In Zeiten des Kriegs brauche man keine Poesie – mit diesem Argument hätten mehrere Verlage kürzlich ihre Gedichte abgelehnt, so berichtete eine Lyrikerin aus der Ukraine am diesjährigen internationalen Literaturfestival Berlin. Dem widerspricht der Sprachwissenschaftler Marko Pajević: Gerade in Zeiten von Krieg und multiplen Krisen sei poetisches Denken überlebenswichtig, so seine These in Poetisch denken: Jetzt.

Poesie als das nicht Gewusste

Auf 130 Seiten entfaltet der Autor in dem Buch eine philosophische Antwort auf die Krisen unserer Zeit; er greift dabei auf die fast vergessene Tradition des Sprachdenkens zurück. Das Wort Jetzt ist auf dem Buch-Cover mit eigener Zeile vom Poetisch denken abgesetzt. Dadurch bekommt der Titel insgesamt den Charakter einer Aufforderung; unwillkürlich erscheint ein Ausrufungszeichen vor dem lesenden Auge, obwohl dort keines steht.

Tatsächlich kann man das Buch als Manifest lesen, das nicht nur zu einem anderen Denken, sondern zum Handeln auffordert – poetisches Denken also, ganz im Sinne der griechischen Poiesis, was ja nichts anderes als „Erschaffen von Neuem“ bedeutet.

Ein Manifest sagt pointiert, wogegen und wofür es eintritt. Um die Frage nach dem Wofür zu klären, kann der Leser durchaus mit dem letzten Kapitel des Buches beginnen. Es trägt die Überschrift „Sinn und Zweck poetischen Denkens“. Dort wird zum einen deutlich, dass poetisches Denken weder eine Technik noch eine Anleitung zum Schreiben von Gedichten ist. Es ist eine Lebenshaltung, die für das menschliche Leben unverzichtbar sei.

Im poetischen Denken würden wir lernen, so Pajević, die Mehrdeutigkeit von Sprache in unser Denken zu integrieren und sie vor allem nicht nur auszuhalten, sondern als Reichtum zu begreifen.  

Wir müssen das Fremde aushalten, auch das Fremde in uns selbst […]. Sprechen ist deshalb immer ein Dennoch-Sprechen, trotz der Unmöglichkeit einer vollständigen Übereinstimmung. Aber es ist ein Bemühen um das Fremde und in diesem Bemühen gewissermaßen eine Überwindung der Fremdheit […]. In solchem liebenden Sprechen wird jedes Mal und jeweilig gemeinsam etwas Neues hergestellt […]. Das Poetische ist immer etwas noch nicht Gewusstes, es muss einem zufallen. Alles Erwartete, und sei es noch so erfreulich, kann nicht poetisch sein.

Gegen die Diskursmacht

Damit wäre man denn auch schon bei der Frage, wogegen das Buch als Manifest streitet. Man könnte sagen: gegen alle Versuche, im heutigen Diskurs Eindeutigkeit zu postulieren, sei es durch ein binäres Denken, das den identitären Verirrungen zuarbeitet, sei es durch die Vorherrschaft des „Gewussten“ in Form von Fakten, Daten, Zahlen, mit denen komplexe Vorgänge auf einfache Modelle und Regeln reduziert werden. Gefährlich wird es, wenn daraus ein Wahrheitsanspruch abgeleitet wird, der jedwedes kritische Hinterfragen als „unwissenschaftlich“ zu delegitimieren versucht.

Pajević sieht hier im Namen einer falsch verstandenen Wissenschaftlichkeit eine Gefahr für demokratische Institutionen, da dies leicht in eine Kontrollgesellschaft umschlagen kann, in der die herrschende Diskursmacht abweichende Positionen sanktioniert. Dass der Autor diesen Phänomenen ausgerechnet ein poetisches Denken gegenüberstellt, mag überraschen. Doch er argumentiert zunächst einmal nur stringent:

Aus Sicht des poetischen Denkens schlage ich vor, von Sinn- oder Deutungswissenschaften zu sprechen, denn damit wird der Unterschied deutlich zu reinem Faktenwissen und dem, was man damit macht. […] Im Poetischen geht es um die Frage, wie Sinn überhaupt erst entsteht. Deshalb ist das poetische Denken in der heutigen Situation so entscheidend – es stellt die Basis für ein ganzheitliches Verständnis der Sinnentstehungsprozesse dar.

Sprachdenken vs. Sprachskepsis

Vor diesem Hintergrund geht Pajević direkt die Erblast der europäischen Philosophie an: die Skepsis gegenüber der Sprache. Seit Platon werde die Sprache als defizitär angesehen, weil in ihr jene Mehrdeutigkeit der Begriffe angelegt sei, gegen die dann seit Descartes die französischen Aufklärer so verbissen gekämpft hätten. Diese Erblast, so könnte man zugespitzt sagen, zeigt sich in der hartnäckig behaupteten Annahme, dass Sprache lediglich ein Werkzeug zur Kommunikation von nicht sprachlich verfertigten Gedanken sei. Das Resultat seien Zeichendenken und die strikte Trennung zwischen Subjekt des Handelns, Erkennens und Wahrnehmens und der Welt der Objekte – und eben der Szientismus.

