Triggerwarnung: Peter Weiss’ Schilderungen der Hinrichtung durch Strang und Fallbeil, die in diesem Beitrag zitiert werden, sind an der Grenze des Erträglichen. Was sie schildern, steht im größten denkbaren Gegensatz zu jeder Weihnachtsstimmung.

Die Gewalt nimmt keine Rücksicht auf solche Dinge damals wie heute.

In der Frühe des Weihnachtsmorgens gegen halb vier Uhr kamen die Läuterbuben ins Mesmerhaus. Dort hatte ihnen die Mesmermutter den Tisch mit Milchkaffee und Kuchen gedeckt. Er stand neben dem Christbaum, dessen Duft von Tannen und Lichtern noch vom Hl. Abend her in der warmen Stube lag. Seit Wochen, wenn nicht das ganze Jahr, freuten sich die Läuterbuben auf diese Stunde im Mesmerhaus.
Martin Heidegger: Vom Geheimnis des Glockenturms (1954)

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

Joseph Freiherr von Eichendorff: Weihnachten (1864)

jetzt aber frech verhöhnet,
gegrüßet seist du mir!
Paul Gerhardt: O Haupt voll Blut und Wunden (1656)

Plötzensee, 22. Dezember 1942:

Er sah sich schon am Heiligen Abend im Kreis der Familie, in Weißensee, in der Langhansstraße Hundertdreiundvierzig.

Der 22. Dezember 1942 ist ein Dienstag. Wilhelm Röttger muss noch arbeiten, erst morgen wird er „seinen Weihnachtsurlaub antreten“.

Wilhelm Röttger ist Scharfrichter, und an diesem 22. Dezember gilt es, noch einige Todesurteile zu vollstrecken. Elf Angeklagte der sogenannten Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe sollen guillotiniert und erhängt werden. Die Frauen werden an diesem späten Nachmittag durch das Fallbeil zu Tode kommen.

Die acht Männer wußten noch nicht, daß für sie der entehrende Tod durch den Strang bestimmt worden war.

Peter Weiss hätte es bei solcherart Andeutungen belassen können, doch er scheut sich nicht davor, den Leser zum Augenzeugen des Geschehens zu machen.

Auf einer Sondermarke der DDR 1982 anlässlich des vierzigsten Jahrestages dieser Hinrichtungen ist Folgendes zu lesen: „Ehrendes Gedenken der Schulze-Boysen/Harnack-Widerstandsorganisation, den Kämpfern gegen Faschismus und Krieg, aus Anlaß des 40. Jahrestages ihrer Ermordung.“ Während das staatliche Erinnern die Ehre der Ermordeten hervorhebt, richtet sich die Aufmerksamkeit des Schriftstellers auf die „tiefste Erniedrigung“ dieser Menschen, er übernimmt dabei die Perspektive des Gefängnisseelsorgers Harald Poelchau:

Weil in der Welt, in der auch er ein Gefangener war, alles in Kot, Urin und in dampfenden Lachen von Blut verging, hielt er fest an seinen Handlungen, die irgendwo noch als eine Art Sühne erkannt werden müßten.

Fraglos steht der Autor und Mensch Peter Weiss auf der Seite der Widerstandskämpfer, und dennoch kann er seinen Blick nicht abwenden von dem, was mit diesen Männern und Frauen geschieht. Wie lässt sich aus einem solchen Sterben so etwas wie ein höherer, überindividueller Sinn extrahieren?

Heilmann wird als erster gehängt:

Roselieb schob diesem die Hanfschlinge über den Kopf. Der Strick verfing sich an Nase und Lippen. Die Gesellen zogen den Strick herunter und rückten ihn auf dem Hals zurecht. Poelchau betete laut. Während die Gesellen den leichten Körper hochhoben, streckte Röttger über ihm die Hände aus. Roselieb reichte ihm die Schlaufe oben an der Schlinge, die er in den Haken steckte. Die Gesellen ließen den Körper fallen. Sie hängten sich an die um sich stoßenden Beine. Das Knacken der Wirbelknochen war zu vernehmen. Das Gesicht wurde schwärzlich blau. Die Augäpfel traten hervor. Einige Sekunden schlug die Zunge rasend schnell im weit aufgerissenen Mund hin und her. Immer noch betete Poelchau. Konvulsionen durchfuhren den Körper und die Beine des Gehenkten.

„Laßt mir doch, laßt mir doch mein Leben, schrie sie“ – doch Libertas, die Frau von Harry Schulze-Boysen, wird in wenigen Augenblicken den Tod erleiden müssen:

und jetzt ging alles so schnell, daß er mit lautem Beten nicht nachkam, der Scharfrichter hatte, mit einem Ruck an der Schnur, den Vorhang in der Mitte aufgerissen, knirschend waren die Hälften auseinandergefahren, die drei Gesellen (…) waren aus dem Hintergrund hervorgesprungen, hatten sich über die Frau geworfen und sie, deren Beine zappelten, an das aufrecht stehende Brett gedrückt, dieses an seinem Scharnier umgekippt, den obern Teil der hölzernen Halskrause im Gestell niederfallen lassen, und schon sauste von oben, aus einer Verkleidung, das riesige Beil mit der schrägen schneide herab, und trennte vom Körper das Haupt, das, überschüttet von Blut, in den Weidenkorb fiel. In Stößen schoß noch das Blut aus dem Hals, (…).

