Menschen-Erfinder bei der Arbeit

Ein Weihnachtstipp von Frank Heibert

Wer gern liest, ist fasziniert von den inneren Prozessen des Schreibens, Erzählens, Menschen-Erfindens. Der US-Autor George Saunders, politischer Satiriker und unsentimentaler Menschenfreund, lässt sich in seinem neuen Buch in die Karten schauen – indem er in seiner typischen, liebevoll-hemdsärmligen und präzisen Art sieben Meistererzählungen russischer Autoren des 19. Jahrhunderts auf den Grund geht (Tschechow, Turgenjew, Tolstoi, Gogol).

Ein Fest des Lesens, in mehrfacher Hinsicht – für mich als Übersetzer war das Spiel über Bande zwischen Russisch, Englisch und Deutsch ein zusätzlicher Spaß.

Oft reden wir über Kunst ungefähr so: Der Künstler hatte etwas zu sagen, und dann hat er es, na ja, halt gesagt. Damit bestätigen wir den Trugschluss über die Intention: die Vorstellung, dass es bei der Kunst um eine genau umrissene Aussageabsicht ginge, die selbstbewusst umgesetzt wird. Nach meiner Erfahrung ist der tatsächliche Prozess deutlich rätselhafter und schöner und, wenn wir ehrlich darüber reden, auch nerviger.

George Saunders
Bei Regen in einem Teich schwimmen
Von den russischen Meistern Lesen, Schreiben und Leben lernen
Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert
Luchterhand 2022 · 544 Seiten · 24 Euro
ISBN: 9783630876979

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Die Nation-Werdung der Ukraine

Ein Weihnachtstipp von Anselm Bühling

Serhii Plokhy, Historiker an der Universität Harvard, erzählt in Das Tor Europas die Geschichte der Ukraine. Die englische Originalausgabe ist schon 2015 erschienen. Sie wurde für die deutsche Fassung aktualisiert, so dass jetzt auch die Jahre bis zum russischen Überfall im Februar 2022 abgedeckt werden.

Plokhy geht 2500 Jahre zurück bis zur ersten verbürgten Erwähnung der Region bei Herodot, doch er verfolgt die Geschichte der Ukraine nicht aus der Sicht der Imperien, die versuchten, dieses Gebiet zu erobern, sondern aus Sicht der Menschen, die dort lebten. Das Tor Europas spannt den großen Bogen der ukrainischen Geschichte. Es macht es leicht, Zugang zu finden, man versteht vieles besser.

Ich habe den dritten Teil des Buchs übersetzt. Dort geht es um das 18. und 19. Jahrhundert: Das Hetmanat der Saporoger Kosaken am Dnepr (ukrainisch: Dnipro) wird vom Russischen Reich geschluckt, es geht um die Polnischen Teilungen und das neu erwachende Nationalbewusstsein, das ukrainische Menschen in beiden damaligen Imperien verbindet: dem österreich-ungarischen und dem russischen. Dieses emanzipatorische und befreiende Moment der Nationwerdung liegt Plokhy am Herzen, und das prägt die Haltung des ganzen Buchs.

Als kleiner Einblick hier ein Zitat aus einem Vorwort, das der ukrainische Nationaldichter Taras Schewtschenko 1847 seinem Gedichtband Kobsar voranstellte:

Ein großer Kummer hat meine Seele ergriffen. Ich höre und lese manchmal auch: Polen, Tschechen, Serben, Bulgaren, Montenegriner und Russen, sie alle drucken. Nur von uns ist kein Mucks zu hören, als ob wir alle stumm wären. Warum, meine Brüder? Habt ihr vielleicht Angst vor einer Invasion ausländischer Journalisten? Fürchtet euch nicht; achtet nicht auf sie. […] Schaut euch nicht nach den Russen um. Sie sollen auf ihre Weise schreiben, und wir schreiben auf unsere. Sie sind ein Volk mit einer Sprache, und wir sind es auch. Darüber, welche besser ist, lasst die Menschen urteilen.

Serhii Plokhy
Das Tor Europas
Die Geschichte der Ukraine
Aus dem Englischen von Anselm Bühling, Bernhard Jendricke, Stephan Kleiner, Stephan Pauli und Thomas Wollermann
Hoffmann und Campe 2022 · 560 Seiten · 30 Euro
ISBN: 978-3-455-01526-3
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Die Literatur stellt Fragen

Ein Weihnachtstipp von Sieglinde Geisel

Es war eine Freude, mit Alberto Manguel zu reden. In dem Band Ein geträumtes Leben geht es um Bücher, seine Kindheit, Jorge Luis Borges, das Lesen und den Tod. Wir hatten unsere Gespräche während der Pandemie über Zoom geführt, und das war überraschend gemütlich. Ob etwas anderes dabei herausgekommen wäre, wenn wir uns am Tisch gegenüber gesessen hätten, werden wir nie wissen.

Die Literatur hat weder die Aufgabe noch die Möglichkeit, irgendetwas in Ordnung zu bringen. Literatur kann uns eine Erfahrung zeigen, sie kann uns mit Situationen konfrontieren, aber wenn es gute Literatur ist, gibt sie uns keine Antworten, sondern stellt Fragen, und durch diese Fragen lernen wir, bessere Fragen zu stellen.

