Was heißt es heute, konservativ zu sein? Warum fühlen sich Intellektuelle von diesem Denken angezogen, und wo liegt die Grenze zum Rechtspopulismus? Mit diesen Fragen setzt sich tell in einer Reihe von Beiträgen auseinander.

Bisher erschienen:

Bei der Rede der Neuen Rechten gehe es nicht um das Was, sondern das Wie, so Per Leo, Mitverfasser des Bandes Mit Rechten reden. Die Essenz dieser neu-rechten Rede sei nicht rechtes Gedankengut, sondern ein Bedrohungspopanz. Dabei oszillieren die Rechten zwischen der Rolle als Arschloch und als Opfer. In der Arschloch-Attitüde stören sie den herrschenden Diskurs, mit dem Opferstatus immunisieren sie sich gegen Kritik.

Das Wie des rechten Redens besteht in polemischen Sprachspielen: die Herstellung von Freund-Feind-Konstellationen, gezielte Unterstellungen und Provokation. Diese Taktiken leben vom reflexhaften Widerspruch der Gegenseite.

Empfohlenes Gegengift? Mit den Rechten über nicht-rechte Themen reden, also Taten fordern statt Worten. Und Gelassenheit. Statt eines Aufschreis ein freundliches Nachfragen: „Wie meinen Sie denn das, Herr Gauland, mit dem Entsorgen?“

Bekennen sei kein Handeln, so der Historiker Wolfgang Ullrich, der Autor von Wahre Meisterwerte. Mit dem Bekenntnis zu irgendwelchen schwammigen Werten werde eine Moralkulisse aufgebaut, die von den eigentlichen Debatten ablenke. Werte sind keine Realität, sie müssen geschaffen und inszeniert werden, genau das macht sie so attraktiv. Ullrich sieht die Gesellschaft in zwei Klassen gespalten: eine Werte-Aristokratie, die ihre Werte ausdrücken und zur Schau stellen kann, und den stummen Rest, der sich nicht darstellen kann und deshalb nicht gesehen wird.

Vielleicht sind gar nicht die Rechten das Hauptproblem, so schwante einem an diesem anregenden Abend, sondern „die intellektuell ausgebluteten Linken“ (Per Leo). Sie haben den aufwühlenden Narrativen von Heimat und Wertzerfall nichts Attraktives entgegenzusetzen. Währenddessen besetzen die rechten Intellektuellen von Schnellroda ehemals linke Themen: Sie sind heute die Avantgarde der Kapitalismus-Kritik, paradoxerweise in Verbindung mit neo-liberalem Gedankengut.

(Ein Mitschnitt des Gesprächs wird am 8. Oktober von 0.05 bis 1:00 Uhr auf Deutschlandfunk Kultur gesendet.)

Angaben zum Buch
Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn
Mit Rechten reden. Ein Leitfaden
Klett-Cotta 2017 · 183 Seiten · 14 Euro
ISBN: 978-3608961812
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel
Angaben zum Buch
Wolfgang Ullrich
Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Erkenntniskultur
Wagenbach 2017 · 176 Seiten · 18 Euro
ISBN: 978-3803136688
Bei Amazon, buecher.de oder im lokalen Buchhandel
Bildnachweis:
Von Sieglinde Geisel

Von Sieglinde Geisel

Journalistin, Lektorin, Autorin. Gründerin von tell.

Ein Kommentar

  1. „Das Wie des rechten Redens besteht in polemischen Sprachspielen: die Herstellung von Freund-Feind-Konstellationen, gezielte Unterstellungen und Provokation. Diese Taktiken leben vom reflexhaften Widerspruch der Gegenseite.“
    Das wichtigste „Sprachspiel“ fehlt noch: Die Lüge. Das kackfreche Behaupten nicht existierender „Tatsachen“.

    Wie umgehen mit Menschen, die zunächst einer Lüge aufsitzen, dann aber nach Entlarvung der Lüge sich nicht besinnen, sondern einfach weiter behaupten: Egal ob Lüge oder nicht, stimmen tut die Aussage doch! So geschehen beispielsweise nach den Lügen um eine „Vergewaltigung im Gorki-Park“ in Sachsen, dem „Fall Lisa“, den falsch zugeordneten Bildern vom Tahir-Platz, die angeblich aus Köln stammten („sehe ich nicht als Lüge an, so sind die doch von da unten…“ Zitat aus einer soicial media Diskussion). Diese Lügen werden auch nach der Entlarvung einfach weiter geglaubt. Von Menschen, die auf der Strasse „Lügenpresse halt die Fresse!“ skandieren.

    Und genau hier versagen alle gut gemeinten, diskursiven Techniken, weil das „Sprachspiel einfache Lüge“ eben nicht diskursiv angelegt ist. Sondern auf ideologischer Resonanz aufbaut. Eine Aussage muss also nicht stimmen, sie muss nur das schwingungsfähige, ideologische Grundgerüst in der Nähe der Eigenfrequenz anregen. Bleibt für mich die Frage, wie man ideologische Krusten aufbrechen kann. Und ich muss zugeben, dass ich genau an diesem Punkt ratlos bin.
    Ansonsten sind Pascal Zorns, Maximilian Steinbeis und Per Leos Ansätze richtig; v.a. für Diskussionen mit neurechten Politikern in den Massenmedien scheinen sie mir sehr geeignet. Aber sie können natürlich nicht garantieren, dass diese neurechten Politiker keine Resonanzen erzeugen.

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