Voraussetzung dafür, dass die Menschen sich zurichten ließen für das Morden. „Ein kleiner Regisseur hätte nur seine Schuldigkeit getan, er hätte keine Schuld auf sich geladen“, heißt es in Veit.

Einmal war ich Zeuge davon, wie in Thomas Harlan ein Wort entstand. Wir besprachen Korrekturen für eine Neuauflage von Heldenfriedhof, es ging um die Vermeidung der Täterworte. Das Äquivalent für „Endlösung“ hieß „der Mord an den Juden“; das Wort „Massenmord“ kam nicht in Frage, es hätte den Lesern die direkte Konfrontation mit dem Mord erspart. Doch wie übersetzt man „Euthanasie“? „Der Mord an den geistig Behinderten“ stimmte so wenig wie „der Mord an den psychisch Kranken“, beide Wendungen erfassen nicht das, was die Nationalsozialisten ausrotten wollten. Thomas Harlan lag in seinem Krankenhausbett, mit der Sauerstoffbrille in der Nase und sagte: „Es gibt dieses Wort, wir müssen es nur finden.“ Wenige hochkonzentrierte Minuten später war es da: „der Mord an den Unheilbaren“. Das ist es, wovor die NS-Verbrecher (und alle Faschisten) sich fürchteten: Unheilbar schwach sind wir am Ende alle, unheilbar zum Tod.
(Leider hat diese Änderung keinen Eingang gefunden in die korrigierte Fassung von Heldenfriedhof, die 2011 als Teil der Werkausgabe bei Rowohlt erschien.)

Bewusstsein schaffen

Im Austausch mit Thomas Harlan ist mir bewusst geworden, dass wir noch lange nicht begriffen haben, was im Holocaust geschehen ist, das ist das andere, was ich von ihm gelernt habe. Der Schöpfung sei etwas angetan worden, die Welt sei nicht mehr die Gleiche wie vor dem Holocaust. Als eine polnische Untersuchungskommission im November 1944 den Boden des Vernichtungslagers Bełżec untersuchte, in dem die Asche der Ermordeten lag, wurden die Haare eines anwesenden Professors vor aller Augen weiß, das erzählt Thomas Harlan in meinem Interview. „Mindestens das musste doch geschehen. Stellen Sie sich vor, ganz Deutschland hätte weiße Haare gekriegt. (…) Wer wären sie gewesen, wenn sie gewusst hätten! Ihre Haare sind nicht weiß geworden.“ In Wandersplitter fragt er sich: Was wäre gewesen, wenn es nach dem Krieg Wahrheitskommissionen gegeben hätte wie in Südafrika nach dem Ende der Apartheid? Wer erzählt, was er getan hat, muss nicht ins Gefängnis; er kann dann sehen, ob noch jemand ein Bier mit ihm trinken will.

Es ging Thomas Harlan nicht um „Aufarbeitung“ oder „Bewältigung“ – solche Worte wären ihm nie über die Lippen gekommen, denn nichts lässt sich hier bewältigen oder gar aufarbeiten. Ihm ging es um die Kenntnisnahme dessen, was geschehen ist: In unserem Bewusstsein ist der Mord an den Juden nicht geschehen, davon war er überzeugt. Ein Gedanke übrigens, den Lukas Bärfuss 2019 ins Zentrum seiner Büchnerpreisrede gestellt hat.

Die kleinen Täterinnen und Täter

„Weißt du, was heute für ein Tag ist?“, fragte mich Thomas Harlan, als ich zufällig am 7. Dezember bei ihm zu Besuch war. „An diesem Tag hatte das Unheil begonnen.“ Am 7. Dezember 1941 wurden in Kulmhof die ersten Juden in einem Gaswagen ermordet; Rosa handelt von diesem ersten, noch improvisierten Vernichtungslager.

Dass Thomas Harlan an jedem 7. Dezember an Kulmhof dachte, war ebenso praktizierte Zeitgenossenschaft wie die politischen Kämpfe und seine unversöhnte Prosa über die kleinen Täterinnen und Täter, denen wir in Heldenfriedhof begegnen: dem Maurer, der die Gaskammern baute, den Lastwagenfahrern, den Sekretärinnen, die das Wannsee-Protokoll ins Reine tippten.

Wer ist schon die Linkenbach, wer Irmchen, wer Lise. Wer wollte kleiner sein als die Tippsen, wer unschuldiger, wer unwichtiger, wer denn überhaupt eine Geschichte wert, ein Sätzchen.

Als der Zweite Weltkrieg endete, war Thomas Harlan 16 Jahre alt, er verließ Deutschland, um nicht mehr die Sprache seiner Eltern sprechen zu müssen. Mit siebzig Jahren kehrte er nach Deutschland zurück und damit auch in die deutsche Sprache: Er begann, seine Bücher zu schreiben. Als er vor zehn Jahren starb, war er 81 Jahre alt. Sein Todestag steht auch für das Sterben der Zeitzeugen und damit für die Frage, ob der Holocaust nun zu einem historischen Ereignis wird, das mit uns nichts mehr zu tun hat.

In der gleichen Erde

In Heldenfriedhof macht sich Enrico Cosulich auf die Spuren der mutmaßlichen Mörder seiner Mutter: Sie wurde von NS-Schergen in den Osten verschleppt. Der ganze Roman dreht sich um die unausweichliche Verwandtschaft der Täter mit den Opfern.

[Es erstaunte ihn], daß ihm nichts anderes übriggeblieben war, als diese Erde mit ihnen zu teilen; daß es dieselbe wäre, in der er liegen würde; derselbe Staub; dieselben Körner; dieselbe Binsenwahrheit; dieselben Vögel, die sie sich holen würden, derselbe Wind, dieselben Muscheln, dieselbe Mutter, dieselbe Luft, derselbe Schrei, Dankbarkeit, die Feuchtigkeit, dein unwirtliches Leben, dein Sohn.

Auch wir werden dereinst in der gleichen Erde ruhen. Thomas Harlans ganzes Schaffen diente dem Ziel, uns damit nicht zur Ruhe kommen zu lassen.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Standbild „Boulevard Bio“
Weitere Bilder: Standbild „Wandersplitter“ und privat
Letztes Bild: Thomas Harlan 1988 in Paris, von Chester Lukas Harlan

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Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

Ein Kommentar

  1. Ulrike Janssen 16. Oktober 2020 um 10:15

    Danke für den Text. Ich erinnere mich, dass ich, als ich Heldenfriedhof zum ersten Mal las & in der Hand hielt, nicht aufhören konnte, diese Täterfotos vorn & hinten im Einband anzuschauen & dabei die ganze Zeit dachte: euch hat es wirklich gegeben, euch hat es wirklich gegeben? Dieses Schwanken des Realitätsgefühls, das Unfassbare, das hat er so gut vermittelt, das war für mich das eigentliche Ereignis, und das ist ja genau das Gefühl, mit dem ich heute immer wieder zu tun habe …

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