Verweise auf die Bibel

Besinnlich, friedlich, still und voller Hoffnung soll es sein, das Weihnachtsfest. Doch das Kind in der Krippe wird am Kreuz hängen, einen qualvollen Tod erwartend: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Im Roman von Peter Weiss sind an diesem 22. Dezember 1942 Anfang und Ende, die Geburt des Erlösers wie sein Tod am Kreuz, präsent; allerdings wird die Freude über die Geburt des Gottessohnes zu Weihnachten verdeckt durch die Zeichen, die auf seinen Tod am Karfreitag verweisen:

(…) und zur Linken die hohe, mit Stacheldraht gekrönte Mauer (…).

Der Vorhang der Hinrichtungsstätte wird „in der Mitte aufgerissen“ und deutet unverkennbar auf den Tod am Kreuz: „Und es war um die sechste Stunde, und es ward eine Finsternis über dem Land bis an die neunte Stunde. Und die Sonne verlor ihren Schein. Und der Vorhang des Tempels zerriss mitten entzwei.“

Der Theologie, der Wissenschaft vom Göttlichen, ist es vorbehalten, den blutigen Tod am Kreuz als Keimzelle einer absoluten Hoffnung zu deuten. Das Ehrenbuch der Opfer von Berlin-Plötzensee knüpft an dieses Deutungsmuster an: „Mit unbeugsamer Entschlossenheit und dem Bewußtsein des kommenden Sieges erfüllten sie ihre Aufgaben im Kampf gegen die faschistischen Schergen (…)“.

Mit dem Tempelvorhang aber hat es eine ganz eigene Bewandtnis. Im Tempel trennt ein Vorhang das Allerheiligste vom Rest des Tempels und damit von den Menschen, die durch ihre Sünden von Gott getrennt sind. Nur der Hohepriester darf einmal im Jahr hinter den Vorhang gehen, um für das Volk Israel Buße zu tun. Nach christlicher Deutung symbolisiert der zerreißende Vorhang, dass das vergossene Blut Christi den gläubigen Menschen von seinen Sünden erlöst und ihm das ewige Leben geschenkt hat.

Wenn Paul Gerhardt das „Haupt voll Blut und Wunden“ beschwört, rücken zunächst allein die Zeichen unsäglichen Leides in den Blick:

O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron,
o Haupt, sonst schön gezieret
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret:
gegrüßet seist du mir!

Als Kirchenlied, von Johann Sebastian Bach für die Matthäus-Passion vertont und gesungen in der Karwoche, verdeckt die Vertrautheit mit Text und Lied die ganze Brutalität des geschilderten Geschehens.

Anders bei Peter Weiss in seiner Schilderung der Ereignisse an diesem Dienstag im Jahr 1942, zwei Tage vor Weihnachten:

(…) Kuckhoff an den Füßen aufgehängt, mit einem Sack über dem Kopf, Coppi nackt, die Haut blau und zerplatzt, in der Lache des Wassers, mit dem man ihn übergossen hatte, um ihn aus der Ohnmacht zu holen, und Heilmann, abgemagert zum Skelett, doch aufrecht gehalten vom Triumph, daß es der Folter nicht gelungen war, Bekenntnisse aus ihm herauszupressen.

Frevel an Weihnachten

Unübersehbar verweisen im Romantext eine Fülle von Zeichen, beispielhaft der mehrfach geschilderte aufreißende Vorhang der Hinrichtungsstätte, aber auch das „kreuzförmige Haus Drei“, oder das bereits erwähnte „Haupt, (…) überschüttet von Blut“ und die auf das dornengekrönte Haupt Christi verweisende „hohe, mit Stacheldraht gekrönte Mauer“, auf die Texte des Neuen Testamentes und damit einhergehend auf deren Bestreben, den Tod am Kreuz zum absoluten Zeichen größter Hoffnung zu verwandeln. Bestehen allerdings bleibt die Spannung zwischen der Brutalität der Hinrichtungen – vor annähernd 2000 Jahren wie im Jahr 1942 – und dem Versuch, eben diesen an Menschen verübten unsäglichen Qualen einen fraglosen und unhinterfragbaren Sinn zu geben.

Dass die von Weiss geschilderten Hinrichtungen zwei Tage vor dem Weihnachtsfest 1942 stattfanden, mag Zufall sein, das Urteil war am 19. Dezember gesprochen worden; dennoch steigert das weihnachtlich-hoffnungsvolle Bild, wie es etwa in „der warmen Stube“ aus Heideggers Erzählung erscheint, noch zusätzlich die Freveltaten derer, die sich gegen eine höhere moralische Ordnung, wie sie sich dem Gläubigen im Göttlichen zeigt, meinen straflos erheben zu können. Es herrscht ein Regime, das selbst in dieser gnadenreichen Zeit seinem rasenden Vernichtungswillen keinerlei Einhalt gebietet.

