In den USA haben die innovativen Podcasts von Serial längst Kultstatus erreicht. Eine investigative Recherche wird Episode für Episode fortgesetzt, das Format gleicht einer auditiven TV-Serie: „Wie House of Cards, aber Sie können es beim Autofahren hören“, so der Produzent Ira Glass.
Der siebenteilige Podacst S-Town, um den es in diesem Beitrag geht, ist in Kooperation mit Serial entstanden. Er wurde am 18. März 2017 als Gesamtwerk veröffentlicht.

In William Faulkners Erzählung „A Rose for Emily“ fördert der Tod der alten Emily Grierson unter den skandalhungrigen Augen der Bewohner einer Kleinstadt im tiefen Süden der USA Schauerliches zutage: Im oberen Stockwerk ihres Hauses, das sie seit Jahren nicht verlassen hat, findet man im Ehebett die verrotteten Überreste von Emilys einstigem Geliebten, in Hochzeitsgewandung. Auf dem anderen Kissen ist deutlich der Abdruck eines zweiten Kopfes zu erkennen, und am Bezug haftet ein graues Haar von Emily. Die Geschichte entfaltet im Rückblick, dass Zeit und Vergänglichkeit für Emily nicht dasselbe bedeuten wie für ihr Umfeld. Hartnäckig auf die Vergangenheit fixiert, weigert sie sich, Verluste anzuerkennen und zu betrauern. Dies macht sie für das Leben in der Gegenwart untauglich und einsam bis zur Isolation. Die Rose im Titel bleibt in Faulkners Erzählung ein leeres Versprechen. Sie taucht in der Geschichte gar nicht auf. Fast vierzig Jahre später werden die „Zombies“ einen Song schreiben, in dem diese Rose es immerhin in den Liedtext schafft – nur um Emily einmal mehr vorenthalten zu werden:

The summer is here at last
The sky is overcast
And no one brings a rose for Emily.

Great American Novel im Podcast-Format

Im Herbst 2014 reist der New Yorker Radiojournalist Brian Reed in den amerikanischen Süden. Einige Monate zuvor ist beim öffentlichen Radiosender NPR eine E-Mail aus Woodstock, Alabama eingegangen. Die Betreffzeile lautet: „John B. McLemore lives in Shit-Town, Alabama.“ Brian ahnt bei seinem ersten Besuch noch nicht, dass dies der Anfang einer mehrjährigen Recherchearbeit und einer unvergesslichen Geschichte sein würde, deren Aktualität drei Jahre später ihren Höhepunkt erreichte: Am 28. März 2017 – Trump ist seit nicht ganz 5 Monaten Präsident – erscheint S-Town, ein erzählerisches Meisterwerk im Podcastformat. S-Town handelt vom Leben und Sterben John B. McLemores, gespiegelt am Leben in einer Südstaaten-Kleinstadt, welches wiederum amerikanische Zustände reflektiert sowie das Leben in der Welt ganz im Allgemeinen. Wie der Vorgänger Serial, der über einen Zeitraum von zwölf Wochen hinweg den Prozess gegen einen verurteilten Mörder wieder aufrollt, besteht auch S-Town aus mehreren Folgen. Diese wurden jedoch alle auf einmal veröffentlicht. Die Absicht ist deutlich, und sie wurde von den Produzenten auch in Interviews bestätigt: Mit S-Town befinden wir uns nicht in der Welt der TV-Serien, sondern in derjenigen der Great American Novel.

Ausweglosigkeit der menschlichen Existenz

John, Absender der E-Mail und der Shit-Town-Bewohner aus der Betreffzeile, hat Brian eigentlich zur Aufklärung eines angeblich von den Behörden vertuschten Mordes in die Wälder von Bibb County einbestellt. Doch schon bei der ersten Begegnung wird Brian klar, dass John sich selbst nur bedingt für das mutmaßliche Verbrechen interessiert. Statt dessen scheint er die Verfassung seiner Heimatgemeinde insgesamt offenlegen zu wollen, die er für korrupt hält bis in die Knochen und für moralisch verdorben. Zugleich geht es John um sich selbst, um seine Position im sozialen Geflecht von Shit-Town und um seinen Ort im Universum. Diesen behauptet er so zynisch wie melancholisch, so verzweifelt wie kenntnisreich und mit einem Sinn fürs Poetische. Der Journalist Brian wird statt mit Indizien für einen Kriminalfall mit Lesestoff über das Leben in kleinen Städten versorgt, und wie beiläufig gibt ihm John auch Faulkners Erzählung über Emily als Bettlektüre auf. In seinem Garten hat John ein Hecken-Labyrinth gepflanzt, in dem er sich mit seinem Gast verirrt; dieses Labyrinth legt er gleich vor Ort als Metapher für die Ausweglosigkeit der menschlichen Existenz aus. In endlosen Tiraden ergeht er sich über die tätowierten, rassistischen, intellektuell kleinkalibrigen Rednecks von Bibb County, von da schwenkt er über auf die schleichende Katastrophe des Klimawandels und den globalen sozio-ökonomischen Zerfall, um schließlich bei seiner eigenen Unfähigkeit zu landen, der verhassten Herkunft zu entkommen. Belesen, naturwissenschaftlich bewandert und mit einem beweglichen, wachen Verstand ausgestattet, ist John ein Fremdkörper in Shit-Town, und doch gehört er unvermeidlich dazu. Im ersten Telefongespräch mit Brian antwortet er auf die Frage, warum er Bibb County nicht längst verlassen habe, mit einem rhetorisch durchkomponierten Vergleich, mit dem er sein Problem zu einem universellen macht und zugleich Intimstes über sich preisgibt:

Ich hatte nie jemanden, der hier gesessen und mich gefragt hätte, worüber ich so deprimiert bin. Denn ich schaue hinaus auf die Bäume und denke, dass die Leute im South Forth Trailer-Park ein viel schlechteres Leben haben als ich. Aber ich glaube, was passiert ist, ist, dass ich mich in ein selbstgebautes Gefängnis eingeschlossen habe, wo alle meine Freunde weggestorben sind, denn ich hatte immer nur Kontakt mit Leuten, die viel älter waren als ich. … Also, warum ich nicht wegziehe? Es muss gerade jetzt Leute in Fallujah geben oder in Beirut, die einander die exakt gleiche Frage gestellt haben … Warum zur Hölle verschwindest du nicht von hier, Hassan… ? Und Hassans Antwort ist… : „Ich weiss es nicht.“ … Hassan ist wahrscheinlich rausgegangen und hat ein Sandlabyrinth gemacht oder so was… Seine alternde Mutter kann sich nicht entscheiden, welchen ihrer Hidschabs sie an dem Tag tragen will, und schliesslich pinkelt sie sich voll, er muss sie waschen oder sonst ein verdammtes Irgendwas. Und er denkt „OK, vielleicht wird es eines Tages besser“, auch wenn er insgeheim weiß, dass es niemals besser werden wird. … Ich hab’ so einen schäbigen, alten Ford-Truck, du kannst kein Redneck sein und in Alabama leben, ohne einen verdammten Ford-Truck, oder? Und ich denke ständig: „Könnte ich alles, was reinpasst, in diesem Truck verstauen und ein letztes Mal diese Ausfahrt runterfahren? Aber wer würde sich dann um Mama kümmern? Wer würde die Hunde füttern, wer würde die Blumen gießen, wer würde das Heckenlabyrinth stutzen?“ … Du musst inzwischen denken, dass ich vollkommen verrückt bin.

Schauplatz des Niedergangs

Sehr früh erwähnt John gegenüber Brian Selbstmord-Absichten. Auf Listen stellt er zwanghaft die Faktoren eines bevorstehenden vollständigen Kollapses aller irdischen Daseinsbereiche zusammen, samt den Telefonnummern der Menschen, die man nach seinem Selbstmord benachrichtigen soll. Seine ehemalige Highschool, in der Brian nichts als eine Schule mit einem Sportplatz erkennen kann, vergleicht John mit Auschwitz. Shit-Town erhält das Attribut „Schauplatz des vorweggenommenen Niedergangs und der Hinfälligkeit“ (proleptic decay and decrepitude), eine Bezeichnung, die Brian zum Wörterbuch greifen lässt. Und nachdem er sich unzählige von Johns Suaden angehört hat, kann Brian es sich nicht verkneifen, in der Sendung eine besonders pointiert geratene musikalisch mit der Arie „O mio remorso“ aus „La Traviata“ zu unterlegen:

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We ain’t nothing but a nation of goddam chickenshit, horseshit, tattletale, pissy-ass, whiny, fat, flabby, out of shape, Facebook-looking damn twerkfest, peaking out the windows, and slipping around, listening in on the cellphones and spying in the peepholes and peeping in the crack of the goddamn door, and listening in the fucking sheet rock.

Wir sind lediglich eine Nation von gottverdammt feigen, schwachsinnigen, petzenden, beleidigten, weinerlichen, fetten, schwabbeligen, aus der Form geratenen, Facebook-schauenden, die verdammten Hüften schwingenden, verstohlen aus den Fenstern linsenden und herumschnüffelnden, andere am Mobiltelefon belauschenden, durchs Guckloch spionierenden und durch den Türspalt spähenden verfickten Gipsplatten-Hörern.