Alberto Manguel
Ein geträumtes Leben
Ein Gespräch mit Sieglinde Geisel
Kampa 2021 · 191 Seiten · 21 Euro
ISBN: 9783311140290
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Zwischen Empathie und Diagnose

Ein Weihnachtstipp von Herwig Finkeldey

Anlass dieser Kurzgeschichten ist mein täglicher Spagat: der Spagat zwischen ununterdrückbarer Empathie für die Patienten und der Notwendigkeit des kalten diagnostischen Blickes auf die Erkrankung. Und das immer wiederkehrende Staunen über das fragile Leben, dieses Schweben, Überleben und Abstürzen – im ärztlichen Alltag kommt es nicht selten wie aus dem Nichts.

Die Intensivmedizin […] hat im Grunde immer nur eine Frage zu beantworten: Wohin geht die Reise des Patienten? Ist die intensivmedizinische Kunst in der Lage, dem Patienten eine Brücke zu bauen, eine Brücke über einen reißenden Fluss, den zu durchschwimmen der Patient aktuell nicht in der Lage ist? Oder verlängert die ärztliche Kunst lediglich die Planke, auf welcher der schwer betroffene Patient sich noch gerade so entlanghangelt, ohne ein realistisch erreichbares Ziel, ohne dass ein Ufer jenseits der Planke erkennbar wäre.

Herwig Finkeldey
Die Paselke Stories
Erzählungen
Renneritz 2022 · 87 Seiten · 8 Euro
ISBN: 978-3940684332
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Von Besserwissern und Weltenrettern

Ein Weihnachtstipp von Frank Hahn

Zeit: 1970er Jahre. Ort: Hamburg und Polen. Auch vor 50 Jahren gab es selbsternannte Weltenretter. Fabian ist einer von ihnen – er und seine Gruppe merken nicht, dass sie sich selbst in die Denkmuster verstricken, die sie bekämpfen. Brennendes Treibeis ist eine Warnung vor Besserwissern und Weltenrettern. Darüber hinaus ging es mir darum, bestimmte zeithistorische und kulturelle Atmosphären in poetischen Bildern einzufangen, so wie das Hamburg der Nachkriegszeit und das Polen der Nachwendezeit: Dort nämlich gelingt Fabian unter dem Eindruck einer „echten Revolution“ der Ausstieg aus seiner Gruppe.    

Eine verschworene Gemeinschaft segelt auf der Eisscholle, und Fabian gehört dazu, und sie verkünden nur die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit, denn es gibt eine Logik und eine Wissenschaft, und es gibt Beweise, auch wenn es keine Zeugen gibt. Und die Wahrheit wird verkündet zur Heilung der Heilbaren, die zu heilen Fabian nie zu hoffen aufgibt, denn er ist auf Sendung, und wo es einen Sender gibt, da wird es auch einen Empfänger geben. Und so steht Fabian am Rand der Scholle und ruft den Armen etwas zu, die krank und matt an ihm vorbeitreiben, manche schwimmen, andere haben ein Stück Holz gefunden, auf dem sie sich bei Sonnenschein ausruhen. Die Meisten merken nicht, dass sie krank und matt sind, scheinen sich im Gegenteil pudelwohl zu fühlen und lachen Fabian aus, wenn er ihnen Worte der Verkündigung zuwirft oder manchmal sogar eine Leiter, an der sie zur Scholle hinauf klettern könnten.  Aber nur selten hört einer auf und greift einer zu, die Meisten beklagen, dass auf der Scholle zu wenig Platz sei, oder sie mögen kein Eis, […]Ein besonders arroganter Schwimmer zieht vorbei und ruft, er könne im Wasser tun was er wolle, keiner könne beobachten, was er unter der Oberfläche treibe, und dieses Privileg des Hedonisten werde er keinesfalls aufgeben. Fabian und seine Begleiter schauen zum Himmel: Feuerbrocken sollen fallen, die das Meer entzünden, dann erst werden die noch Unheilbaren auf die Scholle sich retten vor dem brennenden Meer. Nur durch die Apokalypse scheint Heilung möglich, nur ein Flammenmeer wird die Kranken, Ungläubigen und Kleinmütigen auf das Eis treiben, das Kühlung verheißt und Sicherheit. Doch droht nicht das Eis zu schmelzen im Feuerwasser? Fabian erscheinen die Bilder seiner Kindheit: das Gelb der brennend treibenden Eisbrocken auf der unteren Elbe.

Frank Hahn
Brennendes Treibeis
Roman
PalmArtPress 2022 · 347 Seiten · 25 Euro
ISBN: 978-3962581183
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Bildnachweis:
Beitragsbild: TJ Barnwell
(Adobe Stock)

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Von Redaktion

2 Kommentare

  1. Ich bin dankbar für diese Webseite und die Tipps zu Weihnachten, die mir alle neu sind und alle lesenswert erscheinen. Mal sehen, ob ich sie mir selbst schenke oder anderen – vielen Dank!

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  2. Wunderbar – ich eile gleich in die Buchhandlung!
    Frohe Festtage!🎄

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