Da streift einer den ganzen Tag ziellos durch Tiflis, und dann wird daraus, fast will es scheinen unbeabsichtigt, ein berührender und packender Roman von fast dreihundert Seiten. Wie ist dies dem georgischen Autor Archil Kikodze gelungen? Vielleicht indem er mit seinen Geschichten nicht nur in Tiflis bleibt, sondern Bilder, Zeugenberichte, Erlebnisse aus aller Welt in die Erzählungen seiner Stadt flicht. So wenig er in Der Südelefant den Raum des Erzählten begrenzt, so wenig begrenzt er die Zeit.

Ein Roman-Film

Kikodze war einmal Filmregisseur, ganz wie sein Ich-Erzähler, und er lädt uns ein, einzelne Textpassagen als Filmszene zu erleben, so dass die aufeinanderfolgenden kleinen Geschichten und Erlebnissen des Romans als Abfolge szenischer Filmsequenzen erscheinen, eine kunstvolle Montage aus Rückblenden, Anhalten der Szene, aus Zoom oder Stop-and-Motion. Die Szenen handeln von den Menschen, die der Erzähler an diesem Tag zufällig auf der Straße oder im Internet trifft. Manchmal springt der Erzähler auch ins Bild hinein und bringt es zum Laufen, dann wieder wirkt ein Bild als Vertiefung der Wirklichkeit – etwa als er angesichts der Bilder eines stadtbekannten Malers, die in so vielen Tiflisser Wohnungen hängen, von einer „Stadt in der Stadt“ spricht. Dem Leser kommt es vor, als sei er oder sie am Entstehen dieses „Roman-Films“ selbst beteiligt, etwa als Kameramann, der Erzähler wiederum wird einem auf diese Weise bald zum Freund.

Der Anlass für den Streifzug des Ich-Erzählers ist eher trivial: Er überlässt seine Wohnung seinem besten Freund, für ein Rendezvous mit einer Frau. Der Erzähler vertreibt sich währenddessen die Zeit in seiner Heimatstadt, mit der ihn eine kantige Hassliebe verbindet. Als erstes begegnet er einem alten Bekannten, der gerade wieder einmal aus dem Gefängnis entlassen wurde und der seit Jahren die Nachbarin des Erzählers anbetet, ohne dass es je zu einer Verbindung zwischen den beiden gekommen wäre. Der Verehrer, der ein halbes Leben hinter Gittern gesessen hat, hatte ihr ein Auto gekauft und vor die Tür gestellt, doch weil die junge Frau es aus Stolz nie gefahren hat, ist die schicke Karosse langsam zum Rostskelett mutiert. Und dann heißt es:

Das, was niemals stattgefunden hatte, fand ein Ende.

In diesem paradoxalen Satz klingen die Melancholie von Tiflis, der Schmerz Georgiens und die Ironie des Autors an, die den ganzen Roman prägen.

Die Wunden des Landes

Der Schmerz des Landes ist auch Thema in der Geschichte von Rosetta, einer alten Freundin des Erzählers noch aus den Zeiten des gemeinsamen Studiums an der Filmhochschule. Sie feiert ihr Kurzfilmdebüt, das in ihrer Heimat spielt, der Bergregion Swanetien, einer Gegend, in der traditionelle Familienverbände herrschen und die Blutrache bis vor kurzem noch an der Tagesordnung war. Man sieht in Rosettas Film eine halbe Stunde lang eine Frau, wie sie einen Schlitten mit der Leiche ihres Sohnes durch den tiefen Schnee zieht. Er hatte ein Verbrechen begangen und wurde daher von der Gesellschaft verstoßen. Der Ich-Erzähler kommentiert diese Szene:

[…] hier geschieht etwas, das ich nicht in Worte fassen kann, aber ich weiß, dass es aus einem großen Schmerz kommt. Könnte man den Schmerz mit einem Schatz vergleichen, würde ich sagen, dass es Rosetta eindrucksvoll gelungen ist, ihren Heimatort zu plündern.

Der Ort, an dem sich der Schmerz befindet, wird geplündert – und damit der Schmerz selbst. Das ist mehr als eine Metapher. Das Schreiben des Autors erscheint als ein Plündern des Schmerzes, in der doppelten Bedeutung von vernichten und einverleiben. Der Schmerz, den Kikodze in seinem Roman plündert, umfasst persönliche Erlebnisse ebenso wie historische und politische Ereignisse, von der Stalin-Zeit bis zu den Bürgerkriegen der 1990er Jahre. Dem Leser wird bewusst, welche Wunden dieses Land mit sich trägt.