Nach und nach verwandelt John auf diese Weise Umstände und Ereignisse aus seinem Leben in Metaphern für die Weltlage; er kombiniert sie mit literarischen Motiven, wissenschaftlich untermauerten Endzeitnarrativen und einer gehörigen Portion Obszönitäten. Die Erkenntnis, dass die ‚Detective Story‘ von Anfang an ein Schuss in den Ofen war und die Einsicht, dass John ein literarisch-lebensweltliches Konglomerat für ihn zusammenstellt – mit anderen Worten: Stoff für eine Geschichte –, dämmern Brian ungefähr gleichzeitig. Brian versteht Johns Bemühungen zunächst als eine Art Platzhalter für den fehlenden Mord. Er hält sie für literarische Verführungskunst, mit der sein Gastgeber vertuschen will, dass es für Brian gar keinen Grund gibt, sich in Shit-Town aufzuhalten. Das alles rückt in eine neues Licht, als John sich am Ende der zweiten Episode tatsächlich das Leben nimmt.

Die ‚Fuck it‘-Mentalität

In diesem Augenblick geht einem beim Hören auf, dass John jemanden gesucht hatte, dem er es zutraute, nach seinem Tod seine Geschichte zu erzählen. Und nicht nur dies. Er hat dem Erzähler auch die Instrumente an die Hand gegeben, um sein individuelles Leben auf das Ganze des Weltenlaufs zu beziehen und daraus ein Stück Literatur zu formen. Wie Brian Reed mit dieser subtilen, weitgehend nur impliziten Anleitung umgeht, gehört zur Meisterschaft seines narrativen Könnens. Unter Reeds Kontrolle und angesichts von John McLemore’s Tod verwandelt sich die Geschichte erneut. Sie wird zum unvoreingenommenen Portrait derer, die zurückbleiben, und sie legt verborgene Bereiche von Johns Biografie frei. Seine Existenz als Uhrenrestaurator etwa, der für seine Arbeit Ansehen bis weit über die Landesgrenzen hinaus genoss. Oder seine zwischen Freundschaft und Liebe oszillierende Beziehung zu einem Mann, Olin, die vom Konservatismus des Südens ebenso verhindert wurde wie von Johns ungehobeltem Wesen. Vieles, was wir erfahren, fordert unsere Fähigkeit heraus, mit einer Vielzahl von Perspektiven und mit einem Kontrast zwischen Brians Entdeckungen und Johns Selbstbeschreibung umzugehen. Brian Reed erzählt von Tyler Goodson, Johns jugendlichem Freund und Protegé, der sich mit Johns Verwandten einen erbitterten Kampf um eine faktisch gar nicht vorhandene Erbschaft liefert.

Tyler verkörpert beinahe alles, was ich an dieser Scheißstadt hasse in einer einzigen, handlichen Packung.

gesteht John Brian in einem der Gespräche. Er meint damit Tylers Kindheit mit einem gewalttätigen Vater, den Kreislauf aus schlechten Startbedingungen, Arbeitslosigkeit, Straffälligkeit und einer Mentalität des ‚Fuck it‘, wie Brian es nennt. Tyler ist Johns ‚Projekt‘, sein Versuch, den Fluch von Shit-Town zu brechen. Und obschon John behauptet, alle seine Freunde seien ihm weggestorben, entpuppt sich die Beziehung zu dem sehr lebendigen Tyler als Freundschaft. John steht ihm finanziell und mit Rat zur Seite, nach seinem Tod lässt er ihn mittel- und perspektivlos zurück. Doch nicht nur Tyler profitiert von Johns Wohltäteranwandlungen. Gegen Ende des Podcasts erfahren wir von ‚Church‘, einem von den beiden Männern praktizierten Ritual zur Schmerzabfuhr, bei dem John sich von Tyler – beide in angetrunkenem Zustand – wiederholt die Brustwarzen piercen und Bilder übereinander tätowieren lässt. Der Name ‚Church‘ verweist einmal mehr auf Johns Zwang, selbst die persönlichsten Aspekte seines Lebens aufs Allgemeine, ja Institutionelle zu projizieren.