Zu Stein verwandelt wird, so heißt es in der griechischen Mythologie, wer das grässliche Haupt der Medusa anschaut. Allein indirekt wie Perseus, der seiner nur im Spiegel des Kampfschildes ansichtig wird, lässt sich der Anblick ertragen. Dies gilt, bei aller Drastik der Darstellung, wohl auch für die Kunst, die uns lediglich Visionen eines Geschehens liefert, dessen Augenzeugen wir auch bei der Lektüre eines Textes oder beim Anblick eines Bildes nicht werden. Dennoch führen die Schilderungen von Peter Weiss uns an den Rand des Erträglichen, gerade indem sie das Unerträgliche untrennbar verzahnen mit den Zeichen der Hoffnung und mit dem Versuch einer Sinngebung eben dieser geschilderten Gräuel.

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Die Ästhetische Theorie Theodor W. Adornos kreist um die Frage nach dem Wesen von Kunst allgemein, insbesondere aber nach deren Stellenwert nach Auschwitz. Sein Denken oszilliert haltlos zwischen einem Rest Hoffnung und drohender absoluter Verzweiflung. In den Meditationen zur Metaphysik, dem letzten Teil seines Buches Negative Dialektik, heißt es über die Kultur, deren Teil jegliche Kunst ja zweifelsohne ist: „Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll.“

In  Ästhetische Theorie hingegen beschwört er geradezu einen Rest Hoffnung, der aus dem „Rätselcharakter“ aller Kunst spreche. Diese Hoffnung besteht in einer Verheißung, die vermeintlich der Kunst eigen ist, doch dass dem so sei, kann nicht sicher gesagt werden: „Ob die Verheißung Täuschung ist, das ist das Rätsel.“

Im Rückgriff auf das Karfreitagsgeschehen beschwört Peter Weiss die Hoffnung, dass dieses gewaltsame Sterben einen Sinn haben könnte. Weil er aber gleichzeitig nicht davor zurückschreckt, dieses Sterben ohne Rücksicht auf die Würde der Getöteten in den Blick zu nehmen, muss die Frage offen bleiben, ob für diese Hoffnung noch Hoffnung besteht.

Bildnachweis:
Beitragsbild: Hermann Kießling, Hinrichtungszelle in Plötzensee
(Gedenkstätte Deutscher Widerstand)

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Von Karl-Josef Müller

Promotion über Peter Weiss "Die Ästhetik des Widerstands", anschließend Hansdampf in allen Gassen, Lektor im Bankensektor, Gründungsberater, aber immer Literaturliebhaber, besonders Sterne, Jean Paul und Thomas Mann. Und Radfahrer und -schrauber.

2 Kommentare

  1. Hartmut Finkeldey 3. Januar 2023 um 11:54

    Ich habe ästhetische und moralische Bedenken – ich will so etwas nicht lesen, auch nicht bei Peter Weiss. Und ich glaube, wir müssen so etwas auch nicht lesen, um zu wissen, was der NS war. Ja, der Mensch zappelt, wenn er von seinesgleichen gequält wird, das ist wohl so…

    Nebenbei: “Die Prozedur des Erhängens habe ich nie mit angesehen, da sie sich im geschlossenen Raum abspielte. ich durfte die Verurteilten immer nur bis zum Schuppen begleiten.” Harald Poelchau, Die letzten Stunden, Berlin, Volk und Welt, 1949, p. 54. Kam mir zufällig gerade unter.

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  2. @Müller und @Finkeldey: Diese Webseite tell-review ist für mich klasse wegen der Debatten, Danke! Meine Sicht: Im Essay von Müller wird Peter Weiss’ künstlerische Auseinandersetzung mit Gewalt rezensiert unter Einsatz von Zitaten aus Weiss’ magnum opus (in einem Theaterstück beschäftigte Weiss sich ebenfalls damit). Im Kommentar von Finkeldey wird mehreres verhandelt, einmal die subjektive Abneigung gegen die Lektüre von Weiss’ Gewaltbeschreibungen (die Zitate dienen da als pars pro toto), dann die allgemeine Frage, was Weiss’ Text LeserInnen geben kann. Ich finde künstlerische Auseinandersetzung mit Gewalt, wie z.B. bei Weiss, die produktivere Form als die philosophische, wie Adorno sie demonstriert, und denke daher, dass eine Lektüre etwas bewirken kann. Warum behandelte Weiss Gewalt so explizit? Moritz Baßler hat ausgeführt, dass LeserInnen Texte, die sogenannte schwere Bedeutungszeichen, für literarischer halten als welche, die triviale Gegenstände wählen. Für mich ist Weiss’ Buch Die Ästhetik des Widerstands ein Versuch, die Gewalt der Nazis marxistisch zu erzählen. Weiss hatte als Kommunist die Hoffnung auf eine kommunistische Revolution. Adornos Ästhetik war sicher nicht marxistisch, vielleicht fehlte ihm deshalb die Hoffnung.

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