Der philosophischen Sprachskepsis stellt der Autor nun eine andere Tradition gegenüber: das Sprachdenken, das von Humboldt und Herder bis zu Henri Meschonnic in Frankreich und Bruno Liebrucks in Deutschland und anderen führt.

Sprache wird in dieser Tradition nicht auf das instrumentelle Verfahren der Begriffsbildung reduziert, sondern in der ganzen Fülle von Klang, Rhythmus und Atem gedacht. Das umfasst die vielschichtige Entstehung von Bedeutungen, Assoziationen und Atmosphären, die über die Ebene des Wortes hinausgehen – all dies könne das Zeichendenken niemals erfassen. Über den reinen Begriff und über die Bedeutung des Zeichens hinaus existiert nach Pajević ein Überschuss – und darin, diesen Überschuss denken und erspüren zu können, besteht die ureigenste Natur des poetischen Denkens.

Dabei wird die Mehrdeutigkeit der Sprache nicht mehr als Mangel, sondern als Gewinn wahrgenommen:

Sprache im vollen Sinne ist also gerade ein poetischer Überschuss des Menschseins, in dem sich das Menschein erst konstituiert […].Es scheint auf in glückenden Momenten, im Kairos. In diesen Momenten gehen wir über das gesellschaftliche Funktionieren hinaus, mit diesem Überschuss erreichen wir Ganzheitlichkeit.

Das Denken des Zwischen

Poetisches Denken und Sprachdenken als Lebenshaltung ist immer dialogisch – eine Lebenshaltung, die auf den Anderen verweist. Damit öffnet sich hier noch einmal eine Traditionslinie, die sich von Jacobi, Hamann und Feuerbach bis zu Buber, Rosenzweig und Eugen Rosenstock-Huessy ausgeprägt hat, um nur die Herausragendsten zu nennen. Es ist ein großes Verdienst des Buches, diese Traditionslinie des Sprachdenkens und des dialogischen Denkens erst einmal wieder ins Bewusstsein zu bringen, scheint sie doch im akademischen Leben so gut wie ausgestorben.

Besonders dicht präsentiert Pajević das Bubersche Denken als ein Denken des Zwischen, das sowohl das Ich wie das Du transzendiert. Dabei ginge es nicht mehr um eine objektiv-gültige Erkenntnis des Seins, sondern um das Gespräch als das Ereignis, in dem etwas neu entsteht. Ganz nach Hölderlin: „Das Gespräch, das wir sind“.

Pajević verknüpft diese beiden Traditionen – Sprachdenken und dialogisches Denken –, wobei keines von dem anderen zu trennen ist. Insofern ist das Buch Poetisch denken: Jetzt tatsächlich in erster Linie ein Manifest, um eine vernachlässigte, aber höchst relevante philosophische Tradition wieder in den Mittelpunkt eines Diskurses um die Bedingungen menschlichen Lebens zu rücken. Wenn man den Manifest-Charakter des Buches anerkennt, dann mag man auch die häufige Verwendung des Verbs „müssen“ als appellative Besonderheit des Textes verzeihen.

Der Prozess der Sinnwerdung

Im Kontrast dazu steht das durchgängig erscheinende Thema eines produktiven Nicht-Wissens, das im poetischen oder Sprachdenken jeweils neue Räume von Wahrnehmung und Weltbezug öffnet. Die Lektüre des Buches bedarf einer geduldigen Haltung, denn jeder Satz ist in der Fülle der Assoziationen und Querverweise ein kleines Universum für sich. So auch in einer der Zusammenfassungen dessen, was unter poetischem Denken zu verstehen sei:

Das Wesentliche an der Sprache ist nicht die Kommunikation von Gedachtem, sondern der unerklärbare Überschuss. Es ist der Prozess der Sinnwerdung, die Entstehung von etwas Neuem. Das poetische Denken ist also ein Sprachdenken, das selbst noch nicht weiß, was es zu kommunizieren gibt. Es ist ein zur Sprache-Kommen-lassen, ein Horchen auf etwas noch-nicht-Daseiendes […].

Bildnachweis:
Beitragsbild: von cirquedesprit, via Adobe Stock

Angaben zum Buch

Marko Pajević
Poetisch denken: Jetzt
Passagen Verlag 2022 · 128 Seiten · 17 Euro
ISBN: ‎ 978-3709205259

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Von Frank Hahn

Freier Autor in Berlin und Vorsitzender des Vereins „Spree-Athen e.V.“, der regelmäßig ins Literaturhaus Berlin zu Vorträgen aus den Bereichen Philosophie und Literatur einlädt.

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