Gegen das Diktat der Zeit

Vor allem aber verwandelt sich Johns Geschichte unter Brians Ägide in die Erzählung über einen Trauernden. Dies deutet sich einmal darin an, dass Brian wiederholt auf Johns schwierigem Verhältnis zur Zeit insistiert. So prangt auf seiner Brust in riesigen Lettern die tätowierte Aufschrift: Omnes vulnerant. Ultima necat. (Alle [Stunden] verletzen. Die letzte tötet). Auf Sonnenuhren eingravierte Mottos liest er wie Kommentare zu seinem Leben:

Es ist ermüdend und kurz. Das ist ein Sonnenuhr-Motto. Ermüdend und kurz… Dein Leben ist ermüdend und kurz. Alle Sonnenuhr-Mottos sind so traurig wie dieses.

John ist einerseits Herr über die Zeit: Seit seiner Kindheit von den Möglichkeiten ihrer Messung fasziniert, hat er ein Astrolabium für die Koordinaten seines Hauses hergestellt. Er verweigert sich dem Diktat der Zeit und folgt auf seinem Grundstück in den Wäldern von Bibb County einer eigenen Zeitrechnung. Zugleich betrauert er die Zeit in all ihren Dimensionen. Er betrauert die Vergangenheit, denn es ist ihm nicht gelungen, „Shit-Town“ hinter sich zu lassen, und er betrauert die Zukunft, weil sich ihre Hinfälligkeit in der Gegenwart ankündigt. Auch als Trauernder schwankt McLemore damit ständig zwischen dem absolut Privaten und dem vollkommen Öffentlichen. Trauer ist ebenso eine Haltung gegenüber der Welt wie ein Bezug zum eigenen Innenleben. Vor allem aber ist Trauer für John literarisch vermittelt. Davon zeugen nicht nur die Faulkner-Referenz und seine offensichtlichen Anstrengungen, aus Reed einen Erzähler zu machen. Als sein Freund Olin ihn mit Annie Proulx’s Roman „Brokeback Mountain“ bekannt macht, bezeichnet John diesen explizit als ‚Grief Manual‘, als Anleitung zum Trauern. Zu diesem Text, den er anfangs nur widerwillig liest, kehrt er später immer wieder zurück und die Lektüre bringt ihn regelmäßig zum Weinen.

Anleitung zum Trauern

Genau diesen Zusammenhang zwischen Literatur und Trauer hat Brian Reed erkannt und auf seine eigene Geschichte übertragen. Die vorgefundene zeitliche Vielschichtigkeit von Johns Existenz und seine trauernde, die zeitliche Ordnung sprengende Haltung, führen bei Reed zu erzählerischen Experimenten. So versucht er zum Beispiel die narrative Macht der Chronologie zu unterwandern. Motive laufen ins Leere; das am Ende jeder Episode eingespielte 68-er Lied der „Zombies“ „A Rose for Emily“, das Faulkners Text von 1930 aufnimmt, klingt wie ein Popsong von 2016; vermeintliche Erkenntnisse ergänzen oder widerlegen Gerüchte, sind jedoch selbst nur so lange wahr, bis die nächste Schicht einer immer schon fiktionalisierten Wirklichkeit freigelegt wird. Alles ist vielstimmig und erzählerisch so vielfach überschrieben, wie Johns Haut von den unzähligen Tattoos. Auch Reed leitet uns letztlich zum Trauern an. Wir trauern um John, den Zustand von Shit-Town, den Zustand Amerikas, der Welt. Wir trauern um Vergangenheit, Gegenwart und um das, was sich noch gar nicht ereignet hat. Doch anders als für John wird Trauern für uns so zur umfassendsten, großzügigsten, ethischsten Haltung, spekulativ und rückwärtsgewandt zugleich. Sie urteilt nicht und lässt sich nicht festlegen. John und Brian wussten beide, dass sich von ihr nur erzählen lässt. „S-Town“ ist eine Anleitung zum Trauern, dessen unparteiische, subversive Möglichkeit.

Beitragsbild: Woodstock, Alabama
von DwayneP (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 oder GFDL], via Wikimedia Commons
Aleksandra Prica

Von Aleksandra Prica

Assistenzprofessorin für deutsche Literatur an der der University of North Carolina at Chapel Hill (USA).

2 Kommentare

  1. SEHR lang, trotzdem SEHR spannend. Ich hatte mich schon gefragt, wie es in den USA um die literarische Verarbeitung der Probleme der Lower Class außerhalb des Black Belts steht. Das war die Antwort.

    Antworten

    1. Danke! Es gibt hier noch eine ähnliche lange, ebenfalls hoch spannende Würdigung von „S-Town“.
      Und über die literarischen Verabeitung der amerikanischen Unterschicht haben wir auf tell zwei Texte anzubieten:
      – Lektüretipp zu Joey Goebels „Heartland“
      – Lektüretipp zu William H. Gass‘ „Der Tunnel“

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