Geheim gehaltener Humor

Wie aber geht dieses Plündern des Schmerzes vor sich? Mal auf ironische Weise, mal durch stolze Selbstbehauptung, dann wieder durch sensibles Eingedenken. Und vielleicht spielt sowieso stets das Eine in das Andere hinüber. So zum Beispiel in der Szene, als die Mutter des Erzählers beerdigt wird. Sie war Archäologin im Nationalmuseum, in dem auch der titelgebende Südelefant seinen Platz hatte. Während der 90er Jahre war sie politische Aktivistin in den aufeinander folgenden Bürgerkriegen. Jedes Gespräch mit ihrem Sohn erstarb an ihrem Fanatismus, auch als er sie über Jahre hinweg pflegte, fanden sie nicht zueinander. Auf der Beerdigung dann bringt ein Bekannter der Mutter, ebenfalls Mitarbeiter des Museums, einen aus Vulkanglas gefertigten Hammer aus dem Paläolithikum, die „raffinierteste Waffe des Homo sapiens“, wie er sagt, den er aus der entsprechenden Abteilung des Museums hatte „mitgehen lassen“. Es sei der Wille seiner Mutter gewesen, ihr diese Waffe ins Grab zu legen. Der Sohn sollte dieser Beigabe nun zustimmen. Und dann folgt eine der schönsten Passagen des Buches:

Ich schaffte nur noch ein Kopfnicken zur Bejahung, ich konnte nicht einmal ein Wort herausbringen, denn ich begann zu flennen und konnte nicht mehr aufhören. Jahrelang hatte ich nicht mehr geweint, und dann auf einmal heulte ich los. Eine einzige Sache brachte mich zum Weinen, und es war die Erkenntnis, dass meine Mutter anscheinend Humor besessen hatte. Diese Entdeckung ließ mein Herz sich zusammenziehen [….] Sie hatte Humor gehabt und hatte es vor der ganzen Welt geheim gehalten, sogar vor ihrem Sohn. Dabei hätten wir mit Humor ein ganz anderes Leben führen können.

Anleitung zum Überleben

In weiteren Rückblenden auf die Schmerzen des Landes wird von Folter, Deportation und politischem Mord in der Stalin-Zeit erzählt – Situationen, in denen auch Humor nicht mehr half. Wie aber gelang und gelingt das Überleben in solch einem schmerzerfüllten Land? Wie hat der Ich-Erzähler überlebt? Die Frage wird ihm gestellt, so wie sich Menschen in diesem Land manchmal einander fragen – auch ohne konkreten Anlass. Der Südelefant lässt sich auch als Anleitung zum Überleben lesen. In leuchtend poetischen, dann wieder heiter-grotesken Sequenzen wird vom Überleben all der Kriege, Säuberungen, Plünderungen, Geiselnahmen und sonstigen Gewalt erzählt.

Tiflis leuchtet durch das Erzählen plötzlich in einem helleren Licht, als „Stadt in der Stadt“, und der Autor beginnt seine Stadt zu lieben. Tiflis erscheint zudem als Treffpunkt der Überlebenden aus aller Welt, mit ihren kleinen Verrücktheiten und Mogeleien, die mit liebevoller Ironie geschildert werden. Das alles erzählt Kikodze nicht zuletzt vor der Kulisse des heutigen Tiflis aus Massentourismus, Verkehrsinfarkt, hippen Cafés, durchgeknallten Europäern und Konsumtempeln – Schmerzen anderer Art. Mit seiner filmischen Montage eröffnet Kikodzes Text dem Leser immer wieder neue Blickwinkel jenseits aller Klischees.

Angaben zum Buch
Archil Kikodze
Der Südelefant
Roman · Aus dem Georgischen von Nino Haratischwili und Martin Büttner
Ullstein Verlag 2018 · 272 Seiten · 22 Euro
ISBN: 978-3550081972
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Bildnachweise:
Beitragsbild: Innenhof in Tiflis
Lizenz: CC
via Wikimedia
Cover: Verlag

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Von Frank Hahn

Freier Autor in Berlin und Vorsitzender des Vereins „Spree-Athen e.V.“, der regelmäßig ins Literaturhaus Berlin zu Vorträgen aus den Bereichen Philosophie und Literatur einlädt.

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